Blogs in der (politischen) Philosophie

Blogs und die Tätigkeit des Bloggens sind seit einigen Jahren ein essenzieller Bestandteil der Diskussion, wie das Internet Wissenschaft verändert. In den frühen 2000ern wurden Blogs hochgeschrieben. Sie galten als die neue Form wissenschaftlichen Austauschs, noch schneller als Journals (oder gar Bücher), noch diskursiver als das gute alte Kaffeehaus. Kein größerer Antrag auf Forschungsgelder kam ohne das Versprechen auf ein angeschlossenes Blog-Projekt aus. Ein Spuk, der so schnell kam wie er ging und von dem heute häufig nur noch ein verschämter Link auf die Ruinen alter Projektwebseiten zeugt. Die Karawane zog weiter, heute gilt der tweetende Wissenschaftler als Avantgarde und spezialisierte Research-Portale versuchen sich an einer noch viel intensiveren Vernetzung einer als schwer modernisierbar geltenden Klientel. Ohne den Hype aber und im Schatten der Fördergeldruinen entwickelte sich eine durchaus lebendige und mittlerweile konsolidierte Blogosphäre. In Deutschland nicht so groß wie in den USA, in den Sozial- und Geisteswissenschaften nicht so groß wie in den Naturwissenschaften, aber immerhin. Von dieser Blogosphäre soll im Folgenden die Rede sein, und dies aus drei Blickwinkeln: Zunächst will ich eine allgemeine Einordnung von Blogs und ihrer Bedeutung vornehmen; sodann eine kleine Safari durch die (philosophische) Blogosphäre anbieten. Abschließend noch einige konkrete Tipps geben, wie man das Bloggen anfängt – und wichtiger noch: beibehält.

Kritik der bloggenden Vernunft: Wird das Internet die Wissenschaft retten?

Zwei Seiten stehen sich in der Diskussion unversöhnlich gegenüber: Die eine betont, dass Wissenschaft sich den technischen Möglichkeiten anpassen müsse, um produktiv und gesellschaftlich relevant zu bleiben. So wird eine Umstellung auf kooperative Arbeitsweisen propagiert, zur Beschleunigung von Publikationszyklen geraten und versprochen, Statushierarchien zu schleifen. Dem entgegen stehen die Verteidiger des Elfenbeinturms: Sie betonen, dass Wissenschaft anderen Prinzipien gehorcht und gehorchen sollte, beklagen fehlende Qualitätskontrolle, kritisieren eine wissenschaftsferne Überlastung und manipulatives Aufmerksamkeitsstreben. Wer sich dem Firlefanz verschreibe, werde mit ihm untergehen. Jedes akademische Netzthema – von Open Access hin zu MOOCs oder eben Blogs – wird für die immergleiche Aufführung dieses apokalyptischen Kampfs genutzt. Erfrischend ist das schon lange nicht mehr, und auch nicht sonderlich erkenntnisreich. Wer denkt, dass Blogs die Wissenschaft retten, hat nicht lange nachgedacht, wer auf die umgekehrte Hypothese setzt, ebenso wenig.

Zunächst daher ganz basal: Was sind Blogs? Blogs sind (im Allgemeinen) öffentlich zugängliche Internetseiten, die regelmäßig aktualisiert und von einer oder mehreren Personen betrieben werden. Blogs verfügen über eine sehr einfache, wenig verzweigte Seitenstruktur, sie sammeln Einträge zumeist in chronologischer Weise (optional zudem häufig noch in einer Kategorienstruktur) und die Beiträge sind im Allgemeinen kurz (von einigen Zeilen bis hin zu kleineren Aufsätzen). Die meisten Blogs verlinken sehr aktiv andere Beiträge, viele bieten eine Kommentarfunktion unter jedem Artikel. Technisch sind Blogs anspruchslos, weswegen eine Vielzahl von Plattformen und Tools existieren, die es einem jeden erlauben in wenigen Handgriffen einen eigenen Blog zu erstellen und zu betreiben. In Blogs dominiert die Schriftform, mit Podcasts (z.B. Hinterfragt – Der Ethik Podcast) und Videoblogs (z.B. Bloggingheads) gibt es jedoch verwandte Formate in anderer medialer Form.

