Tagungsbericht: Den Konservatismus politisch denken (Zürich, Nov. 2014)

Konservative Positionen nehmen in der gegenwärtigen Landschaft des politischen Denkens eine eigentümliche Sonderstellung ein. Der Konservatismus gilt häufig als konzeptionell unscharf und entzieht sich daher einer vorschnellen Einordnung in geläufige Konfliktlinien der politiktheoretischen Debatte. Die Frage, was eine genuin konservative Haltung überhaupt auszeichnet, wird zudem von Konservativen und Nicht-Konservativen höchst unterschiedlich beantwortet. Vor diesem Hintergrund nahm sich im November 2014 ein hochkarätig besetzter Workshop am Ethik-Zentrum der Universität Zürich des Themas an und diskutierte darüber, wie die zumeist am Rande des Fachinteresses stehende „konservative Disposition“ philosophisch und politiktheoretisch zu verstehen sei.

Francis Cheneval (Zürich), der die Tagung gemeinsam mit Martin Beckstein leitete, machte in seinem Eröffnungsvortrag zunächst darauf aufmerksam, dass jede Politik – verstanden als Sphäre der öffentlichen Deliberation und kollektiven Entscheidungsfindung – strukturell konservativ verfasst sei und einen unhintergehbaren Bias zugunsten des Status quo aufweise. Cheneval wollte seine These indes nicht als Annahme über die empirische Verbreitung bestimmter Ideologeme verstanden wissen, sondern lediglich als Plädoyer dafür, bei der Betrachtung des Konservatismus auch die institutionelle Ausgestaltung von politischen Systemen in den Blick zu nehmen. Dieser Wunsch wurde im Laufe der Tagung allerdings nicht weiter verfolgt, was damit zu tun haben mag, dass – bei aller Einsicht in die Porosität der jeweiligen Fachgrenzen – die Politikwissenschaft im Gegensatz zur (politischen) Philosophie etwas unterrepräsentiert war.

Wie Emily Robinson (Sussex) betonte, wird der Konservatismus für gewöhnlich weniger als eine klar abgrenzbare Ideologie oder politische Theorie wahrgenommen, sondern vielmehr als eine habitualisierte Denk- oder Seinsweise, für die ein positiver Bezug auf die im ‚gesunden Menschenverstand’ niedergelassene Alltagserfahrung kennzeichnend ist. Von dieser Beobachtung ausgehend, setzte sie sich im Laufe ihres Vortrags mit einer oftmals übersehenen Ambivalenz innerhalb des (proto-)konservativen Textkanons auseinander, namentlich der spannungsvollen Wertschätzung für das Prosaische und das Poetische. Für „wahre“ Konservative, so Robinson, liege in diesem Gegensatz eine grundlegende Bedingung der ästhetischen Erfahrung überhaupt begründet, die es nicht zu beseitigen, sondern in ihrer Widersprüchlichkeit auszuhalten gelte.

In der weiteren Diskussion wurde jedoch deutlich, dass der Konservatismus nicht allein durch interne Spannungen, sondern vor allem durch sein Verhältnis zu konkurrierenden Theorieangeboten wie etwa dem Liberalismus gekennzeichnet ist. Eine mögliche Annäherung zwischen konservativem und liberalem Denken skizzierte Vanessa Rampton (Zürich) in ihrer Fallstudie zu nicht-marxistischen Theoretikern im vorrevolutionären Russland. Wie sie an deren Beispiel ausführte, können liberale und konservative Positionen vor allem dadurch zueinander finden, dass sie historische Veränderungen als inkrementelles Vehikel zur Bearbeitung von gesellschaftlichen Problemkonstellationen zu begreifen lernen.

Dass liberale und konservative Positionen einander nicht diametral entgegengesetzt sein müssen, sondern etwa in ihrem Eintreten für eine Begrenzung des staatlichen Regierungshandelns kongruieren können, verdeutlichte auch Christoph M. Michael (Halle-Wittenberg) exemplarisch anhand der politischen Theorie von Michael Oakeshott. Es ist überraschend, dass die Rezeption des britischen Denkers zumindest im deutschsprachigen Raum bislang eher verhalten ausgefallen ist und außerhalb der politischen Philosophie kaum Eingang in die theoretische Selbstverständigung konservativ gestimmter Lebenswelten gefunden hat. Von der Diagnose ausgehend, dass sich der deutsche Konservatismus weitgehend in einem politischen und intellektuellen Dornröschenschlaf befinde, unterzog Michael daher einige der bedeutendsten Schriften Oakeshotts einer umfassenden Neulektüre und zeigte deren fortwährende Relevanz für die konservative Theoriebildung auf.

In der Absicht, auch das selten gelesene Frühwerk von Michael Oakeshott für die konservative Theoriebildung fruchtbar zu machen, skizzierte Eno Trimcev (Lüneburg) anschließend eine erfahrungszentrierte Figuration des Konservatismus, die er nicht durch eine schlichte Affirmation des Bestehenden, sondern durch eine Haltung des „wohlwollenden Dissenses“ gegenüber der liberalen Ordnung charakterisiert sehen wollte. Der für die politische Theorie interessante Dissens, den die konservative Philosophie zum Ausdruck bringe, richte sich in erster Linie gegen die historische ‘Immanenz’ des Liberalismus und insbesondere gegen dessen Neigung, von einer abstrakten Ausgangssituation auf das konkrete Institutionengefüge einer zu schaffenden Gesellschaftsordnung zu schließen.

