Next Stop: Eurasia? – Über die Untiefen der Analyse von Putins Politik

„Die Russen und die Völker der russländischen Welt sind weder Europäer noch Asiaten. Wir schämen uns nicht, uns Eurasier zu nennen“ – so lautete der Leitspruch der „Eurasischen Bewegung“ aus den 1920ern. Die russische Exilantengruppierung war in ihren Zielsetzungen und Argumenten tief im Kontext der Zwischenkriegszeit verwurzelt; seit den 1990er Jahren existieren aber Versuche, dieses Gedankengut zu reanimieren – und es politisch wirksam zu machen. So heißt es im „Eurasischen Manifest“ des selbsterklärten Ideologen Aleksandr Dugin aus dem Jahr 2001: „In der Außenpolitik umfasst der Eurasianismus einen breiten Prozess strategischer Integration und den Aufbau einer Eurasischen Union als Analog zur UdSSR auf neuer ideologischer, ökonomischer und administrativer Grundlage.“ Solche Worte hallen derzeit in verdächtiger Weise nach: Der Expansionskurs der russischen Regierung, der sich spätestens seit dem Georgienkrieg abzeichnet, deutet auf neue Großmachtansprüche hin. Inmitten der Krimkrise tritt zudem mit dem Vertrag zur Errichtung einer „Eurasischen Union“ ein lange eingefädeltes zwischenstaatliches Projekt ins Rampenlicht: Die 2010 gegründete Zollunion zwischen Russland, Weißrussland und Kasachstan gilt als Schritt hin zu wirtschaftlicher Integration zwischen drei Partnern, der aber das Potential für weit mehr kommuniziert; am Tisch der Unterzeichner ist ein Platz für die Ukraine freigehalten.

Der Eurasianismus als Name für die Großraumkonzeption Putins liefert eine konsistente Begründung für jenen politischen Kurs, der aus der Perspektive des „Westens“ irrational und erratisch erscheint. Er erscheint als neu aufgedecktes, ideengeschichtlich aber latent aktives Deutungsmuster, das nun zur Entschlüsselung der enigmatischen Politik Putins dient.

Worin besteht diese Eurasische Vision? Dugin und andere Neo-Eurasianisten treten in manchen Belangen in die Fußstapfen der „originalen“ Eurasianisten: Die Identitätskrise zwischen Ost und West wird affirmativ gewendet – mit dem Wunsch und Ziel eines politisch, kulturell und letztlich auch spirituell eigenständigen eurasischen Großraumes. In der von Dugin propagierten Variante umfasst er weite Teile der eurasischen Kontinentalplatte; geopolitischer und kulturell-essentialistischer Gegenspieler sind die Vereinigten Staaten, Europa sitzt dazwischen als Übergangszone. Dugin ist Adept einer Großraumkonzeption, die Carl Schmitts Theoreme vulgarisiert, und er sympathisiert mit der westeuropäischen Nouvelle Droite. Überhaupt lesen sich seine Beiträge bisweilen wie ein tendenziöser Grundkurs zur Politischen Ideengeschichte: Hier ein wenig Hegel, da etwas Kantorowicz, und vor allem immer wieder ein simplifizierter Schmitt. Einig ist er sich mit den meisten Neo-Eurasianisten (ähnlich wie mit den Exilanten der 1920er) darin, dass weniger ein universaler Weltherrschaftsanspruch als eine notfalls zunächst expansive Konsolidierung des Großraums – als Bollwerk gegen eine amerikanische Globalisierung – das politische Ziel der Bewegung sein müsse.

Seit den späten 1990er Jahren haben die Neo-Eurasianisten – nach einer wenig erfolgreichen Allianz mit der faschistoiden Nationalbolschewistischen Partei – mit diesem Programm seitens der Regierung mehr Duldung, ja Sympathie erfahren: Dugin, Hitlersympathisant und Stalinverehrer, ist Inhaber eines Lehrstuhls an der Lomonossow-Universität, erscheint regelmäßig im staatlichen Fernsehen, berät den Dumavorsitzenden Naryshkin, und diverse pro-eurasische Schriften werden in renommierten Verlagen wieder aufgelegt, von Lew Gumiljows Theorie zur Bildung einer eurasischen „Super-Ethnie“ bis hin zu den „klassischen“ Schriften der Zwischenkriegszeit.

