Tocquevilles neue Wissenschaft der Politik

Alexis de Tocqueville (1805-1859) gehört neben John Stuart Mill und Karl Marx zum klassischen Kanon der politischen Ideengeschichte des 19. Jahrhunderts. Doch während Marx heute eine Renaissance erlebt, ist der französische Aristokrat zumindest im deutschen Sprachraum weitestgehend aus dem Blick geraten. Ein Workshop der am Interdisziplinären Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (IZEA) unter dem Titel  „Tocqueville’s experimental concept of a ‘New Science of Politics’: European and American contexts between 1830 and 1860“ stattfand, suchte nun neue Akzente in der Tocqueville-Forschung zu setzen. Zum Gedankenaustauch fand sich dort vom 8. bis zum 9. Oktober 2014 eine kleine Gruppe internationaler Tocqueville-Experten ein. Zur ersten Tocqueville-Tagung im Osten Deutschlands hatten die Organisatoren Harald Bluhm und Skadi Krause (beide Halle) geladen. Ein Ziel der Tagung bestand darin, die Thesen des seit April 2013 laufenden DFG Projekts „Theorie und Praxis der Demokratie – Tocquevilles erfahrungswissenschaftliche Konzeption einer ‚Neuen Wissenschaft der Politik‘“ der Kritik auszusetzen.
Zu Beginn plädierten Harald Bluhm und Skadi Krause unter der Überschrift ihres gemeinsamen Vortrages „Tocqueville als erfahrungswissenschaftlicher Analytiker der Demokratie. Ideengeschichtliche Quellen, Konturen und Leistungsfähigkeit eines Konzeptes“ dafür Tocquevilles Schaffen als eine „neue Wissenschaft der Politik“ zu verstehen, die sich selbst als eine Erfahrungswissenschaft begriff. Damit löste sie sich vom vorrevolutionären, spekulativ-systematischen politischen Denken. So habe Tocqueville etwa in verschiedene Formen, Typen und Prozesse der Erfahrung unterschieden und deren jeweilige Beziehung zum politischen Geschehen herausgearbeitet. Sein auf der Grundlage von französischen und angelsächsischen Diskursen entwickeltes komplexes Verständnis von Erfahrung verbinde dabei nicht nur „innere Erfahrungen“ mit „äußeren“, sondern bezieht „deren Sedimentation in den Erwartungen, Einstellungen, Sitten und Gebräuchen“ in die systematische Betrachtung der Demokratie ein. Individuelle Erwartung und Urteilskraft würden in Tocquevilles Perspektive mit staatlichen Institutionen in eine dynamische Beziehung gesetzt. Das Ziel jener neuen Herangehensweise sei es, am Beispiel der Vereinigten Staaten, die Möglichkeiten und Grenzen demokratischer Freiheitserfahrungen zu bestimmen.
Die folgende Diskussion drehte sich um den Erfahrungsbegriff Tocquevilles. Während Ewa Atanassow und Aurelian Craiutu sich gegenüber einer Überbetonung der Erfahrung bei Tocqueville verwehrten und demgegenüber eher davon ausgingen, dass das Hauptinteresse Tocquevilles Ideen oder Theorien gelte, zeigte sich Hubertus Buchstein skeptisch gegenüber einer Differenzierung „innerer“ und „äußerer Erfahrung“.
Unter dem Titel „Tocqueville’s New Science of Politics Revisited: A Few Lessons for Contemporary Social Scientists” sprach Aurelian Craiutu (Indiana). Craiutu wollte mit dem Gedankenexperiment, ob Tocquevilles Schrift über Amerika heute als Dissertation angenommen werden würde, provozieren. Seine Behauptung, die Arbeit würde abgelehnt werden, begründete er mit Verweis auf mangelnde Systematik und Widersprüchlichkeit. Was aber verhalf Tocqueville dennoch zu einem Klassikerstatus? Neu sei dessen Ambition nicht nur die Demokratie am Beispiel Amerikas zu beschreiben, sondern damit zugleich eine neue Politikwissenschaft zu begründen, die sich dadurch auszeichne, dass sie sich von starren Mustern verabschiede und alle Aufmerksamkeit der Prozesshaftigkeit des Zusammenspiels von Gesellschaft und Institutionen widme. In seiner im April 1852 vor der Pariser Akademie (Academie des Siences Morales et Politiques) gehaltenen Rede unterschied Tocqueville zwischen einer praktisch tätigen Staatskunst einerseits und einer politischen Wissenschaft andererseits. Während Erstere, verstanden als Regierungskunst, sich im Fluss des politischen Geschehens zu beweisen habe, sei es die Aufgabe der Letzteren, das Wesen des Menschen in Relation zu den ihn umgebenden und sich wandelnden sozio-ökonomischen Prozessen zu beleuchten. Es gelte zu ergründen, welche Form der Gesetzgebung, unter den jeweiligen historisch spezifischen Bedingungen, dem Menschen am ehesten entspräche. Dies sei, so Craiutu, grundlegend verschieden vom heutigen Selbstverständnis der zumeist empirisch-szientifischen Politikwissenschaft. Craiutu bekundete in einer Anmerkung, dass sein persönliches Interesse an Tocqueville darin begründet sei, dass er seinen rumänischen Landsleuten nach dem Umbruch vermittelt über Tocqueville den Weg zur Demokratisierung weisen wollte. Zugleich gilt für Craiutu aber auch, dass sich der Aristokrat Tocqueville zwar über das Wesen der Demokratie den Kopf zerbrach, darin eingebettet aber eine heute unzeitgemäße Frage eine hervorgehobene Rolle spielte. Jene Frage lautete: Wie kann man unter den Bedingungen der Demokratie und abseits des ökonomischen Strebens noch zu wahrer „Größe“ gelangen?
