Politik und Methode. Bericht vom Treffen der DVPW-Theoriesektion in Bremen – Teil 2

Nachdem am ersten Tag die Verbindung von politischer Theorie und empirischen Methoden diskutiert worden war, stand am zweiten Tag der Tagung die andere Komponente des von Dirk Jörke zu Beginn aufgezeigten Spannungsfeldes im Mittelpunkt, nämlich das Verhältnis von politischer Theorie und Moralphilosophie. Im Focus der vier durchaus kontroversen Panels standen dabei vornehmlich die Positionen von Raymond Geuss, John Rawls und Amartya Sen.

Jörg Schaub (Frankfurt am Main) eröffnete das erste Panel des zweiten Tages mit seinem Vortrag „Politische Theorie als angewandte Moralphilosophie“. Sein überblicksartig angelegter Vortrag schlug eine verteidigende Interpretation des Geuss’schen Realismus als Spielart des holistischen Partikularismus vor. Diese Sichtweise öffne den Blick für vielversprechende Ansätze wie z.B. die Betonung konkreter Handlungen und ihres historischen Kontexts oder eine pluralistische Herangehensweise an das Phänomen Politik. Da eine strikte Sein/Sollen-Unterscheidung in der Praxis unmöglich sei, sei auch eine reine Normativität jenseits der realen Gegebenheiten nicht zu erreichen. Stattdessen bemühe sich Geuss um eine Sichtweise, in der die äußeren Bedingungen des Politischen der Normativität nicht entgegenstünden, sondern vielmehr eine seiner Konstitutionsbedingungen darstellten. Damit gelange er zu einer Ethik, die sich nicht gegen die Welt abschotte, sondern sie in ihrer Pluralität anerkenne.

Auch Jürgen Sirschs (Mainz) Vortrag „Politische Philosophie und politische Realität: Was ist die ideale Rolle idealer Theorie bei der Bewertung politischer Phänomene?“ setzte sich mit den Überlegungen Geuss‘ auseinander: Hier standen John Rawls‘ Vorstellung von idealer Theorie und die von Geuss und Amartya Sen daran geäußerte Kritik ihrer politischen Irrelevanz im Mittelpunkt. Sirsch hielt diesem Vorwurf entgegen, es sei durchaus möglich, die bestehenden Machtverhältnisse in die Theoriekonstruktion einzubeziehen. Auch sei mit Hilfe idealer Theorie durchaus eine vernünftige Abwägung zwischen realen Alternativen vorzunehmen. Gerade wenn es um längerfristige Orientierung gehe, sei eine unvollständige theoretische Analyse immer noch ihrer Alternative vorzuziehen, nämlich einer ad hoc-Bewertung der politisch geboten erscheinenden Handlungsoptionen, die nur in äußerst kurzfristigen Perspektiven denke. Abschließend plädierte Sirsch dafür, die normative Theorie mit Ergebnissen empirischer Forschung zu verbinden, um so auch praktische Empfehlungen formulieren zu können.
Auch auf dem zweiten Panel war Geuss‘ Konzeption Fokus der Diskussion.

Der Vortrag „Angewandte Politische Ethik als Wirklichkeitswissenschaft“ von Hans-Peter Burth (Freiburg) stellte zu Beginn des dritten Panels überblicksartig Geuss‘ Positionen vor und unterzog sie einer kritischen Bewertung. Positiv wurden dabei Realitätsbezug, Handlungsorientierung und ideologiekritische Funktion herausgestellt, als problematisch erschienen das Fehlen einer normativen Dimension, die enge Gebundenheit an den spezifischen Kontext sowie der unpräzise Ideologiebegriff. Abschließend formulierte Burth einige Vorschläge, die in Umgehung dieser Schwierigkeiten Geuss‘ realistische Konzeption ergänzen sollten: eine wissenschaftstheoretische Fundierung der politischen Ethik, eine Verknüpfung des Normativen und des Empirischen sowie eine Neubestimmung des Ideologiebegriffs. Schließlich betonte er die Bedeutung einer pluralistischen normativen Basis für die politische Ethik, damit sie sich in kritischer Distanz zu ihrem jeweiligen soziopolitischen Kontext bewegen könne.

Andreas Busens (Hamburg) Vortrag „Konservativ oder transformativ? Zum utopischen Gehalt einer realistischen politischen Theorie“ ging von der zentralen These aus, dass sich ideale und realistische Theorie keinesfalls zwangsläufig zur Gänze ausschließen müssten. So bemühe sich Rawls um eine realistische politische Utopie, die die gegenwärtigen Möglichkeiten politischen Handelns überschreite, zugleich aber prinzipiell auch auf die Versöhnung mit der Wirklichkeit hinarbeite. Sein Rekurs auf Fakten über die Gesellschaft laufe auch, entgegen Geuss‘ Befürchtungen, nicht auf eine unkritische Anerkennung des status quo hinaus. Abschließend versuchte Busen eine Annäherung der vermeintlichen Antipoden Geuss und Rawls, die darauf abzielte, das Spannungsverhältnis von Realismus und Utopie produktiv werden zu lassen: Realistisch utopische politische Theorie müsse einerseits über einen klar definierten Gegenstandsbereich verfügen, andererseits aber offen für Veränderungen sein. Sie solle sich, auch wenn sie auf anthropologische und soziale Annahmen zurückgreife, nicht auf deren historische Kontingenz beschränken lassen. Zudem müsse sie sich auch immer der Möglichkeit nichtintendierter Nebenfolgen bzw. der Instrumentalisierung des utopischen Gehalts bewusst sein und diesen ggf. entgegenwirken. Diese Herausforderungen seien, so Busen, als möglicher Ausgangspunkt für eine kritische Reflexion der gesamten Disziplin zu betrachten.

