Cross-Post aus Göttingen: Zur Politikwissenschafts-Debatte in der ZEIT

Der Blog des Göttinger Instituts für Demokratieforschung (mit dem wir schon bei der re:publica kooperiert hatten) mischt sich in die anhaltende Debatte um das jüngste Geschimpfe über Politikwissenschaft in der ZEIT ein, zu der auch wir uns vergangene Woche zu Wort gemeldet hatten. Frauke Schulz widerspricht insbesondere Julian Kirchherrs Verständnis vom Sinn und Zweck der Politikwissenschaft: 

Lieber Julian,

ganz offensichtlich hast Du das falsche Fach studiert oder genauer: Du hast Dein Studium mit völlig falschen Erwartungen begonnen.

Ich gebe zu, auch ich habe mich in meinem Politikstudium manchmal gefragt, wofür das, was Dozenten mir zu lesen gaben, nützlich sein sollte. Viele Texte sind sperrig formuliert und wirken durch ihre randständigen, kleinteiligen Themen wenig relevant. Das ist ein Problem, das von viel mehr PolitikwissenschaftlerInnen überwunden werden muss. (Vgl. hierzu Lawrence Mead: Reformiert die Politikwissenschaft, in: INDES 0/2011, S. 126).

Texte, die vor vielen Jahrzehnten oder Jahrhunderten geschrieben wurden, beurteile ich dagegen etwas anders. Ich lese bis heute nicht gerade leidenschaftlich gerne theoretische Texte. Trotzdem muss ich sagen: Auch wenn sie nicht beim ersten Lesen und ohne ausgiebige Reflexion verständlich sind, macht es Sinn, sich damit zu beschäftigen. Durch sie kann man die politische Ideengeschichte nachvollziehen und abstrakte und dehnbare Begriffe wie „Demokratie“, „Politik“ und „Beteiligung“ mit Inhalt füllen. Der Politikwissenschaft würde sonst die philosophische Substanz fehlen.

Die ganze Tragweite dieser Texte erschließt sich oft erst nach gründlichem Durchdenken und in der Gesamtschau unterschiedlicher Ansätze. Versucht man, sie alle nur auf drei Kernthesen heruntergebrochen in einen Seminar-Reader zu quetschen, den Du als mundgerechte Vorbereitung auf die Klausur verwenden kannst, geht ihr Wert verloren.

Frau Florin hätte mich vielleicht auch als wassernuckelnde Studentin wahrgenommen. Doch natürlich hat sie mit einem Recht: Gerade im Hinterfragen, im kritischen Blick auf Literatur und in der kontroversen Diskussion liegt ein zentraler Inhalt des politikwissenschaftlichen Studiums. Wieso erscheint es Dir erstrebenswert, mit Lernstoff gefüttert zu werden, anstatt selbständiges Denken zu üben? Weder bei McKinsey noch bei Spiegel Online wirst Du mit dieser Einstellung weit kommen – in der Wissenschaft schon gar nicht.

Du fragst nach Rezepten gegen demografischen Wandel, nach dem Ausgang von Wahlen oder nach Extremismus. Erstens erledigen sich solch komplexe Themen nicht durch lineare Argumentationen und absehbare Kausalketten, wie Du es Dir offensichtlich wünschst. Zweitens ist es gar nicht die Aufgabe von Wissenschaftlern, in einem Bachelor- oder Masterseminar Lösungen für die zentralen Probleme der Gegenwart zu entwickeln – es liegt wohl auch nicht in ihrer Macht. Und drittens, was das Wichtigste ist: Du sprichst von Instrumenten, Steuerung und messbaren Effekten, ganz im Geiste unserer pragmatisch-technokratischen Zeit. Hast Du nicht gelernt, dass zu Politik auch immer Macht gehört? Dass Akteure – also Menschen – mit unterschiedlichen Interessen am politischen Prozess beteiligt sind? Dass Ideologien im Spiel sind, Werte und historische Entwicklungen? Politik funktioniert eben nicht nach dem einen, simplen Reiz-Reaktions-Schema, das Du gerne erlernen willst.

Ich komme jetzt aber erst zum schwerwiegendsten Problem Deiner Kritik am Studium der Politikwissenschaft: Du beklagst, dass es Dich nicht auf Dein Amt als Stadtrat vorbereitet hat. Ich könnte Dich jetzt erst einmal fragen, wieso Du Dich in ein Amt wählen lässt, für das Du offenbar, aus Deiner eigenen Sicht, nicht ausreichend Wissen und Erfahrung mitbringst. Ich frage Dich stattdessen lieber: Was für ein Verständnis von Demokratie vertrittst Du mit dieser Kritik eigentlich?