Die Keynote Speech von Michael Freeden (Nottingham/Oxford) war der Frage gewidmet, wie sich der Konservatismus gegenüber konkurrierenden Theorieangeboten behaupte – könnte er aus einem solchen Vergleich womöglich als die „siegende“ Ideologie hervorgehen? Von der These ausgehend, dass „politisch denken“ eine ubiquitäre, die gesamte Lebenswelt durchziehende Praxis darstelle, für die sich jenseits der ideologischen Stoßrichtung universell geteilte Strukturmerkmale angeben ließen, entwickelte Freeden eine mehrgliedrige Anatomie politischer ‘Denkakte’, anhand derer sich ein Standortvorteil für das konservative Denken gegebenenfalls zu erweisen hätte. Ohne dabei eine Aussage über die Wahrheit oder Vernünftigkeit des Konservatismus treffen zu wollen, wies er darauf hin, dass gerade dessen häufig beklagte konzeptionelle Vagheit und sein eklektischer Charakter eine relative Stärke gegenüber anderen Ideologien darstelle: So seien Konservative besonders versiert darin, ihre politischen Ziele durch den Verweis auf höhere, transzendente Autoritäten in den Schleier des Apodiktischen zu hüllen und gegenüber anderen Idealen als ‚alternativlos’ darzustellen, wodurch sich die grundlegende „Anmaßung“ des Politischen, über den semantischen Rahmen der kollektiven Entscheidungsfindung zu bestimmen, häufig in dem von ihnen gewünschten Sinne vollziehe. Wenngleich es also keine objektiven Maßstäbe zur Beantwortung der Frage gebe, welche Ideologie als die „siegreiche“ zu gelten habe, könne der Konservatismus zumindest als die anpassungsfähigste bezeichnet werden.

Den zweiten Tag des Workshops eröffnete Martin Beckstein (Zürich) mit dem Versuch, Karl Poppers Entwicklung eines „rationalen“ Traditionsbegriffs fortzuführen und für die konservative Theoriebildung fruchtbar zu machen. Nach einem Blick auf die Popper-Oakeshott-Debatte entfaltete er einen prozedural unterfütterten Traditionsbegriff, demzufolge eine Tradition sich durch eine Abfolge von ‚Tradierungsakten’ konstituiere, bei denen ein heterogen strukturiertes Traditionsmaterial von einer Vielzahl an Absendern an ebenso viele Empfänger weitergereicht, eben: ‚tradiert’ werde. Ein solches Traditionsverständnis bekomme die Möglichkeit eines von innen erfolgenden Wandels in den Blick und lasse es erwarten, dass sich das zu tradierende Material im Laufe der Zeit beständig aus eigener Kraft erneuern und modernisieren werde.

Im Anschluss daran skizzierte Geoffrey Brennan (Canberra/Duke) die Umrisse eines „responsiven“ Konservatismus, den er mit der Auffassung verband, dass ein bestimmter Status quo schon aufgrund seiner Faktizität eine genuine Quelle des Normativen darstelle. Im Laufe seines Vortrags spürte er daher der Frage nach, woher die verbreitete Neigung zu konventionsgeleitetem Handeln auch unter nicht-paretoeffizienten Bedingungen ihre normative Kraft nehme. Wie er anhand zweier Anekdoten aus der Geschichte des Kricketsports darlegte, lässt sich die Normativität sozialer Konventionen nicht auf eine historisch informierte Nutzenerwartung und somit auf eine Spielart des Konsequentialismus reduzieren, sondern ist häufig der Ausfluss einer sozial konstituierten Praxis, die durch ihr bloßes In-der-Welt-sein eine eigenständige Beharrungskraft gewinnt.

Eine Gegenposition hierzu nahm Kieron O’Hara (Southhampton) ein, der den Konservatismus als Inbegriff einer skeptizistischen Epistemologie verteidigte und einen Status-quo-Bias zu dessen Bestimmung für weder notwendig noch hinreichend erachtete. Dazu entfaltete er ein zweigliedriges Verständnis des Konservatismus, demzufolge jegliches Wissen über die Gesellschaft und ihre Institutionen durch komplexitätsbedingte Unsicherheit gekennzeichnet sei und der Status quo für gewöhnlich unterbewertet werde, weshalb sozialer Wandel grundsätzlich risikobehaftet sei und mithin allenfalls inkrementell und reversibel erfolgen dürfe.

