Honneth-Lesekreis (6): Pro Familia – Die Bedeutung der Familie für Subjekt und Gesellschaft

Teil C, III.1 (Das „Wir“ persönlicher Beziehungen: c) Familien (S. 277-317)

Eine Familie, so heißt es in dem Film „Der Eissturm“ von Ang Lee, ist wie die eigene Anti-Materie: Sie sei das Nichts „aus dem du kommst und der Ort, an den du zurückkehrst, wenn du stirbst“. Auch wenn Honneth die Familie wohl weder als persönliche Anti-Materie noch als negative Zone (wie es im Film weiter heißt) bezeichnen würde – denn seine normativ-rekonstruktive Darstellung der Familie ist wesentlich optimistischer – so würde er sicherlich den zyklischen Charakter der Familie bestätigen. Denn auch nach Honneth ist die Familie unter anderem dadurch charakterisiert, dass sich ihre Mitglieder als eine zwischen Geburt und Tod verbundene Solidargemeinschaft verstehen (315). Eine der Leistungen von Familien ist es, dass sie „säkularen Trost“ spenden, den „Kreislauf des Lebens“ erfahrbar machen und von „Einsamkeit und Todesfurcht“ entlasten (310). Freiheit, so lautet eine der zentralen Thesen, wird in der Familie dadurch verwirklicht, dass die heutige Familie a) frei ist von traditionellen Rollenverteilungen, und stattdessen die Person als Ganze in den Blick genommen wird (304) und b) frei ist von Altersgrenzen, insofern, als Kinder Eltern und Eltern Kinder sein können (307).

Die Familie ist die dritte Sphäre persönlicher Beziehungen. Im Unterschied zur Freundschaft und zur Liebe ist die Familie durch eine Triangularität gekennzeichnet, grob gesagt: Vater, Mutter, Kind (278). Diese formale Struktur galt früher wie heute; davon abgesehen aber hat sich in den vergangenen 250 Jahren viel verändert. Das Kapitel lässt sich in fünf grobe Abschnitte gliedern: 1) Geschichte und Wandel der Familie vom 18. Jahrhundert bis heute (277-288), 2) Konsequenzen für die heutige Familie (288-294), 3) Normative Implikationen der Familie (294-302), soziale Freiheit durch Familie (302-310), Politik und Familie.

Zu 1) Geschichte und 2) Folgen: Entscheidend für die Definition der Familie ist das Kind. Ihm gelten in der historischen Familie die Fürsorge durch die Mutter und die finanzielle Absicherung durch den Vater. Die historische Familie ist denn auch noch durch strikte Rollenverteilungen gekennzeichnet. Bei Hegel und Schleiermacher gelten diese Rollen als Verwirklichungsbedingungen der sozialen Freiheit, indem man sich über die Rollen wechselseitig ergänzte und die je spezifische Bestimmung garantierte (280). Diese konservativen Rollenverteilungen haben sich über Kämpfe um Anerkennung der Frauen verschoben, vor allem seit etwa den 1960er Jahren (vgl. die Serie Mad Men). Kindererziehung wird delegiert, Frauen gehen zunehmend arbeiten, Väter sehen sich nicht nur als Ernährer, sondern auch als fürsorgende Bezugsperson (vgl. jüngst die „neuen Väter“), „Gehorsam“ und Autorität sind abgeschafft. Das Kind wird in seiner Persönlichkeitsstruktur und seinem freien Willen anerkannt (284-285). Die Triangularität wird hier zu einer echten Einheit, zu einem „für sich“(285).
Konsequenz dieser Entwicklungen sind zum einen die wechselseitige Anerkennung als ganzheitliche Personen sowie die geteilte Verantwortung der Eltern für das Kindeswohl (290-291). Zum anderen gehören dazu aber auch Konflikte und Scheidungen sowie die Zunahme von Patchworkfamilien und geteiltem Sorgerecht (ebd.). Ferner gebe es eine Tendenz von der sesshaften Kleinfamilie hin zu einer mobilen und über Distanz bestehenden Großfamilie, deren Mitglieder emotional miteinander verbunden blieben. Der moralische Kern der Beziehungen – unabhängig davon, ob die Eltern zusammenleben oder neue Bindungen eingehen – sei die verantwortungsbewusste Elternschaft.

