Debatte: Brauchen wir mehr Gutachten?

In den Politikwissenschaften kommt man, wie in anderen Fächern, an Gutachten immer weniger vorbei: Studierende sind für ihr Fortkommen (in der Bewerbung auf Studienplätze, Jobs und Auslandsaufenthalte) auf sie angewiesen; gerade als junge(r) DozentIn wird man immer häufiger um Empfehlungen gebeten, zumal in kleinen Seminaren eine begründete Einschätzung der Studierenden noch eher möglich ist als in Vorlesungen.  Die Resultate dieser im angloamerikanischen Raum längst gängigen Praxis sind gemischt: Gibt sie einerseits die Möglichkeit, interessierte Studierende so besonders zu fördern bzw. als StudentIn eine weitere Form von (nützlicher) Anerkennung zu erhalten, entsteht ein großer bürokratischer Mehraufwand für alle Beteiligten und, in der Masse der ständig verfassten Schreiben, potentiell eine Inflation emphatischer Empfehlungen.
Die DVPW hat nun eine (nicht diskussionsoffene) Erklärung und Empfehlung abgegeben, bei den Master-Bewerbungen auf Gutachten zu verzichten. Wir möchten zur Debatte einladen: Dienen Gutachten der besseren Auswahl, oder sind sie ein weiterer Makel der Bolognese-Universität?

Ein Kommentar zu “Debatte: Brauchen wir mehr Gutachten?

  1. Da zur Diskussion eingeladen wurde und bis dato keine Rückmeldung erfolgte, möchte ich mit einer Zuspitzung beginnen: Empfehlungsschreiben reaktualisieren einen für Demokratien ungeahnten Aspekte: meritokratische Anerkennung. Was in vormodernen Gemeinwesen aufgrund von Konvention und sozialer Schichtung unhinterfragte Grundtatsache: dass Wenige berufen sind, knappe Positionen (der Ausbildung; der Berufshierarchie) einzunehmen, kehrt in postdemokratischen Gesellschaften zurück. Anstatt ausreichend Studienplätze oder/und eine auskömmliche Studien- und Wissenschaftsfinanzierung durch ein umverteilendes Steuersystem zu garantieren, wird dem Zufall durch Koalition, Netzwerk und Ideologie beigeholfen. So wird das unternehmerische Selbst, das tagsüber kritische Theorie betreibt, des abends zum Antragsschreiber, zum Antragenden und fügt sich damit hervorragend in den bürokratisierten Apparat.

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