Was aber macht Blogs aus? Wo liegt ihr Nutzen für die Wissenschaft, wo die Grenzen?

  1. Blogs besetzen eine eigenständige Nische: Weder werden sie Wissenschaftsjournalismus ersetzen noch die wissenschaftliche Publikationskultur ablösen.

Wer Blogs als Konkurrenz zu wissenschaftlichen Artikeln stilisiert (und ihnen sodann fehlende Qualitätssicherung entgegenhält), sieht nicht, dass Blogs anders sind und anderes wollen. Blogs suchen gar nicht die geschlossene Form. In ihnen kann ein Argument ausprobiert werden, sie sind ein Ort für den Schnellschuss, der das bewusst Subjektive und Unfertige unterstreicht. Ein Blogartikel fordert Kritik heraus und bietet ihr direkt den Ort zur Diskussion.

  1. Blogs bieten die Möglichkeit, sich im Publizieren zu üben und gleichzeitig Sichtbarkeit für die eigene Forschung zu erreichen. Die institutionelle Anerkennung folgt der digitalen Praxis. Gerade der wissenschaftliche Nachwuchs kann daher vom Bloggen profitieren.

Wer bloggt, schreibt und wird gelesen. Man schärft Argumente, diskutiert und partizipiert. So trainieren Blogs den eigenen Stil und lehren die Auseinandersetzung. Bloggen kann ein jeder, Rezeption aber ist eine Folge von Qualität, Witz und langem Atem. Ein einzelner Blogbeitrag mag nicht lebenslauffähig sein, aber in einer Wissenschaftslandschaft, die mehr als genug unsichtbare, aber diamantharte Glasdecken aufweist, stellen Blogs eine Chance auf Befreiung dar. Bloggen kostet kaum Ressourcen, Reputation bildet sich durch steten Einsatz im Diskurs.

  1. Wissenschaftliche Blogs können auch bei geringer Reichweite und wenigen Kommentaren erfolgreich sein.

Wissenschaftliche Blogger schreiben für die Nische und wer bloggt, braucht weder Hilfskräfte noch Materialeinsatz. So müssen Blogs nicht auf Popularität schielen oder sich anbiedern. Das Blog stammt vom Tagebuch ab und manch kleiner Blog nimmt Aufmerksamkeit zwar gerne an, hat aber bereits seinen Zweck erfüllt, wenn der eigene Gedanke formuliert und vor einer zumindest potentiellen Öffentlichkeit publiziert wurde.

  1. Blogs dienen dem disziplinären und interdisziplinären Dialog.

Gerade in Zeiten immer weiterer Ausdifferenzierung bieten sie daher die Möglichkeit, den Fachdiskurs im Gang zu halten, dessen Vielfalt erlebbar und auch jenseits der Disziplin nachvollziehbar zu machen. Anders als Zeitschriften und Kongresse sind Blogs dabei sich permanent aktualisierende Instanzen und vermitteln so das Gefühl kontinuierlichen Austauschs.

Blogs sollte man also wegen ihrer Eigenständigkeit schätzen. Sie sind kein Allheilmittel, sie verdrängen keine etablierten Formate und erfordern nicht, dass man die Wissenschaft als Ganzes umkrempelt. Was sie jedoch schaffen, ist, dass sie für ganz spezielle Aufgaben (insbesondere die Kommunikation innerhalb einer Disziplin und mit einer weiteren Öffentlichkeit) und Statusgruppen (insbesondere dem wissenschaftlichen Nachwuchs) eine Bereicherung etablierter Strukturen erlauben.