Kritik: Hier ist die idealtypische und scherenschnittartige Darstellung und die mangelnde Berücksichtigung gegeläufiger Tendenzen zu kritisieren; so werden Werte wie Disziplin und Gehorsam in der Öffentlichkeit wieder zunehmend diskutiert, man denke an Bücher wie „Lob der Disziplin“ von Bernhard Bueb (2006) oder jüngst „Die Mutter des Erfolgs“ von Amy Chua. Auch die Rollenverschiebung ist in Frage zu stellen: Welche Familien hat Honneth hier im Blick, welche gesellschaftlichen Schichten? Doch vor allem die westliche Mittelstandsfamilie, die sich zeitlich und finanziell neue Väter leisten kann (oder sind diese nur ein Mythos?). Hier wie an vielen anderen Stellen zwingt sich die Frage auf, ob Honneth beschreibt, wie es ist, oder schon normativ vorschreibt, wie es idealiter aussehen sollte (vgl. 230); es besteht der Verdacht, dass der gesellschaftliche beziehungsweise familiale Ist-Zustand idealisiert und verklärt wird.
Auch die Konsequenzen sind schablonenhaft und überoptimistisch gezeichnet. Die Zunahme von Scheidungen und Patchworkfamilien könnte man im Gegenteil auch als Fehlentwicklungen familialer Beziehungen analysieren, mitverschuldet über gesellschaftliche Strukturen, die den Anforderungen heutiger Familien (Stichwort: Flexibilität, Mobilität) (noch) nicht gerecht werden. Honneth deutet dies später an, man vermisst es aber bereits hier. Ferner erstaunt die Diagnose der „multilokalen Mehrgenerationenfamilie“ (292), Tendenzen wie familienindependente Mehrgenerationenhäuser sprechen dagegen.

3) Normen: Normativ ist die Familie eine Solidargemeinschaft und geprägt durch das implizite Versprechen, dass jedes Mitglied in der Besonderheit seiner Subjektivität gleichberechtigt mit einbezogen wird, eine seinen spezifischen Bedürfnissen entsprechende Fürsorge erhält (295 f.) und als ganze Person geliebt und anerkannt wird (301) (s.o.). Die besondere Moralität der Familie (vgl. Honneth/Rössler, 2008, 9 ff. u. 279 ff.) besteht in nichtvertraglichen Pflichten, die sich situationspezifisch und flexibel an der jeweiligen Lage und dem Alter der Mitglieder verschieben.

Kritik: Leider fehlt auch hier – wie Andreas bereits bemängelt hat – eine Querverbindung zur rechtlichen und moralischen Freiheit. In der Familie (ebenso wie Freundschaft und Liebe) gelten nicht nur besondere Verpflichtungen, sondern diese Sphären unterliegen m.E. auch universellen Normen wie der moralischen Achtung der Selbstzweckhaftigkeit (195), Autonomie, Handlungsfreiheit und Würde der Person. Eine Verschränkung der drei Sphären – Liebe, Achtung, Wertschätzung – wie sie in Kampf um Anerkennung dargestellt werden, kommt hier ebenso zu kurz wie die konstitutive Bedeutung der (Nicht-)Anerkennung für Selbstvertrauen, Selbstachtung und Selbstwertschätzung.

