Zeitschriftenschau November/Dezember 2010

Damit euch auch an diesen kalten Tagen die Lektüre nicht ausgeht – ein Blick in die aktuelle Zeitschriftenlandschaft von maike und chris.

Blättter für deutsche und internationale Politik (11/2010)

In den aktuellen ‚Blättern‘ findet sich ein schöner Theoriebeitrag von Homi K. Bhabha: „Der dritte Ort. Anerkennung und Fremdheit in paradoxen Gemeinschaften“. Der Text basiert auf der „Hegel Lecture 2010“, die Bhabha im Januar in Berlin gehalten hat. Den Vortrag gibt es hier als Audio- und Videomitschnitt. Bhabha kritisiert im Ausgang von Julia Kristevas „Fremd sind wir uns selbst“ anerkennungstheoretische Ansätze, die auf die Herstellung von Identität oder Authentizität abzielen. Dagegen stellt er Hannah Arendts Denkfigur des „Dazwischen“ und den politischen Charakter von Anerkennungsbeziehungen in den Mittelpunkt – ein Plädoyer dafür, der „Versuchung zu widerstehen, eine organische Verbindung zwischen ‚Universalität‘ und ‚Differenz‘ zu postulieren.“ Da Prozesse der Anerkennung im Handeln stattfinden, erben sie, so Bhabha, dessen zweischneidigen Charakter: sind sie der Kontingenz und der Unsicherheit des Werdens ausgeliefert und öffnen paradoxerweise dadurch erst den Raum, in dem wir dem anderen und uns mit der notwendigen Nähe und Distanz – beides Voraussetzungen für Anerkennung und Gastfreundschaft – als Fremde begegnen können. (mw)

Constellations (3/2010)

Axel Honneth schreibt über Luc Boltanski und Laurent Thévenots Gesellschaftsanalyse (auf Deutsch in „Das Ich im Wir“, Suhrkamp 2010, erschienen). Albena Azmanova fragt sich, welche Form sozialer Gerechtigkeit nach dem Neoliberalismus vorstellbar ist, George Katrougalos nimmt die Grenzen der Privatisierung in den USA und Europa angesichts der globalen Finanzkrise in den Blick. In der Sektion „Repräsentation und Zufall“ findet sich u.a. ein Artikel von Philip Pettit über „Representation, Responsive and Indicative“, Hubertus Buchstein stellt Elemente einer aleatorischen Demokratietheorie vor. (mw)

European Journal of Political Theory (4/2010)

Nachdem vor einigen Monaten bereits die Deutsche Zeitschrift für Philosophie ein ganzes Heft der Auseinandersetzung mit Geuss‘ Political Realism gewidmet hat, zieht das EJPT nun nach. Richard North leitet den Band ein und es folgen Beiträge von Galston, Bellamy, Horton, Newey, Philip, Sleat und ein Rezensionsessay von Enzo Rossi. Während einige der Artikel explizit über den Nutzen und Nachteil eines realistischen Paradigmas für bzw. in der politischen Theorie nachdenken, nehmen andere Beiträge das liberale Normativitätskonzept kritisch in den Blick. (cv)

European Journal of Social Theory (4/2010)

In der November-Ausgabe der Zeitschrift haben sich eine ganze Reihe von Autorenpaaren zusammengefunden: Stefan Müller-Doohm und Stefan Bird-Pollan schreiben über den Zusammenhang von Nationalstaat, Kapitalismus und Demokratie im Denken von Jürgen Habermas; Heinz Bude und Jörg Dürrschmidt fragen nach, was denn an der Globalisierung so alles falsch läuft; Séverine Deneulin und J. Allister McGregor sind mit einem Beitrag „The capability approach and the politics of a social conception of wellbeing“ vertreten; Chris Shilling und Philip A. Mellor gehen in Anschluss an Marcel Mauss‘ Körpertechniken der kulturellen und sozialen Bedeutungsdimension von körperlichem Schmerz nach. In ihrem Beitrag über “Critique and social movements” argumentiert Paola Rebughini, dass “the analytic and empirical space in which we can better observe the meeting between the contingent and normative aspects of critique is that of the social movements, that unsurprisingly have been important reference points for many of the different sociological traditions of critique.” Mark Bevir überdenkt in seinem Eingangsbeitrag das Konzept der Gouvernementalität. (cv)

