Transkulturelle Politische Theorie: Denken an den Grenzen – Sophia Schubert und Holger Zapfs ZPTH-Artikel in der Diskussion

In der zweiten Ausgabe 2013 der Zeitschrift für Politische Theorie (ZPTH) diskutieren Sophia Schubert und Holger Zapf die Überschneidungen und Differenzen von politischer Kulturforschung und transkultureller Politischer Theorie. Im Rahmen unserer Kooperation mit der ZPTH (bereits diskutiert wurden Artikel von Bernd LadwigOliver Flügel-MartinsenSteven SchällerOliviero Angeli, Alexander Weiß, Thorsten Hüller) bieten wir den Artikel von Schubert und Zapf hier exklusiv zum Download an. Als Auftakt für die Diskussion hat Jeanette Ehrmann den Artikel unter dem Strich kommentiert. Wir sind alle gespannt auf Eure Kommentare, Fragen und Anregungen.


Transkulturelle Politische Theorie – Denken an den Grenzen

Angesichts der zunehmenden Transnationalisierung von Kapital und Recht sowie der Pluralisierung von Gesellschaften durch Migration und die Ausdifferenzierung von Lebensformen stellt sich nicht nur in theoretischer Hinsicht, sondern auch in konkreten politischen Auseinandersetzungen die Frage nach den Geltungsansprüchen von Demokratie, Gerechtigkeit und Menschenrechten über kulturelle Differenzen hinweg. Wurden diese Phänomene in der Politischen Theorie bislang vor allem im Rahmen kontinentaleuropäischer und angloamerikanischer Theorien der Gerechtigkeit oder des Multikulturalismus diskutiert, erweitert die transkulturelle Politische Theorie den geographischen Radius des gängigen Kanons um sogenannte nicht-westliche Theorien, Ideen und Konzepte. Der kulturelle Entstehungskontext von politischen Theorien wird hierbei explizit berücksichtigt, um davon ausgehend zu universellen Kategorien politischen Denkens jenseits eines eurozentrischen Universalismus zu gelangen. Doch welcher Kulturbegriff kommt hier eigentlich zum Tragen? Was ist der Gegenstand einer transkulturellen Politischen Theorie? Was sind ihre theoretisch-konzeptionellen und methodologischen Weichenstellungen?

Sophia Schubert und Holger Zapf wagen sich anhand dieser Fragen und im Dialog zwischen politischer Kulturforschung und transkultureller Politischer Theorie in bisher weitgehend unerforschtes Terrain vor und leisten mit ihren Überlegungen zu einem theoretisch wie empirisch angemessenen Kulturbegriff einen wichtigen Beitrag zur Institutionalisierung und Professionalisierung des Forschungsfeldes im deutschsprachigen Raum. Im Folgenden werde ich insbesondere ihren Vorschlag eines quantitativ ermittelbaren Kulturbegriffs kommentieren. Mit Blick auf das Präfix „trans“ wird mein Fokus dabei auf den von den Autor*innen thematisierten Grenzen und Grenzüberschreitungen liegen: zwischen verschiedenen Kulturen einerseits, zwischen politischer Theorie und politischer Praxis andererseits.