4) Freiheit: Die soziale Freiheit geht in der heutigen Familie in der Zurückspiegelung existenzieller Lebensvollzüge auf (s.o. Einleitung). Dabei spielt die Gegenwärtigkeit der Leiblichkeit eine entscheidende Rolle (306). „Kinder und Eltern sind sich wechselseitig ein Spiegel der Lebensphasen, die entweder noch vor ihnen oder bereits hinter ihnen liegen; insofern können sie hier am jeweils anderen ein Verständnis nicht nur für die Periodizität des menschlichen Lebens insgesamt gewinnen, sondern auch für die unverfügbare Seite an ihrem je eigenen, biologisch bestimmten Leben“.

Kritik: Auch hier verschwimmt wieder Deskriptives und Normatives. Zudem ist die „organische Rhythmizität“ (306), der „säkulare Trost“ etc., die Honneth für die Familie reserviert, auch in generationenübergreifenden Freundschaften und Lieben zu finden (z.B. Harold and Maude). Was Honneth mit Verweis auf Autoren wie Franzen oder Roth optimistisch stimmt, kann man auch anders lesen: Die Optionenvielfalt, Beschleunigungs- und Fleixbilitätstendenzen werden den Familien dort (Franzen) fast zum Verhängnis, Roths Protagonisten sind im Alter einsam (z.B. Jedermann). Überhaupt geht in der überaus positiven Perspektive der Blick für die Konflikthaftigkeit und die konstitutive Kraft des Kampfes verloren, wie man ihn in negativistischen Anerkennungstheorien (z.B. Sartre) findet. Die heutige Familie wird bei Honneth idealistisch verklärt (310).

5) Was die Politik betrifft, so sieht Honneth diese den Entwicklungen der Familie hinterherhinkend: Sie erkenne nicht die für die Demokratie notwendige reproduktive und politisch-moralische Kraft der Familie, die Zeit bräuchte für die Interaktion mit den Kindern (311/313). Dies wäre nur durch eine „Reform der Sicherungssysteme aufzuheben, deren Ziel eine gesellschaftliche Unterstützung derjenigen wäre, die einen Teil der Erwerbsarbeit der Erziehung und Betreuung ihrer Kinder oder Enkel geopfert haben“ (311).

Kritik: Hier kann ich seiner Diagnose und Forderungen zustimmen.

8 Kommentare zu “Honneth-Lesekreis (6): Pro Familia – Die Bedeutung der Familie für Subjekt und Gesellschaft

  1. Liebe Susanne,
    Du schreibst, dass in diesem Teil nicht ganz klar sei, ob beschrieben oder vorgeschrieben würde. Ich denke, hier sollten wir auf die methodischen Fragen zurückkommen, die am Anfang aufgeworfen wurden. Hier liegt genau so ein Fall vor, denke ich, wo es um den „normativen Überschuss“ geht, der in der gelebten Realität steckt, und anhand dessen diese auch kritisiert werden kann. Wir haben alle, impliziert Honneth, eine relativ klare Vorstellung davon, wie eine gut funktionierende, egalitäre, emotional bereichernde Familie aussieht. Und wir können sehen, wie die Wirklichkeit oft davon abweicht, und sie dann anhand dieses Ideals kritisieren. Im Fall des Familienlebens finde ich das ziemlich plausibel, zumal diverse Umfragen (z.B. die Shell-Jugendstudie) in den letzten Jahren vielfach betont haben, dass die Sehnsucht nach familiärer Stabilität und emotionaler Geborgenheit groß ist. Methodisch gesehen, verstehe ich diesen Abschnitt des Buches so, dass der Philosoph aufzeigen kann, was die Faktoren sind, die eine normativ erfolgreiche Institution ausmachen, und was mögliche institutionelle Hindernisse sind. Was meinen die anderen, die bei der Methodologie kritisch nachgehakt haben – findet Ihr das hier gelungen? Oder würdet Ihr es ganz anders lesen als ich?

