Der halbe Marx und sein ganzes Jahrhundert. Lesenotiz zu Gareth Stedman Jones’ “Karl Marx. Die Biographie”

In seiner intellektuellen Biographie Karl Marx möchte Gareth Stedman Jones, Historiker und jahrelanger Mitherausgeber der New Left Review, wie ein „Restaurator“ (S. 721) verfahren und all die dicken Schichten aus Marx-Bildern abtragen (d.h. ignorieren), um darunter den wahren „Karl“ zu entdecken. Dazu will er den damaligen Debatten genauso viel Beachtung wie dem Marx’schen Werk selbst schenken, um letzteres konsequent in seinen ideengeschichtlichen Entstehungskontext einbetten zu können. Da neben der Geschichte des Marx’schen Denkens auch die seines Lebens erzählt werden soll, ist das ein gewaltiges Unterfangen, das zu vielen Verkürzungen führen muss. So fokussiert sich Stedman Jones, ohne es mitzuteilen, eher auf den jungen Marx: 380 von 720 Seiten des Haupttexts behandeln den Zeitraum bis 1848/49, also die ersten sieben bis acht Jahre des Marx’schen Wirkens. Auch wenn sich hier ausgezeichnete Abschnitte etwa zur Doktorarbeit, zum Disput der Hegel-Interpreten Gans und Savigny, zur Bedeutung Ludwig Feuerbachs und zum von Marx in der 1848er Revolution empfohlenen Steuerboykott finden, sind die verbleibenden rund 35 Jahre und der Groß- und wahrscheinlich wichtigste Teil des Marx’schen Schaffens – darunter Das Kapital – relativ vernachlässigt. Von den fünfzehn Bänden, welche die ökonomische Abteilung der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) umfasst, war zu diesem Zeitpunkt keine Zeile geschrieben; von den 32 MEGA-Bänden mit Exzerpten und Notizen (mehr als die Hälfte davon noch nicht erschienen) nur die ersten sechs. Wie gelungen kann eine Restauration sein, wenn sie das magnum opus des ‚wiederhergestellten‘ Autors nicht zum Vorschein bringt?

 

Stedman Jones kann mit den drei Büchern des Kapital, deren Entstehung und Inhalt er schlanke 25 Seiten widmet (S. 496-520; der mit „Der zweite Band des Kapital“ betitelte Abschnitt S. 647-653 behandelt diesen nicht wirklich), allerdings auch nicht sonderlich viel anfangen. Es sei ein „weitgehend deskriptives Werk“ (S. 515), ein überwiegend historisches Buch, das viel statistisches und empirisches Material über den britischen Kapitalismus des 19. Jahrhunderts versammle, aber kaum Theorie – diese darüber hinaus „merkwürdig“, „unklar“, „nicht gelungen“ (S. 514/515, 518) – formuliere. Wo ein deutscher Professor für Philosophie jüngst nur Philosophisches im Kapital erkennen konnte, sieht also der britische Historiker dort vornehmlich Historisches. Abgesehen davon, dass Stedman Jones nicht vermittelt, weshalb Marx so viel Lebenszeit für die Abfassung dieser Bücher verwandte (um ein paar Statistiken zusammenzustellen?) und was er sich von ihrer Veröffentlichung erhoffte, ist seine Reduktion des Kapital auf eine Einzeldisziplin des heutigen akademischen Feldes viel zu einfach. Einer neuen Interpretation zufolge ist es auch ein politisches und literarisches Buch, Dantes Göttlicher Komödie nachgebaut. Und soll es nicht auch von Ökonomie handeln? Sieht man genau hin, vermag Marx sogar die neusten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse wie etwa Justus von Liebigs Theorie der Bodenerschöpfung zu integrieren. Man müsste zur Klärung des Marx’schen Methodenverständnisses wohl sorgfältiger als der Biograph recherchieren. Ein Blick in das Literaturverzeichnis bestätigt, dass Stedman Jones mit Ausnahme von Rosdolsky die meisten der klassischen und zeitgenössischen Studien zu Marx’ Kritik der politischen Ökonomie (z.B. von Kuruma, Rubin, Grossmann, Wygodski, Backhaus, Postone, Heinrich, Harvey) nicht zur Kenntnis genommen hat, weshalb ihm auch der Gegenstand des Kapital entgangen ist, etwa dass Marx mit seiner Werttheorie diejenige Ricardos weniger optimieren als vielmehr durch Darstellung kritisieren wollte, also weniger eine verbesserte Theorie der Gleichgewichtspreise aufstellen als die Frage klären wollte, warum die gesellschaftliche Reproduktion im Kapitalismus nur durch die Wertform erfolgen kann.