Was bedeutet es, wenn Politische Theorie transkulturell betrieben wird? Schubert und Zapf verstehen die transkulturelle Orientierung als „prinzipielle Situiertheit von Gegenstand und Forscherin“ (S. 147, Fn. 1). Sobald die Forscherin „Kulturgrenzen“ überschreitet und über Ideen, Theorien und Begriffe in von ihr als „fremd“ erfahrenen Kontexten erforscht, arbeitet sie transkulturell. Doch auf welche Entitäten bezieht sich ein solcher Kulturbegriff? Gegen vorherrschende soziologische oder ethnologische Kulturbegriffe plädieren Schubert und Zapf dafür, der transkulturellen Politischen Theorie den Kulturbegriff der politischen Kulturforschung zugrunde zu legen. Durch die quantitative Erhebung von Orientierungen und Werten unter den Mitgliedern eines Kollektivs ließe sich in Abgrenzung zu bloß subjektiven Wahrnehmungen einzelner Forscher*innen ein methodisch abgesichertes, empirisch gesättigtes Verständnis des jeweils „kulturell Differenten“ ermitteln, das hinsichtlich seiner Ideen in Differenz zu anderen Kulturen erforscht werden könne. Obwohl Schubert und Zapf sich damit von einem essentialistischen Kulturbegriff abgrenzen und die Veränderbarkeit von Kulturen sowohl durch innere wie auch durch äußere Einflüsse betonen, tauchen in ihrem Beitrag wiederkehrende Dichotomien auf: Tradition und Moderne, westlich und nicht-westlich, Produzent*innen und Adressat*innen von Theorien und Ideen. Statt diese Dichotomien in das Forschungsprogramm der transkulturellen politischen Theorie zu übernehmen, plädiere ich dafür, das Präfix „trans“ als epistemologische Perspektive ernst zu nehmen und davon ausgehend ein Verständnis von Kultur zu entwickeln, das ein Denken an den Grenzen erprobt.

Die Betonung von Differenz und Fremdheit impliziert, dass die Forscherin einer anderen Kultur, einer anderen Zeit, einer anderen Ideenwelt angehört und dass Kulturen als sauber voneinander abgetrennte Vergleichseinheiten keine Verbindungen untereinander aufweisen. Die Begegnungen und Interaktionen zwischen Kulturen münden demzufolge in „Assimilations- oder Abgrenzungsprojekten“ seitens der Empfängerkultur (S. 157), werden also im Hinblick auf das politische Denken als kritiklose Aneignung einerseits, als kategorisches Zurückweisen andererseits gefasst. Eine transkulturelle Perspektive im Gegensatz zu einer interkulturellen dagegen ermöglicht es, diese Begegnungen als dynamische Austausch- und Aushandlungsprozesse zu verstehen. Auch wenn Begegnungen über verschiedene Grenzen hinweg nie in einem machtleeren Vakuum stattfinden, oft gewalt- und herrschaftsförmig sind, sind sie nie linear und unidirektional. Postkoloniale Theorien, Black Studies, Cultural Studies und die transnationale Geschichtsschreibung haben unterschiedliche Denkfiguren entwickelt, die den Blick auf die gegenseitige Beeinflussung und wechselseitige Transformation nicht nur der unterdrückten, sondern auch der dominanten Kultur lenken. Konzepte wie contact zones, Black Atlantic, entanglements, Kreolisierung, Übersetzung, Mimikry und Diaspora verweisen auf die pluriversalen Verflechtungen und den Prozess der „doppelten Einschreibung“ (Stuart Hall) in der Begegnung mit dem jeweils ‚Anderen‘.

Mit Edward Saids Konzept der traveling theory kann darüber hinaus erfasst werden, wie Theorien und Ideen in transnationalen und transkulturellen Zwischenräumen zirkulieren, von einem Kontext in einen anderen über-setzen, dabei unterschiedlich angeeignet werden und transformierend in den Entstehungskontext zurückwirken. So wurde etwa die Abschaffung der Versklavung und die Idee der Freiheit und Gleichheit unabhängig von ‚Rasse‘ erst durch die politischen Kämpfe von Versklavten und die theoretischen Interventionen der Black Radical Tradition in Europa und Nordamerika denkbar. Ihre emanzipatorischen Ideen beruhen dabei nicht auf originären Kulturen, sondern auf der Kritik gelebter Unrechtserfahrungen in einem Kontext erzwungenen Zusammenlebens. So besehen wäre kulturelle Differenz nicht in Form binärer Oppositionen zu verstehen, die Assimilation oder Abgrenzung hervorrufen, sondern als différance, als Prozess der Übersetzung, Reiteration und Transformation. Mit einem solchen Verständnis von Differenz würde sich die transkulturelle Politische Theorie von verabsolutierenden Annahmen wie der ursprünglichen Genese von Theorien und Ideen und deren bloßer Rezeption in anderen Kontexten verabschieden und ihr Erkenntnisinteresse vom Vergleich zu den Möglichkeiten der Grenzüberschreitung und transkulturellen Anreicherung von Ideen und Begriffen verschieben.

