Ein politischer Wissenschaftler im „Zeitalter der Extreme“. Nachruf auf Reinhard Kühnl (1936-2014)

Reinhard KühnlWenn die Arbeiten von Reinhard Kühnl, der am 10. Februar nach langer schwerer Krankheit verstorben ist, öffentliche Erwähnung fanden, wurde sein Name meist mit einem Zusatz versehen, der heute beinahe anachronistisch klingt. Kühnl war „Faschismusforscher“, ein marxistischer zumal – und darüber hinaus nicht nur im deutschsprachigen Raum über Jahrzehnte hinweg einer der bekanntesten Vertreter seiner Zunft.
In 14 Sprachen wurden seine Werke übersetzt; 1973 lehrte er auf Einladung des „deutschen Jakobiners“ Walter Grab als Gastprofessor in Tel Aviv. Die im Rowohlt Verlag erschienenen Titel wie „Formen bürgerlicher Herrschaft“ (1971) oder „Faschismustheorien“ (1979) erlebten seit den siebziger Jahren zahlreiche Auflagen mit weit über einhunderttausend verkauften Exemplaren. Seine 1969 bei Suhrkamp erschiene Studie zur NPD ist die vielleicht bekannteste Darstellung jener frühen Phase des deutschen Neofaschismus und auch gegenwärtig noch in zahlreichen Bücherregalen des lesenden Teils der Aktivisten anzutreffen. Kühnl war, was heute paradox scheint, ein Bestsellerautor der deutschen Linken. Später, als „fortschrittliche“ Theoriebildung nach der Wiedervereinigung keine Konjunktur mehr hatte und neue Verlagsbesitzer eine gründliche Sortimentsbereinigung vornahmen, erschienen seine Werke dort, wo vor allem die marxistische Gesellschaftskritik wieder ihren vornehmsten Platz eingenommen hatte – in linken Kleinverlagen, die traditionell dem kargen Geschäft der Insolvenzvermeidung frönen. Die Gedanken sind frei, doch das Nähere regeln der Markt und die Moden.

1936 in Schönwerth (Tschechoslowakei) geboren, studierte Kühnl, der Spross böhmischer Umsiedler, in Marburg und Wien unter anderem Politik und Geschichte. In Marburg traf er auf Wolfgang Abendroth, den „Partisanenprofessor im Lande der Mitläufer“ (Jürgen Habermas), bei dem Kühnl 1965 über „Die nationalsozialistische Linke 1925-1930“ promovierte. Kühnls dezidiertes Urteil über alte und neue Nazis machte ihn schnell verdächtig. Unheimlich schien auch, dass Intellektuelle seines Typs zunehmend die Unterstützung jener Teile der Studentenschaft fanden, die nicht von Marburger Burschenherrlichkeit träumten und als junge Füchse alten Herren dienen wollten. Vor allem Ernst Nolte torpedierte Kühnls Habilitationsverfahren nach allen Regeln der Kunst. Der ausführliche Bericht der Zeit aus dem Jahre 1971 gibt noch heute einen Geschmack von den ideologischen Gefechtslinien in jener Zeit. Marxisten auf dem Lehrstuhl waren schon damals ein Sonder- und für viele gar ein Betriebsunfall; besonders, wenn sie in vernehmlicher Distanz zur Sozialdemokratie standen und gar den Eisernen Vorhang lüften wollten. Dass diese Wege nach Moskau führen, fürchtete nicht nur die Union. Kühnl war dennoch kein Parteikommunist, konnte aber auch nicht der Kritischen Theorie Frankfurter Provenienz zugeordnet werden. Zu seinen Unterstützern zählten wenige akademische Förderer, dafür jedoch zahlreiche studentische Aktivisten, die klassische marxistische Forschungen forcieren wollten. „Marx an die Uni!“ war in den Siebzigern ein beliebter Schlachtruf, der in Marburg besonders laut nachhallte.

Kühnl hat zahlreiche Schüler meist außerhalb der Lehrstühle geprägt – in den Gewerkschaften und Parteien vor allem. Auch zahllose spätere Lehrerinnen und Lehrer setzten sich in seinen Seminaren beispielsweise mit der Darstellung des Dritten Reiches in den Schulbüchern auseinander. „Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten“ legte seit 1975 zentrale Voraussetzungen und Grundlagen des NS-Regimes dar, während andernorts über Hitlers Innenleben meditiert wurde. Kühnl war, auch das scheint anachronistisch, ein parteilicher Denker. Die Ursachen für Faschismus und Krieg waren vornehmlich in der kapitalistischen Produktionsweise zu suchen. Sein Thema war dabei auch, dass die Massenzustimmung dafür nicht einfach aus der Ökonomie abgeleitet werden kann. Als Mitstreiter Abendroths bestens an der Bonapartismus-Theorie geschult, richtete er den Blick auf die Bündnisse zwischen Partei und Wirtschaft. Auf die Vorlieben dominanter Fraktionen des deutschen Bürgertums für autoritäre Lösungen hinzuweisen, war in der damaligen Bundesrepublik eine aufklärerische Leistung, die ihm zahlreiche Feinde einbrachte. Auch die postfaschistischen Kontinuitäten hatte Kühnl kühl im Blick. Dass der Schoß noch fruchtbar schien, war für Linke wie ihn, der sich wider den Revanchismus für die Aussöhnung mit der Tschechoslowakei einsetzte, ein Lebensthema.

