CfP: Foucault und die Ideengeschichte

Das Marburger Graduiertenzentrum für Geistes- und Sozialwissenschaften veranstaltet in diesem Jahr am 16. und 17. November eine Tagung zum Thema „Michel Foucault und die Ideengeschichte. Zur Archäologie der Wissensgeschichte“ und sucht hierfür Beiträge. Exposés von maximal 1500 Zeichen sollten bis zum 30. April an ideenportal@uni-marburg.de geschickt werden; angesprochen fühlen dürfen sich DoktorandInnen und Postdocs aller Fächer. Alle weiteren Details finden sich auf dieser Website – und hier schon einmal die Programm- und Panelbeschreibung:

Michel Foucaults Verhältnis zur Ideengeschichte blieb bei aller Polemik von produktiven Reibungen geprägt, die bislang selten näher erörtert wurden. Dabei zieht sich ihr Gegenstand, von den frühen Texten Psychologie und Geisteskrankheit und Geburt der Klinik – die noch als ideengeschichtliche Studien angelegt wurden – über die Archäologie des Wissens als dezidiert antiideengeschichtlicher Ansatz bis hin zum nicht fertig gestellten Opus magnum Sexualität und Wahrheit, das u. a. eine
Variation über die Ethik der antiken Klassiker darstellt, durch große Teile seines Werks. Insbesondere das Verhältnis zu einzelnen Autoren, die Foucault im Zuge seiner Kritik an der Ideengeschichte rezipierte, ist bislang nur ansatzweise ausgeleuchtet worden und stellt ein wichtiges Desiderat wissenschaftshistorischer Forschung dar.
Die Veranstaltung besteht aus drei Panels und einem Podium, die unterschiedliche Zugänge zur vorgestellten Thematik vermitteln sollen. Das Vortragsthema ist grundsätzlich freigestellt. Es sollte jedoch erkennbare Bezüge zu einer oder mehrerer mit der folgenden Beschreibung der Panels aufgeworfenen Fragestellungen herstellen. Darüber hinaus kann auch die Relevanz weiterer bislang wenig beachteter Facetten von Foucaults Denken im Bezug auf die Topoi ‚Wissen‘, ‚Ideen‘ und ‚Geschichte‘ in den Beiträgen vorgetragen werden.
Die moderierte Podiumsdiskussion erörtert die politische Ideengeschichte der Interdisziplinarität seit 1968 mit Journalist_innen und Zeitzeug_innen. Erkenntnisleitend soll hier die Frage „Wie kam Foucault an deutsche Universitäten?“ im Kontext des „Theoriehungers“ nach dem universitären Umbruch in Deutschland gestellt und aus unterschiedlichen Blickwinkeln kontrovers diskutiert werden. Dabei soll die historische Foucault-Rezeption in ihrem Spannungsverhältnis zwischen der Entdifferenzierung der ehemaligen Ordinarienuniversität und ihrer „bloß kurzfristig-aktualistischen Politisierung“ (Jürgen Link) näher beleuchtet werden. So kann in diesem Zuge etwa auch auf die Foucault-Rezeption als einen dritten Weg eingegangen werden, der neben traditionell hermeneutischen bzw. phänomenologischen Ansätzen einerseits und den materialistisch-sozialgeschichtlichen Interpretationen der sozialen Welt andererseits verlief.
Panel 1 hat die Kritik des Wissens um 1968 zum Gegenstand. Hierbei sollen rezeptionsgeschichtliche Fragen im Vordergrund stehen, die etwa anhand von Foucaults Verhältnisses zur Cambridge School der politischen Ideengeschichte, zum Poststrukturalismus und zu anderen epistemologisch-historiographischen Konzepten aufgeworfen werden könnten. Auch sein Bezug zur amerikanischen Linguistik, zu John L. Austins Sprechakttheorie sowie zu den mit seiner Theorie konkurrierenden Formen der Diskursanalyse könnte näher beleuchtet werden. Damit besteht die Möglichkeit, im Rahmen des ersten Panels die wechselseitige Kenntnis oder
Unkenntnis dieser methodischen Innovationen zu diskutieren und darüber hinaus auch etwaige Auffassungsunterschiede über eine kritische Geschichtsforschung im Kontext der Revolten und ihrem akademischen Wiederhall um und nach 1968 zu klären.
Das zweite Panel möchte die Wissenschaftsgeschichte und Ideengeschichte nach 1989 beleuchten. Beziehen sich die Arbeiten der „alten“ Ideengeschichte (Meinecke, Toynbee, Lovejoy u. a.) auf konventionelle Materialien der Überlieferung, die meist Textform besitzen, so ist in Foucaults diskursanalytischen Innovationen auch eine Tendenz zur Grenzüberschreitung hin zum Bild zu beobachten. Dieses Panel könnte somit zu einer Klärung der Frage nach einer Wandlung des Blicks auf ikonographische Formate beitragen, die durch Foucaults Forschungen und ihre Kritik nach 1989 möglicherweise neu angeregt wurde. Insbesondere wäre auch die Rolle des „iconic turn“ für die Entstehung des Wissens über politische und andere Macht durchzogene Zusammenhänge zu problematisieren. Die verstärkt betriebene Erforschung von Bildern und Visualisierungen aller Art ließ insofern Defizite der Diskursanalyse Foucaults erkennen, als diese primär linguistisch fundiert worden war. Dies bietet auch Gelegenheit, die seit einiger Zeit geführte Debatte um die Beziehung zwischen einer wissenschaftsgeschichtlichen Objektforschung und der Diskursanalyse Foucaults aufzugreifen und im Hinblick auf eine ebenso interdisziplinäre wie medienspezifische Ideengeschichte zu erweitern.
Das dritte Panel zur Ideengeschichte der Globalisierung möchte Foucault in den Kontext der jüngsten Renaissance der bereits überwunden geglaubten Ideengeschichte rücken. Aus unterschiedlichen Disziplinen wie der Kunstgeschichte, der Geschichte der Medizin und der Sexualität, aber auch der Politik- und Religionswissenschaft, könnte die mit Foucaults Theorie konkurrierende Erforschung von Werten, Begriffen und Vorstellungen diskutiert werden, die den erneuten Wandel, nunmehr vom „iconic turn“ zurück zur „history of ideas“, begleitete. Dazu könnte Panel 3 nicht nur Beiträge aus vielerlei Fachrichtungen (u. a. auch mit naturwissenschaftlichen Hintergrund) versammeln, sondern auch die Frage nach dem verändernden Einfluss der Globalisierung aufwerfen, der die gegenwärtige Renaissance der Ideengeschichte als neuer-alter Wissenschaftsgeschichte im Zeitalter der Neuen Medien begleitete.

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