„Politische Kulturforschung reloaded“. Bericht zur Tagung des AK „Politik und Kultur“ der DVPW (Wuppertal)

Wenn in der politischen Theorie über den „Formwandel der Demokratie diskutiert wird, gehen damit zwangsläufig auch Prozesse der kulturellen Transformation einher. Westlich-liberale Demokratien sehen sich hinsichtlich ihrer kulturellen Verankerung grundlegenden strukturellen Veränderungen gegenüber. So beschränkt sich die Digitalisierung von Kommunikation nicht länger auf die soziale Vernetzung und Selbstinszenierung, sondern greift sowohl in Krisen- als auch in Alltagsituationen auf das Politische über. Zudem prägt das Erstarken (rechts-)populistischer Strömungen die gegenwärtige politische Auseinandersetzung, während zeitgleich neue Formen des Protests, sozialer Bewegungen und politischer Partizipation zu beobachten sind. Vor diesen aktuellen Hintergründen fragte die Tagung des Arbeitskreises nach neueren Befunden zum Zusammenhang von Politik und Kultur, den sich verändernden kulturellen Dispositionen der Wahrnehmung und Beurteilung des Politischen sowie nach innovativen theoretischen, programmatischen und methodischen Ansätzen der politischen Kulturforschung.

Einen ersten inhaltlichen Schwerpunkt der Tagung bildeten in diesem Kontext Beiträge, die sich mit den zu beobachtenden identitären Verschiebungen innerhalb der politischen Kultur auseinandersetzten. In Anlehnung an Bill Clintons berühmtes Zitat „It´s the economy, stupid“, thematisierte Jörn Knobloch (Universität Potsdam) das Ringen um Identität als neue, zentrale cleavage-Linie westlicher Gesellschaften. Im Spannungsfeld einer progressiven, linken Identitätspolitik und einer naturalistischen, rechten Identitätsidee, stehen sich innerhalb der Gesellschaften zwei unterschiedliche Kulturalisierungsregime (Hyperkultur vs. Kulturessenzialismus) gegenüber. Sie kämpfen einerseits für die Pluralisierung kollektiver Identitätskonstruktionen, andererseits für die Hierarchisierung natürlicher Identität. Der politischen Kulturforschung komme vor diesem Hintergrund nicht nur empirisch-analytisch, sondern gerade theoretisch-normativ besondere Relevanz bezüglich einer politikwissenschaftlichen Aufklärung der Gegenwart zu.

Entsprechende Aspekte eines Kulturkampfes griff in der Folge Jan Christoph Suntrup (Käte Hamburger Kolleg Bonn) am Beispiel konfligierender Narrative in Israel auf. Er analysierte religiös-fundamentalistische und säkular-bürgerrechtliche Identitätsgeschichten, die innerhalb der israelischen Gesellschaft um Geltung ringen und plädierte damit für die stärkere Berücksichtigung politischer Narrative bezüglich der Identitätsbildung, Sinnstiftung, Legitimationsbeschaffung und Herrschaftsstabilisierung im Bereich der politischen Kultur. Holger Zapf (Universität Göttingen) stellte diese Aspekte zudem in den Kontext einer autoritären Identitätspolitik und versuchte am Beispiel Tunesiens aufzuzeigen, wie kultureller Identität als Argument in den politischen Diskurs des Landes eingebracht wurde bzw. nach wie vor wird.

Dass von den aufgezeigten Veränderungen auch politische Repräsentationsformen betroffen sind, erläuterte Hans J. Lietzmann (Universität Wuppertal). Die Frage nach der Anerkennung bestimmter Politikstile (Merkel, Obama, Trump) thematisierte er in Bezug auf politische Partizipationsformen, welche die politische Gesellschaft real aus- und sinnlich überhaupt erst erfahrbar machen. Exemplarisch führte er populäre Politserien an, in denen sich das Bild des erfolgreichen Politikers zunehmend vom moralisch integren Staatsmann (The West Wing) zum verschlagenen und skrupellosen Strippenzieher (House of Cards, Veep etc.) gewandelt hat. Hinsichtlich des Erfolgs entsprechender Formate wurde diskutiert, inwiefern politische Fiktionen Aussagen über die politische Kultur zulassen bzw. deren positive Rezeption, in Form eines an Max Webers Legitimitätsglauben angelehnten Bildglauben, Gefahr laufen, zur Anerkennung realer Repräsentationen und Politikstile beizutragen. In engem Zusammenhang damit stand auch Paula Diehls (Universität Bielefeld) Vorschlag der Erweiterung gängiger Repräsentationskonzepte durch Anregungen eines „constructivist turn“, um symbolische Repräsentationen außerhalb von politischen Institution in den Blick zu nehmen. Politik sei nicht abgekoppelt von Gesellschaft zu verstehen, sondern finde in ihr statt, weshalb allein der Anspruch auf bzw. die Möglichkeit zur Repräsentation keine Garantie für deren Erfolg sei. Vielmehr besitze jede Handlung eine symbolische Bedeutung für die Erzeugung und Reproduktion der Gesellschaft, weshalb Konstruktionsprozesse, bspw. innerhalb des politisch Imaginären, stets mitgedacht werden müssen.

