Rückblick: Die EIUC-Sommerakademie „Human Rights and the Cosmopolitan Idea(l)“ in Venedig

Vom 11. bis 16. Juli veranstaltete das European Inter-University Centre for Human Rights and Democratisation (EIUC) in Venedig zum zweiten Mal die Venice Academy of Human Rights. Rund 40 TeilnehmerInnen aus der ganzen Welt diskutierten hier unter der Überschrift „Human Rights and the Cosmopolitan Idea(l)“ mit Abdullahi Ahmed An-Na’im, David Held, Onuma Yasuaki und Boavaentura de Sousa Santos sowie mit Mary Robinson, ehemals Staatspräsidentin Irlands und UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, die Problematik der Universalität der Menschenrechte. Ein Thema, das die Vorträge und Diskussionen über die ganze Woche hinweg prägte, war die Doppelmoral westlicher Länder im Hinblick auf die Skandalisierung von Menschenrechtsverletzungen, und eine der wichtigsten Botschaften in dieser Woche war: „The understanding of the world by far exceeds the Western understanding of the world“ (B. de Sousa Santos).

David Held (LSE, UK) eröffnete die Sommerakademie mit einem Vortrag zu der Frage „What is Cosmopolitanism?“ Er zeichnete die Entwicklung des kosmopolitischen Gedankens von seinen Anfängen im antiken Stoizismus über Kant bis hin zu zeitgenössischen Theorien nach und nannte als Kernideen Individualismus, Egalitarismus und Universalismus, also die Verpflichtung auf die Idee, jedem Individuum in der Welt unabhängig von seinen sonstigen Bindungen die gleiche moralische Sorge zukommen zu lassen. Er wandte sich gegen den Utopismus-Vorwurf gegenüber dem Kosmopolitismus und argumentierte, es handele sich bei diesem vielmehr um „den neuen Realismus“ – die Menschheit sei in vielerlei Hinsicht als eine „community of fate“ zu verstehen, die kollektive Lösungen für gemeinsame Probleme (z.B. Klimawandel) finden müsse. Des Weiteren seien kosmopolitische Prinzipien nicht einfach abstrakte Philosophie, sondern hätten die Ausbildung und Reform von Institutionen in der Nachkriegsära entscheidend geprägt.

Die Professoren Onuma, de Sousa Santos und An-Na’im, die neben ihrer akademischen Laufbahn alle auch seit 40 Jahren als Menschenrechtsaktivisten politisch tätig sind, legten demgegenüber eine wesentlich skeptischere Haltung gegenüber dem Kosmopolitismus an den Tag. Alle drei mahnten Bescheidenheit sowie Selbstreflektion und Selbstrelativierung westlicher Philosophien an. De Sousa Santos (University of Coimbra, Portugal) sensibilisierte für ein Bewusstsein für die Unvollständigkeit jedes Wissens und forderte die Zurkenntnisnahme der Existenz von differenten Konzeptionen von Leben, Natur, Zeit, Wohlergehen, Glück und menschlicher Würde, die sich außerhalb des in westlichen Kategorien Fassbaren bewegen. De Sousa Santos argumentierte, dass das schwerwiegendste Problem ein epistemologisches sei: die Marginalisierung und Dequalifizierung nicht-westlicher Formen des Wissens – und das heißt auch: der Menschen, die dieses Wissen pflegen – bis hin zu ihrer Auslöschung („epistemicide“). Er appellierte, die unerschöpfliche Vielfalt der Erfahrungsmöglichkeiten der Welt anzuerkennen und einzusehen: „There is no global justice without global epistemic justice“. Er kritisierte, dass der dominante Menschenrechtsdiskurs die Universalität der Menschenrechte sehr unkritisch auf der Basis einer westlichen Vorstellung von der menschlichen Natur affirmiere. Die mangelnde Reflektion auf die eigenen epistemischen Prämissen bewirke, dass westliche Philosophien und Praktiken häufig Inklusion intendierten aber faktisch exkludierten, weil sie Inklusion nur auf der Grundlage ihrer eigenen Bedingungen und Vorstellungen gestalteten.