  2. Liebe Lisa,

    vielen Dank für deinen guten Kommentar. Aber die Methode an sich ist klar, wie er ja auf S. 230 auch schreibt, bewegt er sich bei der normativen Rekonstruktion „zwischen den Ebenen empirischer Faktizität und rein normativer Geltung“. Dennoch gibt es hier einiges zu kritisieren und zu hinterfragen, ob die Methode auch die richtige ist. Und er müsste m.E. viel deutlicher machen, wo er von der Empirie ausgeht und wann er zu einem Ideal hinführt; das verschwimmt ziemlich, und ein solches Verwischen ist nicht hilfreich, wenn es darum geht, die herrschenden Verhältnisse zu kritisieren.

    Dass die Sehnsucht nach Stabilität und Geborgenheit groß ist, halte ich für eine relative triviale Einsicht – das Gegenteil würde schon ziemlich erstaunen. Aber das sagt noch nicht viel darüber aus, in welchem Rahmen Stabilität und Geborgenheit gewährleistet werden sollen. Es muss doch geklärt werden: Wird die Sehnsucht in der intakten Kleinfamilie befriedigt oder in der Patchworkfamilie? Bei Honneth klingt es ja so: Wir haben es nun mit den mobilen Patchworkfamilien und Großfamilien auf Distanz zu tun, also machen wir das Beste daraus…

    Es ist natürlich wünschenswert, wenn Kinder ihre kranken Eltern im Alter pflegen und wenn Großeltern sich um die Enkelkinder kümmern und alle zusammen emotional miteinander verbunden sind wie noch nie (wobei ich auch das in Frage stelle, denn gerade früher gab es doch Großfamilien, und die waren sicher nicht bloß durch Nonemotionalität und Gehorsam geprägt). Aber hier hätte er doch auch etwas deutlicher über die spezifische Moralität und die besonderen Verpflichtungen sprechen müssen. Warum sollten sich Kinder der um die Eltern kümmern? Aus Gründen der Gerechtigkeit? Oder hat die in seiner Konzeption keinen Platz? Aus Gründen der emotionalen Verbundenheit? Und warum sollte das so sein? Was ist die Quelle der Solidarität?

    Wie ich in meiner Kritik angeführt habe, ist außerdem erstens seine empirische und soziologische Beobachtung m.E. nicht ganz stimmig bzw. man kann auch gegenteilige Beobachtungen machen, wie ich es etwa am Beispiel Mehrgenerationenfamilie versus Mehrgenerationenhäuser angedeutet habe. Oder auch seine Verknüpfung von Faktizität und normativer Geltung: Honneth (be)schreibt, dass den „sogenannten Patchworkfamilien“ „heute“ durch die „erstaunliche Bereitschaft der ursprünglichen Eltern, trotz ihres Scheiterns eine Art von Kooperationsbeziehung beizubehalten, keine Grenzen gezogen sind“ (291). Aber man könnte doch umgekehrt (ohne dass ich mich eines Konservatismus bedienen möchte) in Frage stellen, ob nicht die zunehmenden Scheidungen und Neukonstellationen a) mangelnde Verantwortungsbereitschaft geradezu repräsentieren und b) zu Verletzungen des Selbstverständnisses zB der Kinder führen; Honneth deutet das an, aber er verharmlost es meines Erachtens. Die gesellschaftskritische Kraft seiner anderen Schriften geht hier verloren.
    Zweitens haben wir hier genau das Problem, das schon Jens anfangs angesprochen hat: Dass das, was „ist“ normativ legitimiert wird. Man könnte doch genauso gut zum Beispiel in Frage stellen, ob Solidarität, emotionale Verbundenheit und Intimität auf Distanz überhaupt möglich und für ein gutes Leben hinreichend ist? Stattdessen wird der Tendenz der Flexibiltät und Mobilität normativ Boden bereitet; dabei ist das ein großes Problem, nicht zuletzt für uns AkademikerInnen, ob nun mit oder ohne Kinder. Dass in solchen Fällen die Großeltern als Betreuungspersonen einspringen müssen, hat oft wohl gar nicht so viel mit Emotion und freiwilliger Entscheidung zu tun, sondern ist den sozialpolitischen Verhältnissen geschuldet; das spricht Honneth freilich auch an. Wenn er aber der Familie und Intimität auf Distanz so viel positive Bilanz beschert, wird sich an den strukturellen Problemen und den Erwartungen im Arbeitsfeld nicht viel ändern.