 

Die fröhliche Wissenschaft: Safari in der Blogosphäre

Bevor die Safari startet, noch ein Wort der Vorbereitung: Zwar ist das Lesen von Blogs keine Kunst, doch gerade der Vielleser hat einige Tools zur Hand, um dem Wildwuchs der Blogosphäre (und ihren uneinheitlichen Aktualisierungszyklen) gerecht zu werden. Blogs sind Webseiten, sie werden daher im Regelfall im Browser gelesen. Meist steuert man direkt den Blog über die URL an, mancher setzt sich ein Lesezeichen oder kommt über eine Suchmaschine (bzw. Links aus den sozialen Netzwerken). Je mehr Blogs man interessant findet, desto unwahrscheinlicher, dass man es schafft, diese regelmäßig zu besuchen und auf aktuelle Beiträge zu prüfen. Abhilfe schaffen sogenannte Feedreader (z.B. Feedly). Nahezu jeder Blog offeriert seine Beiträge im RSS-Format, welche man dort abonnieren kann. So erhält man alle neuen Einträge aller relevanten Blogs an einer Stelle und vorsortiert. Das hilft den Überblick zu behalten, wichtige Artikel für den Offline-Gebrauch zu speichern oder an anderer Stelle zu teilen (nützlich in dieser Hinsicht und generell für das Lesen langer Internetartikel sind zudem Tools wie Pocket oder Instapaper). Andere Wege up to date zu bleiben sind die Twitter- und/oder Facebook-Präsenz der Seiten und natürlich Newsletter.

Damit aber nun auf in die Blogosphäre: Welche Blogs begegnen uns dort, was zeichnet sie aus? Es ist zwar weder trennscharf noch umfassend, aber ein guter Weg, einen Überblick zu gewinnen ist es, Blogs danach zu sortieren, welcher Funktion sie (primär) dienen: der Forschung, dem Außenauftritt, der Lehre oder der Wissenschaftskommunikation (für ähnliche Sortierungen vgl. auch Ali Arbias ZIB-Artikel zu Blogs in der IB und den Beitrag von Daniel und Cord, der ursprünglich 2010 in der ZPTh erschien).

1) Blogs, die sich auf Forschung konzentrieren, suchen den Austausch von Thesen und fordern zur kritischen Kommentierung von Ideen oder Ergebnissen auf. Solche Blogs versuchen nicht, eine weite Öffentlichkeit zu erreichen, sondern zielen auf eine relativ klar umgrenzte Community. Sie verwenden deren spezialisierten Jargon und setzen eine intime Diskurskenntnis voraus.

Viele solcher Blogs werden von Einzelwissenschaftlern geschrieben. Sie sind dann meist ein Spiegel der Forscherpersönlichkeit und von dessen Erkenntnisinteressen (z.B. Flickers of Freedom, Corey Robin oder Philoblog). Einzelblogger, die sich nicht einfach irgendwo im Internet zu Wort melden wollen, schließen sich zudem häufig wissenschaftlichen Blogportalen an. In Deutschland sind in erster Linie SciLogs, ScienceBlogs und Hypotheses, wobei für alle drei gilt, dass derzeit kein dezidiert disziplinärer philosophischer Blog dort gepflegt wird.

In der Philosophie weit beliebter als der Einzelauftritt sind Gruppenblogs. Diese werden eher als Plattform wahrgenommen denn als Ego-Nummer, was mehr Wissenschaftlichkeit durch eine gewisse Peer-Kontrolle zu implizieren scheint. Gruppenblogs können direkt von Institutionen betrieben werden (so etwa das Blog „Menschenwürde„, das vom Schweizer Philosophieportal betrieben wurde), noch häufiger aber handelt es sich um lose, thematisch indizierte Zusammenschlüsse, in denen ein besonderer Fokus auf Teilfragen das verbindende Element darstellt. Beispiele hier sind die Blogs Justice Everywhere, Bleeding Heart Libertarians oder Slippery Slopes (auch in der Politikwissenschaft gibt es viele tolle Alternativen etwa Crooked Timber, Monkey Cage oder Duck of Minerva).

