Lesenotiz: „Der Andere unter seinesgleichen“. Stefan Müller-Doohms Habermas-Biographie

Stefan Müller-Doohm: Jürgen Habermas. Eine Biographie, Berlin: Suhrkamp-Verlag, 2014.

Pünktlich zum 85. Geburtstag ist im Suhrkamp-Verlag eine voluminöse Biografie über Jürgen Habermas erschienen. Der Autor Stefan Müller-Doohm hat bereits Leben und Werk Theodor W. Adornos rekonstruiert und gehört neben Rolf Wiggershaus zu den profiliertesten Kennern der Frankfurter Schule. Mit Habermas hat sich Müller-Doohm eine schwierige Aufgabe gestellt. Leben und Werk des wichtigsten lebenden deutschen Philosophen geben gleich genug Stoff für mehrere Bücher her; hinzu kommt, dass Habermas mit seinen jüngsten Interventionen zur Zukunft der Europäischen Union präsenter denn je ist. Neben diese zeitpolitische Relevanz tritt noch die unvermeidbare persönliche Verstrickung des Biografen, der auf das Entgegenkommen, die Zeugnisse und Erinnerungen seines Untersuchungsobjekts angewiesen bleibt, um die eigene Arbeit belastbar zu machen. Der Autor oszilliert in solchen Fällen zwischen Nähe und Distanz, er vollführt einen Drahtseilakt.

Im Zentrum der Biografie stehe, so Müller-Doohm, „die Darstellung des verschlungenen Ineinanders von Haupt- und Nebenberuf, der Wechselbeziehung zwischen den Denkentwicklungen des Philosophen und den Interventionen des öffentlichen Intellektuellen vor dem Hintergrund zeitgeschichtlicher Ereignisse“. Diese Gleichursprünglichkeit von abstrakter Wissenschaft im akademischen Elfenbeinturm und politischem Interventionismus auf der öffentlichen Bühne ist zweifellos Habermas‘ Markenzeichen. Dabei gelang es ihm über die letzten Jahrzehnte hinweg wie keinem zweiten, mit Hilfe der Qualitätspresse lautstark vor dem erweiterten Staatsbürgerpublikum aufzutreten, ohne sein Renommee beim philosophischen, soziologischen, politik- und nicht zuletzt rechtswissenschaftlichen Fachpublikum zu verspielen. Damit avancierte Habermas in der Intellektuellengeschichte der Bundesrepublik zu einer beispiellosen Figur.

Es ist zunächst Müller-Doohms großes Verdienst, ein gutes Gespür für die wichtigen Szenen dieser Gelehrtenkarriere zu entwickeln, ohne das in der Biografieforschung beliebte Genre der Anekdote überzustrapazieren. Dabei erweckt er die oftmals verschlungene Theorie seines Protagonisten durch deren stete Spiegelung an der Praxis eines klassischen Dreyfusards zum Leben. Auf den knapp 600 Seiten begegnet dem Leser dann vor allem ein beherzter Habermas, der seinen Wert kennt und vor Opportunismus gefeit scheint. Schon der junge Student schreibt für die FAZ einen riskanten Wutartikel gegen Martin Heidegger, bevor der standfeste junge Assistent Adornos erstmals am eigenen Leib erfährt, dass die Freiheit der Wissenschaft nur allzu oft am seidenen Faden der Machtpolitik hängt. Habermas fällt aufgrund einer Sammelrezension über aktuelle Strömungen im Marxismus beim Institutsleiter Horkheimer in Ungnade und wandert kurzerhand nach Marburg ab („eine waghalsige Entscheidung“), um nach der Habilitation beim akademischen Außenseiter Wolfgang Abendroth und einer von Hans-Georg Gadamer initiierten außerplanmäßigen Professur in Heidelberg umso beeindruckender zurückzukehren: auf den nunmehr vakanten Lehrstuhl seines einstigen Kritikers, der sich aus seinem Schweizer Domizil mittlerweile für Habermas stark macht. In Frankfurt engagiert sich der aufstrebende junge Professor fortan aufseiten der Studentenbewegung für die Demokratisierung der Hochschule, rückt seit Anfang der 60er Jahre aber nicht mehr von der „Vorstellung eines allein durch eine rechtsstaatlich verbürgte Demokratie mit sozialem Antlitz zähmbaren Kapitalismus“ ab und wird die radikale Linke damit nachhaltig enttäuschen. All diese Stationen werden flüssig erzählt und geschickt mit der Werkentwicklung verwoben.