    Und dann noch die fehlende Verknüpfung zu universellen Normen, wie der moralischen Achtung gegenüber der Autonomie und Würde der Person, die doch auch in partikularen Kontexten gilt. Warum verknüpft er da nicht die Sphären der Liebe, Achtung und Wertschätzung (vgl. Kampf um Anerkennung)? Das scheint mir ein wichtiger Aspekt zu sein, um Fehlentwicklungen innerhalb von Familien zu kritisieren. Gelungene Familie und andere personale (Nah)beziehungen sind doch nicht nur anhand jener Kriterien zu kritisieren, ob sie in existienzieller, emotionaler und solidarischer Hinsicht dem Individuum zur sozialen Freiheit verhelfen. Sondern sie unterliegen auch moralischen Normen, welche universell sind und in basaler Weise („thin“) in allen Kontexten gelten. So etwas wie „Gleichberechtigung“ der Familienmitglieder ist mit der Norm der universellen Achtung zu begründen. Anders als Williams bin ich bspw. der Ansicht, dass man Familien und Liebesbeziehungen sehr wohl anhand solcher universeller Normen hinterfragen kann bzw. auch Familien und Nahbeziehungen mit Normen der Achtung und Gerechtigkeit in Beziehung setzen kann und nicht nur dahingehend beurteilen kann, ob sie die „wechselseitige Offenlegung von Gefühlen, Einstellungen und Absichten“ ermöglichen (248). Im Zusammenhang mit der Liebesbeziehung deutet er die fundamentale Bedeutung der universellen moralischen Achtung an (264), aber insgesamt bleibt so etwas in den Abschnitten zu den persönlichen Beziehungen unterminiert.

    Kurz, mir fehlt in dem ganzen Abschnitt die Gesellschaftskritik. Das ist mir alles zu optimistisch.

  3. Danke für Deinen Kommentar. Ich greife in paar Punkte auf:
    – „Warum sollten sich Kinder der um die Eltern kümmern?“ – müsste da die Antwort nicht sein: um die spezifische Art von Freiheit in Sozialbeziehungen zu erleben, die nur in dieser Institution möglich ist? Das impliziert die Anlage des Buches ja irgendwie.
    – Empirische Angemessenheit: natürlich ist es schwierig, da allgemeine Aussagen zu machen – ich wollte auch gar nicht anzweifeln, dass es auch andere und bedenklichere Befunde gibt als die, die Honneth anführt. Aber wie Du ja auch schreibst, ist hier wieder das Problem z.T. methodisch – wann ist es Bestandsaufnahme, wann Herausarbeiten des normativen Potentials?
    – Mit der Frage nach Flexibilität und Mobilität und deren Vereinbarkeit mit stabilen familiären Beziehungen sprichst Du einen wunden Punkt an, das stimmt. Da müsste man aber auch noch die Querverbindung zu den ökonomischen Vorgängen, die oft dahinterstehen, ziehen (sollten wir im Auge behalten für die kommenden Abschnitte). Die Frage ist aber auch: wen oder was kritisiert man wofür? Die Einzelnen, die sich für eine Fernbeziehung entscheiden? Irgendwelche Organisationen oder Institutionen, aber welche genau?
    – Bzgl. universeller Werte: das berührt den Punkt, den wir auch schon eher diskutiert haben (auch in Bezug auf das Recht), wie eigentlich die Querverbindungen zwischen den Teilen des Buches laufen, und zwar sowohl zwischen Moral, Recht und Sittlichkeit, als auch zwischen den einzelnen Teilen der Sittlichkeit. Vielleicht vermisse ich die Kritik in diesem Bereich des Buches nicht so stark wie Du, weil ich implizit angenommen habe, dass da der „normative Druck“ aus der Kritik an der Ökonomie kommt. Auch da könnte man dann wieder fragen: brauchen wir nicht die universalen Werte, um diese Kritik ausüben zu können? Und dann stellt sich wieder die Frage, ob die aus der existierenden Sittlichkeit herauspräparierte Normativität nicht doch einiges mit diesen allgemeinen Prinzipien zu tun hat. Vielleicht ist das am Ende wieder das entscheidende Henne-Ei-Problem (hatten wir auch schon angerissen): erkennen wir die allgemeinen Prinzipien, weil wir sehen, was in den normativen Praktiken gut oder schlecht läuft, oder erkennen wir *anhand* der allgemeinen Prinzipien, was in der Praxis gut oder schlecht läuft?

