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Wird Denken vielleicht Mode? fragt ungläubig die SZ. Und in der Tat: Philosophieren scheint keine völlig elitäre Angelegenheit mehr zu sein, denn in der deutschsprachigen Medienlandschaft finden philosophische Themen und Köpfe zunehmend Raum und Aufmerksamkeit – eine durchaus erfreuliche Entwicklung. Als Symptom und potentielle Verstärker für diesen Trend gibt es seit dieser Woche zwei neue philosophische Zeitschriften, die die Philosophie aus dem Hörsaal in die Wohnzimmer bringen sollen, also durchaus für eine breitere Lesergruppe ohne Dr. phil. ausgelegt sind. Das monatlich erscheinende „Philosophie Magazin“ und das halbjährliche „Hohe Luft“ sind Denk-Hefte, die Alltagsthemen durchphilosophieren und philosophische Themen zu veralltäglichen versuchen – von der Frage über die tieferen Implikationen des Kinderkriegens über die Zulässigkeit des Lügens. Man darf gespannt sein, wie sich diese Projekte entwickeln, und wie sich die Magazine aus fachphilosophischer Sicht so lesen – darüber haben wir mit dem Chefredakteur des „Philosophie Magazin“, Wolfram Eilenberger, gesprochen:

Theorieblog: Inwieweit ist eine philosophische Publikation, die sich ausdrücklich an ein Publikum jenseits der Fachphilosophie wendet, für Fachphilosophen und -theoretiker interessant?

Wolfram Eilenberger: Das ist aus meiner Sicht keine Entweder-Oder-Situation. Verständlichkeit, Klarheit, Relevanz sind Grundanforderungen an jeden Text, der seine Leser erreichen will. Das gilt auch für die akademische Philosophie. Wir in der Redaktion bezeichnen uns gern als Journosophen, das heisst, wir sind philosophisch geschulte Menschen, denen es wichtig ist, die Einsichten der sogenannten Fachphilosophen in einer allgemein verständlichen Sprache zu reformulieren und sie auf konkrete Fragestellungen des Lebens und der Politik anzuwenden. Natürlich führt das hin und wieder zu gewissen Komplexitätseinbußen. Wichtig ist uns aber, Verfälschungen und Sensationialismus zu vermeiden. Und nicht selten wird in journalistischen Formaten auch eine größere Klarheit und Konturierung als in akademischen Diskursen erreicht. „Was sich überhaupt sagen lässt, das kann man klar sagen“, schrieb einst Ludwig Wittgenstein. Damit ist auch unser Anspruch formuliert.
Mainstream oder intellektuelle Innovation – bei einem Blick in die Publikationslandschaft könnte man manchmal glauben, diese beiden Strategien seien unvereinbar. Stimmt das denn?
Es kommt immer darauf an, wo man hinschaut. In Nordamerika beispielsweise gibt es durchaus erfolgreiche Magazine wie etwa Harpers Magazine, n+1 oder The Walrus, die für intellektuelle Innovation stehen, ohne dabei den sogenannten Mainstream aus den Augen zu verlieren oder diesen gezielt abzuhängen. Was wir als Philosophie Magazin definitiv vermeiden wollen, ist ein sprachlicher Gestus, der sich nur an die „happy few“ eines jeweiligen Theoriesegments wendet. Das hat nicht nur kommerzielle Gründe. Die Themen, um die es uns geht, sind einfach zu wichtig, um sie in den Viel-zu-Wenigen zu überlassen. Letztlich steht hinter unserer redaktionellen Linie auch ein demokratisches Zutrauen – eine Aufforderung, sich am Dialog zu beteiligen. Möglicherweise ist dieses Konzept selbst schon eine Innovation.
Das „Philosophie Magazin“ gibt es in einer französischen Variante bereits seit 2006; in Frankreich hat aber der Philosoph und Intellektuelle in der Öffentlichkeit auch hohen Stellenwert. Leidet die Philosophie in Deutschland nicht zu sehr an ihrem Elfenbeinturm-Image, um auch in Bahnhofskioske vorzudringen? Und muss man denn daran überhaupt etwas ändern?
Wenn die Philosophie in Deutschland leidet, dann vor allem an ihren eingebildeten Selbstbegrenzungen. Wir erleben aus meiner Sicht derzeit eine sehr spannende Phase im Verhältnis von Philosophie und medialer Öffentlichkeit. Es ist fast unmöglich geworden, eine qualitativ hochwertige Tageszeitung zu öffnen, ohne dabei auf den Artikel eines Philosophen zu treffen. Dieser mediale Zug zur Philosophie ist von Seiten der Lesenden mit einer spezifischen Erwartung verbunden: Einer Erwartung von Wahrhaftigkeit, von Orientierung, von überraschenden Einsichten – nicht zuletzt einer Form von Nähe, wie sie gute freundschaftliche Gespräche kennzeichnet. Philosophie, die gelingt, erfüllt diese Erwartungen und hat es immer getan.

Full Disclosure: Eva Hausteiner, Mitglied des Theorieblog, ist in der ersten Ausgabe des Philomag selbst mit einer Rezension vertreten.

 

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