Im Anschluss daran ließe sich das Präfix „trans“ auch auf die Kreuzungspunkte zwischen politischem Denken und politischer Kultur anwenden. Schubert und Zapf betonen, dass das in der transkulturellen Politischen Theorie „untersuchte politische Denken oftmals die Grenzen des akademischen Feldes“ überschreitet, indem es sich explizit nicht nur an ein akademisches Publikum, sondern „an die ganze Bevölkerung“ als Adressatin wendet (S. 158). Politische Theoretiker*innen, so die Autor*innen, sind insofern in einer politischen Kultur situiert, als sie die „in einer Gesellschaft vorfindlichen (Wert-)Orientierungen“ (S. 158) ernst nehmen, um vermittlungs- und zustimmungsfähige Theorien und Ideen zu entwickeln. Dabei sei entscheidend, „was als legitimes Wissen gelten kann, wodurch […] latent die Entstehung von politischen Theorien beeinflusst“ wird (S. 159).

Intellektuelle verstehen sich jedoch nicht primär als Vertreter*innen einer spezifischen Kultur. Nicht selten schreiben sie als Außenseiter*innen und Dissidenten oder als organische Intellektuelle gegen das in einer Gesellschaft als legitim etablierte Herrschaftswissen. Gerade der Blick auf verschiedene emanzipatorische Projekte – etwa feministische, antikoloniale und antirassistische – zeigt, dass Theoretiker*innen nicht einfach als Stichwortgeber*innen emanzipatorischer Lernprozesse in einem äußerlichen Verhältnis zu Gesellschaft stehen. Vielmehr entwickelt sich oft umgekehrt – „von den Kämpfen aus“ (Isabell Lorey) – ein politisches Denken, das aus dem epistemologischen Wert der gesellschaftlich verändernden Praxis sozialer und politischer Bewegungen schöpft. Die politische Kultur, in deren Kontext dieses politische Denken on the ground erwächst, lässt sich aber nicht quantitativ als Aggregation von individuellen Deutungsmustern, Einstellungen und Werten erfassen, die Mitglieder eines Kollektivs nur passiv „zur Interpretation von Politik benötigen“ (S. 162). Das Politische einer Kultur konstituiert sich vielmehr über die Auseinandersetzungen um die Legitimität der bestehenden politischen, normativen und epistemischen Ordnung, die durch den methodologischen Individualismus und Positivismus quantitativer Forschung nicht repräsentiert werden können. Aufschlussreich scheint demgegenüber eine stärker kulturwissenschaftlich orientierte, diskursanalytische und hermeneutische politische Kulturforschung, die Kultur in den Institutionen, den Normen, den kulturellen Artefakten und den sozial anerkannten Verhaltensweisen einer Gesellschaft verortet und sie so ins Verhältnis zu Macht und Herrschaft setzt. Ein solcherart verstandener Begriff politischer Kultur wäre für die Politische Theorie gewinnbringend, als er die in Kämpfen gegen die jeweils vorherrschende Kultur artikulierten Ideen – von Prekarisierten und Verschuldeten, Non-Citizens, Feminist*innen, People of Color und Queers – gegen die Hegemonie akademischer Theoriebildung sichtbar und intelligibel machen könnte.

Transkulturelle Politische Theorie wäre so besehen eine Art des Denkens, das die mit binären Codes überschriebenen Bewegungen über Grenzen hinweg ernst nimmt, ihr Erkenntnisinteresse auf transnationale, transkulturelle und transversale Verflechtungen jenseits der Zentrierung ‚nicht-westlicher‘ Intellektueller lenkt und gerade so zu einem nicht eurozentrischen, sondern radikal universellen politischen Denken von unten beiträgt.

 

Jeanette Ehrmann, Diplom-Politologin, promoviert an der Goethe-Universität Frankfurt über die Haitianische Revolution.

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