Tagungsbericht „Krieg und Frieden – Kulturelle Deutungsmuster“ (April 2014, Universität Göttingen)

Dass sich die Organisatoren der Tagung „Krieg und Frieden – Kulturelle Deutungsmuster“  einiges vorgenommen hatten, ließ schon der weit gefasste Titel vermuten. Krieg ist selbstredend nicht bloß Konflikt und Kampf, während Frieden nicht allein durch die Abwesenheit von Konflikten bestimmt werden kann. Darauf, dass das Verständnis der Begriffe immer abhängig von ihren kulturellen, räumlichen und zeitlichen Kontexten ist, sollte das Tagungsthema reflektieren und widmete sich daher den verschiedenen kulturellen Deutungsmustern aus ideen- und begriffsgeschichtlicher, empirischer und demokratietheoretischer Perspektive. Die Vorträge begaben sich auf die ambitionierte Suche nach Antworten auf eine Reihe fundamentaler Fragen: Wie weichen Kriegsverständnisse voneinander ab? Welche kulturellen Unterschiede gibt es bei der Legitimation und Delegitimation von Krieg? Was sind die Voraussetzungen für Konflikt und Gewalt?

 

Zunächst lag der Fokus im ersten Panel der Tagung auf Kriegsverständnissen in ideenge-schichtlicher Hinsicht. Konrad Göke  (Bundeswehruniversität München) stellte dabei eine Differenz zwischen essenziellem und instrumentellem Kriegsverständnis heraus: Brechen Kriege aus oder werden sie gemacht? Die Ursache für Krieg liege nach Voltaire in der „Vorstellungkraft der Fürsten“, da die Herrscher Krieg als ein Instrument der Machtausübung nutzten. Kriege werden dieser Argumentation nach also produziert, sie brechen keinesfalls einfach aus. Die Philosophen der Aufklärung argumentierten daher für den Gebrauch der Vernunft zur Vermeidung von Kriegen. Die neue Kriegsbegeisterung im Zuge der Napoleonischen Kriege brach mit diesem Verständnis. Krieg wurde legitimiert durch seine reine Faktizität, ihm wurde eine eigenständige Wesenhaftigkeit unterstellt. Gökes Fazit lautete, dass dieses so entstandene essenzielle Kriegsverständnis die Entstehung des modernen Bellizismus begründe. Diskutiert wurde die Rolle der Subjekte, von denen das essenzielle Kriegsverständnis abzusehen scheint, was es in der Folge zu einer „subjektlosen Theorie“ und damit zu einem strukturalistischen Ansatz machen würde. Göke differenzierte hier zwischen Essenz und Existenz: ein essenzielles Kriegsverständnis bedinge ein existentielles, in welchem das Wesen Krieg schließlich seine Wirkung auf das Subjekt entfalte.

Um den modernen Bellizismus ging es auch bei dem Abendvortrag Herfried Münklers (HU Berlin), der sich der deutschen Rezeption des Militärtheoretikers Carl von Clausewitz im Ersten Weltkrieg widmete. Münkler stellte sich die Ausgangsfrage, warum die Clausewitzsche Theorie im Ersten Weltkrieg so wenig Beachtung gefunden habe, um sodann zu detailgenau Strategien und Taktiken der vier Obersten Heeresleitungen zu rekonstruieren und der Frage nach nachzugehen, ob der Erste Weltkrieg einen anderen Ausgang gefunden hätte, wären die Ideen Clausewitz’ stärker beachtet worden. Peter Nitschke (Universität Vechta) hingegen hatte sich in seinem Vortrag gegen entsprechende „Nacherzählungen“ der Geschichte gewandt, wenn er die Auffassung vertrat, jede Kriegssituation sei immer wieder neu: Aus dem Betrachten vergangener militärischer Auseinandersetzungen könnten kaum allgemeingültigen Schlüsse gezogen werden.