Es ist dabei oft, aber bei weitem nicht immer das Unfertige, Experimentelle, was in Forschungsblogs diskutiert wird. Ebenso beliebt ist es, Blogs als Diskussionsforen für Publiziertes zu benutzen. Etwa, wenn Lesezirkel zu Büchern eingerichtet werden oder Author-meets-Critics-Formate für Zeitschriftenartikel angeboten werden. So organisiert PEA Soup etwa regelmäßig Debatten zu Artikeln der Zeitschrift Ethics und auch hier auf dem Theorieblog haben wir ein ähnliches Format mit der Zeitschrift für Politische Theorie etabliert.

2) Während Forschungsblogs ihren Schwerpunkt in der disziplinären Diskussion haben, gibt es daneben auch solche Blogs, die sich nach außen, sprich: an die interessierte Öffentlichkeit richten. Hier wird versucht aktuelle Forschungskontroversen zu übersetzen, die Relevanz philosophischer Fragestellungen herauszustreichen oder bestimmte Sichtweise zu popularisieren. Das Schreiben ähnelt eher dem Feuilleton als dem Konferenzmodus. Es ist weniger hermetisch und mehr erklärend als fragend. Viele der Blogs, die sich an die interessierte Öffentlichkeit richten, halten auch auf diese Weise Kontakt und Austausch mit dem jeweils beforschten empirischen Feld.  Ein Beispiel für ein sehr populäres und stets anregendes Blog ist The Stone, welches Simon Critchley für die NY Times zusammenstellt. Insgesamt sind solche Blogs in der Philosophie im Vergleich zu anderen Disziplinen aber sehr selten, was auch deswegen überraschend ist, weil kommerzielle Printalternativen wie die Zeitschriften Hohe Luft oder Philosophie Magazin zeigen, dass Nachfrage vorhanden wäre.

3) Wer Blogs in der Lehre einsetzt, will damit zumeist ein Seminar ins Gespräch miteinander bringen. Das kann heißen, dass kollaboratives Schreiben eingeübt wird oder ein virtueller Raum bereitgestellt werden soll, in dem das Seminar über die Sitzungen oder gar über das Semester hinaus existiert. Blogs in der Lehre sind allerdings ein relativ selten genutztes Mittel. Ein Überangebot an Tools zum kollaborativen Arbeiten mag eine Ursache dafür sein, eine andere dürfte der öffentliche Charakter von Blogs sein, der Studenten wie Dozenten zumindest potentiell abschreckt. Nicht direkt seminarbezogen, aber ein Zeichen dafür, dass Blogs von Studenten nicht nur gelesen werden, sondern auch als Chance erkannt werden, sind studentische Blogs, etwa der Blog der AG Politische Theorie.

4) Viertens gibt es schließlich noch Blogs, in denen (meist neben inhaltlichen Diskussionen), der Koordination und internen Kommunikation eines Forschungsfelds großer Raum eingeräumt wird. Dies ist der Bereich, wo wissenschaftliche Blogs derzeit wohl am meisten Wirkung haben. Blogs konkurrieren hier zwar mit anderen Formaten wie Mailinglisten (gegen die jedoch spricht, dass sie – gerade wenn unmoderiert – den Posteingang verstopfen), Gruppen in sozialen Netzwerken (die weniger invasiv als Mailinglisten sind, jedoch Mitgliedschaften bei den Facebooks und Twitters dieser Welt voraussetzen) oder spezialisiertere Angebote, wie etwa der disziplinäre Veranstaltungskalender PhilEvents. Alle diese Formate können Funktionalitäten von Blogs ersetzen, diese haben aber den Vorteil variabler zu sein. Welches Format genutzt wird, hängt allerdings ohnehin weniger von den theoretischen Vor- und Nachteilen ab, sondern eher an den Routinen eines Forschungszusammenhangs.

In der Philosophie gibt es eine lange Tradition von solchen ‚Serviceblogs‘. Sie transportieren Nachrichten, geben Lektüreempfehlungen, verbreiten Calls und Ausschreibungen und führen Metadebatten zur Entwicklung der Disziplin. Meist werden diese Blogs von großen Gruppen betrieben und zu den bekanntesten Beispielen gehören: NewAPPS, DailyNous, Ethics ETC, Public Reason, Habermas-Rawls-Blog oder halt der Theorieblog. Manchmal geht es auch weniger um Nachrichten als um den Talk of the Town, so etwa bei Leiter Reports oder The Philosophy Smoker. Und eine ganz besondere (und leider sehr notwendige) Untergruppe stellen disziplinenkritische Blogs dar wie etwa Feminist Philosophers.

