Gegen die Verzweiflung anzudenken ist eine Verpflichtung – Habermas und der Marxismus

Es war eine eigentümliche Tagung, die Smail Rapic vom Philosophischen Seminar der Bergischen Universität Wuppertal vom 23. – 25. März konzipiert hat. Schon das Tagungsthema Habermas und der Historische Materialismus leuchtet nicht unmittelbar ein, wenn man an das Werk von Habermas denkt. Das ließ Habermas lange zögern, die Teilnahme zuzusagen. Diese Teilnahme war gleichsam die zweite Eigentümlichkeit: Er wohne seiner Historisierung bei, ja, das Konzept der Tagung dränge ihn in die Rolle der Selbsthistorisierung, was für ihn das Schlimmste sei. Er wolle lieber etwas lernen und über gesellschaftliche Probleme diskutieren.

Die Veranstalter beabsichtigten keineswegs die Historisierung, sondern gingen im Lichte der gegenwärtigen Systemkrise des Kapitalismus von der Aktualität der Marxschen Kapitalismuskritik aus. Allerdings erwies es sich als äußerst schwierig, sich über das Verhältnis von Habermas zum Marxismus zu verständigen. Trotz der Kritik am zügellosen Finanzkapitalismus fühlte sich Habermas in der ihm zugewiesenen Rolle des Ideologiekritikers sichtlich unwohl. Rapic fragte ihn nach der Möglichkeit eines dritten Weges und darauf, dass die Ökonomisch-Philosophischen Manuskripte von Marx mit der dort entfalteten Idee der Vergesellschaftung eine Alternative zur Verstaatlichung und zum Neoliberalismus bereitstellen würde. Dies könne, so Habermas, durchaus sein, aber die Politik des dritten Weges in all ihren Varianten sei wohl endgültig gescheitert. Und er glaube, dass es gut Gründe dafür gibt, dass heute keine soziale Bewegung Forderungen dieser Art erhebe. Die heutige Situation der globalisierten Welt sei so komplex, dass jeder Gedanke an Revolution a priori versage. Es lasse sich höchstens eine Ausbalancierung des unauflöslichen Spannungsverhältnisses von Demokratie und Kapitalismus erreichen. Deshalb hätte bereits 1973 von „Legitimationskrisen im Kapitalismus“ gesprochen. Ob die Regulierung gelinge, sei überhaupt noch nicht ausgemacht.

Rapic stilisierte Habermas in seinem Vortrag Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus zu einem lupenreinen Ideologiekritiker und wies darauf hin, dass das politische Potenzial der Marxschen Frühschriften noch nicht ausgeschöpft sei. Habermas kommentierte, er habe das Konzept bereits in den frühen siebziger Jahren durch das Konzept der Rekonstruktion ersetzt. Allerdings räume er ein, dass Ideologien immer noch wirkmächtig seien. Nur bezüglich der aufklärerischen Effekte der Ideologiekritik sei er skeptisch. Bewusstmachung durch Selbstreflexion sei nicht mehr der erste Schritt der Emanzipation, da die Menschen die neoliberale Maxime Margaret Thatchers TINA (There is no Alternative) so verinnerlicht hätten, sei ihr Bewusstsein zynisch geworden. Aufgeklärtheit und Apathie seien unlösbar miteinander verschweißt.

Das motivierte Stefan Müller-Doohm in seinem Vortrag Die Zivilisierung des globalen Kapitalismus und die Zukunft Europas zu der Frage, was das konkret bedeute. Wäre es beispielsweise vorstellbar, dass die hypnotische Fixierung auf das Wachstumsdogma und Akkumulationsmechanismus überwindbar sei. Berge die Zügelung der Märkte nicht die Gefahr eines technokratischen Etatismus? Habermas bemerkte, dass Müller-Doohm auf den öffentlichen Intellektuellen rekurriere und seinen Reformismus ausgebreitet hätte. In der Praxis vertrete er eine optimistische Haltung, nicht aber in der Theorie. Hier sei er eher pessimistisch, was die Erreichbarkeit der Ziele anginge. In dieser Haltung folge er dem Vorbild Kants. Georg Lohmann ging in seinem Vortrag Ernüchterte Geschichtsphilosophie, der im Kern an seinen frühen Aufsatz Kritische Gesellschaftstheorie ohne Geschichtsphilosophie? (1998) anknüpft, dieser Haltung nach. Lohmann vertrat die These, dass diese Haltung das Resultat einer philosophischen Ernüchterung sei, die sich nach dem jugendlichen Rausch seiner Dissertation Das Absolute in der Geschichte einstellte. Allerdings sei es Habermas nicht restlos gelungen, den geschichtsphilosophischen Ballast abzuwerfen. Habermas’ ganzes Nachdenken über die Geschichte sei ein Nachhall der frühen Beschäftigung mit der Geschichtsphilosophie Schellings und speise sich aus zwei Quellen: Benjamin und Kant. Somit besitze seine uneingestandene Geschichtsphilosophie messianische Wurzeln. Habermas stimmte dem zu, müsse aber nochmals nachlesen, ob er das alles gedacht hätte. Sicher sei jedoch, dass er es nicht nur als ein Motiv, sondern als eine Verpflichtung betrachte, gegen die Verzweiflung anzudenken, da ansonsten jegliches Handeln unmöglich würde. Mit dieser Bezugnahme auf die Hoffnung um der Hoffnungslosen willen Benjamins wendet Habermas sich implizit gegen die Absage an jeden Pragmatismus, die Horkheimer 1946 formulierte: „Die Hoffnung der Vernunft liegt in der Emanzipation von ihrer eigenen Furcht vor der Verzweiflung.“ (Horkheimer 1985: Gesammelte Schriften, Bd. 12, S. 118). Nebenbei bemerkte Habermas, dass für ihn der griechischen Ethik im Vergleich zum jüdischen Messianismus der Stachel fehle.