Nach der Mittagspause bestritt Oliver Hidalgo (Regensburg) das dritte Panel. Sein Vortrag „Derrida, Kant oder die Politische Theorie und Ideengeschichte auf der Suche nach den normativen Quellen ihrer Identität“ widmete sich als erster an diesem Tag weniger der Realismus-Debatte. Stattdessen versuchte er sich anhand der Protagonisten Kant und Derrida an einer Annäherung von konstruktivistischen und dekonstruktivistischen Ansätzen. So müsse die Dekonstruktion nicht zwangsläufig normative Ambitionen unterlaufen. Vielmehr sollten durch sie Instrumentalisierungen von Begriffen und Konzepten aufgezeigt werden. Die daraus entstehende terminologische Offenheit ermögliche dann auch die Anknüpfung an zunächst völlig andersartig erscheinende Ansätze. Kant und Derrida können somit Hidalgo zufolge zugleich als divergierende als auch als komplementäre Quellen der politischen Theorie gelesen werden. Obwohl sich ihre Ausführungen in vielerlei Hinsicht unterscheiden, teilen sie doch das Anliegen, das beherrschende Konzept des Recht des Stärkeren zu relativieren und eine normativ geprägte Alternative anzubieten.

Das abschließende Panel wurde von Felix Heidenreich (Stuttgart) mit dem Vortrag „Politische Klugheit als Gegenstand der Politischen Theorie – Plädoyer wider die abstrakte Opposition von ‚Realismus‘ und Normativität“ eröffnet. Auch er beschäftigte sich mit den Gedanken von John Rawls und Amartya Sen und der Sein/Sollen-Unterscheidung. Anhand verschiedener Beispiele zeigte er auf, dass die phronesis auf der Suche nach dem second-best ein besserer Wegweiser sei als die ideale Theorie. Zudem sei diese über die Urteilskraft auch mit dem ästhetischen Urteil verwandt, so dass ästhetische Stellungnahmen zwar kontingent, aber nicht beliebig seien.

Auf Heidenreich folgte Miriam Ronzoni (Frankfurt). Sie beschäftigte sich unter dem Titel „Taking Moral Intuitions Seriously, but not Dogmatically: A Constructivist Approach“ mit dem Status moralischer Intuitionen für Theoriebildung und moralische Argumentation. Ihre These lautete: Unter bestimmten Voraussetzungen kann die Philosophie einen berechtigten Anspruch darauf erheben, sagen zu können, was wir tun sollen: Ihre Vorschläge müssten intersubjektiv zu rechtfertigen sein und auf ein Reflexionsgleichgewicht zurückgreifen, so dass Intuitionen zwar eine nicht zu unterschätzende, aber zugleich auch eine kontrollierte Rolle bei der Entscheidungsfindung spielten. Weder Utilitarismus noch Konstruktivismus, d.h. weder völlige Zurückweisung noch unbefragte Akzeptanz von Intuitionen dürften als uneingeschränkter Maßstab fungieren. Ratio und Intuition müssten somit in einem holistischen Ansatz zusammengeführt werden; es dürfe keinesfalls um das Aufstellen überzeitlicher moralischer Prinzipien gehen. Vielmehr plädierte Ronzoni für den bescheideneren, aber zugleich realistischeren Auftrag, eine theoretisch fundierte Denkweise über das praktische Handeln in der Welt zu entwickeln.

Am Abend vor dem dritten Konferenztag (über den im Rahmen des Theorieblogs diesmal nicht berichtet werden kann) fand die obligatorische Mitgliederversammlung der Theoriesektion statt, bei der die Vorstandswahl im Vordergrund stand. Nach dem Ausscheiden von null(Kiel) und dem bisherigen Sprecher, André Brodocz (Erfurt), besteht der neue Vorstand aktuell aus Peter Niesen (Darmstadt), Claudia Landwehr (Mainz), Dirk Jörke (Greifswald), Eva Marlene Hausteiner (Berlin, und Theoriebloggerin) und dem neuen Sprecher Marcus Llanque (Augsburg). Gesprochen wurde auch über die nächste Sektionstagung die Ende Juni nächsten Jahres stattfindet, dem 300. Geburtstag Rousseaus gewidmet ist und für die aktuell Beiträge gesucht werden.

Kathrin Morgenstern ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Politische Philosophie und Ideengeschichte an der Universität Regensburg. Sie promoviert über das Verhältnis von politischer Theorie und Praxis bei Hannah Arendt und Simone de Beauvoir.

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