Fallbeil und demokratische Ikonographie: Zur bayerischen Entscheidung, die „Geschwister Scholl-Guillotine“ nicht auszustellen

Es ist ein Kreuz mit der bayerischen Demokratie. Dieser Tage wurde verlautbart, man wolle die jüngst gefundene, vormals verschollen geglaubte Guillotine, mit der neben unzähligen anderen Opfern Sophie Scholl und Hans Scholl hingerichtet worden waren, nicht in geeigneter Weise öffentlich ausstellen. „Leicht kann es nämlich passieren, dass diese Guillotine zum bevorzugten Reiseziel für Eventtouristen und für Voyeure wird“, wird der bayerische Kultusminister zitiert. Abgesehen von der merkwürdig verklausulierten Begründung und der Frage, inwieweit man dem CSU-Mann hierin folgen sollte, ist der Gegenstand der nicht öffentlich diskutierten Frage des richtigen Umgangs mit einem Fund, der an das Problem von Dostojewkis Großinquisitor oder an die Politische Theologie Ernst Kantorowiczs erinnert, den man jedenfalls lieber nicht gemacht hätte, erkenntnisreich.

Man muss sich dafür nicht nur vergegenwärtigen, dass eine Guillotine in der Ikonographiegeschichte der politischen Ideen nicht die Barbarei verkörpert, sondern den Fortschritt. Die Guillotine war Inbegriff der Republik, stand am Beginn der westeuropäischen Moderne und galt als Ausdruck höchster Humanität. Sie war ein Symbol der Freiheit, insofern sie die Feinde der Freiheit schnell, sauber und schmerzfrei tatsächlich aus dieser Welt schaffte, und sie überdies symbolisch enthauptete. Denn die Abtrennung des Kopfes war Symbolsprache des Antimonarchismus: Der geköpfte Karl I. war es, dessen für Thomas Hobbes traumatische Hinrichtung die Geburt des stiefväterlichen Leviathan provozierte, und die französischen Revolutionäre wussten diese ikonographische Linie bild- und symbolsprachlich glänzend zu beerben. Im Deutschen kündete der Doppelsinn von „caput“ und „kaputt“ noch lange Zeit vom subversiven Scharfsinn des Volksmundes.
Man muss sich überdies klar machen, dass insbesondere das Bild Sophie Scholls einen Status inne hat, der einer religiösen Ikone gleichkommt. Scholls anziehende Intelligenz, ihre unerhörte Herzensklugheit und der freie Lebenshunger, der aus dem Nachlass der 1943 hingerichteten Studentin spricht, überhöhen ihren Mut und ihre Aufrichtigkeit in einer Weise zur Anklage, die von der wohl einzig vergleichbar bekannten jungen Frau, der Schriftstellerin und als Jüdin verfolgten Anne Frank, so nicht ausgehen konnte. Frank musste sich verstecken, schrieb für ein späteres Publikum. Sophie Scholl konnte, wie die meisten nicht-jüdischen Deutschen, Widerstand wagen, aber im Gegensatz zur riesigen Mehrheit tat sie es auch. Dass sie darüber ermordet wurde, macht sie per definitionem zu einer Märtyrerin. Daher gehört auch die ihren juristischen Verurteilungs- und schließlichen Todesumständen eigene Eschatologie zur religiösen Dramaturgie des Lebens und Sterbens Sophie Scholls. Denn es ist offensichtlich, dass hier passgenau die christlich präformierte Passion bedient wird: Leben in Reinheit, Handeln ohne Alternative, Bekenntnis zur tödlichen Folge des eigenen Müssens. Noch die gleichnamige Verfilmung von Marc Rothemund über Sophie Scholl – Die letzten Tage (2005) lässt uns durchweg wissen, dass für Sophie Scholl die Guillotine das Kreuz war; Vater Scholl tritt gar an die Stelle der Muttergottes, teilt seinen zum Tode verurteilten Kindern mit: „Ihr habt alles richtig gemacht. Ich bin stolz auf euch.“ Scholl, so lernen wir, ist kein Opfer, sie bringt eines.