„Politiker“ ist einer der wenigen Berufe, für die es keine institutionalisierte Ausbildung gibt. Unter anderem deshalb kommt den Parteien auch eine monopolartige Stellung bei der Rekrutierung des politischen Nachwuchses zu. Das muss man sicher nicht gutheißen. Doch natürlich hält dieser Umstand den Beruf „Politiker“ auch offen für jeden, egal welchen Bildungshintergrund und welche Ausbildung er mitbringt. Denn, wie Du wahrscheinlich schon in der Schule gelernt hast, das passive Wahlrecht, also das Recht gewählt zu werden, gilt für jedermann – nicht nur für Politologen.

Wie unheilvoll wäre es, wenn erst das Studium der Politikwissenschaft Dich zum Politiker qualifizieren würde? Oder umgekehrt: Wer würde dann überhaupt noch in den Rathäusern, Kreistagen, Landesparlamenten und im Bundestag sitzen? Ausschließlich Akademiker, die, wie wir wissen, meist aus einer relativ homogenen sozialen (nämlich privilegierten) Schicht stammen? Schlimmer noch: Nur noch Politologen würden politische Ämter ausüben? Es wird auch heute schon moniert, dass die Volksvertreter kaum noch alle Berufsgruppen, Milieus und Schichten abdecken. Doch nach Deiner Theorie könnte man dieses Ideal gleich ganz begraben. Es hat seinen Sinn, dass sich der Übernahme von politischen Ämtern keine formalen Hürden in den Weg stellen. Mehr noch: Dies ist eine der zentralen Voraussetzungen unserer Demokratie!

Um mir die Worte des Regierenden Bürgermeisters von Berlin zu leihen: Politikwissenschaft ist keine Ausbildung zum Politiker – und das ist auch gut so.

 

Frauke Schulz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Göttinger Institut für Demokratieforschung.

14 Kommentare zu “Cross-Post aus Göttingen: Zur Politikwissenschafts-Debatte in der ZEIT

  1. Bester Beitrag in der Debatte bisher. Mich hat es auch gewundert, warum Julian, wenn ihm seine Ignoranz so quält, nicht tiefer und breiter liest und denkt. Schließlich sind alle, die an die Uni kommen, Erwachsene, die auch für ihr Wissen und Unwissen etwas Verantwortlichkeit übernehmen müssen und Lösungen für ihre Defizite selbst suchen müssen. Die Strategie, die eigene Passivität als Macht einzusetzen, erinnert an kleine Kinder, die ihre Mutter belästigen, um in genau der gewollten Weise unterhalten zu werden. „Mama, mach noch mal den Roboter! Ja, genau! hi hi!“

    Weiter nuckeln, junger Mann, bald ist der schlechte Traum vorbei.

  2. Ich finde Fraukes Reflexionen gerade über den Zusammenhang zwischen Politikwissenschaft und „Politik als Beruf“ sehr treffend, ebenso wie die Kritik an Julians Erwartungshaltung.
    Begonnen hatte die ganze Debatte, @Ben, aber ja mit herablassenden Anmerkungen von Christiane Florin über Studierende als generell passiv-infantile Wassertrinker; ich fand und finde, die Wiederholung dieses Klischees macht es auch nicht wahrer.

  3. @Eva, Florin ärgerte sich, dass die Studis *ihre* Interessen nicht teilen. Meine Kritik ist, dass Julian passiv bleibt und andere für seine Defiziten verantwortlich macht. Er geht seine *eigene* Interessen nicht nach, sieht aber andere dafür in der Schuld. Das Metapher der Nuckler passt eben in beiden Kontexten.

    Aber nebenbei: wenn die Wiederholung von schon vertretene Meinungen deren Wahrheitsgrad nicht erhöht, sieht´s schlecht aus für elektorale Demokratien, oder?

  4. Ich kann nur hoffen, dass Julian diesen sehr guten, sachlich argumentierenden und es auf den Punkt bringenden Beitrag liest und vielleicht auch eine Antwort versucht. Es sei Julian zu Gute gehalten, dass er so zugespitzt nur formuliert hat, weil der Angriff von Frau Florin, der mindestens so daneben ist wie Julians Antwort, fast nichts anderes zugelassen hat. Wie dem auch sei, es wäre m.E. keine so schlechte Aufgabenbestimmung der Politischen Theorie/Politikwissenschaft, das Bedürfnis nach technokratischen Allmachtsphantasien als antidemokratisch auszuweisen und durch Reflexion die Studierenden davor zu wappnen. Dazu gehört aber mehr, als die Kanzler chronologisch in exakter Reihenfolge bestimmen zu können oder die Sitzanzahl des Bundestages zu kennen.

