„Schlimmer als Krieg“: Daniel Goldhagen über Genozid

Genozid ist eine lange geplante und systematische Abschlachtung unerwünschter Völker. So lautete eine der fast schon trivialen, aber dafür nicht weniger treffenden und aufrüttelnden Thesen Daniel Goldhagens. Diese vertrat der Politikwissenschaftler und Holocaust-Forscher Ende Oktober an der Universität Basel: Denn Genozid scheint das zentrale Leitmotiv des 20. und 21. Jahrhundert zu sein, das mehr Aufmerksamkeit und vor allem mehr Gegenwehr erfordert als es bisher der Fall ist.

Goldhagen, der seit rund 30 Jahren über Genozid forscht, war von der Juristischen Fakultät (Lehrstuhl Prof. Dr. Anne Peters) zur Präsentation seines Dokumentarfilms „Worse than War“ und einer anschließenden Podiumsdiskussion eingeladen worden. Mit auf dem Podest saßen Nicolas Michel (Universität Genf, ehemaliger Under-Secretary-General for Legal Affairs und United Nations Legal Counsel), Christian Tomuschat (Humboldt-Universität zu Berlin, Völkerrechtsexperte und ehemaliger Vorsitzende der Wahrheitskommission zur Aufklärung des Völkermords in Guatemala), Jürg Lindenmann (stellvertretender Direktor der Völkerrechtsdirektion des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten und langjähriger Schweizer Verhandlungsführer bei Konferenzen zum Internationalen Strafgerichtshof) und Anne Peters (LL.M., Ordinaria für Völker- und Staatsrecht an der Universität Basel, Moderation).

In seinem knapp zweistündigen Film schildert Goldhagen, der mit seinem 1996 erschienen und kontrovers diskutierten Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ berühmt wurde, die Geschichte des Völkermords von den 30er Jahren bis heute, in Japan, Deutschland, China, Kambodscha, Ruanda, Nicaragua, Guatemala, Sudan, Ex-Jugoslawien und vielen anderen Staaten. Der Film ist zwar zuweilen etwas zu emphatisch, emotional und didaktisch, zudem sehr persönlich gefärbt: Goldhagen fährt mit seinem Vater, ebenfalls Historiker, in die Ukraine, wo die Familie Goldhagen einst von den Nazis verschleppt und im KZ vergast wurden. Das Persönliche gerät etwas zu lang und passt methodisch wenig zu den anderen Recherchereisen. Etwas weniger teilnehmender, mehr unbeteiligter Beobachter hätte dem Film hier besser getan. Aber das macht den Film nicht weniger sehenswert: Goldhagen hat Täter und Opfer von Völkermorden besucht und interviewt. Er hat Politiker (wie zum Beispiel Madeleine Albright, 1997 bis 2001 US-Außenministerin) und Rechtswissenschaftler zu Statements aufgefordert. Diese in Bildern und Gesprächen festgehaltenen Zeitdokumente, Zeugnisse und Geständnisse des Grauens machen den Genozid greifbarer und damit ergreifender als es wohl ein rein wissenschaftliches Textdokument vermag, das die Fakten und Thesen bloß auflistet. Den Film kann man hier in voller Länge sehen. Nachlesen kann man das Ganze zudem in Goldhagens gleichnamigen Buch.

Bei Genozid gehe es nicht nur ums Töten, so betonte Goldhagen. Bei Genozid gehe es um die „Auslöschung von Gruppen“, weshalb er dafür die Kategorie des „Eliminationism“ anwende. Verantwortung trügen aber nicht bloß die Täter selbst, sondern die gesamte internationale Gemeinschaft und der einzelne Mensch, der zuschaue. Es liege ein „lack of will to help“, nicht ein „lack of information“ vor. Hinter der Völkerelimination stehe eine Entscheidung, stehe Freiwilligkeit – und damit knüpft er an seine umstrittenen Thesen aus seinem Bestseller „Hitlers willige Vollstrecker“ an. Die internationale Gemeinschaft könne angesichts der Genozide nicht dabeistehen und „nichts tun“: „People are dying: everyday and everywhere!“

Freilich sei die Entscheidung zum Genozid zunächst in der Regel die eines einzelnen Führers oder einer kleineren Gruppe einer Regierung. Diese aber planten den Genozid sorgfältig, es sei kein spontaner Akt. Darum stellte Goldhagen zwei Forderungen an die internationale Gemeinschaft in den Mittelpunkt: Zum einen sollte das Prinzip der Souveränität neu definiert werden, indem Intervention dann erlaubt sei, wenn ein Staat seine Schutzverantwortung verletze (siehe dazu unten). Zum anderen müsse ein „Anti-Genozid-System“ entwickelt werden, das nicht nur Intervention, sondern auch Prävention einschließe.

Die Diskussionspartner, die sich allesamt von dem Film „betroffen“ zeigten, waren sich in den von Goldhagen vorgetragenen Forderungen denn auch weitgehend einig, es ging weniger um Erwiderungen als vielmehr um juristische und politische Wege, die Forderungen zu begründen und umzusetzen. Lindenmann betonte mit Blick auf das angesprochene Anti-Genozid-System, dass die frühen Warnsignale, die auf Genozid hinweisen, stärker zu beachten seien. Michel griff den Aspekt der Souveränität auf und verband es mit politischer Verantwortung zum Konzept der „Sovereignty as Responsibility“; Souveränität sei kein Schutzschild, sondern mit Verantwortung gegenüber den im Staat lebenden Menschen verbunden. Michel verwies denn auch auf das Prinzip der „responsibility to protect“ das die „International Commission on Intervention and State Sovereignty (ICISS)“ 2000 und 2001 international auf den Weg brachte. Mit diesem Prinzip sollen Menschenrechtsverletzungen präventiv verhindert werden, ein Aspekt der mit dem Prinzip der Nichteinmischung kollidiert. Der Staat verwirke jedoch sein Souveränitätsrecht, so sagte dann auch Tomuschat, wenn er Individuen missachte, foltere und töte. Ein anderer Punkt war, dass die führenden Köpfe, die den Genozid leiten, wissen sollten, dass sie vor den Internationalen Strafgerichtshof kommen. Abschreckung sei also ein weiteres Mittel. Goldhagen zeigte sich unterdessen ziemlich optimistisch, was die Stimme des Einzelnen in demokratischen Staaten angehe: „Speak with the secretarys of your ministers. Shine a light of it.“ Ob es wirklich so einfach funktioniert, ist fraglich. Darüber nachdenken, in welcher Verantwortung alle, auch man selbst, steht und was man tun kann, sollte man aber auf jeden Fall.

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