 

Der Rundumschlag zeigt, dass die (politikphilosophische) Blogosphäre reich und divers ist. In ihr existiert gerade für innerdisziplinäre Kommunikation und Forschung eine Vielzahl etablierter und über die Statusgruppen hinweg viel frequentierter Angebote. Blogs werden dabei ganz überwiegend von Vertretern des akademischen Mittelbaus betrieben, die sich mittels dieser um Aufmerksamkeit und Austausch bemühen. In der Philosophie/Politischen Theorie und noch einmal potenziert in Deutschland fehlt es hingegen tendenziell an Promiblogs , wobei Ausnahmen wie Robert Reich oder Stuart Elden die Regel bestätigen. Auch das Potential für Blogs auf der studentischen Ebene scheint nicht ausgeschöpft.

Augenfällig ist schließlich auch, dass sich ein großer digitaler Graben zwischen der agilen angloamerikanischen Blogcommunity und der deutschsprachigen Provinz auftut. Die Ursache hierfür dürfte zunächst in der Hegemonie der amerikanischen Wissenschaftslandschaft zu suchen sein. Strukturelle Eigenheiten (z.B. die große Bedeutung, die in amerikanischen Blogs der Diskussion des Jobmarket zukommt) sind ein weiterer Erklärungsfaktor. Und schließlich wird auch eine Rolle spielen, dass in der stratifizierten deutschen Wissenschaftslandschaft wichtig bleibt, dass man ‚wissenschaftlich‘ bleibt. Das heißt, dass man sich erst meldet, wenn man wirklich etwas fertig gedacht, Fußnoten eingefügt und seinen Humor unterdrückt hat.

 

How To Do Things With Blogs

Wenn dem aber so ist und man das Argument dieses Artikels pro Blogs zumindest ansatzweise überzeugend findet, was lässt sich tun? Einen Blog gründen oder bei einem Blog mitschreiben. Beides ist nicht schwierig; daher statt eines Schlusswortes hier noch ein paar Tipps, die beim Schreiben und Organisieren eines Blogs helfen sollen.

Wer einen Blogbeitrag verfasst, sollte zunächst im Kopf behalten, dass Stil wichtig, doch das Internet nicht aus Papier ist. Ausnahmen bestätigen die Regel, doch der kunstvoll gedrechselte Satz, der präzise seinen Punkt nicht nur macht, sondern auch noch belegt und einordnet, ist im Internet oft zu lang. Konkurriert er doch mit kurzen Sätzen, Bildern, Katzenvideos und drei anderen geöffneten Tabs. Mehr noch gilt dies für die Textlänge: 1.000 Wörter und mehr bilden auf einer Webseite eine Textwüste (wer Raum für sein Argument braucht, sollte daher immer auch eine PDF anbieten, die ablenkungsfreieres Lesen ermöglicht – hier also für diesen Artikel, der – da zunächst für Totholz geschrieben, zu lang für diesen Blog ist).

Ein konsequent durchdachter Gedanke, wenig Jargon und etwas Humor sind im Netz eigentlich immer die richtige Mischung. Auch sollte ein Artikel seine Struktur schon am Anfang offenlegen, seine Ziele klar benennen und offensiv zur Diskussion auffordern, anstatt die eigenen Argumente zu immunisieren. Dazu gehört auch, dass Links der tiefere Sinn des Internets (und das richtige Surrogat für Fußnoten sind). Niemand ist in diesem eine Insel und wenn ein Link auch manchen Leser vom Text weglotsen und auf eine Odyssee schicken mag, so ist das durch Links forcierte assoziative Lesen doch ein wichtiger Unterschied zwischen Büchern und Webseiten. Das mag nicht jeder und es ist nicht für jeden Gedanken angemessen, aber an seinem Ort und für seine Zwecke funktioniert es. Für den, der schreibt, aber vielleicht die wichtigste Regel: Nur ein geschriebener Blogbeitrag ist ein guter Blogbeitrag. Und daher sollte man sich klare Vorgaben für die Zeit zwischen Idee und Beitrag setzen (etwa 24 oder 48 Stunden). Auch dies trainiert und hat gerade für den Langzeitarbeiter im Bergwerk Dissertation/Habilitation eine durchaus befreiende Wirkung.