Doch beginnt genau damit ein weiteres Problem. Der ikonische Verehrungsdruck, der auf der toten Sophie Scholl liegt, hat einen perfiden Beigeschmack. Er macht den demokratischen Gebrauch der zivilen Tapferkeit der Weißen Rose gleichermaßen zur Verpflichtung und lenkt ihn ins Leere. Das ausgestellte Leben und Sterben der Sophie Scholl soll uns die Barbarei der Nazis beweisen, nicht unsere eigene. Die politische Benutzung muss der Leere huldigen, die Sophie Scholl symbolisch und für manche auch real hinterlässt, soll vielleicht noch danke sagen, doch das ginge ja auch leise. Kurzum, die politische Ikonographie der Sophie Scholl ist gerade das Gegenteil dessen, was demokratische Ikonographie ausmacht, ist weder identifikationsoffene Leere noch ermunterndes Vorbild oder aktivistischer Nachahmungseifer.
Denn was Sophie Scholl tat, muss im Sinne des politischen Märtyrertums konsequentermaßen zur Nachahmung zwar empfehlen, wer überhaupt pathetisch darüber meint sprechen zu müssen. Doch wer darüber heute pathetisch spricht, kann dies ausschließlich eingedenk der Behauptung tun, ein derartiges Märtyertum wäre hierzulande unnötig. Der gegen das nationalsozialistische Deutschland gewagte Widerstand von Sophie und Hans Scholl, von Christoph Probst, Willi Graf, Alexander Schmorell, Kurt Huber und wenigen anderen, hätte im liberal- und prozeduraldemokratischen Nachfolgestaat nämlich gar keine Adresse. Die Grundrechte sind in der BRD der Gegenwart bombensicher, keine aktivpolitisch-volkssouverän ausübbaren Freiheitsrechte mehr zwar, dafür passive Verhandlungssache eines grundgesetzlich zurechtbetonierten Jurisdiktionsstaates. Richterrecht und höchstrichterliche Rechtssprechung sind zu depolitisierenden Institutionen liberalistisch eingehegter Freiheitsrechte geworden, ist von Ingeborg Maus bis Peter Häberle zu lesen. Wozu also noch politisch handeln, wo dezenter Karlsruher Biedermeier das im refeudalisierten Merkelstaat postdemokratisch gewordene Parlament instinktsicher, hochverehrt und verfassungskonform vertritt?

Wo der Widerstand der Scholls hingegen doch nochmal eine idealtypisch vorbildliche Adresse finden könnte, wird’s entweder schnell pikant und darum ein Fall für berufsdiplomatische Leisetreter wie jüngst noch im Fall der NS-Raubkunst von Cornelius Gurlitt, für Eigentumsadvokaten also, die einen eigentlich sehr angebrachten Skandal und verdienten Imageschaden von Amts wegen vom Staate abwenden wollen. Oder es wird, und das ist leider die Regel, nur noch geschmacklos. Das routinierte Hohelied politischer Amtsträger auf die „damalige“ Vorbildlichkeit der Weißen Rose und die „uns“ heute daraus erwachsene demokratische Verpflichtung nämlich ist Nonsenskommunikation für staatsbürgerkundliche Selbstbeweihräucherungsfeste. Denn wer will und kann, sollte um Sophie Scholl und ihre Mitstreiter doch besser trauern, rasend werden oder vielleicht auch nur still sein vor Scham über das, was wir so alles tolerieren, ohne aufzubegehren, selbst in die sogenannte Politik zu gehen oder solche Repräsentanten nachdrücklicher abzusetzen, die für nichts als Falschheit stehen.

Wer hingegen meint, Demokratie achten oder Freiheit verteidigen zu müssen, weil Sophie Scholl ermordet wurde, ist später Nutznießer der Guillotine. Das autoerotische Abfeiern politischen Heldengedenkens ist insofern so demokratisch wie es diktatorisch war; der Unterschied liegt wohl nur im Grad der Freiwilligkeit und der Rührseligkeit. Es gehört jedenfalls zum Preis der demokratischen Indienstnahme toter Märtyrer, dass man betont, ihrem Vorbild gerade nicht nacheifern zu brauchen, sondern nur irgendetwas daraus lernen zu sollen. Dankbarkeit für den bayerischen Freistaat beispielsweise, für seine mit Abstand gewaltfreudigste Polizei der Republik, für die von den Politischen Polizeien mindestens verkorkste NSU-Verfolgung, für den Fall Mollath und die politische Psychiatrie, für das Recht, nach behördlicher Anmeldung irgendwo am Stadtrand seine wie auch immer eigene Meinung in die polizeilich dafür eigens schwer gesicherte Sackgasse schieben zu dürfen usw.

