Tagungsbericht: Raum und Zeit. Denkformen des Politischen bei Hannah Arendt

Als Denkerin des öffentlichen Raumes ist Hannah Arendt in der Politischen Theorie omnipräsent. Dass sich in ihrem Werk auch eine dazu komplementäre zeitliche Dimension entdecken ließe, wird dagegen meistens übersehen. Auf dieses Forschungsdesiderat wies der Gastgeber Karlfriedrich Herb (Universität Regensburg) bereits in den einleitenden Bemerkungen zur internationalen Konferenz Raum und Zeit. Denkformen des Politischen bei Hannah Arendt hin, die am 10. und 11. November 2011 in Regensburg stattfand. Genau dieser Lücke wollte sich die Tagung widmen; dabei sollten besonders die vielfältigen Verknüpfungen von Raum und Zeit in den Blickpunkt gerückt werden Als internationale Gäste konnten Garrath Williams (Lancaster University) und Gerson Brea (Universidade de Brasília) begrüßt werden.

Daran anknüpfend setzten Mareike Gebhardt und Kathrin Morgenstern (beide Universität Regensburg) – full disclosure: die Autorinnen dieses Tagungsberichts – die thematische Einführung fort. Unter dem Titel Being present. On the Political Dimension of Time and Space in Hannah Arendt’s Thought stellten sie Denkanstöße zum Tagungsthema vor. Dabei ging es unter anderem um das Politische als Erscheinungsraum, die Verbindung von Welt und Raum, um die Verknüpfung der menschlichen Tätigkeitsformen Arbeiten, Herstellen und Handeln mit je unterschiedlichen Zeitverständnissen sowie um den Zusammenhang von Denken und Handeln.

Magdalena Scherl (Universität Regensburg) setzte in ihrem Vortrag Reshaping Spaces den Schwerpunkt auf einer Neulektüre des Konzepts der Räumlichkeit aus feministischer Perspektive.  Dabei legte sie den Fokus nicht auf die harsche Kritik der späten 1970er und 1980er Jahre, sondern auf die kritisch-affirmativen Lesarten von Denkerinnen wie Hanna Pitkin, Bonnie Honig und Linda Zerilli, die die Performativität von Geschlechtsidentität betonen und dafür trotz grundlegender Kritik im Hinblick auf die strikte Trennung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit positive Anknüpfungspunkte bei Arendt finden. Scherl ging sogar noch einen Schritt weiter und zeigte auf, dass durch diesen positiven Bezug die kritisierten Teile von Arendts Argumentation völlig unterminiert werden.

Der Zeitbegriff wurde im Folgenden von Placidus Bernhard Heider (Universität Regensburg) stark gemacht. Er beschäftigte sich mit der Suche nach der unendlichen Zeit in Anlehnung an Augustinus, einen wichtigen Denker in Arendts politisch-philosophischer Sozialisation. In der Diskussion tauchte folglich auch die Frage nach einer religiösen Fundierung von Arendts Natalitätskonzept und nach seiner Verortung als existenzphilosophisches oder politiktheoretisches Moment auf.

Als krönender Abschluss des ersten Tages beschäftigte sich Garrath Williams (Lancaster University) mit Disclosure and Responsibility in The Human Condition. Er vertrat dabei den Standpunkt, eine Verweigerung zu „erscheinen“ käme einer Verweigerung, Verantwortung zu übernehmen gleich. Das Politische sei darauf angewiesen, dass die Akteure nicht nur Schauspieler seien, die eine Rolle verkörperten, sondern dass sie wirklich Position bezögen. Nur so seien Taten zurechenbar. „Erscheinung“ könne ausschließlich in Verbindung mit anderen stattfinden und sei gleichbedeutend mit einem Akt, in dem der Einzelne für seine Mitmenschen und seine Mitwelt Verantwortung übernehme.

Der zweite Tag begann mit dem Vortrag Beyond Oikos and Polis von Tobias Maier (Universität Regensburg), der sich um eine Einordnung des Denkens in Arendts Konzeption von Räumlichkeit bemühte. Hier wurde auch die Kategorie des Urteilens eingeführt, die als Repräsentation von Abwesendem bedeutsam wird. Maier argumentierte, im Denken könne sich eine Basis des Politischen finden, die über Oikos und Polis hinaus tragfähig sein könnte.

Hans-Jörg Sigwart (Universität Erlangen-Nürnberg) betonte in seinem Beitrag Limits of Politics, das Politische sei bei Arendt zunächst unbegrenzt; da es nichts Natürliches sei, verfüge es auch nicht über natürliche Grenzen. Dennoch sei politisches Handeln nur in begrenzten Räumen möglich, wie sie sich auch bei Arendt fänden, z.B. durch die Selbstlokalisierung des Individuums im Netz des Handelns, aber auch durch Gesetze und Institutionen.

Abschließend erhielten die Teilnehmer noch Einblick in ganz andere Denkformen des Politischen, als sie bisher zur Diskussion gestanden hatten. Gerson Brea (Universidade de Brasília) fragte nach Lieben oder Verzeihen? und ihrer jeweiligen Konnotation für das Politische. Dabei stand vor allem Arendts Konzept der Amor mundi im Mittelpunkt, der Liebe zur Welt, die die Teilnahme am politischen Handeln überhaupt erst motivieren solle.

Insgesamt fiel auf, dass viele der Vorträge in ihren Fragestellungen noch stark auf die Kategorie des Raumes fokussiert waren, sich aber dennoch einige erste Berührungspunkte zwischen Zeit und Raum ausmachen ließen. Veranstalter und Teilnehmer waren sich einig, dass die beiden Tage zunächst nur in Schlaglichtern eine neue Perspektive auf das Werk Hannah Arendts ermöglicht hätten. Daher stünde man nun am Anfang und keinesfalls am Ende einer Diskussion. Die Denkformen des Politischen laden zweifellos zum Weiterdenken ein. Dies soll zunächst in Form eines Tagungsbandes verfolgt werden.

 

Kathrin Morgenstern ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Politische Philosophie und Ideengeschichte an der Universität Regensburg. Sie promoviert über das Verhältnis von politischer Theorie und Praxis bei Hannah Arendt und Simone de Beauvoir. 
Mareike Gebhardt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Politische Philosophie und Ideengeschichte an der Universität Regensburg. In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich mit dem Öffentlichkeitsbegriff bei Hannah Arendt und Jürgen Habermas.

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