  4. Liebe Susanne, liebe Lisa,
    vielen Dank für den Kommentar und die sehr interessante und ja auch schon sehr umfangreiche Diskussion!

    Ich würde gerne drei Punkte beisteuern:
    a) Zur Frage, inwiefern die Familie als Sozialbeziehung eine spezifische Art von Freiheit ermöglicht: Wie Lisa ja in ihrem letzten Kommentar noch einmal betont hat, ist das ja ganz offensichtlich die zentrale These, die Honneth hier vertritt. Ich kann aber Susannes Nachfrage sehr gut nachvollziehen, wenn Sie fragt, warum diese spezifische Freiheit gerade – und ausschließlich – in der Familie (und zwar in einem bestimmten „Modus“ von Familie – dazu gleich noch mehr) ermöglicht bzw. verwirklicht wird. Nach Honneth ermöglicht die Familie ja diese Freiheit, „weil sie [die Mitglieder der heutigen Familie] sich gemeinsam in bewusster Verantwortung den Übergang ins öffentliche Leben ermöglichen wollen – man hilft sich reziprok darin, derjenige sein zu können, als der man sich aufgrund der eigenen Individualität in der Gesellschaft verwirklichen möchte.“ (315) Warum ist dies aber a u s s c h l i e ß l i c h im Rahmen der Familie möglich? Gibt es nicht – über Freundschaft und Intimbeziehungen hinaus – auch andere gesellschaftliche Institutionen, innerhalb derer dies möglich ist? Ich würde zum Beispiel denken, dass in den heutigen Krippen/Kindergärten versucht wird, den dort betreuten Kindern genau das von Honneth angesprochene Ausprobieren und Einüben bestimmter „demokratische[r], kooperative[r] Verkehrsformen“ (314) zu ermöglichen.