Empirischen Aspekten der Kriegsforschung widmete sich das zweite Panel der Tagung, das sich mit Legitimationen von Gewalt beschäftigte. Klaus Schlichte (Universität Bremen) referierte anhand einiger Ergebnisse seiner Arbeitsgruppe „Mikropolitik bewaffneter Gruppen“  über die Legitimität „Bewaffneter Gruppen“ und stellte dabei zunächst die These auf, dass Legitimität einen Schlüsselfaktor für die Durchsetzung politischer Macht sei. Untersuchungen seines Forschungsprojektes zur Frage, wie (vornehmlich ausgesuchte afrikanische zeitgenössische) „Bewaffnete Gruppen“ Legitimität gewinnen, führte zu der Erkenntnis, dass westliche Normen nationaler Selbstbestimmung und des Schutzes der Menschenrechte die stärkste Durchsetzungskraft haben. Das ist insofern bemerkenswert, als sich Schlichtes Arbeitsgruppe ausschließlich mit Bewegungen befasste, die außerhalb Europas oder der USA agier(t)en. Der Umstand, dass sich nationalistische Argumente als stärkstes rhetorisches Mittel zur Legitimation auch nicht-staatlicher Akteure herausgestellten, ist Schlichte zufolge ein Beleg für die Globalisierung der westfälischen Form des Staates. Insofern sei also auch bei nicht-staatlichen Akteuren (transformierte) Staatlichkeit an sich ein zentraler Aspekt politischer Kommunikation.

Mit einem entfernteren Thema beschäftigte sich der Vortrag von Ringo Wagner (Magdeburg). Er setzte sich mit den Anfängen des Wehrsports in der DDR und Stalins Theorie der Unvermeidbarkeit von Kriegen auseinander. Stalins Theorem fand, so Wagners These, keinen Anschluss an den in der Nachkriegszeit in der DDR zunächst vorherrschenden hoffnungsvollen Pazifismus. Wagner stellte weiterhin die – freilich unintendierten – strukturellen Ähnlichkeiten zwischen der Gesellschaft für Sport und Technik, einer Wehrsportorganisation in der DDR, und der SA heraus und bezeichnete diese Ähnlichkeiten als ernstes Hindernis für die ideologische Durchsetzung des Stalinismus in der DDR: Der Stalinismus sei immer dort an Grenzen gestoßen, wo er in die Lebenswirklichkeit und Alltagsroutine der Menschen einzudringen versuchte.

Das dritte Tagungspanel legte den Fokus auf die Betrachtung von Krieg und Frieden im Kontext von Demokratie und Religion, wobei Sebastian Huhnholz (LMU München) unter dem Titel „Sieg und Frieden? Imperiale Facetten demokratischer Friedenskultur“ anhand der Semantik des asymmetrisch-imperialen Propagandabegriffs „Siegfrieden“ einige der für einen gleichberechtigten Friedensschluss hochproblematischen Implikationen und Konsequenzen moderner und insbesondere demokratischer Friedensvorstellungen darlegte. Ulrike Spohns (Münster) Vortrag diskutierte kritisch die weit verbreitete Vorstellung, dass Religion als Kriegstreiberin fungiere. Unter Bezugnahme auf entsprechende Befunde der empirischen Friedens- und Konfliktforschung erklärte Spohn, dass die Rolle von Religion als Ursache für Kriege generell überschätzt sei. Sie argumentierte, dass die in westlichen Gesellschaften gängige, im liberalen politischen Denken tief verwurzelte Annahme eines intrinsischen Gewaltpotentials von Religion auf der Vorstellung von einem unveränderlichen und undurchschaubaren ‚Wesenskern‘ der Religion beruhe, der in dieser Form schlicht nicht existiere. Kritik an der von Spohn ausgeführten These berief sich auf die mehrfach in der Bibel auftretende Formulierung „Ich aber sage euch…“, anhand derer dargelegt werden sollte, dass religiöse Schriften durchaus eindeutig und handlungsanweisend sein können und somit nicht nur ihrer Interpretation oder Auslegung unterliegen. Das hatte Spohn jedoch nie bezweifelt – dass Glaubensgewissheiten von den Gläubigen generell als unantastbar und unverhandelbar erfahren würden, allerdings schon.