Ingo Elbe untersuchte in seinem Beitrag Habermas’ Kritik des Produktionsparadigmas die Marx-Rezeption Habermas’, um ihm ein mangelhaftes Verständnis der Marxschen Kategorie der abstrakten Arbeit nachzuweisen. Habermas naturalisiere Marx, da er den Arbeitsbegriff auf die konkrete Arbeit, den Stoffwechsel mit der Natur, reduziert habe. Damit sei das Wertgesetz der abstrakten Arbeit als einer symbolischen Interaktionform der Herrschaft verschleiert. Habermas erweise sich mit der dualistischen Unterscheidung von System und Lebenswelt, der Rede von der Kolonialisierung der Lebenswelt und mit der Annahme, dass Geld ein neutrales Medium sei, als Ideologe der herrschenden Verhältnisse. Leider verspielte Elbe durch die Art seiner Kritik eine fruchtbare Diskussion über spannende Probleme: Inwieweit ist der Dualismus von System und Lebenswelt für eine kritische Gesellschaftstheorie befriedigend? Inwiefern beeinflusst die Wahl der Begriffe den Blick auf den Gegenstand? Wie lässt sich die Annahme von der Alternativlosigkeit der kapitalistischen Produktionsweise verstehen und begründen? Elbe wurde leider nur als Vertreter der Marx-Orthodoxie abgekanzelt, der die Kontexte der Kritik ignoriere. Über die politischen Konsequenzen seiner Kritik konnte Elbe keine Auskunft geben.

Eleganter formulierte Michael Quante (Die Rückkehr des gegenständlichen Gattungswesens) sein Diskussionsangebot und meldete Klärungsbedarf an. Er suche nicht die frontale Konfrontation, sondern versuche wie ein Partisan von einem Randgebiet mit kleinen Nadelstichen in den Kern der Theorie vorzudringen. Dies tat er dann auf beeindruckende Weise. Das Randgebiet, das er sich ausgesucht hat, war die Auseinandersetzung mit Humangenetik, die Habermas in Die Zukunft der menschlichen Natur geführt hat. Quante hinterfragte die starke Betonung der Unverfügbarkeit, die Habermas in seinem Changieren zwischen deontologischer Moral und naturrechtlicher Dogmatik vorgenommen habe. Die Humanisierung der Natur, von der Marx gesprochen hätte, enthalte immer noch emanzipatorisches Potenzial. Quante ermunterte Habermas, den Schritt hin zu einer Gattungsethik offensiver zu vollziehen. Im Bereich der Bioethik würde man mit Tabus nicht weit kommen. Der Aspekt des Heilens sei nicht nur Ideologie. Unverfügbarkeit könne andererseits herrschaftlich wirken. Gefordert sei eine kontextsensible Argumentationsweise, die die Betroffenen ernst nimmt, sich dem Unbehaglichen aussetzt und in ihm einrichtet. Diese Kritik führte zu einem Disput mit Rainer Forst, der den Schritt zur Gattungsethik als gefährlich und überflüssig betrachtete [vgl. Habermas 2001: Die Zukunft der menschlichen Vernunft, S. 121 Fn. 70]. Forst wolle die Garantie der Autonomie nicht von kontingenten Vorstellungen des guten Lebens abhängig machen. Notwendig sei eine kategorische Grenze des Erlaubten. Wer diese Grenze ziehen soll und wie man sich auf sie einigen kann, blieb unklar.

Sicherlich überwog letztlich die Historisierung, was auch an dem mangelnden Raum für Diskussionen lag. Gleichwohl eröffnete die Tagung in der Rückschau, wenn man beispielsweise an die Beiträge von Quante und die Diskussionen mit Rapic denkt, interessante Perspektiven und Fragestellungen, sodass es am Ende trotz des eigentümlichen Themas eine gelungene Tagung war.

 

Jürgen Förster ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politische Wissenschaft der RWTH Aachen. In seiner Dissertation hat er sich mit der institutionellen Verfassung der Freiheit im politischen Denken Hannah Arendts auseinandergesetzt. Weitere Arbeitsschwerpunkte sind Kritische Theorie und Demokratietheorie.