Journal of Contemporary History (3/2010)

Die Juli-Ausgabe der Zeitschrift ist ein Sonderheft zum Thema „Before the Holocaust: New Approaches to the Nazi Concentration Camps, 1933-1939“. Acht Beiträge beschäftigen sich dabei mit der Rolle der Konzentrationslager für das nationalsozialistische Herrschaftssystem vor 1939. Christopher Dillon untersucht die Rolle und Bedeutung des Konzentrationslagers Dachau, das als er als „the most enduring and important of the early nazi concentration camps“ bezeichnet, da gerade hier die SS ihre Schule der Gewalt errichtet hatte.  Christian Goeschel „looks at actual suicides in the pre-war camps, to highlight individual inmates’ reactions to life within the camps” und Viktoria Harris schaut sich die Funktion der Lager für die “Bekämpfung” der Prostitution an.

Die Auseinandersetzung mit Gewaltgeschichte steht auch im Zentrum der aktuellen Oktober-Ausgabe. Bela Bodo blickt nach Ungarn und untersucht dort den „Weißen Terror“. Unter dem Titel „A history of violence“ analysiert Matthew Hughes die Arabische Revolte gegen die britische Herrschaft in Palästina Ende der 30er.  Jennifer Foray zerlegt in ihrem Beitrag den Mythos von der sauberen Wehrmacht an der Westfront: „As in Eastern Europe, the idea of a ‘clean Wehrmacht’ in the Netherlands would prove more myth than reality.“ Hinzu kommen noch eine Vielzahl von interessanten Rezensionsessays. (cv)

Leiden Journal of International Law (4/2010)

Des Leiden Journal of International Law dokumentiert im aktuellen Heft ein interessantes interdisziplinäres Experiment. Die drei Texte, die den Schwerpunkt bilden, entstammen dem Workshop ‘Kelsen, Schmitt, Arendt and the Possibilities of (International) Law: Part I, Constitutionalisation’, der im Juni 2009 am Simon Dubnow Institut für Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig abgehalten wurde – Auftakt einer Workshopserie, die sich mit Frage beschäftigt, ob und welche Rolle die Theorie bei der Erhellung von aktuellen Fragen im (internationalen) Recht spielen kann. Die Beiträge nähern sich dem Thema und den Autoren aus drei ganz unterschiedlichen Perspektiven. Jörg Kammerhofer beschäftigt sich als Theoretiker des internationalen Rechts mit Hans Kelsen, Ino Augsberg aus rechtsphilosophischer Perspektive mit Carl Schmitt und Christian Volk aus politiktheoretischer Sicht mit Hannah Arendt – alle drei mit dem Ziel, gegenwärtig relevante Probleme des (internationalen) Rechts, und insbesondere die Frage der Konstitutionalisierung vor dem Hintergrund dieser drei klassischen Denker zu thematisieren und einen interdisziplinären Gesprächsraum zu eröffnen. (mw)

Leviathan (3/2010)

Themenschwerpunkt der Ausgabe ist das wissenschaftliche Publizieren: Vier Artikel widmen sich dem Wandel und der Kritik dieser wissenschaftlichen Kerntätigkeit: Welche Auswirkungen hat die Quantifizierung, das bloße Zählen von Publikationen als Bewertungsgrundlage der akademischen Leistung? (Alfred Kieser) Welche Gefahren und Chancen bringen Open-Access-Strategien mit sich: Piraterie oder Allmende? (Rainer Kuhlen, Klaus-Rainer Brintzinger) Ist das Wissenschaftssystem von der zunehmenden Kommerzialisierung bedroht? (Manfred Boni) Michael Hartmann nimmt die Folgen der Exzellenzinitiative ins Visier. Er konstatiert, dass in Deutschland aufgrund der vertikalen Differenzierung der Hochschullandschaft und des Bedeutungsverlusts der Lehre gegenüber der Forschung eine ähnlich dramatische „Abwärtsspirale“ drohe wie in England nach Einführung des Evaluationsinstruments RAE (Research Assessment Exercise).