 

Zugleich geht der Autor mit beinahe allen Marx-Werken hart ins Gericht: die Deutsch-Französischen Jahrbücher hätten die politische Lage falsch eingeschätzt (S. 182), die Pariser Manuskripte kümmerten sich nicht um die Details der politökonomischen Klassiker und ignorierten deren Widersprüche (S. 215/216) – was eigentlich nicht stimmt, denn Marx weist bereits hier auf die Aporien von „Says Gesetz“ hin –, das Max-Stirner-Manuskript der Deutschen Ideologie sei bloß „eine aufgeblähte Ausarbeitung von [Moses] Heß’ Argumentation“ (S. 234), der Neuen Rheinischen Zeitung „mangelte“ es „an politischer Urteilsfähigkeit“ (S. 343), die Darstellung in die Klassenkämpfe in Frankreich sei „seltsam“ (S. 373) weil nicht die Stedman Jones’sche Sicht auf Dinge, die im 18. Brumaire „unangebracht“ (S. 404), da das modernisierende Element im Bonapartismus zu kurz käme, die Grundrisse „schwerfällig“, „chaotisch“ (S. 454) und gescheitert. „Brillant“ findet Stedman Jones natürlich Marx’ Eloge auf die dynamischen Fähigkeiten des Kapitalismus im Manifest der kommunistischen Partei (S. 286, 294), das er im Vergleich zur vorliegenden Biographie präziser kommentiert hat. Den Untertitel der Originalausgabe „Greatness and Illusion“ in „Die Biographie“ zu ändern, war daher eine gute Entscheidung. Worin die „Größe“ oder – bescheidener – die Besonderheit Marx’ bestehen soll, wird nicht klar. Gepaart mit der Ent-Theoretisierung des Kapital wirkt es, als solle Marx eher entsorgt als restauriert werden. Stedman Jones wäre nicht der einzige 68er, der derzeit – inmitten der schwersten Krise des Kapitals seit 1929 – Marx und dessen Ökonomiekritik verabschiedet.

 

Neben den ersten paar Seiten des Manifests scheint Stedman Jones einzig den Marx der Internationalen Arbeiterassoziation für dessen politische Arbeit an einer „sozialdemokratischen Sprache“, die um Gewerkschaft, Genossenschaft und gesetzliche Arbeitszeitbeschränkung kreist, zu schätzen (lesenswert S. 521-588). Was ihm nicht gefällt: Kurzsichtig und stur, habe Marx die zunehmende Ausrichtung der Arbeiterbewegung auf den Staat verkannt oder verbohrt dagegen gefeuert (S. 371, 376/377, 412, 538-540, 672). Doch wie verhält sich Marx’ Kritik des repräsentativen Staats als Ausdruck (und nicht als Antipode) der bürgerlichen Gesellschaft zu dem Umstand, dass sich Teile der Arbeiterbewegung mit Männerwahlrecht und Teilhabe am Nationalstaat zufrieden gaben? Hier legt der Autor einen äußerlichen Maßstab an, denn Marx’ Absicht war es nicht, sich einer vermeintlich erfolgreichen Tendenz anzubiedern, sondern einen Weg vorzuschlagen, der in die klassenlose Gesellschaft führen könnte bzw. solche Wege zu verwerfen, die dies in seinen Augen nicht täten. Stedman Jones rekonstruiert weniger dieses Marx’sche Vorhaben oder dessen Demokratieverständnis, sondern hält ihm im Grunde vor, in der Staatsfrage kein Sozialdemokrat im Sinne des 20. Jahrhunderts geworden zu sein. Die Kritik des Gothaer Programms ist aber nicht „verfehlt“ (S. 671), weil Marx hier die Bedeutung des Aufbaus sozialdemokratischer Massenparteien verkannt hätte, sondern genau deshalb ein Treffer ins Schwarze, weil er dies als Irrweg antizipierte.