Die Analyse solcher Versuche ideologischer Einflussnahme des Neo-Eurasianismus auf die politische Klasse in Moskau und St. Petersburg waren lange nur ein Steckenpferd der Ideengeschichte – nun aber wird ihnen in fast täglicher Berichterstattung von den Feuilletons prominente Bedeutung für das politische Geschehen zugeschrieben (hier, hier, auch in den Worten von Timothy Snyder, und neuestens und besonders alarmistisch hier) – begleitet von (möglicherweise ja nicht unberechtigten) Warnungen. Der Präsident unterhält Kontakt mit Dugin („Auf diesen Mann hört Putin“, so die Headline in der FAZ)! Er zitiert Berdjaew! Verschenkt gar Solowjew! Der Wunsch nach konsistenten Deutungen des halsbrecherisch erscheinenden Kurses der russischen Führung führt zur Suche nach einer im Hintergrund wirkenden Ideologie, unter dem Stichwort: Putin als Philosoph (so die FAZ hier), als Philosophenkönig und -despot, oder: als Marionette ideologischer Großprojekte. Am Ende stehe womöglich ein „russisches Hitler-Szenario“.

Doch welche Aussagekraft haben die jüngsten Analysen, die – zunächst einleuchtend – die ideologische Bewegung in direkter Kausalität als Movens gegenwärtiger politischer Ereignisse präsentieren? Wie kann der Zusammenhang zwischen Ideologie und politischem Handeln jenseits vager Vermutungen konzipiert werden? Wie eurasianistsch wird eigentlich die Eurasische Union? Und zugespitzt: Lässt sich mit ideenhistorischen Mitteln zeigen, dass eine bestimmte weltanschauliche oder theoretische Strömung in direktem Wirkungszusammenhang mit politischen Kurssetzungen steht? Gerade die Hoffnung des Prognostizierenkönnens macht diese methodische Frage interessant für die öffentliche Debatte: Nicht primär die Erklärung, sondern die Fortschreibung von Politik mittels konsistenter Deutungsmuster ist von Interesse für eine breite, unter dem Eindruck politischer Unsicherheit und Krise stehende Öffentlichkeit – und letztlich auch für gefühlt unter Zugzwang stehende politische Akteure.  Das Beispiel Eurasianismus exemplifiziert diese Erwartungen an politische Weltanschauungen deutlich: Präsentiert wird der Eurasianismus als Schlüssel nicht nur zum Verständnis, sondern regelrecht zur Voraussage russischer Außenpolitik. Nicht nur sei „Russland auf längere Zeit verloren“ (taz), wie der Blick in das faschistische Programm der Internationalen Eurasianistischen Bewegung zeige, sondern die „neue Utopie“ eines „fiktiven“ (sic!) Kontinents werde auch zu weiterer Expansion führen. Endlich, so lässt sich zwischen den Zeilen lesen, ist das Enigma imperialistischer Irrationalität seitens Putins entschlüsselt.

Grundsätzlich ist die Suche nach Grundlagen für die Prägung und Programmbildung politischer Akteure – sei es einzelner Figuren oder ganzer politischer Eliten – ein sinnvolles und plausibles Unterfangen. Die Kontextualisierung konkreter politischer Phänomene in nicht nur historischer, sondern ideenhistorischer Hinsicht kann Aufschluss gewähren über die Begründungen und Implikationen dieser Phänomene. (Ein Beispiel für das Aufzeigen solcher Kontexte und Ideentraditionen ist etwa die Rezeption von Leo Strauss im konservativen politischen Milieu der Ära Bush.) Oft sind die hergestellten Verbindungen sind aber zu einem gewissen Maße spekulativ – und mit diesem spekulativen Aspekt sollten Akteure der öffentlichen Meinungsbildung sorgsam umgehen – zumal, wenn es um das heikle Geschäft der Prognosebildung geht.

Was sind nun die Anhaltspunkte für eine Kausalanalyse oder sogar Prognose im Fall des Eurasianismus? Sie bleiben unvollständig; der Einfluss des Eurasianismus auf die Politik bleibt unklar. Üblich ist es erstens (zumal jüngst in Presseartikeln), auf inoffizielle Kontakte zur Duma oder alternativ auf die TV-Präsenz von Dugin zu verweisen. Geht es aber bei dieser ideologischen Einflussnahme um die Gewinnung der öffentlichen Meinung oder um die Kooptierung der politischen Klasse in einem wenig demokratischen System? Ist der Eurasianismus Staats- oder Massenideologie? Eine dezidierte Eurasienbegeisterung in der russischen (oder gar kasachischen oder weißrussischen) Bevölkerung scheint derzeit nicht vorzuherrschen, politische Grundsatzreden zu einer konsistenten eurasischen Programmatik lassen bislang auf sich warten. Allenfalls scheint der Eurasianismus ein politischer Einfluss unter vielen zu sein – russischer Nationalismus, Sowjetnostalgie etc. mögen in ihm widerhallen, sind aber durchaus weiterhin eigenständige politische Faktoren.

