CfP: Gründungstagung der DVPW-Themengruppe „Konstruktivistische Theorien der Politik“ (Duisburg)

Am 9. und 10. Februar 2012 wird die DVPW-Themengruppe „Konstruktivistische Theorien derPolitik“ in Duisburg Ihre Gründungstagung veranstalten. Der Auftakt steht dabei unter dem Motto „Spurensuche – konstruktivistische Analyseansätze und Politische Theorie“. Erwünscht sind Abstracts von bis zu zwei Seiten, die sich mit der Abgrenzung konstruktivistischer Politiktheorien sowie deren interner Strukturierung auseinandersetzen, sollten bis zum 15. November 2011 bei der Leiterin der Themengruppe, Frau Professor Dr. Martinsen (renate.martinsen@uni-due.de), eingereicht werden. Mehr Informationen zur Themengruppe und zum Call for Papers findet ihr unter dem Strich.
Call for Papers zur Gründungstagung der DVPW-Themengruppe „Konstruktivistische Theorien der Politik“
Termin: 9.-10.02.2011 Ort: Universität Duisburg-Essen, Campus Duisburg

Zur Programmatik der neuen Themengruppe
Der Konstruktivismus hat eine lange ideengeschichtliche Tradition an Vorläufertheorien, die bis zu den Skeptikern im vorchristlichen Jahrhundert zurückreichen. Der Startschuss für die gegenwärtige Entwicklung fiel indes im Jahr 1970 – als Gründungsdokument gilt ein Aufsatz des chilenischen Biologen Humberto Maturana mit dem Schlüsselsatz: „Alles was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt“. Damit wird die tradierte Vorstellung zurückgewie- sen, dass Erkenntnisakte die externe Realität widerspiegeln und es einen archimedischen Punkt gibt, von dem aus die Welt gedanklich erfasst werden kann. Erkenntnisprozesse bilden die Realität nicht einfach ab, sondern sind vielmehr aktiv an ihrer Erzeugung beteiligt. Konstruktivistische Ansätze haben seither nicht nur in den Naturwissenschaften, sondern auch in verschiedenen sozial- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen Fuß gefasst, so insbeson- dere in der Soziologie, den Kulturwissenschaften, der Literaturwissenschaft, der Psychologie sowie der Pädagogik. In der Politikwissenschaft, die sich traditionell gegenüber erkenntnis- theoretischen Fragestellungen eher desinteressiert gezeigt hat, konnte sich dieses Forschungs- interesse zunächst kaum Raum verschaffen – aber auch hier deutet sich ein „constructivistic turn“ an, der insbesondere von der Teildisziplin Internationale Beziehungen eingeleitet wurde. Darüber hinaus wird in anderen Forschungszusammenhängen in den letzten Jahren bereits die Tragfähigkeit konstruktivistischer Analyseansätze erprobt: so ist hier etwa auf das erstarkte politikwissenschaftliche Interesse an interpretativen Methoden der empirischen Sozialfor- schung oder an der Erforschung des Verhältnisses von Wissen bzw. Wissenschaft und Politik oder an Studien zur Konstruktion von Geschlecht zu verweisen, die deutliche Schnittstellen zu konstruktivistischen Fragestellungen aufweisen.
Die konstruktivistisch angeleitete Vervielfältigung der Beobachtungs- und Beschreibungsper- spektiven erscheint für die Politik von wachsendem Interesse angesichts zunehmend turbulen- ter Umwelten. Auch Politik ist im Rahmen eines solchen Deutungshorizontes, der die Auf- merksamkeit auf differierende Wirklichkeitskonstruktionen lenkt, nur noch eine Weise der Selbstbeschreibung von Gesellschaft neben anderen. Unter konstruktivistischen Auspizien muss die Politikwissenschaft in Rechnung stellen, dass mit jeder Erkenntnis über das Politi- sche, dieser Gegenstand sich selbst verändert. Politikwissenschaft beschreibt und betreibt ih- ren Gegenstand gleichermaßen. Daraus erwächst nicht nur eine besondere Verantwortung für die politische Selbstbeschreibung der Gesellschaft; es bedarf darüber hinaus der Reflexionen über den eigenen erkenntnistheoretischen Standpunkt sowie über den gesellschaftlichen Ort, von dem aus ein politischer Phänomenbereich beobachtet und beschrieben wird.
