It’s the economy, stupid! – Bericht vom Vortrag von Uwe Schimank am MPIfG

Der Bremer Soziologe Uwe Schimank sprach als zweiter Referent der Reihe „Sozialtheorie“ des Kölner Max Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung (MPIfG). Schimank setzte dabei andere, bisweilen entgegengesetzte Akzente zu Hans Joas (Uni Erfurt), der als erster Redner der Reihe im Oktober vortragen hatte. Während beide eine handlungstheoretische Grundlage gesellschaftstheoretischer Großentwürfe einklagen und sich in diesem Zusammenhang häufiger theoretisch an der Systemtheorie Luhmanns reiben (mit oft sehr interessanten Ergebnissen), war Schimanks Vortrag in erster Linie die zugespitzte durchaus gelungene Bemühung, die These vom strukturellen Primat der Ökonomie in der gegenwärtigen Gesellschaft zu rehabilitieren. Diese These, durch ihre enge Identifikation mit dem Marxismus und dessen ökonomistischer und geschichtsdeterministischer Schlagseite in weiten Kreisen diskreditiert, wurde durch Schimank auf handlungs- und differenzierungstheoretischer Grundlage neu errichtet.

Schimank entwickelte seine Argumentation in fünf Schritten (vgl. „Die Moderne: eine funktional differenzierte kapitalistische Gesellschaft“, in: Berliner Journal für Soziologie 19, 327-351, in einer früheren Fassung: hier).

„Kapitalistische Wirtschaft“ (1) wurde von ihm definiert als Ökonomie auf Grundlage von Tauschwertorientierung, Konkurrenzprinzip und Kommodifizierung. Die Kapitalbesitzer in dieser Wirtschaftsform seien angetrieben durch einen „unruly opportunism“ (Wolfgang Streeck), der zur Subversion existierender Strukturen treibe (Schumpeters „schöpferisch zerstörender“ Unternehmer lässt grüßen). Bereits lokal auftretende Ungleichgewichte auf dem Governance-Mechanismus Markt schaukelten sich leicht auf höchste Ebenen hoch.

Von einer „kapitalistischen Gesellschaft“ (2) könne man allerdings sprechen, weil die Ökonomie für andere gesellschaftliche Teilsysteme nicht irgendeine, sondern eine unverzichtbare Ressource zur Verfügung stelle, nämlich Geld. Geld sei „dasjenige symbolisch generalisierte Kommunikationsmedium, das sachlich – einschließlich räumlich – und sozial viel universeller einsetzbar ist als andere“, wie Schimank im Anschluss an Georg Simmel betonte. Die Angewiesenheit auf Geld in allen sozialen Kontexten setze die Gesellschaft unter Ökonomisierungsdruck, auf den ein Druck zu stärkerer Kommodifizierung folge. Sparzwänge bedrohten die Autonomie der anderen Teilsysteme, nicht zuletzt weil sie alle von Arbeitsorganisationen bevölkert seien, die wiederum Geldressourcen brauchen.

Als „Wohlfahrtsgesellschaften“ (3) beschrieb Schimank im Anschluss an Eduard Heimanns „Soziale Theorie des Kapitalismus“ solche, die den Kapitalismus durch einen „Teilabbau des Systems“,“ Einbau fremder Ideen“ vor sich selbst retteten. Dadurch sei die Gesellschaft allerdings geprägt von  widerstreitenden Handlungsorientierungen, die ohne die Barriere durch ihr Gegenüber zu dysfunktionalen Konsequenzen führen können. Historisch habe die Wohlfahrtsgesellschaft ihre Wurzeln in einer unfreiwilligen politische Koalition aus reformistischen SystemgegnerInnen und reformbereiten Herrschaftseliten, die  sie gegen revolutionäre Kräfte (v.a. aus der ArbeiterInnenbewegung)  auf der einen und  kompromissfeindlichen Kapitalbesitzern auf der anderen Seite durchgesetzt habe.  Die Wohlfahrtsgesellschaft sei im Sozialstaat als Output-Legitimation sichernde Institution materialisiert; Konflikt verschwänden deshalb aber keineswegs. Weil niemand vorhersagen könne, wo die strukturellen Grenzen von Staatsaufgaben und -einnahmen „objektiv“ liegen, entwickelte sich die Wohlfahrtsgesellschaft im „ongoing contest between incompatible social tendencies and social needs“ (W. Streeck) eher konflikthaft als harmonisch.

In der aktuellen Ausprägung des funktionalen Antagonismus (4) sei die bisherige vorteilhafte Ko-Evolution von Kapitalismus und Wohlfahrtsgesellschaft („Fordismus“) allerdings dahin. Sein Scheitern führte Schimank auf „Unregierbarkeit“ und „Anspruchsinflation“ zurück, wie sie aus linken wie konservativen Krisendiagnosen der 1970er Jahre bekannt sind. „Die Zeiten der erfolgreichen Massenbestechung durch Wohlfahrtspolitik sind vorbei“, so die Einschätzung des Soziologen.