Bloggen ist zwar (anfangs) schwer, erfordert Mut und kostet Zeit, doch ist dies so, weil Bloggen ungewohnt ist, man sich präsentiert und es ungemein vielseitig ist. Die Form verringert aber auch die Fallhöhe: wo sonst kann man in der Profession schon einmal einfach so einen Gedanken riskieren und zum Austausch stellen. Auf lange Sicht zahlt sich Bloggen und das (durchaus beträchtliche) Commitment, welches es erfordert, aber aus. Nicht nur erhält man Aufmerksamkeit und wird in interessante Diskussionen verwickelt, sondern man tut auch viel fürs eigene Denken und Schreiben. Bloggen wird so nicht die Wissenschaft verändern, doch hat es einen klaren Mehrwert. Die vielen Gemeinsamkeiten der alten philosophischen Ideale von Denken und Diskussion mit der Auseinandersetzung via Blog kommen nicht von ungefähr.

 

Dieser Beitrag ist in einer etwas längeren Fassung in Heft 1/2015 der Information Philosophie erschienen (er wurde für den Theorieblog leicht aktualisiert). Ich danke dem Herausgeber der Zeitschrift, Peter Moser, für die Freigabe des Artikels. Er geht zudem auf einen Vortrag am Philosophischen Seminar der Universität Göttingen zurück, zu welchem mich Eva Weber-Guskar im Dezember 2013 eingeladen hatte.

4 Kommentare zu “Blogs in der (politischen) Philosophie

  1. Ein schöner Artikel, danke dafür.
    Ich habe selbst gerade das Bloggen angefangen und bin gespannt, wie es sich noch entwickeln wird. Ich sehe im Blog eine Möglichkeit, den philosophischen Diskurs aufzulockern und aus dem Elfenbeinturm auszubrechen, ohne dabei an inhaltlichem Gewicht unbedingt zu verlieren. Philosophie kann und darf auch außerhalb der akademischen Institution existieren, die ich oft als einengend und steif empfinde. Ein Blog darf auch mal nicht ganz so ernst sein, nicht ganz so geschliffen.
    Leider scheint die Auswahl an guten deutschsprachigen Blogs wirklich begrenzt zu sein. Auf meiner Suche bin ich unter anderem auf theorieblog.de gestoßen. 😉 Aber gefühlt die Hälfte, die ich gefunden habe, war bereits seit Jahren inaktiv. Wer also noch Tipps hat, gerne her damit!

  2. Ich selber kann für mich nur schreiben: Die Mischung der Themen macht das Bloggen aus. Sich bloß auf Sprachphilosophie, Hegel oder auf Habermas zu kaprizieren: man kann das machen, aber es führt zum einen zu einem eingeschränkten Leserkreis, zum anderen aber würde es mir als Blogger kaum Freude bereiten, weil es den Gesichtskreis, das Offene, das weite Feld zu sehr eingrenzt. Ein Blog ist etwas, das man mit Adorno vielleicht als einen (langen) Essay als (divergierende, mäandernde) Form bezeichnen könnte. Er formuliert Gedanken, aber keine Thesen, er skizziert, manchmal mit schneller Hand. Ein Blogtext kann anders begründen und sich einer eher künstlerischen Schreibweise befleißigen, er darf steile Thesen produzieren, die zwar heuristisch interessant, aber inhaltlich womöglich haltlos sind. So etwas wie Marcus Steinweg es nennt: „Überstürztes Denken“. Als Blogger wagt man sich ins Ungedeckte, mancher Text ist eine Skizze, die der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Schreibend ein Thema umkreisen.

