Rezension: Pierre Rosanvallons „La Société des Égaux“ (Die Gesellschaft der Gleichen)

Pierre Rosanvallon, La Société des Égaux, Paris: Editions deu Seuil, 2011.
Deutsch erschienen als Die Gesellschaft der Gleichen, Hamburger Edition, 2013.

Mit seiner jüngsten Buchveröffentlichung, deren deutsche Übersetzung soeben als „Die Gesellschaft der Gleichen“ bei der Hamburger Edition erschienen ist, setzt der französische Theoretiker und Historiker Pierre Rosanvallon seine Erkundungen zum Strukturwandel zeitgenössischer Demokratien fort. Er hatte das Terrain bereits in seinen Werken zur „Demokratischen Legitimität“und dem bislang nicht ins Deutsche übersetzten Werk zur „Contre-Démocratie“ erkundet. Die Zeichen stehen gut, dass Rosanvallons mit seinem neuen Buch einen günstigen Zeitpunkt in der politischen Konjunktur erwischt hat.

So viel Ungleichheit war nie
Rosanvallons Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass man zwar nie so viel von gesellschaftlichen Ungleichheiten geredet, zugleich aber auch noch nie so wenig zu ihrer Verringerung unternommen wurde. Hier liegt der „entscheidende Widerspruch“, denn dem Autor zufolge ist die allerorts zunehmende soziale Ungleichheit Indiz und Antrieb einer Erosion von Demokratie: die politische (Staats)Bürgerschaft (citoyenneté) macht Fortschritte, während die soziale Bürgerschaft Rückschritte erleidet. Für die unzureichende politische Mobilisierung gegen die Ungleichheiten in unserer Zeit macht Rosanvallon ein Paradox verantwortlich: Verursachung der beobachteten Ungleichheit werde sozialen Tatsachen zugeschrieben, die auf entsprechende Kritik stoßen. Auf der Ebene jedes Einzelnen jedoch wirkt Ungleichheit über spezifische Handlungen und Entscheidungen, bei denen der Zusammenhang zu gesellschaftlichen Verhältnissen nicht deutlich wird.
Rosanvallon betont im ersten Abschnitt zur „Erfindung der Gleichheit“ richtigerweise, dass diese trotz erheblicher, statistisch nachweisbarer Entwicklungen zu ungleichen Einkommen und Vermögen darin doch nicht begrifflich aufgehe. Ausgangspunkt müsse stattdessen die Gleichheitsidee der US-amerikanischen und französischen Revolution sein. Sie meine ein soziales Verhältnis, eine demokratische Bestimmung, wie die Gesellschaft eingerichtet sein solle. Er dechiffriert aus dem ideengeschichtlichen Material drei Bedeutungsdimensionen dieses Verhältnisses: Ähnlichkeit, Unabhängigkeit und Bürgerschaft. Ähnlichkeit meine eine soziale Gleichwertigkeit, die von vorhandenen Unterschieden zwischen Menschen nicht berührt werde; mit Unabhängigkeit bezeichnet er Autonomie, verstanden als die Abwesenheit von Unterordnung; die Bürgerschaft schließlich werde durch Gemeinschaftszugehörigkeit und Teilnahme an öffentlichen Angelegenheiten konstituiert. Die nachlassende Prägekraft dieser Bestimmungen mache eine Neubestimmung notwendig, soll sie die gegenwärtige Krise der Gleichheit überwinden helfen.
Im gesamten Buch liefern vor allem die französische und amerikanische Situation Rosanvallon das Material seiner Erkundung, bei der er die maßgeblichen „materiellen“ und „deutungspolitischen“ Auseinandersetzungen der jeweiligen Epochen nach ihrer gleichheitstheoretischen Relevanz abtastet.