Cheryl B. Welch (Harvard), ging in ihrem Vortrag zu „Tocqueville’s New Political Science in the Shadow of the Old”, auf besondere Weise der Frage nach, was spezifisch unter Tocquevilles „neuer Wissenschaft der Politik“ verstanden werden könne, wobei auch sie sich auf Tocquevilles Akademie-Rede aus dem Jahr 1852 berief. In dieser Rede äußerte sich Tocqueville zu seinem im Amerikabuch erstmals genannten, dort aber nicht weiter ausgeführten Begriff von politischer Wissenschaft. Tocquevilles „neue politische Wissenschaft“ lässt sich für Welch nicht aus dem Kontrast zu den älteren politischen Theoretikern wie Locke, Hobbes oder Aristoteles erschließen, zumal Tocqueville sich nicht als Opponent zu diesen Autoren verstand. Mit alter politischer Wissenschaft müsse also etwas anders gemeint sein. Welch argumentierte, dass Tocqueville den aus der Aufklärung entsprungenen Liberalismus alter Art hinterfragen wollte, da er davon überzeugt gewesen sei, dass dessen Rationalismus (Tocqueville sprach von „Cartesianismus“) Monster hervorbrachte. Napoleons Aufstieg verdankte sich auch Destutt de Tracy und seinen Ideologes, bis sich der französische Kaiser schließlich, aus einer Position der Macht heraus, mit diesen überwarf. Vor Napoleon waren es die Jakobiner, die einen absoluten Herrschaftsanspruch anmeldeten. Tocqueville hingegen wandte sich gegen Reaktionäre wie auch gegen Revolutionäre. Welch zufolge favorisierte er eine konstitutionelle Republik auf Basis des „wohlverstandenen Eigeninteresses“, welches das persönliche Interesse mit dem des Allgemeinwohls zusammenfallen ließ, ganz so wie es der Utilitarismus Jeremy Benthams (1748-1832) andachte. Wenn also die alte politische Wissenschaft in die Französische Revolution mündete, wie Welch nahelegte, und die spätere Reaktion jede rationalistische Theoriebildung unterband, so war es Tocquevilles neue Wissenschaft, die den auf dem Einzelinteresse basierten Formen der Demokratie zum funktionieren verhelfen sollte.
In Abwesenheit des durch einen Bahnstreik verhinderten Juri Auderset (Fribourg) übernahm Daniel Schulz (Dresden) die Aufgabe dessen Thesen aus seinem Vortrag: „Strangers in America. Lieber, Tocqueville and the Transatlantic Study of Democracy in an Age of Post-Revolutionary Transition” stellvertretend zu erläutern und auch zu kommentieren. Audersets Beitrag begann mit der Beobachtung, dass die vorwiegend negativen Assoziationen, die mit dem Begriff der Demokratie bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts verbunden waren, in jener Zeit fast gänzlich durch positive ersetzt wurden. War der Begriff in den Revolutionen beiderseits des Atlantiks mit politischen Missständen, Jakobinismus und Zügellosigkeit verbunden, so galt er schon Mitte des Jahrhunderts als unmittelbar verwoben mit universeller politischer Selbstbestimmung. Hinter diesem Wandel verberge sich jedoch eine Vielzahl semantischer Kämpfe. Exemplarisch für jene Protagonisten, die an diesem Wandel mitwirkten, stellte Auderset neben Tocqueville den Deutschamerikaner Francis Lieber (1800-1872) vor, der seit den 1830er Jahren mit Tocqueville im Austausch über die Möglichkeiten komparativer politischer Wissenschaft stand. Dabei zeichnete Auderset zunächst deren teils ähnliches intellektuelles Herkunftsmilieu nach. Damit eng verbunden sei auch beider transatlantisches Beziehungsnetzwerk, welches in einigen Fällen sogar aus denselben Gesprächspartnern bestanden habe. Die größten Ähnlichkeiten zwischen beiden machte Auderset in ihren Betrachtungen der amerikanischen Demokratie aus. Beide betonen, dass es nicht genüge, allein auf politische Institutionen zu schauen, sondern man müsse vielmehr auf deren Zusammenwirken mit der amerikanischen Gesellschaft und Kultur blicken. Hinzu komme deren gemeinsames Streben die Gegenmittel für die der Demokratie inhärenten Gefährdungstendenzen aufzuspüren. So sähen Tocqueville, wie Lieber, insbesondere im Föderalismus (den Tocqueville bezüglich Frankreichs „Dezentralisation“ nannte) ein solches Gegenmittel.