 

17 Kommentare zu “Gegen die Verzweiflung anzudenken ist eine Verpflichtung – Habermas und der Marxismus

  1. Erst einmal danke für diese Zusammenfassung.
    In der Tat kann man zu dem Schluss kommen, dass hier versucht wurde, Habermas mit Gewalt in ein Interpretationsschma zu drängen, von dem man anerkennen müsste, dass er selbst überwunden. Es wäre dann Frage einer eigenständigen Diskussion und Rezeption, ob man bspw. mit Elbe die mangelhafte Marxrezeption Habermas‘ aufgreift und diskutiert oder sich mit der allgemeineneren Frage befasst, ob Ideologiekritik – immerhin das von Horkheimer vor dem Zweiten Weltkreig annoncierte Tagesgeschäft des IfS- angesichts des TINA-Prinzips wirklich nicht mehr betreiben könnte.

    Etwas fragwürdig erscheint mir hier denn auch die Intention des Kongresses; niemand braucht diese nichtssagenden Selbstvergewisserungen z.B. einer bestimmten Wissenschaftlergeneration, dass es doch insgesamt alles korrekt sei und man mit der Anpassung (oder Revision?) seiner Theorieinhalte auch bequem in der Gegenwart fahren kann. Umgekehrt könnte man den Befürwortern des Pfadwechsels – wenn man denn die Einsetzung von „Rekonstruktion“ in die Ökonomiekritik bei Habermas als Bruch betrachtete. Und auch mit einer Historisierung ist niemand geholfen, schon gar nicht im Kontext der Kritischen Theorie, wenn man sich an Adornos „Drei Studien zu Hegel“ und der Kritik gerade dieser (akadmischen) paternalistischen Historisierung erinnert.

    Es gehörte dann an dieser Stelle aber auch ein veritabler Disput, der kontrovers diskutiert werden sollte, um nicht im Beliebigkeitsjargon zu versinken. Schließlich hat es nicht zuletzt auch materielle Konsequenzen – bezieht man sich auf die empirische Ebene -, ob man meint, Marxsche Kategorien seien tragfähig oder nicht. So stellt beispielsweise die Überlegung von Quante über die Einführung einer Gattungsethik nicht zuletzt eine Regression des wissenschaftlichen Denkens dar, würde doch damit auf alte Vertragskonzepte und Modelle personaler Identität zurückgegriffen, die seitens Marx schon in der „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ als obsolet bzw. ideologisch verhandelt worden waren. Zumindest könnte sich kein Anhänger der Kritischen Theorie voraussetzungsfrei darauf beziehen, weshalb ich Forts Veto an dieser Stelle auch als historische Erinnerung der eigenen Wissensgrundlage deute. Sicherlich könnte man hier auch die These anfügen, dass genau dieses Denken durch die Renovation der Anerkennungstheorie bei Honneth als „legitime“ Lesart etabliert worden ist; eine Entkräftung bestimmter Inhalte Kritischer Theorie sans phrase, aber paradoxerweise auch sehr zeitgemäß.

    Wenn es tatsächlich keinen Raum zur Diskussion gegeben hat, halte ich eine Tagung erst Recht für überflüssig; wozu dann tagen? Um wechselseitige Versicherungen auszusprechen und sich damit auf Folgenlosigkeit festzuschreiben?

  2. Ergänzung:

    „Umgekehrt könnte man den Befürwortern des Pfadwechsels – wenn man denn die Einsetzung von “Rekonstruktion” in die Ökonomiekritik bei Habermas als Bruch betrachtete…

    …vorhalten, dass sich gewisse Theoriebestandteile historisch widerlegt sähen. Gegen eine solche empirische Korrektur der eigenen Theorie wäre zumindest dann nichts einzuwenden, wenn nicht damit insgesamt die Prämissen und das Theoriegebäude konterkariert würden. Dafür allerdings müsste zunächst eine kohärente Theorie vorgelegen haben. Da Habermas die hermeneutische Methode zunächst präferiert, später kristisiert hatte, bleibt dann nur der Rückgriff auf die Synthese. Diese wiederum ist – gemessen an der Theorie des kommunikativen Handelns – entkoppelt von empirischen Einwänden und übergeführt worden in die Kommunikationstheorie. Die Differenz liegt dann im Gegenstand selbst: Kommunikationstheorie und Kapitalverhältnis sind unterschiedliche Ebenen, Erstere agiert bewusst kontrafaktisch („ideale Sprechsituation“), Letztere hingegen als empirisch grundierte Fortentwickung der Arbeitswerttheorie.