 

Trotz des negativen Charakters, den die „Restauration“ zuweilen annimmt, wird bei „Greatness and Illusion“ eher fündig, wer sich allgemein für das radikale, demokratische und sozialistische Denken des 19. Jahrhunderts interessiert, als jemand, der gute Einwände gegen Marx sucht. Diese sind meistens äußerlich und knapp begründet, was der gedrungenen Darstellung (von Kant und Fichte über Hegel, Feuerbach und Darwin zu Plechanow und Kautsky braucht es nur vier Seiten, S. 240-244), aber auch dem Umstand geschuldet ist, dass weniger versucht wird, Marx’ Lektüren präzise zusammenzuführen. Eher verschwinden dessen Positionen in dem breiten Bild theoretischer und politischer Diskussionen.

 

Daher bleibt die Restauration etwas grob, in den Details oft genug auch fehlerhaft, etwa die Marx’schen Termini (die Wertform ist nicht gleichbedeutend mit „Maximierung des Tauschwerts“ (S. 462), der relative Mehrwert bezieht sich nicht auf eine bestimmte „Arbeitsgeschwindigkeit“, konstantes Kapital ist nicht das „Anlagevermögen“ (S. 458/459)), aber auch die diskursiven Konstellationen betreffend. Marx hielt John Stuart Mill explizit nicht für einen Vulgärökonomen (S. 498), sondern für eklektisch, d.h. nicht rein apologetisch, sondern auf nicht uninteressante Weise widerspruchsvoll (siehe MEGA II/5, S. 493; MEW 23, S. 638); die spekulative Anekdote, wonach Marx Ricardos Werttheorie zuerst vermittelst der mit Ricardos späteren Zweifel nicht vertrauten Lesart von John Ramsay McCulloch rezipierte (und Marx’ eigene Werttheorie daher unstimmig sein soll, S. 481/482), läuft ins Leere, weil Marx jene Werttheorie zu diesem Zeitpunkt gar nicht akzeptierte; Marx las den Schweizer Politökonomen Simonde de Sismondi nicht im Pariser Sommer 1844 zum ersten Mal (S. 199), sondern erst im Brüsseler Frühjahr 1845, was eine brisante Differenz ist, da Sismondi für viele Probleme, die Marx mit seinem an Feuerbach orientierten entfremdungs-anthropologischen Ansatz 1844 nicht bearbeiten konnte, Lösungswege vorschlug, so dass diese Lektüre höchst bedeutsam für Marx’ im Folgenden vollzogenen Bruch mit Feuerbach wurde.

 

Ein weiterer Mangel ist, dass das Buch mehr oder weniger auch vor 30 Jahren geschrieben hätte werden können, der Autor also die vielen neuen, im Rahmen der MEGA gelieferten Texte nicht berücksichtigt: Kapital-Manuskripte, Manchester Hefte, Londoner Hefte, Krisenhefte, naturwissenschaftliche Studien – lieber studiert der Autor die sattsam bekannte Marx’sche Krankenakte als den neuen Stoff, der doch wie gemacht für eine „intellektuelle Biographie“ ist. Halbwegs Neuland wird nur einmal in einem Interpretationsversuch des Marx’schen Spätwerks betreten. Zu Recht macht Stedman Jones in Marx’ 1868er Lektüre von Georg Ludwig von Maurers Einleitung zur Geschichte der Mark-, Hof-, Dorf- und Stadt-Verfassung und der öffentlichen Gewalt einen Wendepunkt in dessen Denken aus. Maurer untersuchte die germanische Agrarverfassung als ein komplexes System gemeinschaftlichen Grundeigentums. Marx hätte nun die vergangene Dorfgemeinschaft für einen Ausdruck einer nicht-entfremdeten menschlichen Ur-Natur gehalten, glaubt Stedman Jones (S. 706). Aber für Marx war wohl eher bedeutsam, dass Maurer verschiedene Formen germanischen Gemeindegrundeigentums beschreibt, er durch Maurer also die Vielschichtigkeit des Grundeigentums kennenlernte, wodurch seine Theorie der unilinearen Geschichtsentwicklung als stufenmäßiger Abfolge von Eigentumsformen in Frage gestellt wurde. Marx hat in der Folge mehr und mehr mit seinem geschichtsphilosophischen Fortschrittsoptimismus gebrochen und u.a. seine frühere Wertschätzung des Kolonialismus für dessen „progressive“ Modernisierungsverbrechen revidiert. Dass Marx ab der Mitte seines theoretischen Lebens dem Kapitalismus feindlicher, nicht-westlichen und vorkapitalistischen Gesellschaften (damals noch existent) freundlicher als zuvor gegenüber stand, ist nicht gleichbedeutend mit Romantizismus.