Indes gibt es nicht „den“ Konstruktivismus in den Sozialwissenschaften – sondern vielmehr unterschiedliche Spielarten. Das Spektrum reicht von moderaten Varianten wie dem Sozial- konstruktivismus (z.B. Berger/Luckmann, Wendt) über kognitionswissenschaftliche Varianten (z.B. Glaserfeld, Schmidt) bis hin zu radikaleren Manifestationen wie dem operativen Konstruktivismus der neueren Systemtheorie (z.B. Luhmann) oder poststrukturalistischen Ansätzen zur sozialen Praxis (z.B. Foucault, Bourdieu) oder dem aus der neueren Wissensso- ziologie gespeisten empirischen Programm des Konstruktivismus (z.B. Knorr-Cetina, Latour). Es lassen sich unterschiedliche Vorschläge auffinden, die versuchen das weite Feld konstruktivistischer Arbeiten nach gewissen Ordnungsgesichtspunkten zu sortieren, so dass es nach derzeitigem Forschungsstand nicht leicht fällt, einen Überblick zu gewinnen. In allen konstruktivistischen Varianten geht es indes – wenn auch mit jeweils unterschiedlichen Akzentuierungen – um die Frage nach der Produktion von Wirklichkeit und die Frage nach dem Status unseres Wissens. Dreh- und Angelpunkt konstruktivistischen Selbstverständnisses ist das Credo, dass es keine beobachterunabhängige Realität gibt. Für das etablierte Wissenschaftsverständnis führt diese erkenntnistheoretische Ausrichtung zu einer Reihe von weit reichenden Konsequenzen, welche die tradierten ideengeschichtlichen Grenzziehungen und Kategorisierungen ins Wanken bringen (basale Umorientierung von Was- auf Wie-Fragen, von Wahrheit auf Wahrheitspolitik, von der Subjekt-Objekt-Trennung zum Beobach- ten von Beobachtungen, von Hierarchie zu Heterarchie, von Rechtfertigung zu Selbstreferenz etc.) und die in ihrer Tragweite für das Verständnis des politischen Universums noch nicht hinreichend expliziert worden sind.
Ziel der Themengruppe ist die Entwicklung eines systematischen Forschungsprogramms für eine konstruktivistische Reformulierung von politikwissenschaftlichen Fragestellungen und Begrifflichkeiten. Dabei geht es beispielsweise um folgendes Fragen: Welchen Anteil hat die Politikwissenschaft selbst an der Erzeugung des Wissens über Politik? Inwieweit können konstruktivistische Analyseansätze die politische Theorie befruchten und zu einem vielschichtigeren Bild der politischen Welt beitragen? Wie verändert sich das tradierte Verhältnis von Theorie und Empirie, wenn die Geschäftsgrundlage dafür entfällt, Hypothesen an „der Realität“ zu überprüfen?
Die kontinuierliche Erschließung und Nutzbarmachung von konstruktivistischen Theorien der Politik für die Politikwissenschaft wird durch die Bearbeitung verschiedener Problemkomplexe verfolgt:
(1) Grundbegriffliche Überlegungen:
Zunächst steht die Sichtung bereits vorhandener konstruktivistischer Politiktheorien, deren Abgrenzung gegenüber nicht-konstruktivistischen Theorievarianten sowie die interne Strukturierung des theoretischen Feldes im Vordergrund.
(2) Methodologische Strategien:
Sodann geht es um die Frage, inwiefern sich etablierte Methoden für konstruktivistische Ana- lysen fruchtbar machen lassen bzw. inwiefern es auf dem Hintergrund eines gewandelten Begriffs von Empirie neuer methodischer Ansätze bedarf. Anknüpfungspunkte liefern etwa Diskursanalysen, Projekte zum Wandel historischer Studien, Poetologie des Wissens, ethno- methodologisch orientierte Interaktionsanalysen oder Fallstudien formaler Organisationen.
(3) Empirische Anwendungsfelder: Im Fokus steht schließlich die Explizierung des Beitrags von konstruktivistischen For- schungsdesigns zum Beschreiben zentraler politikwissenschaftlicher Forschungsfelder (De- mokratie, Politikberatung, Staat, politische Steuerung etc.)
Die Themengruppe „Konstruktivistische Theorien der Politik“ soll eine Plattform bieten für einen produktiven Austausch und die Vernetzung zwischen Forschern und Forscherinnen, die in diesem Bereich engagiert sind bzw. sich künftig engagieren wollen sowie zu einer stärke- ren Verankerung konstruktivistischer Politiktheorien in der Scientific Community beitragen. Hierzu sind jährliche Tagungen zu verschiedenen Themenschwerpunkten geplant, ggf. in Kooperation mit der Sektion für Politische Theorie und Ideengeschichte oder anderen Sektionen und Arbeitskreisen der DVPW bzw. fachwissenschaftlichen Vereinigungen von Nachbardisziplinen.