  3. Vielen Dank für diese Kommentare. Ich möchte nicht auf alles eingehen, sondern zwei Punkte heraus greifen. Zum einen glaube ich bzw. habe ich es so empfunden, dass gerade die Art und der Ton der Elbe Kritik eine fruchtbare Diskussion verhindert hat. Ich möchte sogar behaupten, dass es Elbe gar nicht um eine solche Diskussion ging, sondern es bestand das Ziel einer Generalabrechnung. Man kann nicht mit jemandem diskutieren, der einem ein vollkommenes Missverstehen oder eine ideologisch verzerrende Interpretation unterstellt und das echte Ringen um Problemlösungen abspricht. In der Sache dürfte es schwierig sein, einen Menschen von 82 Jahren noch zu einer Revision seines Werkes zu motivieren. Ich denke, hierzu dürfte eine Tagung wohl der falsche Ort sein.
    Der zweite Punkt betrifft die Bemerkung über Quante, die ich nicht ganz verstehe. In welchem Verhältnis steht eine Gattungsethik zur Vertragskonzepte? Ich fand gerade diesen Beitrag spannend, weil er zeigte, dass ein kontextualistisches Denken durchaus nicht zahnlos sein muss. Quante hat ja gerade das naturrechtlich begründete Verbot bzw. Tabu kritisiert. Ob das eine Regression wissenschaftlichen Denkens ist, kann ich nicht sagen, wäre für mich aber jetzt auch nicht so problematisch, da ich durch Adorno und Arendt eher ein ambivalentes Verhältnis zur Wissenschaft habe. Insofern würde ich auch die etwas pauschale Kritik an Honneth nicht unbedingt teilen. Nur nebenbei bemerkt, hat mir die Performanz von Quante außerordentlich gefallen.

  4. Danke für die Antwort. Da ich selbst nicht vor Ort war, befinde ich mich in der problematischen Situation, aus dritter Hand zu urteilen; doch nach allem, was ich an Schriften von Elbe gelesen habe, kann ich mir gut vorstellen, dass es sich bei der Auseinandersetzung mit den neueren Arbeiten Habermas – und damit vielleicht auch mit seinem Werk insgesamt -, um eine Art „Abrechnung“ gehandelt haben mag. Wobei hier vielleicht zu unterscheiden wäre zwischen einer Polemik und einer personalisierenden Kritik. Habermas ist bezogen auf die neomarxistische Theorie in Westdeutschland nach 1968 ja wahrscheinlich nur der prominenteste Kopf. Viele Theoretiker haben ihr Denken nach 1990 angepasst, verworfen usw. Aber vielleicht liegt – jenseits von Elbe und Habermas – ein mögliches Fazit für Dritte darin, dass sich die Befassung mit Marx heute (wieder) als brauchbar erweisen kann, um die Entwicklungen des globalen Kapitalismus besser zu verstehen. Dieses Interesse berührte dann unterschiedliche Betrachtungsebenen, von denen sicherlich die der eigenen „Betroffenheit“ (z.B. als prekär situierter Nachwuchswissenschaftler, als arbeitsloser Postdoktorand etc.) auch eine neue Art der Lektüre kritischer Theorien anleiten kann. Das wäre ja ein fundamental anderes Verhältnis zu einem Text, als die allein philologisch-werkimmanent oder aber problematisierende Lektüre, die ja auch im Studium mehr oder minder en passant eingeübt wird (vgl. die Debatte im Nachbarthread über angemessene Lehrformen heute).

    Dito mit dem Beitrag von Quante – hier wäre zu hoffen, das entweder Vortragsmitschnitte oder Texte bereitgestellt (bestenfalls online) werden, um sich dann doch mal mit dem Text und dem Gesagten zu befassen, als bloß zu spekulieren, was mir im Moment ja nur bleibt. Mein Einwand gegen die Verwendung des Konzpets der Gattungsethik kann missverstanden werden. Natürlich bin ich auch der Auffassung, dass heute eine differenziertere Betrachtung von Konzepten personaler Identität, aber auch von kollektiven Schutzrechten (z.B. in Form eines universalen Sittlichkeitsverständnis, das zu Fragen der Integrität leiblicher und geistiger Unversehrtheit Stellung bezieht; wenn ich Habermas z.B. an dieser Stelle richtig begriffen habe, wendet er sich gegen jeglich – nur denkbaren – Eingriff in die körperliche Unversehrtheit, im Besonderen gegen die Beeinflussung der DNA durch pränatale Gendiaknostik usf.; hieran anschließen könnte und müsste man evtl. diskutieren, ob der Einwand der Neopragmatisten gegen universale Konzepte noch tragfähig ist; Habermas selbst revidiert damit Passagen, denen er früher ein „nachmetaphysisches Denken“ gegenübergestellt hatte. Zwischen Biopolitik und Wesensphilosophie muss ein Mittelding liegen, dass durchaus die praktischen Vorteile medizinisch-technischen Fortschritts aufgreift, ohne rassistisch, exklusiv oder aber medikalisierend zu wirken.

    Was mir persönlich wichtig erscheint, ist aber die Wiedereinführung anachronistischer Identitätskonzepte – ob in Form einer fiktiven Vertragskonstellation, als Gesellschaftsvertrag oder als Form des Pars pro toto individualisierter, aber nur einseitiger oder formaler Rechtskonzepte, deren soziologische, ökonomische, politische, kulturelle Komponenten grosso modo unter einen Hut gebracht werden sollen. Mit anderen Worten: es kann kein Weg zurück zu einer solchen Komplexitätsreduktion geben, wenn man zugleich die vielgestaltigen und ambivalenten Fortschrittsergebnisse konsumieren oder beanspruchen möchte. Das könnte man als bloß empirischen Einwand ansehen, es kann aber auch auf widersprüchliche Prämissen verweisen (wieder Habermas und hierin die Marxsche Theorie früh ideologiekritisch paraphrasierend: die liberale Gesellschaftstheorie muss ihren idealtypischen Charakter in dem Moment einbüßen, wo der Schleier des Äquivalententauschs von einer bürokratisierten hochkapitalistischen Gesellschaft abgezogen wird; in: „Strukturwandel der Öffentlichkeit“).