An diese nüchterne bis pessimistische Diagnose schließe sich ein Forschungsprogramm (5) an, das in Bremen inzwischen interdisziplinäre Kontur gewinne. Gefragt werden solle nach den multiplen Instabilitäten der Wohlfahrtsgesellschaft, die jeweils für sich und gemeinsam betrachtet werden sollten. In den Fokus geraten sollten auch ein zusätzlicher Ökonomisierungsdruck und Ungleichheiten in der Sozialstruktur. Besonders hob Schimank die mikro- oder Handlungsebene der Widersprüche der Wohlfahrtsgesellschaft hervor, an die in der Diskussion angeknüpft wurde. Im Zentrum steht dabei das Konzept des „Coping“, das sowohl in seiner passiven Variante – Anpassung der eigenen Ansprüche an den „stummen Zwang der Möglichkeiten“ (Hartmut Esser) –, als auch in der aktiven als Bewältigungsmetapher Strategien mit niedriger Rationalität umfasst. Es gehe mit anderen Worten um „sub-inkrementalistische“ Strategien,  d.h. Handlungsweisen, an denen sich keine Zielverfolgung mehr ablesen lässt, die über einen engen Problemhorizont hinausgehen. Um die Coping-Strategien zu analysieren, fehlen den Sozialwissenschaften laut Schimank noch geeignete Theorieinstrumente. Nicht beabsichtigte Struktureffekte dieser Strategien zeigten sich bspw. anhand von Teilprivatisierungen der Rente, wo ein Zusammenhang von der Mikroebene (Erhöhung der privaten Ausgaben für Alterssicherung) bis zur Makroebene (Finanzmarktkrisen) deutlich wird.

Die anschließende Diskussion stand im Zeichen von Ergänzungsvorschlägen. Armin Schäfer wies darauf hin, dass die Massenloyalität des „unteren Drittels“ der Gesellschaft gar nicht mehr politisch gewonnen zu werden brauche, weil man deren Selbstverabschiedung von politischer Partizipation längst akzeptiert habe. Fritz W. Scharpf fügte mit ähnlichem Akzent hinzu, das „abgehängte Drittel“ leide daran, im Unterschied zur Masse ungelernter Arbeiter zu Zeiten Bismarcks durchaus ersetzbar und daher verzichtbar zu sein. „Das Verweigerungspotential schrumpft“. Die Frage sei: „Wie kann eine symmetrische Abhängigkeit wiederhergestellt werden?“.

Wolfgang Streeck wies auf die enormen Unterschiede in der Lebensführung zwischen den 70er Jahren und heute hin, die sich anhand von Zeitbudgets der „Hochleister“-Familien ablesen lassen. „Wie kommt es, dass die Massen diese Ökonomisierungsimperative verinnerlichen?“. Für die offensichtliche soziale Spaltung zwischen „HochleisterInnen“ und Überflussbevölkerung sei eine kulturalistische bzw. ethnographische und anthropologische Perspektive angebracht.

Jens Beckert verdeutlichte schließlich mit einigen Fragen das Anregungspotential der Schimank’schen Perspektive. Er regte eine Analyse von Pathologien der Wohlfahrtsgesellschaft an, beispielsweise anhand der Zunahme von Depressionen und Medikamentenabhängigkeit. Zuletzt brachte Beckert die „Coping“-Perspektive in Verbindung mit dem Anspruch politischer Steuerung. Signalisiere der Übergang zum „Coping“ einen generellen Rückzug des Steuerungsanspruchs? Ist dafür das Fehlen von Ideen zur Veränderung der Zustände ein Anzeichen?

Es bleibt der Eindruck eines interessanten Forschungsprogramms, das von einem starken  Ernüchterungsdiskurs geprägt ist. Ob sich der Verzicht auf jeden Reste eines utopischen Überschusses mehr der differenzierungstheoretischen Sprache als der Lageeinschätzung verdankt, blieb offen.

Alban Werner ist Doktorand am Institut für Politische Wissenschaft an der RWTH Aachen und Redakteur der Zeitschrift “Das Argument”. Seine Dissertation befasst sich mit politischer Opposition in europäischen Wohlfahrtsstaaten im gesellschaftlich-politischen Strukturwandel. Er interessiert sich für die Grundfragen politischer Soziologie, insbesondere Demokratie-, Staats- und Herrschaftstheorien.

2 Kommentare zu “It’s the economy, stupid! – Bericht vom Vortrag von Uwe Schimank am MPIfG

  1. Ein kurzer Hinweis auf eine Debatte im Sonderheft der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie: Soziologische Theorie kontrovers, 2010.

    Schwinn diskutiert dort mit Schimank in „Brauchen wir den Systembegriff?“ in theoriearchitektonischer Perspektive, inwiefern eine „handlungstheoretische Grundlage“ (Alban) in einem strukturellen Widerspruch zur Verwendung des System-Begriffs und eines Theorems funktionaler Differenzierung steht – eine andere Akzentuierung von System und Differenzierung also, als sie Joas in seinen eher demokratietheoretischen Überlegungen in „Die Kreativität des Handelns“ vornimmt. Schwinns Haltung ist, dass die Verwendung des System-Begriffs bestimmte theoretische Prämissen mit sich bringt, die es unmöglich machen, soziale Phänomene handlungstheoretisch zu rekonstruieren. Ob Schwinn damit Schimanks fast aufklärerische Verwendung des System-Begriffs (System im Unterschied zu Struktur, „System“ als Reaktion auf anonyme, undurchschaubare soziale Beziehungen usw.) richtig deutet, kann man selbst beurteilen.

  2. Vielen Dank für den Bericht. Allerdings ist mir nicht recht klar, was an den skizzierten Thesen „differenzierungstheoretisch“ sein soll.

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