Einen besonders starken Abschnitt liefert Müller-Doohm mit der Skizzierung der dialektischen Kehrseite der akademischen Heldengeschichte im Starnberger Labor. Neben der konsequenten Vorbereitung und Ausarbeitung seines Magnum opus erscheint Habermas als Co-Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt höchst selbst aufseiten der (administrativen) Macht, die er am Frankfurter IfS noch umschiffen konnte, und verheddert sich in den strukturellen Aporien einer modernen Forschungsfabrik: „Er setzt sowohl die Mitarbeiter sowie sich selbst gehörig unter Druck. Dieser wird noch verstärkt durch die enormen Probleme, die interdisziplinär ausgerichtete Institutsarbeit zu koordinieren.“ Die strategische Aufgabe des Lehrstuhls an der Goethe-Universität erweist sich im Nachhinein als Fehler: „Hatte er seinen Weggang aus Frankfurt auch mit der drohenden Belastung durch Lehrveranstaltungen begründet, so ist er nun gehalten, den Pflichten als Institutsleiter nachzukommen, die er wohl insgesamt unterschätzt hat.“ Obwohl die Produktivität nicht sonderlich darunter leidet, beschreibt der frühere Mitarbeiter Claus Offe dem Biografen das Betriebsklima in Starnberg „als katastrophal, bestimmt von ständigen Rivalitäten.“ Die „abgeschottete Arbeitssituation“ habe „bei einigen Tendenzen der Verwahrlosung befördert, bis hin zum Alkoholismus.“ Müller-Doohm überschreitet jedoch an keiner Stelle die Grenze zum Klatsch, sondern stellt Habermas’ missglückte Institutsleitung in einen größeren Zusammenhang. Der Frankfurter Schüler ist in der konservativen bayerischen Provinz unerwünscht, die zur Nachwuchsförderung unerlässliche Professur an der Münchner Universität wird ihm verwehrt. Zudem gerät er im Deutschen Herbst ins Kreuzfeuer der Tendenzwende. In der feindlich gesinnten politischen Umwelt zerplatzt der Traum von der reinen Wissenschaft. Am Ende sorgt Habermas gar für eine akademische Posse, indem er seinen Rücktritt ausgerechnet mit möglichen arbeitsrechtlichen Ansprüchen einiger personeller Altlasten seines ehemaligen Co-Direktors begründet. Er kehrt ein zweites Mal an die Frankfurter Universität zurück und bleibt dort bis zu seiner Emeritierung.

Letztlich liegt der Schwerpunkt der Biografie auf der „Wächterfunktion des Intellektuellen“, die Habermas im Fortgang seiner Karriere „mit zunehmender Intensität“ ausübt. Er erscheint als einer der letzten Mohikaner in der Geistesgeschichte der Bundesrepublik, der maßgeblich an der Justierung der politischen Kultur seines Heimatlandes mitwirkt. Eine große Rolle spielt dabei die gemeinsame Verlagspolitik mit Siegfried Unseld und die daraus hervorgehende legendäre Suhrkamp-Kultur. Ganz nebenbei verweist Müller-Doohm durch seine Akzentsetzung, die von der frühen Volte gegen Heidegger über die Kritik an den Verkrustungen der „formierten Gesellschaft“, von der Auseinandersetzung mit dem „Bund Freiheit der Wissenschaft“ über den Historikerstreit bis hin zum spektakulären Bruch mit Martin Walser führt, auch auf die Widersprüche zwischen idealer Theorie und den Gesetzen der polemischen Praxis: „In der Rolle des öffentlichen Intellektuellen greift [Habermas] des Öfteren ins Arsenal ideenpolitischer Waffen. Er arbeitet mit Dramatisierungen, Generalisierungen und anderen rhetorischen Figuren der Zuspitzung, wohl wissend, dass die Ideenpolitik, die er damit betreibt, polarisierende Effekte hat, die Argumentation verflacht und somit seinem Aufklärungsideal widerspricht. Hier scheint der Zweck die Mittel zu heiligen.“

Das Werk wird insofern hintangestellt, als sich der Biograf auf übersichtliche Rekonstruktionen beschränkt, ohne selbst viel zu deuten. Die arbeitsökonomische Entscheidung gegen die Theorie in all ihrer Vielschichtigkeit ist angesichts der Fülle von vorhandenem Material verständlich. Wer sich etwa mehr für eine ideengeschichtliche Einordnung interessiert, kann komplementär zu Matthew G. Specters gelungener Darstellung aus dem Jahr 2010 greifen. Müller-Doohms Vorgehen hat jedoch einen Preis. Sein weitgehender Verzicht auf die Erläuterung der theoriegeschichtlichen Zusammenhänge, beispielsweise des staatsrechtlichen Kontexts der 50er und 60er Jahre, der Auseinandersetzung mit Luhmanns Systemtheorie oder der Liberalismus-Kommunitarismus-Debatte, verdunkelt Brüche, Revisionen und mögliche Schwachstellen im Gesamtwerk und verleiht der Biografie eine geschichtsphilosophische Note. Der Weg vom „Anderen unter Seinesgleichen“ (so der Titel des Prologs), der bereits als junger Assistent am IfS der Idee einer Schulbildung in der Kritischen Theorie skeptisch gegenübergestanden haben soll, zum eigenständigen Diskurstheoretiker des Rechts scheint allzu vorbestimmt. So wird dem erstaunten Leser schon nach wenigen Seiten offenbart, er halte „eine Biografie ohne gravierende Einschnitte und Diskontinuitäten“ in den Händen: „gekennzeichnet in erster Linie durch eine akademische Erfolgsgeschichte auf der einen und ein energisches Eingreifen ins politische Geschehen auf der anderen Seite.“ Wenig überraschend fehlt dann auch eine systematische Auseinandersetzung mit Habermas’ Kritikern, deren Einwände zwar genannt werden, zumeist aber isoliert für sich stehen. Dabei hätten weiterführende Interpretationen des Autors durchaus auch zur Stärkung eines im gewählten Erzählformat nur schwer einschätzbaren theoretischen Großprojekts beitragen können. Läuft Habermas’ Demokratietheorie, wie ein grassierendes Klischee suggeriert, etwa auf einen konsensualistischen Integrationismus hinaus und vernachlässigt die produktive Kraft sozialer Konflikte? Solche Fragen werden bei Müller-Doohm nicht gestellt, geschweige denn beantwortet. Gegen Ende hat das Buch seine größten Schwächen und wirkt streckenweise wie eine Retrospektive auf einen unstrittigen Jubilar. Die Ausschlachtung diverser Preisverleihungen ermüdet den Leser eines ansonsten stilistisch überzeugenden Standard- und Nachschlagewerks.

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