theorieblog.de | Lehre politischer Theorie unter Zeitdruck: Innovative Methoden gesucht

5. April 2012, Skupien

Die Lehre von politischer Theorie, Philosophie und Ideengeschichte hat in den letzten 50 Jahren zwei signifikante Veränderungen erfahren: Zum einen hat die Ausweitung der Universitäten und der verbreiterte Zugang in den 1970ern den Elfenbeinturm numerisch demokratisiert. Zum anderen hat die Bachelorreform der 2000er und die Anpassung an den Bologna-Prozess die Anforderungen an die Studiengänge erheblich gestrafft, einmal abgesehen von den Reformen und Stellenkürzungen innerhalb der Disziplinen. Die zu lesende Textmenge, die Aneignung des Kanons, auch über extra-curriculare Lesekreise, um in den Diskussionen mithalten zu können, haben sich jedoch nicht verändert. Wie lässt sich unter der zunehmenden Studierendenzahl und den BA-Anforderungen Lehre innovativ gestalten, um die Spannung zu bearbeiten, die sich aus den Arbeitsbedingungen und den Ansprüchen ergeben?Nehmen wir an, dass wir als Lehrende das Wohl der größtmöglichen Menge an Studierenden im Auge haben, befriedigt und angeregt aus einem Seminar zu gehen und die Gestaltung und den Verlauf nicht einigen wenigen ‚üblichen Verdächtigen‘ zu überlassen, die ohnehin an Text und Diskussion interessiert sind. Fünf Rahmenbedingungen werden dann die Lehre textintensiver Seminare in den nächsten Jahren prägen. Dazu zählt sowohl der Zeitdruck, dem Lehrende und Studierende unterliegen (1), als auch die wachsende Zahl an SeminarteilnehmerInnen (2). Weiterhin lässt sich bezweifeln, dass Lehre bisher als integraler Bestandteil postgradualer Ausbildung voll anerkannt ist, obwohl ein Minimum an pädagogischen Kenntnissen auch die Lehre von textintensiven Seminaren erheblich verbessern kann (3). Schließlich bleibt nach dem Einfluss von Interdisziplinarität (4) und das Internet (5) auf neue Lehrmethoden zu fragen.

 

Textlektüre unter Zeitdruck

1. Zeitaufwendige Lektüre kollidiert mit engen B.A.-Studienplänen. Natürlich stellt die politische Theorie keine Ausnahme dar, wenn es um die Aufmerksamkeitsökonomie (Konzentration und Wissen) Studierender geht. Der Lesestoff lässt sich aber am wenigsten mit einem Schnelllesekurs abarbeiten. Die engen Studienpläne, die vor allem zu Ende des Semesters zumeist im Mont Klamott der Klausuren münden, die Anstrengung in sechs Semestern einen ersten berufsqualifizierenden Abschluss zu erhalten, beschränken die verfügbare Zeit für Lektüre, Reflexion und Lesekreise. Hinzu kommt, dass ca. zwei Drittel der Studierenden für ihren Unterhalt während des Studiums arbeiten. Laut der 19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, summieren sich zur Studienzeit von 36 Stunden noch ca. 13,5 Stunden pro Woche. Welche Freiräume sollten die jeweiligen Fachbereiche daher erwirken, oder reichen die in den Studiengängen festgeschriebenen Wahlpflichtfächer als Vertiefung für Interessierte bereits aus? Ein Teil dieser Auslastung lässt sich durch innovative Lehrmethoden auffangen. Das strukturelle Defizit von Instituten und Universitäten muss dagegen weiter auf politischem Weg geregelt werden, um dem Stress der DozentInnen zwischen Prüfung, Lehre, Forschung und Privatleben etwas entgegenzusetzen.

 

Überfüllte Seminare

2. Die Seminare werden immer größer, auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Ein Grund dafür sind die großen Zahlen der Studienanfänger im vergangenen Wintersemester 2011/12. Gleichzeitig entwickelt sich das Betreuungsverhältnis fächerübergreifend negativ, weil strukturelle Entwicklungen der Universitäten mit dem Anstieg an Studierenden nicht mitziehen. Im Durchschnitt kommen derzeit 60 Studierende auf eine/n HochschullehrerIn. Darüber hinaus ist das bundesweite Betreuungsverhältnis an den Universitäten vor allem in den Fächergruppen Sprach- und Kulturwissenschaften (2010: Eine Lehrkraft / 23,1 Studierende) als auch den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (1:30,1) ausgesprochen hoch. Neben strukturellen Problemen müssen also pädagogische Aspekte in den Blickpunkt rücken, die fruchtbare Methoden mit vollen Seminarräumen jenseits der Frontalmethode und ohne Preisgabe der Übung zur Kritik versprechen.

