Politik und Methode. Bericht vom Treffen der DVPW-Theoriesektion in Bremen – Teil 1

Gegenstand und Methoden politischer Theorie sind innerhalb der Disziplin keineswegs unkontrovers, sondern unterliegen einer ständigen Diskussion. Vor allem die Frage, ob es Sinn mache, in der politischen Theorie überhaupt von „Methoden“ zu sprechen, wird immer wieder thematisiert. Eine solche Diskussion fand vom 28. bis zum 30. September auf der Herbsttagung 2011 der DVPW-Sektion Politische Theorie und Ideengeschichte in Bremen statt (Link zum Programm). Während am ersten Tag das Verhältnis von politischer Theorie zu empirischen Methoden diskutiert wurde, standen am zweiten Tag und dritten Tag das Verhältnis von politischer Theorie zur Moralphilosophie und zu Bereichstheorien im Mittelpunkt der Debatte. Im folgenden Bericht wird der erste Tag bestehend aus zwei Panels und einer Podiumsdiskussion skizziert, der zweite Teil des Berichts folgt morgen.

In einer kurzen Einleitung und Eröffnung der Tagung skizzierte Dirk Jörke den Problemhorizont des ersten Themenbereiches „Politische Theorie und empirische Methoden“: Sozialwissenschaftliche Theoriebildung befinde sich im Spannungsfeld zwischen empirischer Forschung auf der einen Seite und normativer politischer Theorie auf der anderen Seite. Eine auf Empirie bezogene politische Theorie werfe allerdings die Frage nach geeigneten Methoden und Methodentransfers auf: Gibt es kennzeichnende Methoden der politischen Theorie, die für andere Teilbereiche fruchtbar sein können? Und umgekehrt: Könnte und sollte die politische Theorie sich aus den Erkenntnissen empirischer Sozialwissenschaften, wie der Kognitionsforschung oder der Entwicklungspsychologie, nähren, um ihre Annahmen zu menschlichem Sozialverhalten im politischen Kontext zu unterstützen oder zu verwerfen?

Das erste Panel wurde von Wolfgang Leidhold (Universität zu Köln) eröffnet, der für die Entwicklung einer sozialwissenschaftlichen Methode plädierte, die aus einer Selbstreflexion der theoretischen Vernunft heraus resultiere. Anhand einer begriffshistorischen Rekonstruktion des Theoriebegriffs, in der er die altgriechischen Ursprünge und Bedeutungskontexte offen legte, kam Leidhold zum Schluss, dass der Theoriebegriff ein Erfahrungsbegriff sei, der in einem intensiven Betrachten (griech. theorein) und nicht in einem bloßen, positivistischen Sammeln von wertfreien Tatsachen bestehe. Damit stellte Leidhold eine enge Verbindung zwischen dem Erfahrungs- und dem Vernunftbegriff her, die in ihren Implikationen leider nicht näher ausgeführt wurde. Eine genauere Begriffsklärung von Vernunft blieb aus: Vernunft bestehe darin, einen „Riecher für etwas zu haben“. Die Rolle der Urteilskraft wurde dabei ausgeklammert. Obwohl Leidhold zum Abschluss des Vortrags einen pluralistischen Vernunft- und Erfahrungsbegriff stark machte, wurde nicht ganz deutlich, worin dieser gründet, da er – außer dem theoretischen Vernunftbegriff – keinen anderen benannte. Im Plenum wurde insbesondere die Frage nach dem spezifisch politiktheoretischen Gehalt dieses Ansatzes und nach dem unterliegenden Politikbegriff diskutiert.

Alexander Weiß (Universität Hamburg) machte in seinem Beitrag den Vorschlag, „Monitoring“, neben der Ideengeschichte und der politischen Theorie, als drittes Aufgabenfeld politischer Theorie zu begreifen. Als Monitoring wurde die Erfassung, Sichtung und Aufbereitung fachfremder Theorien verstanden. So sei beispielsweise die Kritische Theorie ein Beispiel für ein gelungenes Monitoring, da sie u. a. aus Erkenntnissen aus den Bereichen der Soziologie, der Psychologie, der Ökonomie und der Philosophie gründe. Welche theoretischen Implikationen bringt das Monitoring nun mit sich? Zunächst betonte Weiß, dass kein Primat einer Disziplin gegenüber einer Anderen vorherrschen dürfte. Er diagnostizierte das Verhältnis der politischen Theorie zu den anderen Teilbereichen der Politikwissenschaft als „gestört“: Nicht nur Vertreter politischer Theorie, sondern jeglicher Teilbereiche beklagen, dass ihre Forschung kaum in den anderen politikwissenschaftlichen Bereichen rezipiert werde. Um diesem Mangel entgegenzusteuern und Monitoring als Methode produktiv zu machen, werde eine kritische Methodendebatte benötigt, die bis dato fehle. Diese fehlende Methodendebatte äußere sich beispielsweise darin, dass ungeklärt sei, ob es spezifische Gegenstände oder gar Disziplinen gebe, die sich besser als andere für Monitoring eignen und wie sich das feststellen ließe. In kritischer Abgrenzung zur interdisziplinären Forschung akzentuierte Weiß, dass durch Monitoring fachfremde Theorien nicht einfach „umgepflanzt“ werden, sondern dynamisch weitergedacht werden. Offen blieb, wie sich Monitoring betreiben lässt, d. h. welche Kompetenzen notwendig sind, um sich fachfremde Theorien effektiv aneignen zu können, wie sich Monitoring institutionalisieren lasse und wie sich fremde Forschungsansätze sinnvoll an die eigene Theorie oder Disziplin adaptieren lassen.