    Meine Kritik an Honneth ist pauschalisierend, d’accord. Ich bin momentan nur wenig davon überzeugt, Hegelsche Wesensbegriffe (erneut) für die Gesellschaftskritik nutzbar zu machen, erst recht, wenn die Anerkennungstheorie einen theoretischen Rückschritt hinter Analysekonzepte bedeutet, die die sozialwisenschaftlichen Nachbardisziplinen aufgeworfen haben. Hier ist mir – um offen zu sein – die Sozialkritik der frz. Kollegen von Bourdieu und Boltanski einfach schlüssiger und vor allem praktikabler. Das mag wiederum weder Intention des Faches, noch der Tagung gewesen zu sein, weshalb ich mir die Polemik nicht nehmen lassen wollte, einen gewissen Habitus zu kritisieren, der Kenntnisnahme ausdrückt, aber Selbstgenügsamkeit meint.

    Last, not least: es sollte darum gehen, weitere Wege zu nehmen; man wird nur schwerlich einen 82jährigen überzeugen können; vielleicht sollte man das auch gar nicht wollen. Wichtiger wäre m.E. ein eigenständiges Bewusstsein der kritischen Befassung mit Theorie, ein work in progress. Der Rekurs auf Habermas zeigt ja insgeheim auch die öffentliche Bedeutungslosigkeit der Philosophie angesichts gesellschaftlicher Krisen. Die Re-Lektüre von „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“ mag hilfreich sein und liefert etliche Argumente, die z.B. Crouch später in anderer Form auch als „Postdemokratie“ begreifen wird, dennoch war dies ein zeitaktuelles Buch, das eine Aktualisierung nötig hätte. Zumal: die damals mit einem Augenzwinkern bemängelte „fehlende Kompensationsfähigkeit“ des Staatsapparates zur krisenangemessenen Reaktion, hat sich gerade nicht als schwindende „Massenloyalität“ ausgedrückt. Hier wäre tatsächlich zu fragen, ob ausgemalten Krisenszenarien empirisch haltbar waren und bleiben.

  5. P.S.: Das vielleicht als Nachtrag: etliche der Teilnehmer sind mir gar nicht bekannt, was daran liegen mag, das meine persönlichen Interessen eher im Bereich der politischen Theorie liegen, aber es wäre insgesamt für die Diskussion hilfreich, wenn man einige Texte allgemein zugänglich hätte. Vielleicht kann ja irgendjemand mit ein paar Links weiterhelfen; auf der Website von M. Quante bin ich nicht fündig geworden, aber immerhin auf ein spannendes Buch aufmerksam geworden: „Personales Leben und menschlicher Tod“ (http://d-nb.info/963881736/04).

    P.P.S.: Auch die Verwendung Hegelscher Konzepte will ich nicht einfach verwerfen bzw. wäre es albern, sich hier an dieser Stelle dazu aufzuschwingen. Die erste ablehnende Reaktion zeigt ja eher die Deutungshoheit der analytischen Philosophie im Feld, mehr noch aber in der politischen Theorie, in der Hegel als abgemeldet gilt (zusammen mit Marx). Zumindest bin ich an diesem Punkt unentschieden, denn man kann z.B. die Kapitalismuskritik bei Marx nicht ohne Hegel begreifen, gleichwohl handelt es sich nicht mehr um wesensphilosophische Begründungen, sondern – wenn überhaupt – Anleihen in der Terminologie Hegels. Wurde auf diese Kontroverse der Marx-Lektüre eigentlich von einem Vortragenden eingegangen? Ein aktuelles Beispiel für die Verwendung Hegelscher Philosophie, aber dort nur der „Logik“ findet sich bei Horst Friedrich: ‚Wissenschaft der Logik‘. Ein marxistischer Kommentar in drei Teilen, Berlin: Dietz, 2001-2010 (http://www.dietzberlin.de/backlist_rls/index_b_rls.html). Band 1 findet sich als PDF online unter: http://goo.gl/Rhs7H

  6. Ganz auf die Schnelle. Es ist ein Tagungsband geplant, alle Beiträge und Kommentare sind auf Video aufgezeichnet und werden wohl nun transkripiert. Das kann aber erfahrungsgemäß dauern. Danke für die Links. Bei den inhaltlichen Punkten, die ich bisher nur überflogen habe, kann ich spontan nur zustimmen. Werden vielleicht später noch ausführlicher Antworten.