Nicole Deitelhoff und Anna Geis vergleichen in ihrem Beitrag „Entkernt sich der Leviathan?“ zwei Transformationsprozesse innerhalb der Sicherheits- und Verteidigungspolitik: die Umwandlung der Bundeswehr in eine Armee im Einsatz und die Privatisierung der US-Armee. Sie konstatieren zwar keine direkte Schwächung des staatlichen Gewaltmonopols, wohl aber eine Veränderung staatlicher Herrschaftstechniken, die zu einer schleichenden Schwächung ihrer demokratischen Kontrolle führen können. Weitere Artikel befassen sich mit der Hoffnung auf eine „Zivilisierung der Weltordnung“ durch normbildende transnationale Netzwerke, (Jakobeit/Kappel/Mückenberger), der Neudefinition von Staatlichkeit durch das Lissabon-Urteil des Bundesverfassungsgerichts (Franzius). Schließlich fragt sich Roland Kamzelak, welche neuen Aufgaben Archiven und Kulturwissenschaftlern durch die Unübersichtlichkeit des Internets ins Haus stehen. (mw)

Merkur-Sonderheft „Die Grenzen der Wirksamkeit des Staats. Über Freiheit und Paternalismus“

Das aktuelle Sonderheftheft des Merkur ist eine 300 Seiten starke Abrechnung mit dem Sozialstaat, oder vielmehr mit dem, wie ihn die Herausgeber nennen, „fürsorglichen Volksbeglücker“. Die Sonderausgabe kommt, nicht nur vom Umfang her, etwas schwerfälig daher: Im ersten Teil versammeln die Herausgeber 16 Referate zu klassischen Denkern des Liberalismus – von Spinoza, über Adam Smith, Kant, Tocqueville, Röpke bis hin zu Olson. Warum es allerdings nötig ist, die Klassiker noch einmal – und nicht gerade mit aktualisierender Verve – aufmarschieren zu lassen, bleibt allerdings eine offene Frage. Kann man in der editorischen Notiz der Herausgeber doch lesen, dass „das Rad […] schon erfunden, die Freiheitstexte […] schon geschrieben worden“ sind. Es scheint hier also weniger um eine kritische Aktualisierung liberalen politischen Denkens zu gehen, sondern vielmehr darum, sich die Autorität vergangener Geister als Schützenhilfe im Kampf gegen einen großen Gegner aufzufahren, der da heißt: Paternalismus, Wohlfahrtsdenken, schließlich, ja, richtig gelesen: „Sozialismus“. Von Frank Nullmeier wurde die Attitüde des Hefts in der Frankfurter Rundschau dann auch treffend als „Altherrenliberalismus“ bezeichnet. Nullmeier stellt fest, dass der so wehrhaft sich präsentierende Liberalismus sich nicht auf der Höhe der Zeit bewegt: Weder würden aktuelle Phänomene wie die Finanzkrise in den Blick genommen, noch aktuellere Vertreter liberalen Denkens – Ralf Dahrendorf, Friedrich Naumann, Isaiah Berlin und Max Weber in die Ahnengallerie aufgenommen. (mw)

Mittelweg 36 (5/2010)

Das aktuelle Heft der Hamburger widmet sich dem Alter und dem Altern, der Frage nach seiner gesellschaftlichen, zeitdiagnostischen, subjektiv und kollektiv erfahrbaren und sozialwissenschaftlich erforschbaren Relevanz. Die Beiträge berichten aus der laufenden Forschungsarbeiten des Hamburger Instituts für Sozialforschung, die versuchen, „die Ambivalenzen einer Politik mit dem Alter zu erkunden und zu ergründen, die das Alter prinzipiell aktiv, beweglich und nutzbringend konstruiert.“ (Stephan Lessenich) (mw)

Political Studies (5/2010)