    b) Das führt mich zum zweiten Punkt, denn dann müssen wir wohl fragen, inwiefern die Familie hierfür die ‚bessere‘ Institution darstellt (als z.B. die Krippe). Ein Grund liegt für Honneth offensichtlich darin, dass die unterschiedlichen Familienmitglieder sich gerade wegen ihres unterschiedlichen Alters, ihrer unterschiedlichen Positionen (in der Familie wie auch in anderen Sphären), etc. gegenseitig eine Spiegelung ermöglichen, die z.B. unter Gleichaltrigen in der Krippe so nicht möglich ist. Dieser Punkt scheint mir dabei in engem Zusammenhang mit Honneths Rede von der „organischen Rhythmizität“ (306) zu stehen. In gewisser Weise können innerhalb der Familie alle Aspekte des menschlichen Lebens – unterschiedliche Lebensalter bzw. Lebensphasen, entsprechend unterschiedliche Interessen, Bedürfnisse, etc. – nicht nur kennengelernt werden (was für Honneth nur „ein Zugewinn an Wissen und Reife“ (307) wäre), sondern sich das für einen selbst (gegenwärtig) je „Unverfügbare“ (ebd.) in der engen Auseinandersetzung mit den anderen Familienmitgliedern sozusagen durch ein praktisches Erleben anzueignen. Nun kann man solcherlei Erfahrungen wahrscheinlich auch anderweitig machen – man denke z.B. an die Erfahrung, die man vielleicht als Zivildienstleistender in der intensiven Betreuung älterer Menschen gemacht hat. Dabei bin ich mir aber nicht sicher, ob Honneth eine solche Erfahrung als qualitativ anders bezeichnen würde als eine entsprechende Erfahrung innerhalb der Familie (z.B. mit den Großeltern), oder ob sein Punkt einfach nur ist, dass innerhalb der Familie früher oder später quasi alle möglichen solchen Erfahrungen (nicht nur mit älteren Menschen, sondern auch mit jüngeren, etc.) gemacht werden – und das sozusagen ‚automatisch‘, insofern wir nun einmal typischerweise in familiäre Beziehungen eingebunden sind (während ich mich für die Zivildiensterfahrung ja (heutzutage) aktiv entscheiden muss). Das wiederum wirft aber die Frage auf, ob Honneth nicht von einer Art ‚Idealfamilie‘ ausgehen muss, und zwar nicht nur im Sinne „Vater-Mutter-Kind“, sondern eben auch mit Großeltern und ggf. Geschwistern (vielleicht sogar vom je anderen Geschlecht) – zumindest, wenn die Erfahrungen innerhalb der Sphäre der Familie tatsächlich die gesamte „organische Rhythmizität“ des menschlichen Lebens abdecken soll. Maike hatte letztes Mal ja schon angefragt, ob sich nicht bei der Konzeption der Freundschaft als menschliche „Urerfahrung“ ein anthropologisches Element einschleicht, und in ganz ähnlicher Weise scheint mir hier die ‚Idealfamilie‘ Züge wenn nicht einer anthropologischen, so doch einer sozialontologischen Fundierung zu beinhalten. Inwiefern würde Honneth es dann übrigens wohl als Problem sehen, wenn bestimmte Aspekte des menschlichen Lebens (und die daraus resultierenden Bedürfnisse, Probleme, etc.) – wie z.B. Behinderungen, psychische Erkrankungen, u.ä. – in vielen Familien nicht praktisch erfahren werden können?

    Den dritten Punkt spare ich mir jetzt doch erstmal, nachdem das Ganze schon wieder so lang geworden ist – Entschuldigung dafür!

  5. Nur rasch… @Lisa:“um die spezifische Art von Freiheit in Sozialbeziehungen zu erleben, die nur in dieser Institution möglich ist“; dies würde ich eben im Anschluss von Andreas in Frage stellen. Erstens, warum sollte das nur in dieser Institution so möglich sein? Wie Andreas schreibt, gibt es auch andere Konstellationen, in denen das möglich ist, wie die Pflege von älteren Menschen. Ich selbst verweise da auf intergenerationelle Freundschaften. Das können existenziell und ethisch gesehen tiefer gehende Beziehungen sein als die Familie. Zwar fehlt ihnen möglicherweise die Klammerung von Geburt und Tod, aber auch dies ist nicht in der Familie unbedingt gegeben, gerade dann nicht, wenn sich die Konstellationen innerhalb der Familien ändern (Patchwork). Zweitens muss dazu schon eine sehr gute emotionale Verbundenheit gegeben sein, die Honneth ja auch betont. Es ist aber auch vorstellbar, dass Familienmitglieder aus anderen Gründen Verpflichtungen einander gegenüber verspüren, eben aus, wie ich schrieb, Gerechtigkeitsgründen oder aus Gründen der Achtung und der Pflege der Würde (dass zum Beispiel die Eltern auch im Alter ein würdevolles Leben führen sollen). Ferner lässt sich die organische Rhythmizität gar in der Natur erfahren lassen oder vermittelt über Literatur und Film und andere Formen der ästhetischen Erfahrung.