  7. Hallo Jörg, danke für den Hinweis; dann werde ich die Tagungsseite einfach mal im Auge behalten.
    Noch ein Nachtrag meinerseits zu Habermas‘ Kritik am Eingriff in die leibliche Unversehrtheit: Dort meine ich natürlich nicht die direkte Beeinflussung der DNA durch bspw. Pränataldiagnose, sondern eine moralische Beeinflussung der Partner oder auch nur der Mutter allein.
    Es wäre sicher interessant, wenn auch lebensgeschichtlich kontextualisierend, wenn man Habermas‘ eigene Erfahrungen der Zurückweisung aufgrund körperlicher „Beeinträchtigung“ (die Anführungszeichen drücken nur aus, dass die Sprache ver-griffen ist) berücksichtigt. Gegen eine solche Motivation hätte ich auch nichts einzuwenden, solang dadurch die Kategorienbildung nicht willkürlich würde. Woher sonst, sollte Philosophie ihren Antrieb schöpfen?

    Aber darüber hinaus erleben wir ja in der Sozial- und Rechtswissenschaft eine intensive – eher unkritische bis offen affirmative – Verwendung und Diskussion von humangenetischen Methoden allgemein. Die Kriminologie operiert damit, in der Kriminalistik ist sie gelebte Praxis. Die Verhaltenswissenschaften übernehmen dies analog zur Klinischen Psychologie und Psychotherapie, die verstärkt humangenetische Analysemethoden psychoanalytischen und psychologischen Gutachten vorziehen. Ja selbst die Versicherungswirtschaft (in den USA) stützt bei der Gruppierung von Anspruchshaltern und der Bemessung individueller Prämien an vermeintlichen „Gen-Dateien“, aus denen „Risikopatienten“ ermittelt werden. Nur hierin – in dieser Vermengung von Machtpolitik (staatliche Herrschaft durch biologistische Heuristiken; Biopolitik), kapitalistischen Gewinninteressen (für jedes Risiko soll dennoch die passende Kur, das passende Mittel, die passende Operation oder im Zweifel die Abortion dienen…) und einer allzu formalistischen Ethik, die auf die Zeitereignisse keine machtkritischen Antworten formuliert, kann eine berechtigte Kritik entstehen und ist die Ausrichtung insbesondere der Sozial- und Verhaltenswissenschaften auf ein rein technisch-praktisches Erkenntnisinteresse (dito mit der Hirnforschung; medial aufbereitet in bestimmten Exzellenzclustern) als Verkürzung zurückzuweisen.

  8. Dass Ingo Elbe „über die politischen Konsequenzen seiner Kritik keine Auskunft geben“ konnte, halte ich für ein Gerücht. Elbe hat klar gegen Habermas‘ Geldbegriff polemisiert, der Krisen gar nicht zulasse und daher einer Ideologie Vorschub leiste, wie sie bei Sozialdemokraten gang und gäbe sei: „Die Wirtschaft ist im Kapitalismus für den Menschen da“. Elbe hat das massiv (und mit konzisen Argumenten) bezweifelt und Marx‘ Einsichten gegen Habermas‘ „neutralen“ oder „technischen“ Geldbegriff in Anschlag gebracht. Leider war diese Tagung nicht dazu angentan, solche Fragen inhaltlich zu diskutieren. Ein Georg Lohmann, wie ich nun weiß, Habermasschüler, hat Elbe ausschließlich Beleidigungen entgegengeschleudert, Habermas selbst, wesentlich mehr Gentleman, wollte sich nur ‚hermeneutisch dekontextualisiert‘ sehen, zum Inhalt wollte er sich nicht (!) äußern. Alles in allem eine Tagung, die nur gezeigt hat, dass Habermas ein toter Hund ist, der uns nichts mehr zu sagen hat angesichts der gegenwärtigen Krisen.
    Auch die Kritik, die an Habermas‘ Diskurstheorie seit Jahrzehnten geübt wird (Wellmer, Steinhoff, Taylor, Gebauer u.v.a.) wurde mit keinem Wort erwähnt. Wer sollte das in dem Reigen der Festredner (mit Ausnahme des mutigen Jungspunds Elbe, der damit wohl seine Karriere im Arschkriecherbetrieb versaut haben dürfte) auch getan haben sollen? Quante war rätselhaft. Er schien Habermas in ein politisches Projekt integrieren zu wollen und hat nicht gefragt, was wahr ist, sondern was pragmatisch machbar ist (durchgeht). Eine merkwürdige Philosophie. Insgesamt habe ich mich mit wenigen Ausnahmen noch nie auf einer Tagung so gelangweilt, weil hier kein wissenschaftlicher Anspruch zugrundelag, sondern Personenkult.
    Karel, Prag

  9. Na ja, das kann man ja sehen, wie man will, und so gibt es auch hier eine Pluralität der Meinungen. Aber die Frage nach den politischen Konsequenzen der Kritik ist damit ja noch nicht beantwortet. Oder steht die Revolution vor der Tür? Man kann sich dann zumindest damit befriedigen, dass man die Wahrheit besitzt und die Anderen alles verblendete Arschkriecher sind. Ich halte diese Haltung eher für problematisch.