 

Am Ende der Tagung ging es noch einmal um die Grundlagen:  Es wurden zentrale Begriffe der Friedens- und Konfliktforschung verhandelt, wobei sich Mischa Hansel (Köln) mit der Frage, ob es eine konservative Friedens- und Konfliktforschung gebe, beschäftigte und sich dabei exemplarisch auf das Werk des Politikwissenschaftlers und Militärstrategen Edward Luttwak bezog. Dieser wird von Hansel aufgrund seines Glaubens an eine nicht zu durchbrechenden Gesetzhaftigkeit der sozialen Welt, wegen seines zyklischen Geschichtsbildes und durch seine Grundskepsis gegenüber den Verheißungen internationaler Sicherheitspolitik als konservativ eingeordnet. Hansel betonte dabei insbesondere den von Luttwak zur „Gesetzmäßigkeit“ erklärte „paradoxe Logik der Strategie“: auf jede kriegerische Handlung folgt eine Gegenhandlung, was dazu führt, dass die erfolgreiche Ausgangshandlung bei einer Wiederholung zu scheitern droht, da der Gegner die Strategie antizipieren kann. Obwohl letztlich durch empirische Untersuchungen vielfach falsifiziert, sah Hansel in dem Werk Luttwaks – und damit dem konservativen Paradigma – ein produktives, die wissenschaftliche Debatte beförderndes Potential.

Der Vortrag Christoph Wellers (Augsburg) widmete sich schließlich aus einer wissenssoziologischen Perspektive dem konzeptionellen Wandel in der Friedensforschung. Dabei stellte er heraus, dass die Begriffe ‚Krieg‘ und ‚Frieden‘ als Zuschreibungen zu betrachten seien, die auf soziale Phänomene bezogen würden, in denen sich kulturelle Deutungen widerspiegelten. So sei Krieg nicht in jedem Fall das Gegenteil von Frieden, und auch auf der Deutungsebene habe sich die Friedensforschung von einer Forschung für den Frieden zu einer Forschung über den Frieden bzw. den Konflikt gewandelt. Diese Verwischung des Gegensatzes zwischen Krieg und Frieden ergebe sich auch aus Gattungsbegriff der „strukturellen Gewalt“, da ein erweiterter Gewaltbegriff einen erweiterten und damit wieder zu differenzierenden Friedensbegriff impliziere.

In Anbetracht der großen thematischen Breite der Tagung konnten letztlich nur einzelne Aspekte des immensen Themenkomplexes betrachtet werden, was vor allem der inhaltlichen Stringenz der Tagung zu Lasten fiel, so dass einige Vorträge mehr oder weniger für sich standen. Dementsprechend orientierte sich die Abschlussdiskussion maßgeblich am vorhergegangenen Vortrag Wellers und thematisierte unter anderem den verbreiteten Irrglauben, die Friedens- und Konfliktforschung sei  nicht in erster Linie für die Erforschung, sondern für die Lösung von Konflikten zuständig. (Politisch) lösen, so war die einhellige Meinung, ließen sich viele kriegerische Konflikte nach ihrem Beginn nicht; sie seien aber regel- und transformierbar. Die Sozialwissenschaften könnten ihren Beitrag zum Verständnis der Regeln und Transformationsmöglichkeiten leisten. In Bezug auf das Tagungsthema, die verschiedenen kulturellen Deutungsmuster von Krieg und Frieden, bot die Tagung einige spannende und konstruktive Einblicke in laufende oder bereits abgeschlossene Forschungsarbeiten. Damit ein Schuh daraus wird, scheint es allerdings sinnig, die Beiträge stärker in Bezug zueinander und zum Erkenntnisinteresse der Tagung zu setzen und vor allem auf ihre kulturelle Präformierung zu reflektieren. Man darf gespannt sein, ob der zugehörige Tagungsband, der im kommenden Frühjahr erscheinen soll, diesen Bogen schlägt.

 

 

Hannah Schmidt-Ott studiert Soziologie im M. A. an der Georg-August-Universität Göttingen. Aktuell arbeitet sie hauptsächlich zu Wirtschaftssystemen zwischen Rationalität und Mythos sowie kollektiven Bewusstseinsformen. Sie ist studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Arbeits- und Wissenssoziologie bei PD Dr. Michael Faust.

Svea Balzer studiert Politikwissenschaft im B.A. an der Universität Göttingen. Besonders interessiert sie in der Politischen Theorie das Spannungsfeld zwischen Freiheit und Sicherheit, sowie postkoloniale Perspektiven auf die Fragestellungen der Nationalismusforschung und Gender Studies. Sie ist studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Grundlagen der Sozialwissenschaften von Prof. Samuel Salzborn.

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