    Was mich aber vor allem am Bloggen reizt und weshalb ich mich auf keine Kategorie festlegen möchte: Daß prinzipiell alles zum Thema werden kann. Insofern ist der philosophische Blogger auch ein Phänomenologe, er (oder sie) bewegt sich hin zu den Dingen, die aus ganz unterschiedlichen Bereichen stammen. Vom photographischen Flanieren, hin zu Benjamin und Baudelaire und von dort plötzlich in iner Volte zu einem politischen Thema oder zu 70 Jahre Dialektik der Aufklärung. Und aus diesem Grunde würde ich mich beim Bloggen nie auf eine Kategorie einengen, etwa als reiner Bücher- oder Kunstblogger, obwohl man sich gerade beim Bücherbloggen in einer Community mit klarer Zielgruppe befindet – die zudem gut vernetzt ist, was manchmal von Vorteil sein kann. Aber einmal in der Woche über ein Buch zu schreiben, sei es auch ein philosophisches, und das als eine Art Verpflichtung – das könnte und wollte ich nicht.

  3. „wenn man…Fußnoten eingefügt und seinen Humor unterdrückt hat“

    Schön beschrieben. Hinzu kommt noch , daß viele Deutsche immer noch glauben , in der Diskurs-Verweigerung würde eigene Stärke liegen.

  4. „Technisch sind Blogs anspruchslos, weswegen eine Vielzahl von Plattformen und Tools existieren, die es einem jeden erlauben in wenigen Handgriffen einen eigenen Blog zu erstellen und zu betreiben.“

    Das ist grottenfalsch, – auch wenn der Autor sonst viel Richtiges sagt.
    Die Vielzahl der verfügbaren Plattformen kommt
    a) dadurch zustande, daß es ein Geschäft ist, solche anzubieten, und ein Geschäft ist es zu 99% dadurch, daß die kostenlosen oder billigen Blogs die Daten ihrer Nutzer an Google verkaufen, – z. B. durch die automatische Einbindung des ga-scripts oder andere link-tags, z. B. auf die Plattformanbieter, z. B. WordPress, womit Google die hohen Page-Rechte des jeweiligen Bloginhabers im Webbrowser des Kunden genießen kann, wenn es will, sowie
    b) durch die viele Arbeit, die auch und zunächst gerade von volonteers geleistet wurde, die aus Gemeinwohl-Intentionen, aus Spaß an der Sache, als fachliche Referenz für den Beruf usw. die Software dazu entwickelt haben.
    Und deren zumeist gut bis sehr gut erfüllten Anforderungen und erbrachten Leistungen sind nicht trivial:
    Allein einen JE browser- u. client-gerechten Output zu erzeugen ist angesichts der Vielzahl von Browsern, ihren Versionen und den anzutreffenden Auflösungen, Bildschirmformaten und Techniken (man setze einmal eine simple Active-X-Lösung für den IE in Firefox um …) usw. gar nicht so einfach: es existieren rund 5000-10.000 verschiedene Navigator-Signaturen für den User-Agent-Header …

    Von daher wird auch erklärlich, daß auf diesem Gebiet der schnell & billig einrichtbaren Blogs nur noch wenig passiert: z. B. schränkt die Abstraktionsschicht für die Zusammenfassung/Verallgemeinerung der verschiedenen Browser die technische Bewegungsfreiheit dann nämlich auch sehr ein, steht für den Seitenentwurf nur ein Subset der aktuellen Standards zur Verfügung (z. B. HTML 5 nur MINUS aller von den wichtigen Browsern noch nicht oder falsch unterstützten features) usw.

    „Bloggen kostet kaum Ressourcen …“ sehe ich auch von daher kritisch, als z. B. gerade erweiternde Einwände viel Arbeit machen, wenn nicht Beliebigkeit statt Kohärenz auf die Dauer Einzug halten soll.
    Das führt auf die Dauer dann eben auch, – auch im Zusammenklang mit der relativen technischen Unbeweglichkeit -, zu den langsam blau anlaufenden Blogleichen.