  10. Ich würde Karel hinsichtlich des Geldbegriffes zustimmen. Das ist ja genau der Kritikpunkt, der von Vertretern der Kritik der politischen Ökonomie gegen die Habermassche Kapitalismustheorie vorgebracht wurde (Klaus von Beyme sprach davon, dass Habermas und Offe mit ihren Analysen, die Kulturalisierung der Kapitalismuskritik zu einer Zeit vorgebracht hätten, in der eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Marxismus eher politisch aufgeladen war). An der Debatte um die Werttheorie hatte sich Habermas schon 1973 nicht beteiligt (siehe dessen Verweis in „Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“, wo er auf die damals gerade publizierten Texte zur Werttheorie von Backhaus und H. Reichelt verweist).

    Man sollte ggf. die Theoriedimensionen voneinander trennen. Die Marxsche Werttheorie ist aus der Philosophie abgezogen, sie ist primäre ökonomische Theorie mit dem Anspruch der Gesellschaftskritik. Auch Habermas hat für sich beansprucht, die Philosophie mit den Mitteln der Gesellschaftstheorie zu überwinden (wobei sich die abwertende Formel „Überwindugn“ auf die philosophische Sackgasse der negativen Dialektik bezog). Man könnte heute eher polemisch einfügen, dass auch Studierende in diese DIfferenz der Debatte gar nicht mehr eingeführt werden und durch das Studium schon eine apriori Verfachlichung der Debatte einsetzt, die übergreifende Debatten nahezu unmöglicht. UNd naja, der andere Kritikpunkt, den man schon aufgreifen sollte, ist, ob die heute im Mainstream vorgebrachten Thesen – ob philosophisch oder sozialwissenschaftlich – dazu dienen können, Krisenphänomene adäquat zu fassen. Insoweit aber, müsste man die Theorie selbst als Medium der Aufklärung und eben nicht allein als Amt oder Einrichtung verstehen und betreiben. Dies aber – folgt man Personen wie Foucault oder Bourdieu – vollzieht sich dann doch eher außerhalb etablierter Pfade.

  11. Also nochmals, in der Sache mag der Elbe ja Recht haben, darüber ließe sich ja streiten. Darum ging es mir aber nicht, sondern ich war doch sehr verwundert, wie Elbe zur Diskussion aufforderte. Das war eine – gelinde gesagt – eigenwillige Einladung zur Diskussion. Und wie gesagt, bin ich der Ansicht, dass es Elbe nicht um Kritik, sondern um Abrechnung ging, was ja legitim sein mag, aber dann darf man sich über die Reaktion nicht wundern. Wer in einen Wespennest tritt, muss damit rechnen, dass er gestochen wird. Meines Erachtens wäre es aber zu einfach, diese Unterschiede nur auf Habermasadepten und revolutionäre Unangepasste bzw. Mainstream und Aussenseiter zu stempeln. Wenn es das Ziel des Kapitals war, die inneren Widersprüche desselben zu analysieren, um zu zeigen, dass der Kapitalismus ein krisenhafter und krisenproduzierender Zustand ist und dass es ihn zu überwinden gelte, müsste man sich doch fragen, warum er immer noch nicht überwunden ist und welche gegenwärtige soziale Bewegung in der Lage ist, diese Revolution zu bewerkstelligen. Was bringt uns die Xte Kapitalexegese in diesem Punkt? Dass der Kapitalismus immer noch nicht überwunden ist, liegt nicht an der Mangelhaftigkeit der Habermasschen Marxrezeption bzw. an der ideologischen Wirkung der Theorie des kommunikativen Handelns. Und mit dem „Argument“ des toten Hundes wäre ich auch eher vorsichtig, zu diesem kann man ganz schnell selbst gezählt werden. (Nein, ich bin kein Habermasschüler und sehe auch keinen Grund, ihn übergebühr zu verteidigen). Vielleicht wäre ich auch enttäuscht gewesen, wenn ich von sehr weit angereist wäre. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich auch nicht allzu viel anderes erwartet als Historisierung.

  12. Hallo Jürgen,

    ich denke, wir sind an dieser Stelle über die Frage, wie Habermas Marx rezipiert und in welcher Form Ingo Elbe seine Kritik vorgetragen hinaus. Mich persönlich interessieren diese redaktionellen Fragen wenig. Hinsichtlich der Frage, warum der Kapitalismus (oder die Kapitalismen?) noch nicht überwunden ist, möchte ich mich jetzt nicht allein zu einem schnell geschossenen Kommentar hinreißen lassen. Diese Frage ist wesentlich umfangreicher zu beantworten und ich sehe gute Chancen darin, mit Mitteln der Gesellschaftstheorie auch eine angemessen Integration der Werttheorie in die Zeitdiagnose leisten zu können. Die Frage wäre demnach eher, ob man sich zu einer anderen Diskussionsform zusammenfindet oder aber zunächst nur festhält, dass der Beitrag hier im Verhältnis zwar viel, insgesamt dann aber doch erschreckend wenig Replik erzeugt hat, was auch ein organisatorisches Dilemma sein kann.

