Plagiarimus und der Fall Guttenberg – Weit mehr als ein Kavaliersdelikt

Karl Theodor zu Guttenberg soll Teile seiner 2007 veröffentlichten Doktorarbeit plagiiert haben. Die Debatte darüber läuft auf Hochtouren, Guttenberg Fans und Gegner liegen sich in den Haaren. Mittlerweile hat er erklärt, dass die Arbeit kein Plagiat sei, er aber bis zur Klärung vorübergehend auf den Doktortitel verzichten werde und es sich, wenn Fehler nachgewiesen würden, lediglich um wissenschaftliches Fehlverhalten handeln würde. Während sich die Debatte allerdings mehr auf die Person Guttenbergs und die politischen Konsequenzen konzentriert, soll in diesem Artikel nochmal auf das wissenschaftliche Fehlverhalten und dessen Bewertung eingegangen werden.

Die Diskussionen in den Internetforen der führenden Print- und Onlinemedien, die sich auf diese wissenschaftliche Dimension beziehen, zeigen ein geteiltes Bild. Zum einen wird harsche Kritik am Plagiat geübt und Sanktionierung gefordert – bis hin zur Aberkennung des Doktortitels. Zum anderen finden sich aber auch Stimmen, die das Ganze eher harmlos sehen. Bei letzteren können drei zusammenhängende Argumentationsmuster identifiziert werden. Erstens: Plagiate seien gängige wissenschaftliche Praxis. Zweitens: Auch anderswo, in der Schule beispielsweise, sei Abschreiben an der Tagesordnung. Drittens: Der bisher entdeckte Umfang sei vernachlässigbar, insbesondere mit Blick auf die zahlreichen Fußnoten und die umfangreiche Literaturliste. Es gilt auf der wissenschaftlichen Ebene nun einige Fragen zu klären: Warum werden Plagiate geahndet und welche Bedeutung haben Quellen in der Wissenschaft? Warum scheitern Plagiatskontrollen? Und welche Möglichkeiten der verbesserten (Selbst-) Kontrolle sind denkbar? Mit diesen Fragen möchte ich mich im Folgenden genauer beschäftigen.

Warum also werden Plagiate in der Wissenschaft geahndet und welche Bedeutung haben Quellen?

Es gibt hier eine rechtliche Dimension. Oft wird das Fehlen von Zitationszeichen, Fußnoten oder Literaturangaben als handwerklicher Fehler verstanden. Zwar kann und wird formell zwischen falsch oder gar nicht gesetzten Referenzen und dem Kopieren ganzer Textpassagen oder Arbeiten unterschieden. Jedoch ist dies für die Bewertung nachrangig. Denn es handelt sich stets um eine bewusste Handlung, vergleichbar mit Unterschriftenfälschung. Anders gesagt: Plagiate passieren nicht aus Versehen. Hier spielt natürlich auch das Urheberrecht eine Rolle, welches das Aneignen geistigen Eigentums, sofern kenntlich gemacht, für die Wissenschaft als Ausnahme zulässt. Abgesehen von dieser rechtlichen Dimension steht aber, so meine ich, vielmehr die Frage im Raum, warum es aus wissenschaftlicher Sicht notwendig ist, zu zitieren und alle verwendeten Hilfsmittel offenzulegen.

Die Antwort darauf ist so einfach wie richtig: Es kann andernfalls nicht nachvollzogen werden, wie bestimmte Ansichten und Ergebnisse zustande gekommen sind. Zudem ist eine Möglichkeit zur wissenschaftlichen Anschlusskommunikation nur dann gegeben, wenn die Bezugspunkte in eigenen Arbeiten offen gelegt werden. Denn unter Bezugnahme auf eine anderswo formulierte These kann eine Antithese entwickelt werden, kann Neues entstehen. In diesem Kontext wird häufig argumentiert, im Schreibprozess lasse sich nicht mehr rekonstruieren, woher eine Idee ursprünglich stamme. Dies ist bisweilen richtig, befreit aber nicht von der Verantwortung, alle Quellen und Hilfsmittel anzugeben. Es bleibt also festzuhalten, dass Plagiate aus rechtlicher, moralischer und wissenschaftlicher Sicht weder legal noch legitim sind.