Siri Hummel und Hubertus Buchstein (beide Greifswald) stellten in ihrem gemeinsamen Vortrag „Alexis Tocqueville and John Stuart Mill – Democratic Theories, Methodologies and Methods“ vor. Ihre Frage war, wie die methodischen Differenzen beider Autoren erklärt werden könnten. Einen Bezugspunkt bildete Gerhard Göhlers „Begründungsanalyse“ (1978), nach der „substantielle theoretische Aussagen“, zu denen konkrete Aussagen über die Demokratie, den Staat oder die Parteien zählen, und „Grundlagenbereiche“, die sich aus historisch bedingten normativen Vorannahmen und Begriffen zusammensetzen, zu unterscheiden sind. Anhand dieser Überlegung könne man das Denken Alexis de Tocquevilles und John Stuart Mills erschließen. Parallel dazu könne man nach Buchstein die Exponenten der politischen Ideengeschichte in zwei Traditionslinien unterteilen. So würden den Vertreten einer „rekonstruktiven politischen Theoriebildung“ (Dewey bis Habermas) jene des  „politisches Denken“ (z.B. Hannah Arendt und Leo Strauss) gegenüber stehen. „Rekonstruktive politische Theorie“ zeichne sich dadurch aus, auf den sozialen Kontext zu achten sowie die Gesellschaft stets als Produkt eines auf einen Telos zustrebenden Geschichtsprozesses zu begreifen. Der durch die „rekonstruktive politische Theorie“ antizipierte Zweck mache es möglich, gesellschaftliche Entwicklungen auf bestimmten Stufen zu verorten und so zugleich normativ zu bewerten. In einer solchen Vorgehensweise läge aber eine Unzahl von Fallstricken verborgen. Mill, der hier von Buchstein als Vertreter dieses Theoriezweigs, als eine Art „Proto-Habermas“ verstanden wurde, sei durch eine solche Antizipation des geschichtlichen Telos dazu verleitet worden, falsch über die Frage des öffentlichen Wählens zu urteilen. Das „Politische Denken“ hingegen, als dessen Idealtypus Buchstein Tocqueville gilt, sei demgegenüber offener in der Bewertung der Gesellschaft. Die Vertreter des „Politischen Denkens“ stützen sich, auf den common sense sowie ihre eigene unmittelbare Urteilskraft, die sie meist in treffenden Metaphern verdichten. Jene Gruppe sei am „prozesshaften Denken“ interessiert und habe daher auch keinen fest definierten Methodenapparat vorzuweisen. Die überraschende Erkenntnis am Schluss des Vortrages von Hummel und Buchstein, die spürbar große Teile des Publikums in Unruhe versetzte, bestand darin, dass man am Beispiel Tocquevilles erkennen könne, dass man ohne ausgefeilte Methoden nicht selten zu den besseren Ergebnissen komme. Kommentator Alexander Weiß (Hamburg) schlug vor, Tocqueville als einen Vorläufer der „Grounded Theory“ zu verstehen, da er wie diese seine Methoden und Theorien erst im Feld entwickelt habe.
Ewa Atanassow (Berlin) diskutierte in ihrem Vortrag  „Tocqueville’s New political Science and the Art of Democratic Politics“ inwieweit dieser primär als Philosoph verstanden werden sollte. Sie stützte sich dabei auf straussianische Lektüren wie sie u.a. Harvey Mansfield vorgelegt hat. Eine solche Lesart ermöglicht es Tocqueville in die Tradition der großen Denker einzuordnen. Atanassow fügt diesem Zugang den Akzent der „Kunst des Regierens“ hinzu und betonte damit praktische Dimensionen Tocquevilles Denkens, die zuvor schon Craiutu und Welch angesprochen hatten. Dabei rekurrierte auch sie, auf Tocquevilles Akademievortrag, der sonst eher selten beachtet wird. Etwas unklar blieb, was mit Philosophie hier genau gemeint sei. Philosoph im Sinne großer systematischer Werke war Tocqueville in den Augen der Mehrzahl der Teilnehmer eher nicht, höchstens könne er im französischen Sinne als „philosophe“, d.h. als Aufklärer verstanden werden. Der letzte Vortrag forderte die Hauptthese der Tagung heraus und stand quer zur angestrebten Neuperspektivierung Tocquevilles als empirisch und interdisziplinär arbeitender Politikwissenschaftler.
Das Hauptziel, der Tocquevilleforschung in Deutschland einen neuen Anstoß zu geben, wurde zweifellos erreicht. Um allerdings die Tocquevilleforschung hierzulande in der Breite voran zu bringen, hätte man sicher viel von französischer Seite lernen können, die – wie man hörte – in die kommende Publikation allerdings noch einfließen soll.

 

Gregor Ritschel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Lehrstuhls für Politische Theorie und Ideengeschichte in Halle an der Saale. Seine Dissertation widmet sich Jeremy Bentham und Karl Marx.

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