Ernesto Laclau und die Bibliothek des Jorge Luis Borges

Ernesto Laclau ist gestorben. Wie jeder Nachruf ist auch dieser dem unhintergehbaren Dilemma ausgesetzt, sich dem Tod widmen zu müssen, einem Thema, über das es nichts zu sagen gibt, was gesagt werden müsste. Der Tod entzieht sich radikal jeder Erkenntnis und der Fehler jeder Religion ist es seit jeher gewesen, das Wissen an die Stelle des Glaubens zu setzen und sich dadurch selbst verlustig zu gehen. Was den Tod angeht, ist jede_r auf seine_ihre Phantasie verwiesen. Jorge Luis Borges schrieb einmal, er würde sich das Paradies als eine riesige Bibliothek vorstellen, in der man, stetig auf neue Gänge stoßend, ewig lesen und wandeln könnte. Es macht Freude, sich vorzustellen, wie Ernesto Laclau an diesem Ort die Augen aufschlägt und sich einem lächelnden Borges gegenübersieht. Solche Bilder helfen, dem Tod ins Auge zu blicken, dem unseren, dem unserer Lieben und dem Ernesto Laclaus, in dem alle jene anderen Tode ebenso beschlossen liegen wie der seine in unserem liegen wird.

Um dem Dilemma des Todes zu entkommen, widmen sich Nachrufe gewöhnlich dem Leben. Ernesto Laclau wurde in Argentinien geboren, er war zuletzt Professor für politische Theorie an der Universität Essex und Autor bekannter und (mit Chantal Mouffe) weit rezipierter Bücher wie etwa „Hegemonie und radikale Demokratie“. Auch über sein Leben als politisch handelnder Mensch könnte viel gesagt werden. Doch stellt sich die Frage, ob ihm dies gerecht werden würde. Eine Betrachtung seiner akademischen Stationen würde eine Karriere rekonstruieren und Ernesto Laclau so erscheinen lassen, als wäre diese sein eigentliches Ziel gewesen. Eine Darstellung seines privaten (und damit auch politischen) Lebens schlösse ihn in die Kategorie des Subjektes ein und liefe Gefahr, sein Denken in das Gefängnis einer Biographie zu sperren.

Ernesto Laclau war vor allem ein Denker – seine akademische Laufbahn und sein politisches Engagement die logische Folge daraus. Wo das Denken Mittel zum Zweck ist, sich im akademischen Betrieb an die Spitze zu kämpfen, wo also das Medium die Botschaft ist, wie Marshall McLuhan sagen würde, bleibt von einem_r Denker_in meistens nur eine lange Literaturliste übrig, die irgendwann aus dem Netz genommen wird. Wo das Denken sich wie bei Ernesto Laclau selbst das Ziel ist, bleibt ein Stachel im Fleisch der Leser_innen, der sie nicht mehr loslässt und ihr Denken antreibt. Marx hinterließ die Analyse der Ware, Sartre die Verurteilung zur Freiheit, Foucault die Subjektivation – das Denken bringt Bedeutungsverdichtungen hervor, deren Sprengkraft Schritt für Schritt durch die Rezeption zur Explosion gebracht werden muss.

Ernesto Laclaus Theorie ist nicht im Ansatz erschlossen. Es gibt heute weder eine deutschsprachige Einführung in sein Werk noch ist selbiges komplett ins Deutsche übersetzt worden. Ausgehend von einer im Beginn begriffenen Rezeption bestimmen zu wollen, was vom Denken eines Menschen überdauern wird, ist notwendigerweise ein spekulatives Unterfangen, da die Rezeption immer vom Geschick der Zukunft abhängt und damit an die Kontingenz gebunden bleibt.

Ausgehend von der heutigen Zeit (denn eine andere haben wir nicht), einer Zeit, in der Veränderung unmöglich erscheint und das Moment des Politischen hinter einer Politik verschwindet, die zur Verwaltung erstarrt ist, liegt eine der zentralen Erkenntnisse Laclaus in zwei logisch eng verknüpften Feststellungen: Das Politische und das Subjekt sind ontologische Kategorien.

