Ein jeder sieht, was er im Herzen trägt: Nachruf auf Wilhelm Hennis

Der Kommentar zu unserer heutigen Lage erschien vor fünfzehn Jahren. „Geld oder Währung. Ist der Euro alles?“, hieß ein Zeitungsartikel im Januar 1997. Was die europäische Malaise präzise beschreibt – die Rhetorik der Alternativlosigkeit, die das Politische „unter dem Druck der Termine“ auf das Vollziehen von Sachzwängen reduziere, die Hybris einer modernen Finanzlogik, die bei einer Gemeinschaftswährung von scheinbar „Unwesentlichem“ wie den Eigentümlichkeiten nationaler Volkswirtschaften und „geopolitischer“ Umstände glaubte abstrahieren zu können – gegen all das erhob der Freiburger Politikwissenschaftler Wilhelm Hennis am Vorabend der Euro-Einführung vehement Einspruch.

Unter pointiertem Rückgriff auf den spanischen Moralisten Goya und den ökonomischen Freiheitstheoretiker Friedrich A. Hayek hinterfragte Hennis die Projektemacherei. „Ist vielleicht auch der Euro ein konstruktivistischer Irrtum?“ Während die Prognosen und Future-Optionen heutiger Entscheidungsträger regelmäßig innerhalb kürzester Zeit Kurssturz erleiden, könnte man jenen Artikel sofort wieder abdrucken: So zeitlos fasst er unsere Krise in Gedanken. Ob Hennis die Geburtsfehler des Euro klar benannte, Deutschlands künftige Rolle als „Hegemon“ Europas herbeischrieb – wenn die Europäische Zentralbank nicht zum „Zankapfel der innereuropäischen Politik“ werden solle –, oder ob er ganz unbefangen die altmodische Kategorie der „Völkerpsychologie“ wieder in Erinnerung rief: Hellsichtig sah er das Szenario unserer Tage voraus. Aber damals wurde der besorgte Einspruch der Kassandra überhört. Und der europäische Traum der neunziger Jahre gebar seine Ungeheuer.

Wenn Diagnosen über ihre Zeit hinaus Bestand haben, sprechen wir von politischer Klugheit. Keinem anderen aus seiner Generation ist diese Tugend so zu attestieren wie Wilhelm Hennis, Jahrgang 1923. Gerade in Phasen scheinbar geglückter Demokratie hat Hennis Probleme diagnostiziert, deren Folgekosten wir mit aller Macht erst heute spüren. Das geht von der Bedrohung der öffentlichen Meinung durch die Demoskopie, vom Verlust des Amtsgedankens, von der schwindenden Bedeutung des Parlaments bis zur Unregierbarkeit, von den Anmaßungen des Parteienstaates bis zur dauerreformierten, zerstörten Universität. Hennis’ gewittrige, kleine Schriften sind mehr als ein ständiger Begleitkommentar zur Geschichte der zweiten deutschen Demokratie. Sie sind eine Schule politischen Denkens – gerade weil an ihrem Anfang kein Ansatz, keine Theorie steht, sondern ein Problem. Wer über tagesaktuelle Fragen wie eine just wieder zu verabschiedende Wahlrechtsreform verantwortlich räsonieren möchte, ist gut beraten, zuallererst in Hennis’ Schriften zur Regierungslehre nachzuschlagen.

Die Frische und Gültigkeit seiner Diagnosen ist dabei umso erstaunlicher, da er in seinem praktisch-wissenschaftlichen Denken erst einmal eine bewusst unzeitgemäße Position einnahm. Hennis lässt sich nicht so einfach einordnen in die Gefechtslage der alten Republik zwischen den Linkshegelianern aus Frankfurt und den Rechtshegelianern aus Münster und Plettenberg. Anders als diese bundesrepublikanischen Zeitgenossen, die über die Schaltstelle Hegel ihre moderne Anschlussfähigkeit signalisierten, hat Hennis an der Kontinuität der Überlieferung festgehalten. Die von Platon und Thukydides überlieferte Metapher des Arztes war seine Gegenfigur zum theoretischen Techniker und modernen Projektemacher. Seiner Aufsatzsammlung „Auf dem Weg in den Parteienstaat“ (1998) stellte er eine Vorbemerkung voran: „So wie ein Hausarzt alter Art von Zeit zu Zeit seinen Patienten auf den Zustand untersucht, so befragt auch ein Politikwissenschaftler – jedenfalls einer von der alten Art – das politische Gemeinwesen, dem er sich zugehörig fühlt, immer wieder auf seinen ,Status‘, auf seine ‚Konstitution‘, seine Verfassung im weiteren Sinn.“

Und so wachte auch Wilhelm Hennis lange Zeit als Arzt am Krankenlager des Reformpatienten Bundesrepublik. In den soziologischen Hochzeiten der alten Republik wurde Hennis mit seinem Festhalten am „Geist“ der alten praktischen Wissenschaft, wie sein Erzrivale Jürgen Habermas einmal schrieb (mit dem er viele Sträuße über die Legitimität der Bundesrepublik ausfocht), zu einer „hoffnungslos altmodischen“ Figur. Heute verströmen seine einfachen praktischen Wahrheiten dagegen wieder unverkennbar neuen Reiz. Längst sind seine alten Begriffe, die Hennis gegen alle konstruktivistischen Moden immer hochgehalten hat, als Sehnsuchtsworte in die Wissenschaft zurückgekehrt: „Wirklichkeit“, „Wahrheit“, „Praxis“.

