Workshop: “Tocqueville’s experiential concept of a ‘New Science of Politics’: European and American contexts between 1830 and 1860”

Das DFG-Projekt Theorie und Praxis der Demokratie veranstaltet am 9. und 10. Oktober 2014 an der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg den Workshop “Tocqueville’s experiential concept of a ‘New Science of Politics’: European and American contexts between 1830 and 1860”. Tagungsort ist das IZEA, Franckeplatz 1, Haus 54, Christian-Thomasius-Zimmer. Eine erforderliche Anmeldung wird erbeten über marcel.rauer@student.uni-halle.de. Das Programm findet sich hier als PDF, folgender Ankündigungstext ging dem blog zu:

 

Tocqueville stellt seinem Hauptwerk De la Démocratie en Amérique eine zentrale Forderung voran: „Eine völlig neue Welt bedarf einer neuen politischen Wissenschaft.“ Schon häufig wurde konstatiert, dass seinem Projekt, eine neue politische Wissenschaft zu schaffen, in der Forschung zu wenig Beachtung geschenkt wird. Über einige richtungsweisende Ansätze hinaus sind der Status dieser Wissenschaft und die wechselnden verwaltungspraktischen, individualpsychologischen und praxisrelevanten Akzente, die ihr vom Autor zugeschrieben werden, kaum erforscht.

Was Tocqueville unter einer neuen Wissenschaft der Politik verstand und welche inhaltlichen, methodischen und politischen Ansätze er damit verband, steht erstmals im Mittelpunkt einer Tagung, die am 9. und 10. Oktober in Halle an der Martin-Luther-Universität abgehalten wird. Auf ihr wird nicht nur die Rekonstruktion von Tocquevilles Konzeption einer „Neuen Wissenschaft der Politik“ und ihre Einbindung in die sich neu etablierende Landschaft der Sozialwissenschaften seiner Zeit erörtert, sondern auch die Darstellung von Tocquevilles Analyse der Demokratie als einer noch heute relevanten Kritik der Demokratie als Staats- und Gesellschaftsform diskutiert.

Die Tagung gliedert sich in zwei große Blöcke. In dem ersten Teil wird Tocquevilles Demokratieverständnis untersucht, das im Vergleich zu den politischen und akademischen Debatten der Zeit den dort verwendeten engen Begriff von Demokratie überwindet, denn er analysiert Demokratie als einen Transformationsprozess, der nicht nur den Staat und seine Institutionen, sondern auch die Gesellschaft und ihre Träger umfasst. Vergleiche werden deshalb zu jenen Autoren gezogen, die die Frage der Sitten, d.h. sedimentierter Erfahrungen von Freiheit, neu akzentuiert und fortgeführt haben. Denn die Neue Wissenschaft der Politik ist keine Staatsrechtslehre, die darauf zielt, die Demokratie als Staats- und Regierungsform zu legitimieren oder zu kritisieren. Vielmehr geht es darum, die Demokratie als Gesellschaftsform zu begreifen, in der die Strukturen und Institutionen des sozialen Zusammenlebens einem ständigen Wandel unterworfen sind, und dabei politische und soziale Prozesse so zu veranschaulichen, dass sie für verschiedene Akteure in ihrer gesellschaftlichen Dimension erfassbar werden.

In einem zweiten Teil wird Tocquevilles Werk in den Literaturkanon seiner Zeit eingeordnet. Ziel ist es, in verschiedenen Perspektiven die „Neue Wissenschaft der Politik“ sowie die hohe Komplexität der Konzeption dieser Wissenschaft zu erschließen. Herausgearbeitet wird die Sonderstellung Tocquevilles innerhalb der Sozialwissenschaften, die zum einen dafür verantwortlich ist, dass sein Projekt keine direkte Fortsetzung fand, aber auch dafür sorgte, dass es so divergierende Anknüpfungen an Tocqueville gab und gibt. So gibt es Abgrenzungen vom Wissenschaftsverständnis besonders wichtiger zeitgenössischer Vertreter (Franςois Guizot, Pierre Royer-Collard, August Comte, John Stuart Mill, Jared Sparks, Francis Lieber), aber auch eine vergleichende Perspektive auf die  institutionellen Ausdifferenzierungen der Wissenschaftsdisziplinen in den relevanten Ländern (Frankreich, USA, England, partiell auch Deutschland), da Tocqueville solche Differenzen kritisch reflektiert und bewusst darauf reagiert hat.

Darüber hinaus soll Tocquevilles Bedeutung für den gegenwärtigen Diskurs in den Sozialwissenschaften herausgearbeitet werden, der nicht zuletzt wie Tocqueville selbst auf das widerspruchsvolle Nebeneinander von demokratischen und expertokratischen, von staatlichen und zivilgesellschaftlichen sowie von lokalen, nationalen, föderalen und globalen Formen des Regierens aufmerksam macht.

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