Mehr Visualisierungen wagen!?

Theoretische Ansätze stecken in einer doppelten Komplexitätsfalle: Sie haben den Ruf, äußerst komplexe Gegenstände mittels komplizierter Modelle zu analysieren.

Spätestens bei Sichtung zeitgenössischer Theorien des Sozialen bzw. des Politischen wird offensichtlich, dass dieser Ruf nicht zu Unrecht besteht. Die politische Theorie hat ein Problem mit der einfachen Vermittlung komplexer Inhalte. In besonders drastischer Weise offenbart sich dies bei der Behandlung theoretischer Inhalte im Rahmen der universitären Lehre. Ein gutes Beispiel kann sicherlich helfen, aber letztlich muss trotzdem das theoretische Grundmodell vermittelt werden, um die spezifische Perspektive des Ansatzes zu erläutern. Findet diese Vermittlung ausschließlich in schriftlicher oder mündlicher Form statt, stößt sie bisweilen an ihre Grenzen – daher plädiert dieser Beitrag für den Mut zur verstärkten Visualisierung politischer Theorie.

Denn: Das Kommunikationsproblem politiktheoretischer Ansätze ist angesichts der äußerst vielfältigen, spannenden und höchst relevanten Forschungsansätze weniger inhaltlicher als vielmehr kommunikationsstrategischer Natur. Eine mögliche Lösung könnte der vermehrte Einsatz visueller Darstellungsformen sein. Daher soll an dieser Stelle diskutiert werden, welche Argumente für Visualisierungen komplexer theoretischer Modelle sprechen. Sechs Punkte hierzu:

Sichtbarkeit
In der allgemeinen Kommunikationskultur lässt sich in den vergangenen Jahren eine Entwicklung beobachten, die insbesondere die visuelle Vermittlung komplexer Inhalte mit besonderer Aufmerksamkeit bedenkt. Unter dem Schlagwort „Infografiken“ versucht man, komplexe Inhalte verständlich und fassbar aufzubereiten. In vielen Fällen handelt es sich hierbei um visualisierte Statistiken, es finden sich aber auch Darstellungen historischer Ereignisse oder wissenschaftlich fundierte Erzählungen (Vgl. Beispiele unten). Infografiken werden aktuell massenhaft betrachtet, geteilt, kommentiert und sind in den sozialen Medien äußerst sichtbar. Dieses Beispiel zeigt, dass visuell sowie inhaltlich aufbereitete wissenschaftliche Ergebnisse in der allgemeinen Öffentlichkeit durchaus Aufmerksamkeit finden können.

Verfügbarkeit
Dabei ist das Erstellen von Grafiken nicht mehr wenigen Menschen vorbehalten: Schon im Rahmen üblicher Präsentationssoftware können Visualisierungen leicht erstellt werden – in den letzten Jahren wurde dies durch frei verfügbare Spezialsoftware für Visualisierungen ergänzt (Eine Übersicht findet sich bspw. hier). Entsprechend steht diese Option der visuellen Kommunikation von komplexen Inhalten einer breiteren Masse an Menschen zur Verfügung.

Bewährte Praxis
In anderen wissenschaftlichen Disziplinen findet sich schon länger die Praxis, komplexe Inhalte in Form visueller Darstellungen zu vermitteln (bspw. in der Biologie oder Physik). Dies gilt insbesondere für Lehrbücher – die dort etablierten Visualisierungen prägen unser Verständnis vom entsprechenden Gegenstand und gehören zum allgemeinen Wissensbestand.

Chance zur kritischen Debatte
Die Wirkung visueller Darstellungen ist immens, aber stellenweise ambivelant. So birgt sie auf den ersten Blick die Gefahr der verfälschten, verkürzten wissenschaftlichen Aussagen. Die Praxis der Visualisierung wissenschaftlicher Ergebnisse ist also nicht ohne Gefahren. Letztere sollten jedoch nicht dazu führen, grundsätzlich auf dieses Kommunikationsform zu verzichten. Vielmehr ist eine Debatte über Gefahren und Potentiale notwendiger Teil einer Öffnung für visuelle Darstellungsformate – sie kann aber erst dann geführt werden, wenn sich eine Disziplin stärker mit dieser Kommunikationsform beschäftigt.
Eine verstärkte Nutzung visueller Darstellungsmittel könnte also die Präsenz komplexer politiktheoretischer Inhalte in der allgemeinen Öffentlichkeit stärken.
Dabei ist die Qualität wissenschaftlicher Arbeiten selbstverständlich nicht abhängig von ihrer Attraktivität in populären Kommunikationsumgebungen. Ganz uninteressant ist dieser Aspekt aber auch nicht.

Diskursive Prägekraft
Die potentielle Kraft wissenschaftlicher Inhalte, also die Relevanz des Wissens für die Gesellschaft oder auch der Anstoß weiterer Forschungen, ist eng gekoppelt an die Verbreitung, Verständlichkeit und Sichtbarkeit des jeweiligen Inhalts (Vgl. Leggewie 2008, 21). Wissenschaftliche Inhalte stehen insofern auch in einer erweiterten diskursiven Konkurrenz – ihre Geltungskraft ist nicht allein vom enthaltenen Erkenntniswert und dem wissenschaftlichen Diskurs abhängig.

Emanzipatorische und partizipatorische Effekte
Nicht zuletzt sollte auch der emanzipatorische und partizipatorische Aspekt wissenschaftlicher Erkenntnisse nicht unerwähnt bleiben. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind auch Allgemeingut. Im besten Fall fördern sie das Verständnis von Welt, bieten Ansatzpunkte für emanzipatives Handeln und sind Ausgangspunkt von Partizipation. Es wäre also fatal, wenn wissenschaftliche Inhalte exklusiv im wissenschaftlichen Diskurs verblieben.
Die Präsenz wissenschaftlicher Inhalte innerhalb der allgemeinen Kommunikationskultur ist für sich wichtig. Wenn sich Visualisierungen in diesem Kommunikationsumfeld aktuell bewähren, sollte es daher gerade für die Politische Theorie heißen: Mehr Visualisierungen wagen!

Einige Beispiele
Wie oben angeführt, finden sich aktuell nur wenige Beispiele für Visualisierungen aus dem Bereich der politischen Theorie. Die folgende Übersicht soll verschiedene Möglichkeiten aufzeigen.

 

 

Was denkt Ihr? Wurden wunderbare Beispiele übersehen? Jetzt Kommentieren!

 

Ein Kommentar zu “Mehr Visualisierungen wagen!?

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