Wilhelm Hennis hat die Rolle des Denkers gegen den Strom kultiviert. Weder ist er dem Karlsruher Normenpositivismus der staatsrechtlichen Schule seines Lehrers Rudolf Smend zuzuschlagen, von dem er 1951 über das „Problem der Souveränität“ in Göttingen promoviert wurde, noch jener „normativ ontologischen“ Freiburger Schule, die als Gespenst durch das politologische Lagerdenken der siebziger Jahre spukte. Politikwissenschaft verstand Hennis als politische Erziehung. Er wollte nicht nur wissen, sondern auch wirken. Wissenschaftlich, politisch, publizistisch. Hierin eiferte er den Gründungsvätern des Faches – Theodor Eschenburg, Ernst Fraenkel oder Dolf Sternberger – nach, denen er sich eng verbunden fühlte.

Was heute in den Mentalitäts- und Stimmungsgeschichten der Nachkriegszeit neu nachgeschmeckt wird, bei Wilhelm Hennis war sie stets unmittelbar zu greifen: die politisch existenzielle Dimension. Sie war der Gestus der frühen 20er-Jahrgänge, die noch einmal „glücklich davongekommen“ waren – Hennis war als U-Boot-Jäger drei Mal in der Ägäis „abgesoffen“ – und die sich nun nach dem Krieg die Sache der jungen Republik leidenschaftlich zu eigen machten. Deren parlamentarische Anfänge hat Hennis als Mitarbeiter des SPD-Kronjuristen Adolf Arndt in den frühen fünfziger Jahren hautnah miterlebt. Als junger Reformer verteidigte er den nüchternen Realismus der Anfangsjahre, die formalen Zwänge der Verfassungswirklichkeit gegen überzogene Demokratisierungsansprüche. Deshalb war er um 1968 einer der schärfsten Kritiker der Studentenrevolte, in der er eine Wiederkehr politischer Romantik und „deutscher Unruhe“ sah.

Aber mit der Zeit schlug die Zuversicht in Skepsis um. Während die Linke um ihr intellektuelles Zentralgestirn Jürgen Habermas sich mit dem Land aussöhnte und die Errungenschaften des rheinischen Kapitalismus für sich reklamierte, machte Hennis die Gegenrechnung auf. Er wurde zum zornigen Kritiker des Parteienstaates und unerbittlichen Jäger Helmut Kohls. Seine letzten publizistischen Zwischenrufe haben den Charakter von Generalabrechnungen mit der politischen Führungsklasse des Landes. „Diese ganze Generation ist doch eine Fehlbesetzung.“ Mit seinen emphatischen politischen Begriffen entfernte er sich dabei immer mehr von der ganz realen praktischen Politik mit ihren Tauschgeschäften und Mauscheleien.

Dass Hennis in den langen Jahren der Kohl-Ära der Zugang zum Machthaber und zur Staatsspitze verstellt war, den er zuvor über alte Göttinger Kommilitonen wie Horst Ehmcke oder Richard von Weizsäcker reichlich genutzt hatte, kam ihm nun als eminentem Ideenhistoriker zugute. Mit Max Weber fand er ein spätes Lebensthema. Was die Soziologen wegrationalisiert hatten, gab er Weber zurück: die „Fragestellung“ nach dem Schicksal des Menschen in der Moderne. Unter den methodischen Begriffen grub er Webers eigenes Anliegen frei: „Lebensführung“. In ihrer Rhetorik und ihrem unbedingten Getriebensein samt Faust-Zitat im Motto – „Ein jeder sieht, was er im Herzen trägt“ – zählen Hennis’ drei Bücher zu Max Weber (von 1987, 1996 und 2003) zu den leidenschaftlichsten hermeneutischen Dokumenten der Nachkriegszeit. So streitbar der Polemiker Hennis oft nach außen erschien, so herzerfrischend unprätentiös war er im persönlichen Umgang, nahm Anteil am Leben seiner Schüler und war von einer in der deutschen Universität seltenen Direktheit und Liebenswürdigkeit. Auch das gehörte zur „Lebensführung“ dieses leidenschaftlichen Professors.

Mit Goethes Wanderer auf der Düne im fünften Akt von „Faust II“ teilte Hennis das Erschrecken über das moderne Projekte-denken. Der Wanderer verstummt, als er auf Fausts aus dem Meeresboden gestampfte Kolonie schaut. In seinem Erinnerungsaufsatz „Politikwissenschaft als Beruf“ (1998) kam Hennis auf eine Kindheitsszene zu sprechen – das Scheitern des väterlichen Seidenanbau-Projekts im Tropenklima Venezuelas in den dreißiger Jahren. Von der Atomkraft bis zur akademischen Antragsprosa verfolgte Hennis alle Projekte mit instinktiver Skepsis. „Ich weiß schon / Was dahinter steckt / Und was denn weiter? / Ein Projekt.“ Als Wilhelm Hennis in den neunziger Jahren mit Faust vor dem ungewissen Geld-Projekt warnte, war es der Auftritt der bürgerlichen Sorge. Heute in der Eurokrise zitiert Sarah Wagenknecht diese Verse. Am Samstag, dem 10. November 2012, ist Wilhelm Hennis , der unruhige Wanderer zwischen den Welten der Politik und der Ideen, wenige Wochen vor seinem 90. Geburtstag in Freiburg gestorben.

 

Stephan Schlak ist Politikwissenschaftler und verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift für Ideengeschichte. 2008 erschien von ihm Wilhelm Hennis. Szenen einer Ideengeschichte der Bundesrepublik.

Sein Nachruf auf Wilhelm Hennis, der am 10. November verstarb, erschien am 12. November in der Süddeutschen Zeitung. Wir veröffentlichen ihn hier erneut, mit freundlicher Zustimmung von SZ und dem Verfasser.

 

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