Wie er in seinen Büchern und Aufsätzen (paradigmatisch ist hier immer noch „Was haben leere Signifikanten mit Politik zu tun“ aus „Emanzipation und Differenz“) immer wieder gezeigt hat, beruht jedes Gesellschaftssystem auf einem konstitutiven Ausschluss. Der Innenraum des Sozialen stabilisiert sich durch den gemeinsamen Bezug seiner Elemente auf einen übergeordneten Referenzpunkt, der je nach dem jeweiligen System in Freiheit, Gleichheit oder ähnlichen Begriffen liegt. Da dieser Bezugspunkt ein Signifikant ist, entleert er sich genau in dem Maße, in dem er immer mehr Elementen des Sozialen als gemeinsame Klammer dient, und wird (tendenziell) zu einem leeren Signifikanten. Elemente ohne Bezug zum leeren Signifikanten bilden den Außenbereich des sozialen Systems, von dem sie durch einen Antagonismus (drinnen/draußen) getrennt sind. Da der Innenraum des Systems sich durch den Bezug auf den leeren Signifikanten ebenso stabilisiert wie durch die Abgrenzung gegenüber den ausgeschlossenen Elementen, kann das Ausgeschlossene niemals am Platz gehalten werden und macht sich immer wieder spürbar, indem es in den Innenraum des Systems einbricht, um entweder vertrieben zu werden oder dessen Gestalt zu verändern. Die Verlaufslinie des Antagonismus, entlang derer sich politische Systeme konstituieren, ist also immer in Bewegung und keinem noch so monolitischen System gelingt es je, diese Bewegung abschließend zu unterbinden. Die völlige Dominanz aller sozialen Elemente liefe auf die vollkommene Entleerung des leeren Signifikanten hinaus, der unter diesen Umständen seine Funktion als Klammer nicht mehr erfüllen könnte, und würde zum Zusammenbruch des Systems selbst führen. Die Bewegung, die Tatsache, dass die Grenze immer zur Verhandlung steht, ist das Politische und der Spielraum der Bewegung ist das Subjekt.

Da Ernesto Laclau diese Elemente seiner Theorie stets logisch hergeleitet hat, sind das Politische und das Subjekt keine historischen Kategorien, die an bestimmte Umstände gebunden wären und mit dem viel beschworenen „Ende der Geschichte“ zu verschwinden drohten. Laclaus Mut als Denker zeigt sich nicht zuletzt an der Tatsache, wie er das Politische und das Subjekt innerhalb seiner Analyse der Kontingenz entzieht und sie dadurch zu Kategorien macht, die stets dort zur Geltung kommen werden, wo Menschen versuchen, ihr soziales Leben zu organisieren. Judith Butler hat ihm dies mit dekonstruktivistischem Gestus als unzulässige Verallgemeinerung vorgeworfen. Solange wir keine anderen verbindlichen Gesetze kennen, als diejenigen der Logik, ist seiner Theorie des Politischen und des Subjekts nicht zu entkommen.

Doch dieses Vermächtnis ist nur zum Teil ein theoretisches. Zum anderen ist es ein menschliches – ein Aufruf zum Optimismus, zur Einsicht in die Notwendigkeit des Engagements und die Erkenntnis der Tatsache, dass es niemals zu spät ist, die Welt zu verändern, da kein „Sachzwang“ jemals in der Lage sein wird, das Subjekt zu verdrängen. Laclaus Denken schließt aus dieser Perspektive immer die Aufforderung zum Handeln ein. Wer ihm zustimmt, muss Position beziehen, sich überlegen, auf welcher Seite des Antagonismus er_sie steht, zu wem es zu halten gilt, wenn die Grenze in Bewegung gerät. Wer ihm beipflichtet, muss stets aufs Neue den Freiraum ausloten, in dem die Handlungsfähigkeit des Subjekts zu finden ist, das in der Theorie Ernesto Laclaus einmal mehr seinen Tod überlebt hat. Laclaus Überleben wird nicht nur im Text zu finden sein, es ist auch und vor allem der Stachel in unserem Fleisch, der uns immer wieder zum Denken und Handeln antreibt, in einem Raum des Politischen, der – immer in Bewegung – unser aller Existenz durchzieht, ob wir wollen oder nicht.

Wenn Borges Recht haben sollte – und das ist genauso möglich wie jede andere Vorstellung auch – dann schlägt Ernesto Laclau vielleicht jetzt die Seite eines neuen Buches auf. Sein theoretisches Vermächtnis ist ein wesentlicher Beitrag dazu, uns dasselbe zu ermöglichen.

 

Lars Distelhorst ist Politikwissenschaftler und arbeitet und lebt (vor allem) in Berlin. Er hat gerade ein neues Buch mit dem Titel „Leistung. Das Endstadium der Ideologie“ bei transcript veröffentlicht.

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