Wann aber ist ein Plagiat ein Plagiat (siehe u.a. im Fall Guttenberg die Diskussion im PlagiatsWiki )? Es geht hier um zwei Dimensionen, um Quantität und Intentionalität. Im speziellen Fall Guttenberg stellt sich diese Frage mittlerweile scheinbar nicht mehr, denn die entdeckten Plagiatsstellen nehmen zu und sind bereits jetzt substantiell. Es kommt aber nur im begrenzten Umfang auf die Quantität an. Denn das Zitieren von Quellen ist ein bewusster Prozess, so dass das Weglassen von Referenzen als bewusster Akt verstanden werden sollte. Ergo ist auch das Fehlen einiger weniger Referenzen ein Plagiat. Es geht also primär um die Intentionalität des Plagiats. Hierbei kann jedoch die Quantität ein Indikator sein. Einige wenige falsch gesetzte Fußnoten mögen als handwerklicher Fehler oder Lapsus gewertet werden können. In dem Augenblick aber, wo ganze Passagen kopiert worden sind, ist die Intentionalität des Plagiats nicht zu bestreiten.

An dieser Stelle sei kurz auf das Argument eingegangen, dass in der Schule und Wissenschaft Plagiate an der Tagesordnung seien. Diese Beobachtung mag empirisch richtig sein, wobei verlässliche Zahlen hier nicht vorliegen.In der Schule wird in der Regel sanktioniert, wenn das Plagiat ans Tageslicht kommt – zum Beispiel durch die Note sechs. Der Hinweis auf die Schule ist allerdings fehl am Platz, weil die Unterscheidung von Recht und Unrecht Teil der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist. Im Universitätskontext muss davon ausgegangen werden können, dass Studierende und Forschende über dieses (Un-)Rechts-
bewusstsein verfügen, diese zudem eidesstaatliche Versicherungen der Eigenständigkeit der jeweiligen Arbeiten unterschreiben. Die Übernahme von alleiniger Verantwortung ist an dieser Stelle aber nicht primär ein entwicklungspsychologisches Moment, sondern eine rechtliche Zuschreibung. Darüber hinaus gilt, dass durch gängige Praxis einer illegalen und illegitimen Handlung diese nicht legalisiert oder legitimiert wird.

Wenn aber Quellen so wichtig und Plagiate illegal und illegitim sind, wieso tauchen sie immer wieder und auf allen Ebenen des wissenschaftlichen Arbeitens auf? Ein laxer Umgang mit den Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis wie sie etwa die DFG veröffentlicht hat, zeigt sich schon bei Studierenden. Selbst in Abschlussarbeiten finden sich immer wieder Plagiate; häufig fehlt Studierenden das Unrechtsbewusstsein. Aber auch Professorinnen und Professoren haben schon ganze Arbeiten von Studierenden unter eigenem Namen veröffentlicht oder plagiieren in Forschungsanträgen. Hier kommt also zunächst die Frage auf, warum die Plagiatskontrolle häufig versagt. Zum einen sind die vorhandenen Mittel wie spezielle Software nicht immer verlässlich, zum anderen ist die Menge an zu überprüfendem Material ein Beweggrund, nicht alles automatisch, sondern nur bei einem begründetem Anfangsverdacht zu prüfen. Die eigentlichen Ursachen für dieses Versagen liegen meiner Ansicht nach anderswo – und nur von dort aus kann man dann auch entsprechend reagieren. Die Ursachen liegen zum einen in dem Fehlen einer „Kultur des Zitierens“ und zum anderen in einer damit einhergehenden mangelnden Vermittlung.

Was also ist zu tun?