  5. Die Aufgabe der Politischen Theorie und der Politikwissenschaft ist eben gerade, Technokratische Allmachtsphantasien zu legitimieren, denn aus diesem Grund unterhält der Staat diese Disziplin. In diesen technokratischen Strukturen bewegen sich die Studierenden (als amorphe Masse,zu der sie nun einmal zugerichtet werden) nicht mehr als Subjekte, sondern nur noch als Objekte, die ihre Freiheit als Pflicht dazu begreifen, das eigene Humankapital aufzuwerten. Die Freiheit der Wissenschaft ist eben deswegen von der Produktionssphäre abgekoppelt, um dieser zu dienen – die Debatte zeigt den Erfolg dieses Unterfangens.
    Diese Debatte ist nichts weiter als moralisieren darüber, dass das Kapital sich die eigene Grundlage entzieht und die Symptome dann gegen die idealistischen Stereotypen verstoßen, denen mensch beim Weg in die Universität selbst aufgesessen ist, während die materiellen Grundlage völlig ausser Acht gelassen. Julian agiert schlicht nach dem Prinzip der inneren Landnahme, während dieser Beitrag genau wie der von Frau Florin dies autoritär kitten will. Der bürgerliche Staat hat eben genau den Zweck, den abstrakten Willen der Bürger gegen sie selbst durchzusetzen. Genauso verfährt die bürgerliche Wissenschaft als Subsystem desselbigen.

  6. Lieber Kristian,
    ich weiß ja nicht, welche Erfahrungen du gemacht hast und wie du so lebst, aber was du beschreibst, kann ich einfach nicht teilen oder auch nur nachvollziehen. Du scheinst immer noch im 19. Jh. zu leben und auf die Weltrevolution zu warten. Demokratie und Kapitalismus sind aber nicht eins und Staat ist nicht nur eine Unterdrückungsmaschinerie, ob du es nun glaubst oder nicht. Deine Haltung scheint mir pseudoradikal, weil du dich scheinbar in deiner Fundamentalopposition aus allem schön raushalten kannst, dir nicht die Finger schmutzig machen musst und hinterher eh immer alles schon besser weißt. Auf welche Insel willst du denn auswandern, so mal ganz autoritär gefragt? Oder noch ernster gefragt, wie willst du denn die ganzen Verblendeten davon überzeugen, dass sie einer Lebenslüge nachlaufen? Nichts für ungut, aber ich halte deine Position für sehr unfruchtbar.

  7. Ach noch was, ich habe gar nichts gegen das moralisieren, wenn sie die „direkte Aktion“ verhindert.

  8. Lieber Jürgen,
    Mein Anliegen ist nicht, konstruktiv zu kritisieren, denn eine konstruktive Kritik macht sich zum Mittel anderer Leute Zwecke. Wenn du Spaß an solcher Stiefelknechterei hast, bitte.
    Ich frage mich darüber hinaus, wo du deine ganzen Bestimmungen hernimmst? kannst du meinen Text nicht ordentlich lesen, bei den ganzen Unterstellungen?
    Wie kommst du auf die Idee, ich will irgendwen überzeugen?

  9. Lieber Kristian,
    das glaub ich eigentlich nicht, dass du jemanden überzeugen möchtest, womit sich die Frage stellt, warum wir überhaupt miteinander reden. Wenn du den Sinn von Politik nicht im Reden und Meinungsaustausch siehst, du aber dennoch was ändern möchtest, dann stellt sich wiederum die Frage, wie willst du das bei all den Stiefelknechten erreichen möchtest. Leider bist du ja nicht allein auf der Welt. Wenn du nichts ändern möchtest, ja dann ist es ja gut. Ich sag ja, dann bist du fein raus. Dann hast du es ja eben immer schon gewusst.
    Ich sehe nicht, wie ich dich falsch interpretiert habe.
    Wie dem auch sei.

  10. @Kristian Kröger und Jürgen Förster:
    Wer meint, den Mund derart wie Kristian aufmachen zu müssen (pseudokritischer Jargon ohne sachlich begründeten Gehalt), ohne jemanden überzeugen zu wollen, macht sich (u.a.) tatsächlich verdächtig, es immer schon besser zu wissen und dabei raushalten zu können. In der Minima Moralia folgt auf die Darstellung einer solchen, vermeintlich plausiblen Haltung ein Aphorismus mit dem Namen: „Antithese“.

  11. Danke für den Hinweis
    Antithese – Für den, der nicht mitmacht, besteht die Gefahr, daß er sich für besser hält als die andern und seine Kritik der GEsellschaft mißbraucht als Ideologie für sein privates Interesse. Adorno

    War Adorno eigentlich auch ein Teil des Steigbügels des Faschismus?
    Nichts für ungut 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.