  6. Hallo Andreas und Susanne, damit, dass es auch andere Sozialbeziehungen gibt, die derartige Erfahrungen ermöglichen, bin ich absolut d’accord. Was in der Familie dazukommt ist die Unverfügbarkeit – man kann es sich eben nicht aussuchen, mit wem man es da zu tun hat. Ich bin mir nicht sicher, wie wichtig das für Honneth ist (und habe das Buch gerade nicht da). Bei Hegel ist das Bewusstsein der eigenen Natürlichkeit und deren „Versittlichung“ in der Familie natürlich ein ganz wichtiger Punkt. Das berührt auch einen anderen Aspekt, nämlich, dass Honneth ja die Institutionen beschreiben will, die für das Fortbestehen der Gesellschaft unverzichtbar sind. D.h. es geht vielleicht gar nicht darum, dass diese Erfahrungen ohne Familie nicht gemacht werden könnten (und möglicherweise woanders sogar besser gemacht werden könnten), sondern auch darum, dass es familiäre Strukturen irgendeiner Art in einer Gesellschaft geben muss. All die anderen Aspekte lassen sich sonst vermutlich auch in den Abschnitt „Freundschaft“ schieben.

  7. an sich bin ich ja mit den normativen überlegungen, die honneth rekonstruktiv vorlegt, durchaus auch d`accord und von der anerkennungstheorie hegel / honneth überzeugt. auch finde ich es toll, was honneth über die familie und ihre normativen implikationen schreibt (und wie). mir fehlt einfach nur einiges an empirischer klarheit, moralischer kritik und an einbeziehung universeller normen. ..

  8. Mir geht es ähnlich wie Susanne – ich habe schlicht an verschiedenen Stellen noch Nachfragen, von deren Beantwortung ich mir tendenzielle eine Stärkung von Honneths Position erhoffe.

    In diesem Sinne hier auch noch der dritte Punkt, den ich letztes Mal weggelassen hatte, und der außerdem gut zu Lisas letztem Kommentar bzgl. der Unverzichtbarkeit von Familie für das Fortbestehen freiheitlicher Beziehungen passt.
    Was, so könnte man ja durchaus fragen, kann denn getan werden, wenn Familien nicht (mehr) in der relevanten Form existieren, bzw. wenn Familien nicht mehr in der Weise funktionieren, wie Honneth das beschreibt? Wie wir ja schon diskutiert haben, spricht Honneth diesen Punkt ja selbst an – dahingehend, dass in Familien oft die Zeit für die relevante Interaktion zwischen Eltern und Kindern fehlt – und überlegt, wie diese Situation durch eine Reform von Arbeits- und Sozialpolitik verändert werden könnte. Können wir uns noch andere Strategien vorstellen, um „defekte“ Familien auf einen besseren Weg zu bringen? Ich vermute, dass uns hierzu in erster Linie – wie in Honneths eigener Überlegung – solche Politiken offenstehen, die sozusagen auf die Ermöglichungsbedingungen von gelingendem Familienleben abzielen, oder Anreize dafür schaffen. Darüber hinausgehende Maßnahmen, die aktiv ins Familienleben eingreifen, dürften wahrscheinlich schwer zu rechtfertigen sein – man denke an die Diskussion darum, inwiefern Jugendämter aktiv in Familien eingreifen (und zum Beispiel das Sorgerecht für Kinder übernehmen) dürfen. Es gibt also vermutlich eine Grenze bzgl. dessen, was politisch für das Gelingen von Familienbeziehungen getan werden kann. Lohnt es sich vor diesem Hintergrund aber nicht, darüber nachzudenken, wie misslingende Familienbeziehungen (und die damit verbundenen Erfahrungen) durch andere Institutionen aktiv aufgefangen werden können (d.h., inwiefern Institutionen geschaffen bzw. gestärkt werden können, die ebendiese Erfahrungen ermöglichen – vgl. meinen obigen Kommentar)?

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