Sektions-CfP: Politische Theorie und Gesellschaftstheorie

Vom 25. bis 27.09.2013 findet in Heidelberg die Herbsttagung der DVPW-Theoriesektion zum Thema „Politische Theorie und Gesellschaftstheorie – zwischen Erneuerung und Ernüchterung“ statt. Die Organisatoren Michael Haus und Sibylle De La Rosa suchen nun nach geeigneten Vortragsvorschlägen; 1-2 seitige Abstracts können bis zum 15. März 2o13 an michael.haus_at_ipw.uni-heidelberg.de geschickt werden. Den ausführlichen Call findet Ihr nach dem Klick:

Gesellschaftstheorie richtet sich auf das Ganze der Gesellschaft. Während Gesellschaftstheorie durchaus ohne Politische Theorie denkbar ist, scheint die Politische Theorie explizit oder implizit auf gesellschaftstheoretische Annahmen angewiesen zu sein. Vor diesem Hintergrund und einem angesichts vielfältiger Krisendiskurse neu erwachten Interesse an Gesellschaftstheorie stellt sich die Frage, welcher Begriff der Gesellschaft und welche gesellschaftstheoretischen Zeitdiagnostiken für die Politische Theorie heute vielversprechende Perspektiven erschließen können oder auch Korrekturbedarfe anzeigen. Grundsätzlich sind sowohl eine Erneuerung der Politi-schen Theorie durch Impulse der Gesellschaftstheorie als auch eine Ernüchterung zu starker normativer Erwar-tungen denkbar. Gesellschaftstheorien sind dabei prima facie in dreifacher Hinsicht für die Politische Theorie von Interesse: Erstens postulieren sie vor dem Hintergrund konstitutionstheoretischer Annahme eine bestimmte Art, wie Gesellschaft als solche (und nicht bloß bestimmte Teilbereiche) theoretisch erschlossen werden sollte, und haben damit argumentative Implikationen für die Politische Theorie, insofern diese sich als Reflexionstheo-rie einer politischen Gestaltung der Gesellschaft versteht (als Beispiel lässt sich hier an die Konzeptualisierung von Gesellschaft über Handlungs- oder Kommunikationskonzepte oder das Theorem der „Strukturierung“ den-ken). Zweitens warten Gesellschaftstheorien mit Konzepten auf, die die zentralen Eigenschaften und Dynamiken moderner bzw. zeitgenössischer Gesellschaften erfassen sollen (wie „funktionaler Differenzierung“, „Kontin-genz“, „Beschleunigung“, „Wissensgesellschaft“, „Weltgesellschaft“ oder stets neue Zustandsbeschreibungen des „Kapitalismus“ und damit verbundener sozialer Ungleichheit). Drittens bilden Gesellschaftstheorien einen Deutungshorizont für die Imagination des Politischen, also den praxisrelevanten Vorstellungsrahmen politischen Denkens und Handelns sowie möglicher Interventionsmöglichkeiten von Politik (indem etwa politischer Protest als „Frühwarnsystem“ komplexer Gesellschaften verstanden wird, Charakteristika unterschiedlicher „Schichten“ als Körper der Gesellschaft thematisiert werden oder die politische Hoffnung auf die Unberechenbarkeit der „Multitude“ gelenkt wird).
Die Tagung soll vor diesem Hintergrund einen Raum für den Dialog zwischen Gesellschaftstheorie und Politi-scher Theorie eröffnen, um den Erneuerungs- und Ernüchterungsimplikationen gezielter nachzugehen. Sie soll erörtern, inwiefern die Politische Theorie heute auf gesellschaftstheoretische Bezüge angewiesen ist, welche Reflexionsherausforderungen und -potentiale ein Ernstnehmen derartiger Bezüge mit sich bringt und inwiefern von neuen Imaginativen der Gesellschaft heute inspirierende Impulse für die systematische Suche nach Verände-rungspotentialen (oder eben auch angezeigten normativ-begrifflichen Abrüstungsinitiativen) ausgehen können. Diesen Fragen soll nachgegangen werden, indem a) auf die metatheoretische Einbettung in Theorien der Kon-stitution der Gesellschaft, b) auf gesellschaftstheoretische Zeitdiagnostiken und c) auf die gesellschaftstheoretischen Bezüge politischer Diskurse eingegangen wird. Insbesondere sind Beiträge willkommen, die folgende Fragen thematisieren:
– Inwiefern kann von einem wiedererwachten Interesse an Gesellschaftstheorien in der Gegenwart gesprochen werden, welche Gesellschaftstheorien spielen dabei eine herausragende Rolle und was bedeutet dieses für das Selbstverständnis und die Aufgabe der Politischen Theorie?
– Welche begrifflich-konzeptionellen Anforderungen gehen von gesellschaftstheoretischen Perspektiven an Politische Theoriebildung aus? Welche Möglichkeiten/Unmöglichkeiten Politischer Theorie ergeben sich aus ihnen? Mit welchen normativ-politischen Konzepten kann die Politische Theorie den Herausforderungen gesellschaftlicher Veränderungsdynamiken begegnen?
– Welche Relevanz haben gesellschaftstheoretische Perspektiven für zentrale normative Konzepte der Politischen Theorie wie Bürgerschaft, Demokratie, Staatlichkeit, Gerechtigkeit oder Freiheit? Inwiefern bedarf es einer Revision bestehender Verständnisse dieser Konzepte im Lichte neuer gesellschaftstheoretischer Perspektiven und Befunde? Welcher Rahmen für die Analyse politischer Herrschaft und Legitimität wird durch Gesellschaftstheorien abgesteckt?