Thema der Gründungstagung: „Spurensuche – konstruktivistische Analyseansätze und Politische Theorie

Das konstituierende Treffen der Themengruppe dient einer ersten Sichtung des Spektrums von sozialwissenschaftlichen Forschungsansätzen, die sich a) das Label „Konstruktivismus“ zuschreiben oder denen es zugeschrieben wird und und die b) politiktheoretischer Natur sind oder sich für politiktheoretische Analysen fruchtbar machen lassen.
Eingedenk der eigenen Prämissen kann es „den“ Konstruktivismus nicht geben. Indes hat die Unübersichtlichkeit der verschiedenen Theorieangebote bisher die Ausbildung eines systematischen Forschungsprogramms eher erschwert. Insofern ist es erforderlich, zu reflektieren, wie eine plausible Abgrenzung konstruktivistischer Politiktheorien sowie deren interne Strukturie- rung geleistet werden kann.
Folgende Fragen stehen dabei im Fokus: 1) Welche epistemologischen Setzungen zeichnen konstruktivistische Theorievarianten aus? Und inwiefern werden dadurch etablierte Deutungsmuster der politischen Welt in Frage ge- stellt? 2) Durch welche Unterscheidungen lassen sich konstruktivistische Theorien von nicht- konstruktivistischen Theorien der Politikwissenschaft abgrenzen? 3) Wie lässt sich ein auf diese Weise erschlossenes Feld von konstruktivistischen Politiktheo- rien intern strukturieren? 4) Anhand welcher Repräsentanten lassen sich exemplarisch und/oder vergleichend Leis- tungsfähigkeit und Grenzen bestimmter politiktheoretischer Varianten verdeutlichen? 5) Welche ideengeschichtlichen Vorläufer (wie z.B. der Skeptizismus, Kant, der späte Witt- genstein) konstruktivistischer Politiktheorien können für die Gegenwart reaktualisiert wer- den? Inwiefern unterscheiden sie sich von gegenwärtigen Varianten?
Erwünscht sind abstracts, die auf die oben skizzierten Fragestellungen Bezug nehmen, aber auch weiterführende Papers, die sich am Tagungsthema orientieren sind willkommen. Vorschläge für Beiträge (1 – 2 Seiten) bis zum 15.11.2011 bitte per mail an: renate.martinsen@uni-due.de
Die Ergebnisse der Tagung sollen in eine Publikation einfließen.

Kontaktadresse: Prof. Dr. Renate Martinsen Lehrstuhl für Politische Theorie Universität Duisburg-Essen Lotharstr. 65 (Raum LF 154) 47057 Duisburg Tel.: 0203-379-2282 bzw. -1548 (Sekretariat)

Update: Der CfP enthält nun die um zwei Wochen verlängerte Deadline.

 

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