Neben zahlreichen Beiträgen aus der vergleichenden Politikwissenschaft oder der Systemforschung findet sich in der aktuellen Ausgabe ein interessanter politiktheoretischer Beitrag von Adrian Little. Unter dem Titel Democratic Melancholy: On the Sacrosanct Place of Democracy in Radical Democratic Theory argumentiert Little, dass die Vertreter der radikalen Demokratie “seem reluctant to criticize the workings of democracy in favour of analysis of the limitations of liberalism.” Little ist der Ansicht, dass zentrale Elemente moderner Demokratie, wie Volkssouveränität, Wahlen, Repräsentation oder rule of law ebenfalls einer radikalen Kritik ausgesetzt werden müssen. „In short, the article contends that radical democratic theorists need to recognise that democracy is not sacrosanct.” (cv)

Political Theory (5/2010)

In der Political Theory verteidigt Dan Sabia das Verfahren immanenter Kritik und macht sie gegen den Vorwurf stark, über den Horizont der Wertegemeinschaft, in der sie formuliert wird, nicht hinauszukommen und damit unrettbar relativistisch zu sein. Der Artikel ist ein schöner Versuch zu zeigen, dass kritisches Denken aus dem Inneren der bestehenden Verhältnisse und Konventionen heraus geboren werden kann. Albert W. Dzur untersucht mit Alexis de Tocqueville und Francis Lieber den Wert des Jurywesens für die amerikanische Demokratie. Einen weiteren Beitrag zur Debatte um nicht-ideale und ideale Theorie liefert Andrew Mason, der untersucht, inwiefern Rawls mit hartnäckiger Uneinigkeit in Gerechtigkeitsfragen umgehen kann und kommt zu dem Schluss, dass wir eine unabhängige nicht-ideale Theorie brauchen, um mit dem Problem angemessen umgehen zu können. Bart van Leeuwen erkundet die besonderen Formen urbaner, interkultureller Bürgerlichkeit, die er „side-by-side citizenship“ nennt. Das Leben in den Städten dient ihm als Folie, um eine bescheidene Konzeption der normativen Standards von Interkulturalität zu formulieren. (mw)

Theoria. A Journal of Social and Political Theory (124)

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift untersucht James Furner das Konzept des „Tacit Consent“: ‚Tacit consent‘ has long interested historians of political thought and political philosophers, but its nuances nevertheless remain unappreciated. It has its roots in the Roman law concept of a ‚tacit declaration of will‘. Explicating this concept allows a new conception of tacit consent to be proposed, which I term the ‚tacit declaration of consent‘. Carl Knight versucht in seinem Beitrag den Zusammenhang von Verantwortung und Gerechtigkeit zu erhellen: “Even where an act appears to be responsible, and satisfies all the conditions for responsibility laid down by society, the response to it may be unjust where that appearance is false, and where those conditions are insufficient. This paper argues that those who want to place considerations of responsibility at the centre of distributive and criminal justice ought to take this concern seriously.” Jaeho Kang greift Walter Benjamins Kritik der Ästhetisierung der Politischen auf und wendet es auf die Rolle der Massenmedien in modernen Demokratien an. (cv)

Zeitschrift für Internationale Beziehungen (2/2010)

In der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift tut sich einiges: Anna Geis, Harald Müller und Niklas Schörnig gehen auf der Grundlage vergleichenden Inhaltsanalyse von Parlamentsdebatten zwei bislang vernachlässigten Feldern in der Theorie des Demokratischen Friedens nach. Erstens: mit welchen Rechtfertigungen ziehen liberale Demokratien gegen Nichtdemokratien in den Krieg? Zweitens: wie lässt sich die variierende (Nicht-)Teilnahme erklären?

Einen zweiten zentralen Schwerpunkt des Heftes stellt die Aufarbeitung der gemeinsamen Tagung von Theoriesektion und der Sektion für Internationale Beziehungen dar. Unter dem Titel „Symposium – Internationale Politische Theorie“ reflektieren Peter Niesen, Nicole Deitelhoff, Hauke Brunkhorst, Oliver Kessler, Antje Wiener und Rainer Forst aus unterschiedlichen Blickwinkeln über das Forschungsfeld „Internationale Politische Theorie“. (cv)

270 Kommentare zu “Zeitschriftenschau November/Dezember 2010

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