Kühnl war kein „Politologe“, sondern ein dem eingreifenden Denken im Sinne Brechts verpflichteter politischer Wissenschaftler. Im „Bund demokratischer Wissenschaftler“ (BdWi) war er lange Jahre eine treibende Kraft, als Mitherausgeber der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ schaffte er im Kalten Krieg, der hierzulande besonders heftig ausgefochten wurde, ein Forum für abweichende Positionen. Besonders die akademischen Repräsentanten der Friedenbewegung kamen hier zu Wort. Auch außerhalb der Universitäten besaß Kühnl eine bemerkenswerte Strahlkraft. Im Rahmen der gewerkschaftlichen Bildung konnte er komplexe Sachverhalte so darstellen, dass er auch jene erreichte, die tagsüber vor allem als Anhängsel der Maschinen fungieren mussten. Ob in Volkshochschulen, auf Demonstrationen oder als Podiumsdiskutant auf antifaschistischen Kongressen, Kühnl war ein faszinierender Redner, der gerade junge Leute begeistern konnte. Wissenschaftliche Tätigkeit schien unter seiner Ägide geradezu ein sinnliches Vergnügen. Seine Vorlesungen waren nicht zuletzt: Lesungen. Warum auch eine staubtrockene Tabelle auf den Overheadprojektor legen, wenn ein Gedicht oder dialektischer Gedanke von Brecht das Problem doch viel besser darstellen konnte?

Kühnl war, was man heute einen traditionalistischen Linken nennen würde; ein Linker, der im „Zeitalter der Extreme“ (Eric J. Hobsbawm) geprägt wurde und der in diesem überdeterminierten Rahmen agierte, stritt und irrte. Fehleinschätzungen und Illusionen waren dem „DKP-nahen Schüler Wolfgang Abendroths“, wie ihn die taz in einer Kurznotiz zu seinem Tode nannte, nicht fremd. Einige der apologetischen Tendenzen der Siebziger wurden auch von ihm vertreten. Ein Dogmatiker, wie die Meldung insinuiert, war Kühnl allerdings nicht. Wer das Glück hatte, bei ihm forschen zu dürfen, traf wohl nicht nur in seinen späten Jahren auf einen freundlich gesinnten Gelehrten, der das eigene Urteil förderte und bei den konzeptionellen Gesprächen den Eindruck vermittelte, als habe er alle Zeit der Welt für seinen Schützling reserviert. Selbst nach seiner Emeritierung standen die Studentinnen und Studenten vor seiner Tür noch Schlange. Ungehalten konnte er allerdings auf mit großer Geste vorgetragenes Geschwätz reagieren, Geschwätz von links zumal. Kein Wunder, dass Kühnl deshalb zur Zielscheibe politischer Grüppchen wurde, deren Agitprop mitunter das Niveau eines Studentenulks hatte. Zu den Nebenwirkungen der Marburger Marx-Lektüre gehörte nun einmal, dass einige Epigonen ihre bescheidene Version der „materialistischen Gesellschaftskritik“ im Stil von rechtgläubigen Predigern vortrugen – Kühnl war da eine Reizfigur.

Auch die eigenen politischen Freundinnen und Freunde mussten sich von Kühnl unangenehme Argumente anhören. Den traditionellen Antifaschisten legte er dar, dass die Dimitroff-Thesen von 1935, wonach der Faschismus an der Macht „die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“ darstelle, unzureichend seien. Besonders der „Massenmord an den Juden“ könne nicht unmittelbar aus Kapitalinteressen abgeleitet werden. Kühnl, der ebenso wie seine sozialdemokratischen Kritiker aus dem so nahen wie fernen Frankfurt die Marxschen Frühschriften schätzte, war kein Anhänger schlichter Ableitungen. Dem zum ökonomistischen Reduktionismus neigenden Teil der Linken schrieb er ins Stammbuch: „Dialektische Gesellschaftsanalyse ist mit der Vorstellung einer direkten und einseitigen kausalen Determination durch die Basis unvereinbar.“ Es zählt zu den Leerstellen, dass dieses Postulat nach 1990 nicht mehr vertiefend und mit Blick auf den neuen Forschungsstand ausbuchstabiert wurde.

Warum die Faschismusforschung, die marxistische ohnehin, zumindest unter diesem Namen und anders als im angelsächsischen Raum hierzulande aus der Mode gekommen ist, soll an dieser Stelle nicht erörtert werden. Und auch nicht, warum breite Teile der Linken gut daran täten, mal wieder gehörig den Staub aus den Buchregalen zu fegen. Sicher ist, die Werke von Reinhard Kühnl blieben auch nach diesem Ritual der Erneuerung auf ihrem Ehrenplatz – damit studierende Hände rasch nach ihnen greifen können.

Richard Gebhardt lebt und arbeitet in Aachen. Er war bis 2013 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politische Wissenschaft der RWTH Aachen und forscht u.a. zur extremen Rechten, Ideologietheorie und zum politischen System der USA.

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