Es geht nach meiner Einschätzung darum, eine „Kultur des Zitierens“zu etablieren. Wie aber ist eine solche Kultur zu etablieren, wie können die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis (wieder)belebt werden? Der Verweis auf die Vermittlung von handwerklichen Fähigkeiten ist hier nur bedingt hilfreich, denn dann bleibt das Plagiat in der Welt der Wissenschaft eben auch nur ein handwerklicher Fehler, der ohne größere Konsequenzen berichtigt werden kann. Ich will daher ähnlich wie Prof. Dr. Weber-Wulff eben jene Frage des wissenschaftlichen Ethos in den Vordergrund rücken.

Zunächst einmal kann auf struktureller Ebene durch obligatorische Plagiatskontrolle aller Arbeiten und schärfere Sanktionsmittel (wie beispielsweise Geldbußen oder Exmatrikulation im Nordrhein-Westfälischen Hochschulgesetz) sicherlich etwas getan werden. Aber hier aufzuhören erscheint mir mit Blick auf die aktuelle Debatte über zu Guttenberg nicht ausreichend. Eine Stärkung der guten wissenschaftlichen Praxis kann auch durch eine strengere Selbstkontrolle stattfinden. Die scientific community ist hier gefragt, bei Arbeiten unter eigener Verantwortung, aber auch bei Kolleginnen und Kollegen, genauer hinzusehen. Der qualitative Nutzen von guter Quellenarbeit und die systematischer Aufarbeitung der vorhandenen Literatur zu einem bestimmten Thema müssen wieder in den Vordergrund gerückt werden. Die Debatte um zu Guttenbergs Arbeit bietet hier einen sinnvollen Ausgangspunkt. Die Frage, was gute wissenschaftliche Praxis ist und was sie eben nicht ist, benötigt einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs unter Einbeziehung der Politik und des Rechtssystems. Nur wenn Wertvorstellungen in der Gesellschaft verankert und Teil des Grundkonsenses sind, können sie als Schablone für Regelungen und als Handlungsanleitungen in so komplexen Systemen wie dem der Wissenschaft dienen. Nur dann besteht die Chance zu vermitteln, dass Plagiate weder ein Kavaliersdelikt sind, noch einen handwerklichen Fehler darstellen.

Sassan Gholiagha promoviert in Politikwissenschaft an der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg. Seine Dissertation befasst sich mit dem Prinzip der Verantwortung in der internationalen Sphäre am Beispiel des IStGH und der „Responsibility to Protect“. Er möchte seinen Kolleginnen und Kollegen am Lehrstuhl sowie Veronika Streuer, Julian Eckl und Marisell Eichhoff für konstruktive Kommentare und Diskussionen danken.

24 Kommentare zu “Plagiarimus und der Fall Guttenberg – Weit mehr als ein Kavaliersdelikt

  1. Argumente werden nicht besser durch den Verweis auf Autoritäten. Während in den Naturwissenschaften auf empirische Forschung anderer Verwiesen wird, ist dies bei Arbeiten des Typs Guttenberg-Dissertation nicht der Fall. Es handelt sich nur um ein Macht- und Herrschaftsspiel innerhalb der Wissenschaften. Wenn dahingegen Verweise auf Argumente – und besonders Gegenargumente – erfolgen, die nicht selber ausgeführt werden können, dann ist dies anders. Wissen sollte frei sein, eine Kopie also nicht als Plagiat behandelt werden, und die Güte eines Argumentes nicht daran bemessen werden, welcher Name hinter dem Argument steht. Das ist schlechte und vermachtete Wissenschaft. Natürlich ist es nicht akzeptabel, wenn eine Person in einer Machtperson fremde Arbeiten als eigene Ausgibt, aber die Wissenschaft die hier propagiert wird, ist sicherlich keine freie, die vom ökonomischen Vermarktungsdruck befreit ist. So bleibt Wissensproduktion die Arbeit einer Bildungselite.