 

Den späten Marx auf Agrarfrage und ethnologische Studien reduzierend, verschenkt Stedman Jones einiges, denn Marx hat weiterhin am Kapital gearbeitet sowie Ökonomie und zunehmend auch Naturwissenschaften studiert, was unerwähnt bleibt, obwohl die geologischen und chemischen Exzerpte vorliegen. Wer herausfinden will, aus welchen Gründen und in welche Richtung sich die Marx’sche Theorie verschoben hat, müsste all diese Gebiete miteinander in Beziehung bringen können. Dies ist weniger ein Vorwurf an den Biographen, denn die meisten Texte des späten Marx sind noch nicht veröffentlicht; er vermittelt allerdings den Reiz des Spätwerks nicht in Form offener Fragen, sondern legt sich voreilig auf das nicht überzeugende Schema „Rückkehr zur Romantik“ fest.

Wenn überhaupt, fehlt es weiterhin an einer Biographie, die es vermag, sowohl Marx’ Kritik der politischen Ökonomie als den Kern seines Denkens ernst zu nehmen als auch die neuen Texte auszuwerten. Als Einführung in den jungen Marx und die Debatten, denen er entstammt, ist Stedman Jones’ Biographie (nicht zuletzt angesichts der Flut an Publikationen der Jubiläumsindustrie) lesenswert, aber in Bezug auf das Gesamtbild kein großer Fortschritt gegenüber älteren Werken wie von McLellan. Wie man hört, arbeitet Michael Heinrich – der die Eigentümlichkeiten der Marx’schen Kritik der politischen Ökonomie schon einmal auf instruktive und nicht bibeltreue Weise dargestellt hat – im Moment an einer auf drei Bände angelegten Marx-Biographie, von welcher der erste Teil pünktlich zum 200. Geburtstag im Mai 2018 erscheinen soll. Wahrscheinlich lohnt es sich zu warten.

2 Kommentare zu “Der halbe Marx und sein ganzes Jahrhundert. Lesenotiz zu Gareth Stedman Jones’ “Karl Marx. Die Biographie”

  1. Vielen Dank für die ausführliche Besprechung! Werde mir das Buch trotzdem besorgen, aber gleichzeitig auch die Augen offen halten nach weiterem neuen Material dazu. Von Christina Morina (Historikerin) ist vor Kurzem ein Titel erschienen: “Die Erfindung des Marxismus. Wie eine Idee die Welt eroberte.” Vielleicht auch lesenswert.

  2. Herzlichen Dank nochmal, Timm Graßmann!

    Wenn weitere Tipps wie abschließend im Text und im Kommentar von Dagmar fortgesetzt, hier die Ergänzung zu

    1. Morinas in der Tat spannendem Buch: https://www.randomhouse.de/Buch/Die-Erfindung-des-Marxismus/Christina-Morina/Siedler/e524540.rhd#info

    und

    2. Jürgen Neffes stärker einfühlender Biographie “Der Unvollendete”: https://www.randomhouse.de/Buch/Marx-Der-Unvollendete/Juergen-Neffe/C-Bertelsmann/e486102.rhd

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