Antworten auf die Ungleichheit
Im zweiten Abschnitt über die „Pathologien der Gleichheit“ erörtert Rosanvallon die Konfrontation nachrevolutionärer Staatsbürger-Gemeinschaften mit der Tatsache der Klassengesellschaft. Vier idealtypische politische Paradigmen seien Antwortversuche auf die Pathologien: Die liberal-konservative Ideologie versucht sich an einer Umdeutung der sozialen Tatsachen, indem sie die problematisierte Lage des Arbeiters umdeutet zu einer Folge dessen eigenen Handelns: moralisch anfechtbares Fehlverhalten und naturbedingte Ungleichheiten seien für den Status Quo verantwortlich zu machen, nicht aber die Struktureigenschaften der Lage selbst. Es fällt auf, wie selbstverständlich die Motive dieser Ideologie selbst heute noch in anderem Gewand propagiert werden, etwa wann ein Thilo Sarrazin biologische, d.h. unveränderbare Dispositionen für wirtschaftlichen Misserfolg migrantischer Bevölkerungsteile auszumachen meint. In der kommunistischen Utopie werde die Gleichheit ebenfalls stillgelegt; allerdings nicht wie im Konservatismus durch Naturalisierung der Unterschiede, sondern via Verschmelzung der Gleichheit mit einer fragwürdigen Harmonievorstellung. Aus Angst vor den ungleichheitsförderlichen Effekten von Egoismus und Gier suchten sie nach Wegen, durch eine soziale Revolution Politik überflüssig zu machen. Das national-protektionistische Paradigma zieht eine andere Umdeutung von Gleichheit nach sich, bei der die nationale Produktionsgemeinschaft einem feindlichen Außen entgegengestellt wird. Mit dem Beschwören dieses „Wir“ wird der Klassenunterschied als Wurzel sozialer Konflikte zur Scheite geschoben. Die gesellschaftsprägende Rolle des Rassismus schließlich diskutiert Rosanvallon anhand der Vereinigten Staaten und deutet diesen als spezifische Antwort auf das Gleichheitsversprechen. Die Rassentrennung, die nach der „Reconstruction“ im Anschluss an den Bürgerkrieg in den Südstaaten durchgesetzt wurde, habe die schwarzen Amerikaner von den Weißen sogar schärfer getrennt, als es die Sklaverei zuvor vermocht hatte.
Das „Jahrhundert der Umverteilung“ ist Gegenstand des dritten Abschnitts. Rosanvallon erörtert hier die entscheidende Bedeutung, die Ideologien wie der französische „Solidarismus“, aber auch Bismarck’sche Strategien der Revolutionsvermeidung durch Sozialreform bei der Neubestimmung im Verhältnis von Gesellschaft und Individuum hatten. Sie relativieren den normativen Individualismus der bürgerlichen Revolutionen durch die Vorstellung einer „sozialen Schuld“, die jeder Mensch gegenüber seiner politischen Gemeinschaft habe, und die zu umverteilenden Reformen rechtfertigt. Diese Gedanken kristallisierten sich in den Institutionen der progressiven Einkommenssteuer, der „Versicherungsgesellschaft“ und der kollektiven Regierung der Arbeitswelt. Der Autor hebt auch die wichtige Bedeutung des Krieges hervor. Er erweist sich aus ganz banalen Gründen als „Gleichmacher“, weil eine tödliche Kugel von jedem Adelstitel unbeeindruckt bleibt. Symbolischen Ausdruck finde die in den Schützengräben entdeckte Gleichheit im Grab des „unbekannten Soldaten“- und zugleich mit der kollektiven Identifizierung stärkt er auch das Solidaritätsgefühl, das den Unterbau umverteilender Wohlfahrtsstaatlichkeit abgibt.

Zurück zur Gleichheit?
Weniger systematisch liest sich der vierte Abschnitt zur großen Kehrtwende im Hinblick auf die Gleichheit. Die Krise des Wohlfahrtsstaates sieht Rosanvallon neben unterschiedlichen Wandlungen des Individualismus verursacht durch ein normativ-theoretisches Defizit. Sozialstaatliche Institutionen seien durch immer wieder kleinschrittig verändert worden, ohne allerdings einen einleuchtenden Narrativ vorzustellen, wie durch sie dank der veränderten Regelungen ihrer Aufgabe besser gerecht würden. Brillant ist das ideologiekritische Kapitel zur Chancengleichheit. Einen Zentralbegriff der Sozialdemokratie des „Dritten Wegs“ aufgreifend zeigt Rosanvallon, dass und wie auch Verständnisse von Chancengleichheit nicht außerhalb bestimmter normativer Gesellschaftsbilder betrachtet werden können. Ein geringeres Problem von Chancengleichheit besteht noch darin, dass sie als alleiniges Zuteilungskriterium sozialer Positionen (bei Ausschaltung aller Willkür und Zufälle) eine strikt hierarchische Gesellschaftsform zur Folge hätte. Darunter noch liege ein selbstzerstörerischer Widerspruch: um für jede Kohorte die Gleichheit der Ausgangslagen zu erreichen, müssten alle vor dem Ausgangspunkt des Wettbewerbs um soziale Positionen bestehenden Gesellschaftsverhältnisse neutralisiert werden- was aber die Vernichtung aller Lebenschancen schlechthin bedeutete, denn Lebenschancen.
Von dieser Kritik ausgehend wirft Rosanvallon in seiner Skizze einer Gesellschaft der Gleichen den Parteigängern des „Dritten Weges“ vor, die genuin gesellschaftliche Bedingtheit von Ungleichheiten zu verdrängen. Ungleichheiten treffen nicht nur die direkt (bspw. einkommensmäßig) Benachteiligten, sondern bringen eine andere, nicht-egalitäre und für alle schadhafte Gesellschaft hervor. Den revolutionären „Geist“ der Gleichheit aufnehmend, plädiert der Autor für eine Neubestimmung seiner Elemente. Rosanvallon weiß aktuell diskutierte Sozialprobleme mit dem vorgeschlagenen Begriffsapparat gleichheitstheoretisch einzufangen, wie etwa die sozial-räumliche Polarisierungen von Lebenslagen mit „gated communities und Ghettosierung oder der Verrohung der Mittelschichten. Eine tiefergehende Untersuchung bleibt er im vorliegenden Buch jedoch schuldig und verweist stattdessen auf einen Nachfolgeband.