    Ein unschönes Beispiel gab z. B. der Blog von Tom Strohschneider und Hübner, lafontaines-linke.de, ab:
    Groß wurde angekündigt, auch nach Einstellung (tos wurde CR beim ND) der aktiven Funktionen (Kommentare i. W.), die bisherigen Inhalte statisch verfügbar zu halten, doch nach einem Jahr o. der so wurde die Domain verkauft, und angeblich scheiterte die Sicherung, so daß auch zur Veröffentlichung unter anderer Domain, als zip-File o. ä. angeblich keine Möglichkeit mehr besteht.
    So hanebüchen schon die Schilderung der Gründungs- u. Betriebsumstände bzw. finanz. u. sonstigen Hintergründe angesichts der hochqualitativen und teuren SW, des Hostings incl. Traffics, Netzanbindung usw. erschienen, so dünn bis unverschämt gelogen erscheinen die „Begründungen“ von tos im ND dazu, wenn man ihn dort im Kommentarbereich darauf anspricht, was da los sei mit dem toten link.
    Vermutlich ist auch diese Sache hinter nicht mehr aufhebbarer Bezahlschranke (ND) verschwunden.

    Daß ausgerechnet ein Theorieblog die Frage danach, was wem gehört, – auch über die Existenz eines Blogs hinaus -, ausklammert, wenn er über das Blogging schreibt, nichts zur Frage der Demokratie in den zugehörigen „Communities“ usw. bringt, verwundert da schon, liegt aber ganz auf der Linie des herrschenden digitalen Analphabetismus. Der glaubt, wie noch in Antike und Mittelalter üblich, die Kunst des Schreibens und Lesens an Tools und dunkle Strukturen aus Fachlichkeit und Geschäftsinteressen ohne extreme Nachteile delegieren zu können/zu dürfen.

    Dem setzen zwei links (mehr habe ich dann nicht mehr probiert) noch die Krone auf:
    Pocket und Instapaper bieten unter völliger Intransparenz (Wer macht das wo unter welchen rechtlichen Kautelen, Datennutzungen usw. ?) wenig hilfreiche Großversprechen (Sync auf ‚alle Geräte‘ usw.) , wie vor ihnen schon 1000 andere, darunter dropbox.
    Und auch das Anlegen eines Accounts (Instapaper) führt nicht zu akzeptabler Info oder einer verbesserten Einbindung in die Browserergonomik, wie man sie leicht über ein Lesezeichen oder sicher über eine Browser-Extension erlangen kann.
    Das ist, – wenn auch in zu scharfer, roher Form -, dort auch im Kommentarbereich kritisiert worden, daß das überflüssig ist wie ein Kropf, ohne daß man sich dort dafür INHALTLICH zu packen scheint.
    Dafür wird man aber kurz nach Einrichtung eines Accounts zum Ziel bisher noch nicht aufgetretener (Herkunft, Machart) Spams-Mails.
    Hier scheint die Nachwuchs-Theorie das lächerliche Getänzel der Altvorderen nachzuahmen, alles sei technisch, administrativ und rechtlich schon super, der Rest bloß eine Frage individueller Entscheidungen auf der Basis niemand „müsse“ ja, und im Zweifel solle eben „jeder für sich“ die Zäune hochziehen wie die verfeindeten Lager von Kleingärtnern (Verschlüsselung z. B.).
    Besonders hanebüchen präsentiert sich der Theorienachwuchs in der Frage der Rechtlichkeiten und Formalia bei Blogs, Communities usw.: obgleich da sagenhafte Defizite herrschen, kommt da seit Jahren GAR NICHTS aus der Theorieecke, zugleich aber spielt die viel zu reduzierte Auffassung von politischer Gesellschaft als Versammlung individueller Rechtsmonaden seit den Frühaufklärern nach wie vor in großen Teilen der politisch-theoretischen Nachwuchs-Diskurse die eine Hauptrolle, – so, als hätte es Poststrukturalismus und Postmoderne nie gegeben.

    Reputation bildet sich durch steten Einsatz im Diskurs.

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