 

Gute Lehre ist Trumpf

3. Im breiten Spektrum universitärer Weiterbildungsdienstleistungen finden sich immer mehr pädagogische Angebote und das völlig zu Recht. Denn weit mehr als fahrlässig ist die Einstellung, dass a) eine einzige Lehrveranstaltung als Qualifizierung für gute Lehre in der Akademie ausreiche und b) Kenntnisse dafür nebenbei autodidaktisch angeeignet werden sollen oder könnten. Das nährt nicht nur das Bild, dass Forschung höher gewertet wird als Lehre, sondern kann auch zur Überforderung der Lehrenden selbst führen. Die zentralen Fragen solcher hochschuldidaktischer Angebote drehen sich deshalb um das eigene Lehrverständnis (bin ich Experte, Helfer oder Facilitator) und den Werkzeugkasten, mit Hilfe dessen sich die klassische, oft beklagte Methode ‚Referat+Diskussion+Hausarbeit‘ auflockern lässt. Im emanzipatorischen Sinne lässt sich deshalb fragen, mit welchen Methoden die NutzerInnen dieses Blogs als Lehrende arbeiten und welche ‚funktionalen Äquivalente‘ für die klassischen Hausarbeiten oder Referate vor allem in textintensiven Seminaren erprobt wurden. Wird es, aus Zeitnot und pädagogischen Gründen, vielleicht zu einer fruchtbaren Renaissance des Essays kommen? Oder ist die klassische Referatssituation die letzte Bastion der Dozierenden, mit ihrer eigenen Zeitnot umzugehen und deshalb unumgänglich?

 

Jenseits der Fächergrenzen

4. Interdisziplinarität wird in der Lehre weiter zunehmen. Vor allem im Bereich der externen Lehraufträge bestehen Möglichkeiten zu ungewohnten Kooperationen, die viel häufiger Seminare unter Einbeziehung verschiedener Kontexte anbieten. PhilosophInnen, SozialwissenschaftlerInnen oder KunsthistorikerInnen mit je eigenen Lern- und Lehr-Gewohnheiten arbeiten zukünftig zusammen und tragen damit ihre Sozialisation in interdisziplinär ausgestatteten Graduiertenschulen und Forschungszusammenhängen in die Lehre des nächsten Jahrzehnts. Wo entstehen die fruchtbarsten Methodenkombinationen und welche Grenzen sind der interdisziplinären Hochschulpädagogik gesetzt?

 

Texte, Bilder und das Internet

5. Obwohl politische Philosophie und ihre Schwesterdisziplinen Ideengeschichte und politische Theorie textzentriert sind, eröffnen sich interdisziplinär und technisch neue Möglichkeiten. So lassen sich die multimedialen Formen des Internets nicht nur für Textproduktionen von Studierenden (Wikis, Rezensionen, Audio-Dokumentationen, Bildarchive) nutzen, sondern erleichtern auch den Schritt über Fächergrenzen hinweg. Was sagen etwa Dürers Bilder oder die Darstellungen absolutistischer Herrschaft für die Theorie Bodins oder Hobbes aus? Fruchtbare Allianzen ergeben sich dann z.B. zwischen politischer Theorie, Ideengeschichte und Bildwissenschaft, wie es Jörg Probst schon 2010 auf einer Tagung vorgeschlagen hat. Hier schließt sich nun die Fragen an, wie die Textzentriertheit durch die Analyse anderer Medien aufgelockert werden kann und sich dadurch neue Impulse in der Lehre setzen lassen, die jenseits von Unterhaltungskultur die Begegnung mit DenkerInnen erleichtern. Zum anderen lässt sich fragen, wie Studierende selbst die neuen Medien nutzen können, um Lernerfolge zu protokollieren und über den Seminarrand hinaus zu diskutieren (wie etwa im von Ulrike Höppner auf der gleichen Tagung vorgestellten www.theoriewiki.org).

 

Stefan Skupien promoviert im Rahmen des Graduiertenkollegs „Verfassungen jenseits des Staates“. Seine (interdisziplinären) Lehrerfahrungen reichen von Veranstaltungen am Otto-Suhr-Institut, dem Politikinstitut der Universität Kassel bis zur Afrikanistik der Humboldt-Universität.

 


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