 
Die Tagung soll entlang folgender dreier Themenbereiche strukturiert werden.

 
1. Zum Verhältnis von gesellschaftstheoretischen Annahmen und politischer Legitimität
Der erste Themenbereich der Tagung soll sich mit der Frage beschäftigen, welcher Rahmen für politische Legitimität
durch gesellschaftstheoretische Perspektiven abgesteckt wird. Hier wären Analysen wünschenswert, welche
die gesellschaftstheoretischen Annahmen von verschiedenen Paradigmen wie Neomarxismus, Kritische
Theorie, Weltsystemanalyse, Konflikttheorie, Theorien der reflexiven Moderne (um nur einige zu nennen) daraufhin
untersuchen, welche Annahmen über die Konstitution und Funktionsweise der (Gegenwarts-) Gesellschaft
sie explizit oder implizit zugrunde legen, wie dies mit Annahmen über politische Legitimität verknüpft ist
und wie sie auf zentrale Herausforderungen der Gegenwart (wie soziale Ungleichheit, die nachlassende Möglichkeit
der demokratischen Verantwortungszuschreibung und -übernahme, die Transnationalisierung des Kapitalismus,
veränderte Herrschaftspraktiken und Konfliktkonstellationen, um auch hier nur einige zu nennen) reagieren.

 
2. Zum Verhältnis von Zeitdiagnostiken, Imaginativen der Gesellschaft und Gesellschaftskritik
Ein zweiter Themenbereich soll der Frage nachgehen, welche Zeitdiagnostiken und Imaginative der Gesellschaft
neue Perspektiven für die Gesellschaftskritik eröffnen. Dabei geht es sowohl um den praktischen Möglichkeitsraum
von normativ gehaltvollen politischen Gestaltungsvorstellungen, als auch um gesellschaftliche Problemlagen
und Machtphänomene als Fokus einer gesellschaftlich relevanten Reflexionstätigkeit. Damit verbunden sind
Fragen nach der kritischen Einschätzung der Gegenwart auf der Grundlage von (normativen/kritischen Maßstäben),
also Fragen danach, wie die Entwicklungen, die wir als Sozialwissenschaftler beobachten, einzuschätzen
sind. Wie verhalten sich theoretische Analyse, Zeitdiagnostik und „kritische“ Theorie zueinander? Denkbar sind
in diesem Panel politiktheoretische Anschlüsse an Gesellschaftsdiagnosen (wie „Beschleunigung“, „Prekarisierung“,
„Exklusion“ oder „Wissensgesellschaft“), welche sich etwa mit den Implikationen von Beschleunigungsdiagnosen
für demokratische Entscheidungsprozesse oder von Prekarisierung für das Verständnis von citizenship auseinandersetzen. Möglich sind aber auch Erörterungen der Relevanz von Diskursen und Narrativen für die Formulierung politischer Gestaltungsoptionen.

 

3. Zum Verhältnis von Globalisierung und Gesellschaft
Ein dritter Themenbereich soll Raum für die Beschäftigung mit der Frage geben, inwiefern das Phänomen der Globalisierung von politischen, religiösen und wissenschaftlichen Interaktionen (gefasst etwa als „Weltgesell-schaft“, „Multiple Modernities“, „Verwobene Moderne“, „Interkulturalität“) eine Reflexion und möglicherweise Revision des Gesellschaftsbegriffs (im Sinne einer globalen politischen Gesellschaft, globalen Bürgerschaft oder der Verknüpfung multipler Gesellschaften) notwendig macht, welche über die Grenzen der nationalen Gesell-schaft hinaus verweist. Es soll hier auch möglich sein, Änderungen im Hinblick auf das Verständnis von politi-schen Interaktionen oder Erfahrungen und den Orten, wo diese stattfinden, herauszuarbeiten. Die sich im An-schluss daran aufdrängenden Fragen lauten etwa: Welche Implikationen hat eine solche Revision des Gesell-schaftsbegriffs und der mit ihm verbundenen Begriffe für die Politische Theorie in ihrem Zugriff sowohl auf nationale wie transnationale soziale Phänomene? Welche normativen und kritischen Maßstäbe stehen zur Bewer-tung dieser Prozesse zu Verfügung?

 
Themenvorschläge werden in Form eines 1 – 2-seitigen Abstracts bis zum 15. März 2013 erbeten an:
Prof. Dr. Michael Haus
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Institut für Politische Wissenschaft
Bergheimer Straße 58
69115 Heidelberg
Tel. 06221/54-2873
michael.haus@ipw.uni-heidelberg.de

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