theorieblog.de | Wehlers Logik

13. Oktober 2010, Gebhardt

Kaum hatte sich der Bielefelder Sozialgeschichtler Hans-Ulrich Wehler im „Fall Sarrazin“ mit einem kleinen, in der Zeit erschienenen Essay zu Wort gemeldet, jubilierte Jürgen Kaube in der FAZ: „Es ist nicht untertrieben zu sagen, dass dieser Beitrag der Debatte eine völlig neue Wendung gibt. Sie wird die SPD in fast unlösbare Argumentationsschwierigkeiten bringen – von den nicht-lesenden Verfassungsorganen ganz zu schweigen.“

Neue Wendung? Fast unlösbare Argumentationsschwierigkeiten? Der Beifall aus Frankfurt verblüfft, denn auch Wehler kritisiert nachdrücklich Sarrazins scheinevidente Positionen zur erbbiologischen Festlegung von Intelligenz. Dann aber hebt Wehler mit Nachdruck „lobende Kritikpunkte“ im „Reformplädoyer eines geradezu leidenschaftlichen Sozialdemokraten“ hervor, etwa die Kapitel zur sozialen Ungleichheit und Bildung. Die Intervention des Historikers verwundert, schließlich ist gerade die erbbiologische Argumentation ein Kernstück des Bestsellers, aus dem sich weitere Schlussfolgerungen ableiten. Denn wenn Intelligenz, wie Sarrazin ausdrücklich betont, gemäß der Mendel’schen Gesetze in hohem Maße festgelegt wird – ist dann „soziale Ungleichheit“ nicht ein fast naturwüchsiger Prozess? Wird die geforderte Ganztagsschule nicht zur bloßen Verwahranstalt? Würden Sarrazins Grundannahmen stimmen, wären auch die von Wehler unterstützten Bildungsreformen der siebziger Jahre zum Scheitern verurteilt gewesen. Doch im ideologisch aufgeladenen „Fall Sarrazin“ kommt es auf Kontext, Stringenz und Logik gar nicht an. Der geschasste Ex-Bundesbanker aktiviert die anti-muslimischen Ressentiments auch von Teilen des Bürgertums. Ein Phänomen, das sich im übrigen auch in Wehlers Beiträgen, etwa „Das Türkenproblem“, zeigte.

Wehlers Lob auf den Sozialdemokraten und Neoeugeniker Sarrazin ist folglich so sinnig, als hätte er einem berühmten Bielefelder Kollegen den Satz nachgerufen: „Niklas Luhmann war ein großer Denker, er hätte nur die Systemtheorie nicht schreiben dürfen.“

Richard Gebhardt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politische Wissenschaft der RWTH Aachen. Er forscht u.a. zur extremen Rechten, Ideologietheorie und zum politischen System der USA.


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