Sicher sind die protzigen Symbole des spärlichen Widerstands und des rituellen Gedenkens auch in München allgegenwärtig – gerade dort, könnte man manchmal meinen. Die so abgrundtief fröhliche und sinnlos selbstbewusste ehemalige „Hauptstadt der Bewegung“ hat viele dunkle Ecken, an denen banal gedacht werden kann oder aller Ausstellung zum Trotz gar nicht. Der sogenannte „Platz der Opfer des Nationalsozialisten“ etwa beheimatet sinnigerweise eine geometrisch eingekerkerte „ewige Flamme“, wo einst Braunhemden ihre zackig gewinkelten Fackelmärsche abhielten. Der U-Bahnhof der Universität prunkte jüngst erst wieder mit einer selbstherrlichen Vitrinenausstellung über das „guade oide“ München – mitsamt Foto der früheren städtischen NSDAP-Zentrale unter der Hakenkreuzfahne. „Dahoam is dahoam“, mochte man rufen.
Die Universität selbst, deren einstige Mitarbeiter die Scholls der Gestapo auslieferten, führt den Namen der Geschwister makabererweise sogar als Postadresse: Wer heute an die LMU München schreibt, muss die Namen der verratenen Studenten Scholl schreiben. Und noch das Hauptgebäude der Universität, das immerhin eine Gedenkstätte für die Weiße Rose beherbergt, kehrt die christliche Ikonographie des Leidensweges listig um: Man steigt die Haupttreppe mühsam empor und sieht – monarchistische Erlösung: linkerhand einen Luitpold, rechterhand einen Ludwig. Um etwas über die Weiße Rose zu erfahren, muss man wie Dante in der Commedia hinabklettern, vorbei an einer ausgerechnet rechts außen platzierten Büste Sophies, um letztlich in den Keller zu gelangen, ganz nach unten; fehlt nur noch das ewige Feuer…
Das politologische Institut der LMU führt die Geschwister Scholl sogar als Namen; Konsequenzen für Alltag, Veranstaltungen, Studierendengeist freilich hat das nicht und der zeithistorische Teil der Lehrcurriculums ist in der Menge des praktischen Angebots nahezu unsichtbar. Die Bilder der Scholls hingegen sind Standardschmuck der Websites, mit wenig Mühe lassen sie sich souverän übersehen (obwohl man dank Michael Weigl Sophie und Hans anklicken könnte). Bekundungen für Erstsemester, was die Namensgebung des Geschwister-Scholl-Instituts so alles implizieren könnte und müsste, werden unterlassen, vielleicht auch nur aus Unachtsamkeit vergessen.

All dies aber nun macht den Fund der Guillotine, mit der wohl wenigstens Sophie und Hans Scholl ums Leben gebracht wurden, zu einer außergewöhnlich unbequemen Reliquie. Da Sophie Scholl viele theologische Attribute einer Heiligen trägt, kann sie nicht einfach zu jener volksdoofen Ikone säkularisiert werden, die die Münchener Politschickeria für hinreichend ungefährlich hält. Entsprechendes gilt für das Werkzeug, das Scholls Leben beendete: es behält seinen historischen Symbolcharakter, Exekutionsinstrument des Volkswillens zu sein und muss wohl gerade deshalb vor dem Volk versteckt werden.
Wie durch ein schmutziges Fenster also schleicht sich im Schatten der Guillotine eine politische Theologie ins Bewusstsein zurück, die zu politisch ist, um sie mit klassischem religiösen Zeremoniell zu lösen (Enthüllung an hohen Feiertagen etwa), zu heilig, um sie profan zu behandeln (als bloßes Museumsstück, als Aservatenaccessoire, als Brennholz etc.), und zu vieldeutig, um das Fallbeil als öffentlichen Schrein schmatzenden Schülergruppen vorzusetzen, dem Thrill erkalteter Pärchen auszuliefern oder dem der Durchschnittsverblödung des Reisemarktes und Metropolenzirkus gedankten Zufall, dass in bajuwarischen „Touristenführern“ „siehe auch: Weiße Rose“ in den Eintrag „Hitlers München“ gedruckt wird. Insofern hat der bayerische Kultusminister nicht Unrecht: Die Sache ist gleichwie riskant, politisch entlarvend und demokratisch besser nicht lösbar.

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