Im letzten Referat des Vormittags widmete sich John Skorupski (St Andrews) der konservativen Kritik am philosophischen Liberalismus, den er dazu explizit von dessen ‚politischer’ Variante rawlsscher Provenienz abgrenzte. Ohne dabei einen Anspruch auf kategoriale Trennschärfe zu erheben, legte er dar, dass sich der konservative Einwand maßgeblich an dem liberalen Dreiklang aus Individualismus, der Forderung nach gleichem Respekt und dem Ideal einer autonomen Vernunft entzünde. Der Dissens beziehe sich vor allem auf die moralepistemologische Frage, ob die Verbindlichkeit von Werten immer nur „relativ zu (ihrem) Wert zugunsten, von oder in einer Person“ (T. H. Green) zu bestimmen sei, oder nicht vielmehr erst aus der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe hervorgehe.

Den Umstand, dass politische Ideologien häufig durch eine bestimmte Anordnung von Wertpräferenzen charakterisiert werden, nahm Kevin Mulligan (Genf) zum Anlass, dem Verhältnis von konservativem Denken und Handeln zu einer materialen Wertethik im Sinne Max Schelers nachzugehen. Seine Überlegungen mündeten in der These, dass die konservative Disposition letztlich nichts anderes als einen Anwendungsfall von ‚Wertphilosophie’ darstelle. Zudem sei sie, wie Mulligan im Rückgriff auf Gerald Cohens Konservatismus-Aufsatz darlegte, von der Vorstellung eines „Werte-Aktualismus“ getragen, demzufolge dem konkreten Vorhandensein von positiv beurteilten Wertinstantiierungen ein zusätzlicher Eigenwert (frei nach und gegen Kant: als „reales Prädikat“) zukomme.

Cohens Verteidigung eines wertezentrierten Konservatismus stand auch im Mittelpunkt des anschließenden (und mit Geoffrey Brennan erarbeiteten) Vortrags von Alan Hamlin (Manchester), in welchem er den Versuch unternahm, die Möglichkeit eines „nominalen“ – das heißt auf die axiologische Rechtfertigung eines Status-quo-Bias zielenden – Konservatismus zu erkunden, der ohne die Begleitannahme von epistemischer Unsicherheit auskomme. Anders als von Cohen behauptet, widerspreche der konservative Grundimpuls, eine für wertvoll befundene Sache gerade aufgrund ihrer Partikularität zu bewahren, keineswegs der Haltung eines wertemaximierenden Konsequentialismus.

Gegen die hierin zum Ausdruck kommende Vorstellung, dass eine konservative Disposition wesentlich durch ihren Bezug auf partikulare Werte und einen Impuls zur Bewahrung von deren Status quo charakterisiert sei, meldete Erich Hatala Matthes (Wellesley) jedoch grundsätzliche Bedenken an: Wie ein Blick auf jenseits des Politischen angesiedelte Praktiken zeige, könne ein genuin konservativer Werterahmen den Status quo auch nachdrücklich in Frage stellen. Weil es daher unplausibel sei, eine konservative Haltung auf die Affirmation des Status quo zu reduzieren, schlug Matthes vor, den Konservatismus als Ausdruck einer bestimmten ‚Tugend’ zu begreifen, welche sich gegenüber dem Objekt ihrer Wertschätzung um einen Mittelweg zwischen aneignender Nutzbarmachung („engagement“) und respektvoller Bewahrung bemühe.

Abschließend ging Emma Tieffenbach (Genf) der Frage nach, welche Rolle die Vorstellung von „unersetzbaren Gütern“ bei der Rechtfertigung einer konservativen Disposition spielen könne. Auch sie folgte weitgehend der Auffassung Cohens, dass die ‚Unersetzbarkeit’ eines wertvollen Objekts eine Eigenschaft sei, die ihm zuvörderst aufgrund seines tatsächlichen Vorhandenseins zukomme. Dabei plädierte Tieffenbach für einen metaethischen Realismus, demzufolge die konservative Würdigung eines ‚unersetzbaren Guts‘ immer als Reaktion auf eine von dieser Haltung unabhängig existierenden Eigenschaft zu deuten sei.

Es liegt in der Natur der Sache, dass in den lebhaften Diskussionen während der Tagung nicht alle aufgeworfenen Probleme erschöpfend behandelt werden konnten. Ein produktiver Dissens blieb vor allem hinsichtlich dreier Fragen bestehen: Ist der konservativen Disposition notwendig ein Status-quo-Bias eingeschrieben? Lässt sie sich eher als Ausdruck einer bestimmten Moralepistemologie oder einer Sozialontologie deuten? Und zuletzt: Ist es möglich, den Konservatismus mit liberalen und utilitaristischen Vorstellungen zu versöhnen? Als unstreitig kann jedoch gelten, dass dem Konservatismus ungeachtet seiner oftmals anti-rationalistischen Tonlage ein erhebliches theoretisches, nicht zuletzt auch (gesellschafts-)kritisches Potential innewohnt, das noch lange nicht ausgereizt ist.

 

Dieser Text ist eine stark gekürzte Fassung eines längeren Tagungsberichts, der in der kommenden Ausgabe 1/2015 der „Zeitschrift für Politische Theorie“ erscheinen soll.

Markus Rutsche ist wissenschaftlicher Assistent an der Universität St. Gallen (HSG).

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