  2. Das Problem sind leider nicht nur die Doktorarbeiten, die für eine wissenschaftliche Karriere qualifizieren und als Zertifikat akademische Berufswege eröffnen (ein weiterer Grund für die Ahndung von Plagiaten; diese sind nicht nur dysfunktional für den sog. „wissenschaftlichen Fortschritt“, darüber hinaus verletzen sie das Leistungsprinzip), sondern Dissertationen vom Typ „Googleberg“. Die stellen vor allem symbolisches Kapital dar und werden von der „scientific community“ überhaupt nicht gelesen, sondern meist von nur zwei Personen: Erst- und Zweigutachter. Diese haben, wie ihre Universität übrigens auch, zudem ein Interesse an einem hohen Output an Doktortiteln. So geht dann vieles durch, ohne je großartig geprüft worden zu sein.

  3. Abgesehen vom zustimmungswürdigen Kommentar nehme ich an, dass Herr Gholiagha promoviert wird und nicht selbst jemanden promoviert.

  4. @Heiner Also sie geben dann einfach jedem das Abitur, nen Bachelor oder was auch immer, auch wenn derjenige alles abgeschrieben hat?

  5. @ Heiner: Wissen sollte frei sei… da stimme ich Ihnen zu. Das Wissen, die Erkenntnisse anderer stehen zumeist jedem offen – gerade im Zeialter des Internets. Doch bleibt ein Plagiat, wie simpel es auch sein mag, Diebstahl. Es ist interessant zu beobachten, dass scheinbar die geistige Leistung nichts mehr wert ist, diese doch von allen verwertet wird. Denn es gibt kein Unrechtsbewusstsein einen Quellcode, eine CD oder eben einen Text abzuschreiben ohne den Autor dafür zu entschädigen. Besonders dreist ist es jedoch, dies als eigene Leistung darzustellen. In diesem Sinne, das Wissen ist frei, doch gebührt auch dem Respekt, der es in die Welt brachte.

  6. @Heiner Um das nochmal zu verdeutlichen: Es wird niemand daran gehindert Doktorarbeiten oder andere Arbeiten frei zugänglich ins Internet zu stellen. Das heisst aber nicht das ich dann für eine eigene Arbeit hauptsächlich daraus kopieren darf, und erwarten kann das mich jemand ernst nimmt. Wo wäre denn da auch der Sinn?

  7. Sehr gute Argumentation. In der Schule ist bei Klausuren und Tests die Zeit begrenzt und es geht oft um Mindestvoraussetzungen. Das gilt bei der Doktorarbeit im Regefall nicht. Jedenfalls passt das kaum auf den Fall Guttenberg.

    Jenseits der Naturwissenschaft bzw. der Forschung sichert in normalen Wissenschaft das Zitat die Genauigkeit, Präzisierung, Überprüfbarkeit. Seitdem das Zeitalter eines selbstverständlichen Kanons vorbei ist und der Autor als Individuum auftritt, hängt daran das Bestehen der Wissenschaften.

    Die Argumente im Verfassungsblog sind auch bedenkenswert. Wäre ein selbstherrlicher Anti-Intellektualismus in der Politik ein Gewinn?

    Ansonsten sind im Fall Guttenberg die Dimensionen Treuebruch und Rechtenschaftspflicht, die auch hinsichtlich Amtverständnis und dem Konzept Amtsperson – im Unterschied zur Privatperson – bedenkenswert.

    P.S. Ich würde als Tag „Guttenberg“ verwenden.

  8. Re: „Karl Theodor zu Guttenberg soll Teile seiner 2007 veröffentlichten Doktorarbeit plagiiert haben.“

    Bzw. Teile seiner Arbeit selbstgeschrieben haben.

  9. Ich fasse nicht, dass er darauf ein summa bekommen hat. Das Leute schummeln und schlampen kommt ja vor aber wie GENIAL muss er denn plagiiert haben, dass dabei eine prazise Fragestellung mit einer angemessenen Methode in stringenten Argumentation zu einem Ergebnis von Wissenschaftlicher Bedeutung führen konnte? Hat da der Prof geschlafen? Oder gibt der immer Summa?