  13. Guten Tag zusammen,
    auch ich danke für diese Zusammenfassung und bereue es umso mehr, dass ich selbst nicht zugegen war. Schon den Titel fand ich vor dem Hintergrund der Anwesenheit Habermas‘ unfreiwillig komisch. Zu Elbes Marxexegese und der Präsentation kann ich freilich wenig sagen, aber zumindest kann ich mir vorstellen, wie eine solch‘ fundamentale Kritik vorgebracht wird/werden muss: Womöglich ist es da eine Form der Selbstversicherung, dass man die eigenen Bemerkungen schon mit ausgefahrenen Krallen präsentiert. Erfreulich ist aber dann doch, dass auch Störenfriede eingeladen wurden. Denn von Elbe konnte man wohl zuvor schon wissen, dass das keine Habermaseloge wird.

    Was mir neben all den sicherlich gerechtfertigten Verbindungslinien zu Marx usw. wichtig erscheint, ist der „Tonfall“ der Habermasschen Theorie. Und damit passt diese Diskussion sehr gut auch zu jener anderen um die Hegemonie der Frankfurter. Drastisch formuliert: Ich sehe Habermas‘ Theorie als Verfallsgeschichte. Da waren die sehr alten, ziemlich unversöhnlichen und durchaus mutigen Arbeiten, die spätestens seit der Theorie des kommunikativen Handelns von einem seltsam harmlosen und friedlichen Ton angelöst wurden. Früher hat Habermas wenigstens mal wirklich gestritten und sich gezwungen, Luhmann zu lesen, Foucault, Nietzsche usw. Jetzt gibt er Interviews für die Vorwärts und lobt Martin Schulz als aufrechten Europäer. Erneut, mir geht es dabei gar nicht so sehr um die faktische thematische Positionierung, sondern um die Radikalität des Denkens, den Tonfall der Arbeiten und das Bestehen auf einer irgendwie unbequemen Haltung.

    Und diese „Zahnlosigkeit“, sie überrascht mich sehr, wenn ich mir Habermas, aber vor allem auch einen Schüler wie Rainer Forst anschaue. Da wird anscheinend gar nichts mehr recht rezipiert, was wirklich von diesen leeren Signifikanten (Freiheit, Demokratie, Rechtfertigung…) abweicht.

    Ich kann mich dunkel erinnern, dass gar die Seite des Exzellenzcluster „Normative Orders“ sich quasi im dritten Satz dezidiert alle funktionalistischen Theorieperspektiven verboten hat. Mit solch‘ seltsamen Grundsteinlegungen kann man nur zu einem satten, selbsterklärenden und netten Denken kommen, möchte ich meinen. Allein, weil die Möglichkeit zur Irritation, mitunter sogar zur Verstörung bereits im Ursprung nicht gegeben ist.

  14. Ich kann Herrn Baschek nur zustimmen. Das Problem der Tagung und großer Teile des akademischen Geschehens war/ist doch, dass hier die Zahnlosigkeit geradezu institutionalisiert wird.
    Zu Jürgen Förster und der Forderung an Ingo Elbe, seine politischen Konsequenzen offenzulegen: Die Vermischung der Gesellschaftstheorie mit vorschnellen „revolutionären“ Lösungen ist gerade etwas, das man eher aus Ostblockzeiten kennt (ich hab das hier noch in den letzten Zügen an der Uni mitbekommen). Es ist sehr überraschend, dass man von einer Kritik an Habermas plötzlich solche „praktischen“ Lösungsvorschläge verlangt hat. Und es hat mich auch eher erschreckt, denn von einer wissenschaftlichen Tagung, deren Ziel dem Titel nach doch sein sollte, das Verhältnis von Habermas zu Marx zu klären, hatte ich das nicht erwartet. Dass Elbe keinen „Diskussionsvorschlag“ im Sinne einer ehfurchtvollen Bitte um Kenntnisnahme, sondern eine fundamentale Kritik vorgebracht hat, das müssten gestandene Professoren doch verkraften können. Aber statt sich dem inhaltlich zu stellen, kamen Ausweichversuche (Habermas) und Beschimpfungen (Georg Lohmann).
    Allein diese Tagung hat mich viel über das geistige Klima in der akademischen Linken der Bundesrepublik gelehrt – ich hoffe mich zu täuschen, aber Deutche Diskussionpartner in den Pausen bestätigten mir meinen Eindruck (ist nicht wissenschaftlich abgesichert, ich weiß).

  15. Will man einen historischen Vergleich ziehen, so kann die Form des Studiums und das Einerlei der Debatte derzeit vielleicht mit den späten 50ern verglichen werden. Die hatten zwar eine Debatte über den Atomtod und entsprechende Positionierungen von Wissenschaftlern dagegen, aber an den Universitäten schien das Klima noch recht miefig zu sein. Denkt man hier in Konjunkturen, so scheint eine solche Periode der Genügsamkeit und Ernüchterung immer wieder nach gesellschaftlichen Umbruchsituationen einzutreten: 45, 68, 89. Anno 2012 gibt es eine durchaus kritische Situation in der politischen Welt, deren Abbildung im wissenschaftlichen Alltag eigentlich adäquat verfährt. Sprachlosigkeit ob eigener Sprachlosigkeit. Spricht Crouch umsonst vom „befremdlichen Überleben des Neoliberalismus“?

  16. Übrigens: der Band ist 2014 im Karl Alber Verlag erschienen. Er trägt den Titel der Tagung. Viel Spaß beim Lesen.

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