Onuma (Meiji University of Tokyo, Japan) betonte ebenfalls die Wichtigkeit der Ausbildung eines Bewusstseins für die Begrenztheit westlicher Wissensformen und einer gesteigerten Aufmerksamkeit für das Wissen und Denken in anderen Teilen der Welt: „In order to talk about universality you have to be familiar not only with Rawls and Dworkin but also with important writings from all parts of the world.“ Der Westzentrismus des Menschenrechtsdiskurses zeige sich z.B. in der exzessiven Betonung von bürgerlichen und politischen Rechten bei gleichzeitiger Vernachlässigung sozioökonomischer und sozialer Rechte. Onuma wies darauf hin, dass die Menschenrechte von vielen Menschen als ein fremdes Konzept wahrgenommen würden und kritisierte die Selbstgerechtigkeit vieler MenschenrechtsaktivistInnen. Der Diskurs über „asiatische Werte“ gegenüber „westlichen Menschenrechten“ sei aus akademischer Sicht zwar in mehreren Hinsichten fehlerhaft, aber historisch gesehen sehr wichtig gewesen, um eine „transzivilisatorische“ Konzeption der Menschenrechte zu befördern.

An-Na’im (Emory University, USA) stellte sich im Hinblick auf die Durchsetzung von Menschenrechten entschieden gegen jede Form von Paternalismus: „The very attempt to protect a human right of people who do not consent to that right is a negation of their humanity.“ Er plädierte für ein stärker kontextualisiertes Verständnis von Menschenrechten und für eine Pluralität der Begründungsmöglichkeiten. An-Na’im argumentierte, dass das Menschenrechtsprojekt von Menschen nur dann akzeptiert werden könne, wenn sie es als relevant für ihr eigenes Leben und nicht als Angriff auf ihre Kultur und ihre Religion empfänden. Es gehe darum, Menschen in der Entwicklung ihrer eigenen Vision von Menschenrechten zu unterstützen und nicht draum, ihnen ihre Rechte zu erklären. Er trat wie Onuma außerdem für eine sehr bescheidene und realistische Selbsteinschätzung von MenschenrechtsaktivistInnen ein. Diese sollten stets die faktischen Lebensbedingungen von Menschen im Blick behalten, sich fragen, welche  nachhaltigen Effekte sie durch ihre Intervention tatsächlich erzielen können und keine falschen Erwartungen wecken oder Versprechungen machen, die sie nicht einlösen können.

Ein wichtiges Thema in den Vorlesungen, Seminaren, Workshops und Diskussionsrunden in dieser Woche in Venedig war immer wieder die Doppelmoral westlicher Staaten im Hinblick auf die Skandalisierung von Menschenrechtsverletzungen. Schon während des Kalten Krieges, so de Sousa Santos, passierten Menschenrechtsverletzungen scheinbar nur auf der kommunistischen Seite. Und heute, so wurde verschiedentlich argumentiert, stünden auschließlich nicht-westliche Staaten, insbesondere afrikanische, im Fokus des Internationalen Strafgerichtshofes (ICC), während die israelische Invasion im Gazastreifen 2008 und der amerikanische Einmarsch im Irak 2003 inklusive der Vorgänge in Abu-Ghuraib und Guantanamo unter der Bush-Administration ohne Konsequenzen blieben. Solange es nicht vorstellbar sei, dass einem amerikanischen Präsidenten vor dem ICC der Prozess gemacht werde, so An-Na-im, gebe es keine Aussicht, dass das Gericht weltweit als glaubwürdig und legitim anerkannt werden könne.

Den Abschluss der intellektuell ebenso wie sozial inspirierenden und bereichernden Woche in Venedig bildete die Verleihung der EIUC Medal of Honour 2011 an Mary Robinson im Palazzo Ducale am Markusplatz. Robinsons Rede zu diesem Anlass und ihr Abschlussvortrag am letzten Tag der Akademie waren aus akademischer Sicht vielleicht nicht gerade bahnbrechend, doch beeindruckte sie durch ihre bodenständige Persönlichkeit und ihre biographischen Erfahrungen als Strafrechtsprofessorin am Trinity College, Staatspräsidentin Irlands, UN-Hochkommissarin für Menschenrechte und (Groß-)Mutter von drei Kindern und vier Enkelkindern.

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