Während das erste Panel eher eine allgemeine Reflexion über das Verhältnis von politischer Theorie und empirischen Methoden darstellte, war das zweite Panel von spezifischeren Ansatzpunkten zu diesem Verhältnis gekennzeichnet. So dachte Tanja Pritzlaff (Universität Bremen) über das Anregungspotential von Kognitionswissenschaften und Behavorial Economics für die politische Theorie nach. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen sind Michael Tomasellos Experimente an Kindern und Schimpansen, die grundlagentheoretische Aussagen zum Entstehen von Sozialität und Kooperativität für die evolutionäre Anthropologie geben sollen. Seine These, dass Menschen von Natur aus altruistisch seien, prüfte er anhand empirischer Experimente zu impliziter Normativität in Spielen. Ferner prägt Tomasello das sprachwissenschaftliche Theorem des Sprachursprungs durch triadische Zeigegesten und der gemeinsamen Bezugnahme durch Sprache, die von normativen Erwartungen der Teilnehmenden am Interaktionsprozess geprägt ist. Pritzlaffs Ansatz liegt nun darin, den Begriff der politischen Praktik – inspiriert von Tomasello – als Motivation zur gemeinsamen Bezugnahme zu begreifen. Dabei strebt sie, über den Begriff der politischen Praktik, eine Mikrofundierung der Theorie politischer Interaktion an. Pritzlaff stützte sich auf Tomasellos These, dass die Fähigkeit zur gemeinsamen Bezugnahme durch Praktiken erst durch das gemeinsame „Durchspielen“ von Praktiken Sinn mache. Sie sprach sich letztlich axiomatisch für eine komplementäre Verbindung von Robert Brandoms „game of giving and asking for reasons“ und Tomasellos prozedurales Verständnis vom „Durchspielen“ aus. Kritisch wurde angemerkt, dass Pritzlaff eine zu sehr konsensorientierte Perspektive auf politische Praktiken habe, da sie diese lediglich auf Kooperativität sowie Altruismus politischer Subjekte zurückführe, dabei jedoch die Möglichkeit von konfliktuellem Handeln außen vor lasse. Zudem sei nicht deutlich, was eine Praxis sei und was das spezifisch Politische an politischen Praktiken sei. Außerdem bestehe die Gefahr, dass derartige Experimente soziale Phänomene naturalisieren anstatt sie zu kontextualisieren.

In der den ersten Tag abschließenden Podiumsdiskussion zwischen Hubertus Buchstein (Universität Greifswald), Joachim Behnke (Zeppelin Universität Friedrichshafen) und Bernd Ladwig (FU Berlin) unter der Moderation von Frank Nullmeier (Universität Bremen) wurde die Frage nach einer Methode der politischen Theorie gestellt. Die Frage danach, was ein gutes normatives Argument sei, löste eine kontroverse Diskussion aus: Während Behnke betonte, dass sich die Richtigkeit von Argumenten zunächst formal anhand logischer Prüfkriterien nachvollziehen lassen müsse, proklamierte Ladwig, dass sich dies lediglich substantiell entscheiden ließe. Eine Methodenlehre, so Ladwig, könne nicht unabhängig von substantieller Diskussion betrieben werden, zumal Begriffe wie Freiheit, Gerechtigkeit etc. interpretativ und holistisch seien. Behnke hielt dagegen, dass die substantielle Diskussion von empirischen Einflüssen abhänge.

Der erste, diskussionsreiche Tag wurde mit dem Ergebnis beschlossen, dass Politikwissenschaft eine Art Hybrid sei und dementsprechend eine allgemeine systematische Methodik politischer Theorie keinen Sinn mache.

Nabila Abbas ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt „Komponenten und Bedingungen politischer Urteilskraft“ an der RWTH Aachen und promoviert über Politikbegriffe im frankophonen Raum.

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