Angesichts eines breiten Verständnisses politischer Kultur, das sich als offen für Erweiterungen klassischer Ansätze erweisen will, wurden im weiteren Verlauf der Tagung verstärkt die Potentiale medialer Perspektiven der politischen Kulturforschung diskutiert. Antonia Schmid (FU Berlin) machte sich mit ihrem Vortrag für ein Verfahren ikonologischer Diskursanalyse stark, welches den Zugang visueller politischer Kommunikation über die Methoden der Politikwissenschaft in den Bereich der Cultural Studies sowie der Bild- und Filmtheorie erweitert. Am Beispiel einer erinnerungskulturellen Studie über die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Film und Fernsehen verdeutlichte sie, wie politische Kommunikate identitäre Verschiebungen nach rechts begünstigen und hegemonial legitimieren. Sandra Nuy (Universität Siegen) widmete sich mit ihrem Beitrag der Medialisierung und Narrativierung von Politik über ein Verfahren der Mise en abyme des Medienfilms „Good Night, and Good Luck“ und dessen kritischen Potential für die Inszenierung von Öffentlichkeit. Narrative Formen entstehen aus der Kollision von normativen Differenzen und entwickeln darüber eine moralische Codierung, welche im Verhältnis von Massenmedien und Politik zu Tage tritt. Die medialen und dramaturgischen (Selbst-)Repräsentationen innerhalb des Films, ließen sich aus historisch-kultureller Perspektive demnach als Plädoyer für die Pressefreiheit und die Rolle der Medien als vierte Gewalt in der Gegenwart deuten.

Gegenüber den Vorschlägen zur Erweiterung, machten sich Christoph Mohamad-Klotzbach und Oliver Schlenkrich (Universität Würzburg) für die Ergänzung eines einstellungsorientierten Ansatzes stark. Sie diskutierten den Einbezug des Staates als Objekt politischer Orientierung in die politische Kulturforschung. Damit zielten sie jedoch nicht allein auf die funktionelle Berücksichtigung legitimer Staatsverständnisse für die Stabilität politischer Systeme ab, sondern diskutierten eine grundlegende Umstrukturierung bzw. Neuinterpretation des Konzepts der politischen Unterstützung zwischen einstellungsorientierten und kulturalistischen Ansätzen der politischen Kulturforschung. Gary S. Schaal und Dannica Fleuß (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg) stellten des Weiteren einen diskursanalytischen Ansatz ins Zentrum ihrer Überlegungen, welcher das Funktionieren demokratischer Systeme aus Sicht der politischen Eliten inhaltlich gehaltvoll ergänzen soll. Am Beispiel von Donald Trumps „so-called judge“-Diskurs zeichneten sie den Versuch der bewussten Einflussnahme von Eliten auf die politischen Einstellungen gegenüber Institutionen nach, fragten nach den spezifischen Kontext- und Erfolgsbedingungen und verwiesen mit Blick auf die Digitalisierung von dieser Art der Regierungskommunikation auf die Gefahr möglicher autokratische Tendenzen.

Auf der Grundlage des breiten Vortragsspektrums setzte sich die Abschlussdiskussion mit der Frage auseinander, wie der Zusammenhang von Politik und Kultur weiter theoretisch zu fundieren, konzeptionell zu systematisieren und empirisch zu analysieren sei. Als fruchtbar wurden in dieser Hinsicht vor allem Zugänge zur politischen Kultur ausgemacht, welche die Grenzen der politischen Theorie mithilfe benachbarter Disziplinen zu erweitern vermögen, da diese von klassischen Ansätzen in der Tradition von Almond und Verba nicht adäquat erfasst werden können. Neben politischen Narrativen und erinnerungskulturellen Diskursen zählten dazu vor allem der Bereich der visuellen bzw. der digitalen Kommunikation sowie alltagsbasierte Engagementpraktiken. Weitgehend offen blieb im Kontext der Tagung dagegen die Auseinandersetzung mit neuen Formen der Organisation sozialer Bewegungen bzw. des politischen Protestes. Prinzipielle Überschneidungspunkte der Beiträge wurden zudem bezüglich der Anerkennung, Geltung und Macht von politischen Deutungen bzw. Deutungsangeboten der politischen Kultur identifiziert, die weitere Fragen bezüglich des politischen Entscheidens und Handeln innerhalb der Arithmetik von Macht aufgeworfen haben.

 

Dennis Bastian Rudolf ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte der Universität Rostock und externer Kollegiat am DFG-Graduiertenkolleg „Deutungsmacht“. (Full disclosure: Der Verfasser dieses Beitrags hat auf der Tagung selbst einen Vortrag mit dem Titel „Deutungsmacht als machtsensible Perspektive politischer Kulturforschung“ gehalten.)

 

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