  10. @asdf

    Ganz richtig, der Guttenberg: um an die Macht zu kommen, braucht es leider einen Dr. Titel — sobald man an der Macht ist, lacht man einfach nur noch drüber (und über die Dummheit dieser Arschlöcher überall)…

    Nur Steuergeld kostet das alles… (inkl. das Uni Bayreuth-Verfahren, das jetzt angeworfen wird.)

  11. Korrekte Fußnoten und ordentliches Zitieren – das ist wie gute Manieren. Der Guttenberg ist kein „guter Mann“. Das ist jemand, der es sich einfach (und leicht) gemacht hat. Das sollte allen sonnenklar sein.
    Der Guttenberg hinterlässt einen Kollateralschaden. Ist ihm das überhaupt bewusst? Der denkt doch, es geht bei der ganzen Sache nur um ihn. Hier geht es um unser Land.

  12. Wenn ich zu viel um die Ohren habe, dann entscheide ich mich auch nicht für eine Doktorarbeit. Man kann doch nicht alles haben. Ich kenne viele Studenten, die gerne promovieren würden, aber konnten sich das einfach nicht leisten, weil sie arbeiten mussten.

  13. Die Meinungen in Bezug auf das Verhalten von Guttenberg sind unterschiedlich verteilt. Auch wenn die jetzige Situation von Guttenberg nicht zu beneiden ist, wird das noch nicht ein Ende seiner politischen Karriere sein. Ich denke, er wird noch mehr an Beliebtheit gewinnen.

  14. Leider bleibt der Artikel auf halber Strecke stehen und erschöpft sich in der Forderung, etwas gegen die Symptome, aber nicht die Ursachen zu unternehmen.
    Sicher ist mangelndes Unrechtsbewusstsein bei Plagiatsvergehen problematisch, nur wird man dem nicht entgegenwirken, indem man den qualitativen Wert von Quellenarbeit und sauberer Zitation betont. Zum einen wird sich dem niemand prinzipiell verwehren, zum anderen wird das doch gemacht – jedenfalls in meiner Disziplin. Mir wurde es während des gesamten Studiums eingehämmert, ich selbst habe es anderen Studenten als Tutor eingehämmert und habe damit in der Lehre als WiMi, früher Lehrbeauftragter, auch nicht aufgehört. Das mag sich bei Fächern wie der Politikwissenschaft, deren Vertreter in schöner Regelmäßigkeit gegen das Vetorecht der Quellen verstoßen, etwas anders verhalten, doch wie gesagt: prinzipiell sind wir Geisteswissenschaftler uns alle längst einig.
    Plagiate werden allerdings nie mit Argumenten der besseren Qualität durch Plagiat verteidigt, auch im prominentesten Fall nicht. Insofern dürften Appelle an die bessere Qualität durch originale Arbeit nur bedingt wirksam sein.

    Entscheidend für ein Plagiat ist schließlich ein anderes Argument, dem man wesentlich schwerer beikommen kann, weil dort m.E. kein Konsens unter Studenten herrscht. Es ist das Argument der effektiven Arbeitszeit, bzw. des Mangels derselben.
    In Zeiten, da Studenten ihre Arbeitsüberlastung beklagen und dafür weitreichende mediale Unterstützung finden, wird das Plagiat zur notwendigen Zeit- und Arbeitssparmaßnahme, um im ach so schweren Studium zurecht zukommen. Bei ach so vielen Klausuren, HAs, mündl. Prüfungen etc. habe man ja keine Wahl. … oder bei der Belastung als Minister und Familienvater, wie man jüngst vernehmen dürfte. Das Argument ist strukturell dasselbe.
    Ich will gar nicht darüber lamentieren, wie weit Anspruch und Wirklichkeit da auseinanderklaffen (der durchschnittliche Arbeitsaufwand eines Studis pro Woche ist 26h, wenn man 2010er Studie des ZHW Hamburg glauben darf. Das würde mein Vater, Elektriker, nicht mal mehr Teilzeitarbeit nennen).