Zweitens ist fraglich, ob sich – wenn überhaupt – gerade der „lauteste“ Eurasianismus Dugin’scher Machart durchsetzen wird. Nicht jede Vision eines geeinten Eurasien ist bellizistisch, religiös orthodox, oder sympathisiert mit dem Nationalsozialismus. Gegenwärtige Analysen bleiben Anhaltspunkte dafür schuldig, dass Putins Politik eine tatsächlich eurasianistische ist: Ist die Ausweitung der russischen Einflusssphäre dafür ein hinreichendes Indiz? Der Verdacht liegt nahe, dass hier der Sensationswert über die Informationssubstanz triumphiert. Das gelegentliche Aufblitzen des Schlagwortes „Eurasien“ in den Medien und nun eben im Titel einer – tatsächlich wohl rein ökonomisch angelegten – Wirtschaftsunion rechtfertigt die Evokation Dugins als Schreckgespenst der Geopolitik nicht hinreichend.

Und drittens gilt es weiterhin zu zeigen, inwiefern dieser Neo-Eurasianismus überhaupt noch etwas mit dem doch in zentralen Punkten anders gelagerten historischen Eurasianismus zu tun haben soll, inwiefern es hier also tatsächlich um eine Denktradition geht, die nun zur Einflussnahme gelangt – oder ob Dugin sich letztlich nicht der Eurasianisten auf ähnlich oberflächliche Weise bedient wie anderer Autoren des Kanons der Politischen Theorie. Ist der Neo-Eurasianismus also überhaupt eine Ideologie, die diesen Namen verdiente?

Diese Grenzen, an die die Kausalanalyse stößt – also das Ausmaß der Unschärfe im konkreten Fall –  müssen auch die Hoffnung auf eine Prognosefähigkeit der russischen Außenpolitik problematisch erscheinen lassen. Das Beharren auf dem Neo-Eurasianismus als zentrale außenpolitische Inspirationsquelle ist äußerst heikel: Die Politikgestaltung des „Westens“ – also vornehmlich der USA und der Europäischen Union – sollte keine worst-case-Erwartungshaltung bezüglich russischer Außenpolitik zur Grundlage haben, und Analysen sollten eine solche Erwartungshaltung nicht durch den Griff zum einfachsten, schillerndsten Erklärungs- und Prognosemuster kultivieren, solange sie ihren Verdacht nicht hinreichend fundieren. Hier sind sie weiterhin auf die Ergebnisse von Ideengeschichte und Ideologieforschung angewiesen.

Sicher: Erst vor einer Woche rechtfertigte Dugin die Krimannexion – und wandte dabei die Zwei-Körper-Theorie auf Putin an („Der zweite Körper Putins ist Russland, in ihm wohnen Seele, Volk, Zivilisation Russlands“, auf russisch hier). Der „Eurasischen Bewegung“ mangelt es nicht am Willen zur Macht, und schon deshalb lohnt sich die Analyse. Ihre Bedeutungsüberhöhung aber kann nur schaden: Indem sie zur Eskalation führt durch einen hyperalarmierten Westen, dem dank verführerisch einfacher Erklärungen nur noch Böses schwant – und indem sie der Komplexität russischer Politik- und Problemlagen nicht im Enferntesten gerecht wird.

 

 

2 Kommentare zu “Next Stop: Eurasia? – Über die Untiefen der Analyse von Putins Politik

  1. Also, der Zusammenhang zwischen Struktur und Wissen/Handeln ist gänzlich ungeklärt und vllt auch nicht klärbar, da der Mensch ein kreatives Wesen ist.
    Aber wenn wir alle tot umfallen, hat uns dann die Wissenschaft geholfen? Hilft sie überhaupt noch in sozialen Kämpfen?

  2. Aber ganz im Gegenteil: Der Zusammenhang zwischen Ideologie und Politik (falls Du das mit „Struktur“ und „Wissen/Handeln“ meinst) kann sehr wohl konkretisiert werden, nur bedarf es dafür einiger Mühe statt nur steiler Thesen. Genau hier kommt die Wissenschaft ins Spiel; und sie kann im Dienst „sozialer Kämpfe“ stehen – oder schlicht im Dienst des Verstehens.

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