Wohin nach dem Scheitern des „Dritten Wegs“? Defizite einer theoretischen Suchbewegung
Das Buch von Pierre Rosanvallon ist interpretierbar als anspruchsvoller Versuch politiktheoretisches Denken aus dem weiteren Umfeld fortschrittlicher Politik. Es handelt sich um eine Erkundung, wohin nach dem Scheitern des Nachkriegsmodells der Sozialdemokratie und der Ernüchterung über den sog. „Dritten Weg“ à la New Labour die Reise gehen könnte, um die Demokratie weiterzuentwickeln. Rosanvallon nimmt mit der Gleichheit dabei den Kernbegriff der demokratischen Revolutionen und fortschrittlicher Politik schlechthin ins Visier. Sein Beitrag ist dort am stärksten, wo er aus unübersichtlichen und uneindeutigen sozialen Bezügen eine dominante Handlungslogik herausdestilliert und zielsicher in Begriffe zu gießen weiß, etwa bei seiner Ideologiekritik der Chancengleichheit oder den Erörterungen zur Diskriminierung. Ein grundlegender Vorzug seines Buches ist, dass Gleichheit als Vergesellschaftungsmodus betrachtet wird; allerdings löst Rosanvallon das Versprechen dieser Präzisierung nicht ganz ein. Sein Werk weist dabei unter einige, mitunter erhebliche Blindstellen auf.
So spricht Rosanvallon das Geschlechterverhältnis weder in seinen Ausführungen zur Bürgerschaft, noch in denen zu Antwortversuchen des 19. Jahrhunderts an- nicht einmal im Kapitel über den Liberal-Konservatismus, obwohl sich das Patriarchat als Beispiel für die Naturalisierung sozialer Ungleichheit zur Herrschaftslegitimation geradezu aufdrängt. Weil Geschlechtergerechtigkeit aber im Grundkonzept völlig außer Acht gelassen und nur anekdotisch aufgerufen wird, entgeht ihm die patriarchale und körperliche Gewalt rechtfertigende Blindstelle der bürgerlichen Revolutionen. Auch die Frage nach den unausgesprochenen, partikularen Voraussetzungen des bürgerlichen Gleichheitsversprechens stellt er nicht.
Schließlich stößt Rosanvallon unbewusst auf ein gleichheitstheoretisches Grunddilemma: Die öffentliche Debatte um Ungleichheit und ihre Kritik garantieren weder die erforderlichen politischen Kräfteverhältnisse, noch die nötigen Institutionen, um demokratisch mehrheitsfähige Gleichheitsverständnisse zu realisieren. Es ist nicht möglich, von jedem beliebigen Ist-Zustand gesellschaftlicher Ungleichheit einen weniger ungleichen Zustand mit demokratischen Mitteln zu erreichen, denn Ungleichheiten tendieren zur Akkumulation und Abschirmung. Die Gleichzeitigkeit von massiver Kritik an und zugleich nur geringer Mobilisierung gegen Ungleichheit, die Rosanvallon zum Ausgangspunkt seines Buches gewählt hat, ist ohne diese Tendenz von Ungleichheit zur Verfestigung gar nicht verständlich. Leider bleibt Rosanvallon trotz aller verdiensthaften Durchdringung der Verhältnisse hier eine überzeugende Antwort schuldig. Dabei ist das Problem theoretisch wie praktisch gravierend: Nur ausgehend von einer minimalen Gleichheit auch bei politischen Durchsetzungsressourcen lassen sich unterschiedliche Manifestationen von Gleichheit als Ergebnis demokratischer Öffentlichkeit begreifen. Wie mit diesem Zirkel (oder Teufelskreis?) umzugehen ist, bleibt von Seiten der Demokratietheorie weiterhin zu klären.

Eine ausführliche Fassung der Rezension erscheint in der Mai-Ausgabe der Zeitschrift »Sozialismus«.

Alban Werner ist Doktorand am Institut für Politische Wissenschaft an der RWTH Aachen und Redakteur der Zeitschrift “Das Argument”. Seine Dissertation befasst sich mit politischer Opposition in europäischen Wohlfahrtsstaaten im gesellschaftlich-politischen Strukturwandel. Er interessiert sich für die Grundfragen politischer Soziologie, insbesondere Demokratie-, Staats- und Herrschaftstheorien.

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