    Vielmehr will ich auf ein grundlegend fehlgeleitetes Selbstbild hinweisen. Wer studiert, weil ihm nichts besseres einfällt – und seien wir ehrlich, diese Leute studieren kaum Physik – oder weil er ob Abi unbedingt studieren will, ohne genau zu wissen, was und warum – auch diese Leute finden sich eher selten in den naturwissenschaftlichen Fächern – ist an der Uni fehl am Platz. Studieren, d.h. auch promovieren, aus den falschen Gründen sollte euch angesichts aktueller Debatten bekannt vorkommen! Leider habe ich es gesehen und sehe es immer: Seminarräume überfüllt mit Leuten, die nicht wissen, warum sie studieren oder völlig falsche Vorstellungen davon haben. Es kann doch wohl kaum überraschen, dass diese Menschen ihr Studium mit HAs und mündlichen Prüfungen nciht als Lust, sondern als Last empfinden, die irgendwie verringert werden muss und sei es durch Plagiat.

    Allein, sieht man sein Studium nicht als Arbeit, sondern als Leidenschaft, ist das Plagiat nichts als das Beschneiden der eigenen Lebensfreude. Und ja, das trifft nicht auf alle Studierenden zu. Na und? Die Uni hat keinen anderen Auftrag, als das wissenschaftliche Arbeiten zu lehren und jeder, dem das keinen Spaß macht, darf sich an eine FH begeben – diese haben nämlich den Auftrag, qualifizierte Arbeitskräfte für den freien Markt auszubilden, nicht die Uni. Auch wer seinen Uni-Abschluss anstrebt, um bessere Chancen in der (nicht-wissenschaftlichen) Karriere zu haben, gehört nicht an eine Uni. Wieder muss ich auf den Fall Guttenberg verweisen. Die medizinischen und juristischen Fakultäten gelten dabei freilich als historisch gewachsene Ausnahmen, deren Auftrag klar formuliert ist.

    Wenn ich soetwas lese wie: „ich würde ja gern studieren/promovieren, muss aber arbeiten…“ HÄ!? Wir leben nicht im 19. JH, sondern in der BRD mit einem hervorragenden System sozialer und wirtschaftlicher Absicherungen, die ich übrigens auch schon in Form von H4 in Anspruch nehmen musste, wenn auch nur kurzfristig.
    Freilich ist das kein Luxusleben, aber wer sein Fach liebt, nimmt das in Kauf. Im speziellen Fall der Promotion ist das „ich-muss-arbeiten“-Argument ohnehin gänzlich hirnrissig, da die Promotion kein Zeitlimit kennt und jeder, der arbeitet, automatisch Freizeit hat. Und wer in dieser Freizeit, wie klein sie sein mag, keine Lust hat, für seine Promotion zu schaffen, ist ebenfalls falsch an der Uni.

    Ich jedenfalls habe keine Stechuhr, die mir 18:00 sagt, ich hätte frei, sondern lese auch zu Hause noch, schreibe noch und – oh Schreck – denke noch. Ein Plagiat hingegen wage ich auch 03:00 Uhr in der Nacht nicht, weil mir das den Spaß rauben würde, den Text selbst zu schreiben.

    So entsorgt mehr Idealismus das Problem des Plagiats von ganz allein. Nur weil der politische Wille fehlt, wird nie dazu kommen. Wir entledigen uns zwar eines Verteidigungsministers, was ich aus rein wehrpolitischer Sicht nur begrüße, das Studieren aus den falschen Gründen bleibt uns aber ebenso erhalten wie entsprechend motivierte Studis und deren weitgehend unbestrafte Plagiate.

    PS: Dass gerade in Deutschland eine „Kultur des Zitierens“ fehlen solle, ist für mich völlig unverständlich. Wir werden im Ausland teils belächelt, teils beneidet aufgrund unserer Fußnotenkultur. Anthony Grafton sei genannt…
    Im Zuge der fortschreitenden Amerikanisierung („scientific community“ – ein dreifaches Hurra auf überflüssige Anglizismen!) scheint man in manchen Disziplinen wohl auch das über Bord geworfen zu haben und dann braucht man sich nun noch weniger über Plagiate wundern.

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