Philosophischer Meisterkurs mit Axel Honneth: Das Recht der Freiheit – Grundzüge einer demokratischen Sittlichkeit

Der diesjährige philosophische Meisterkurs des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover fand vom 15.-19. September 2010 im St. Jakobushaus in Goslar statt. Die Meisterkurse stellen eine Mischung aus Workshop und Konferenz dar: Neben intensiven, vormittags stattfindenden Arbeitssitzungen mit dem „Meister“ – in den vergangenen Jahren waren dies u.a. Hans Joas, Charles Taylor und Ottfried Höffe – gab es für die TeilnehmerInnen (eine gute Mischung aus Studierenden, Promovierenden, Promovierten und Professoren) die Möglichkeit, in am Nachmittag platzierten Parallelsessions eigene Arbeiten zu präsentieren.

In diesem Jahr war Axel Honneth, der Leiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, eingeladen, um sein im Entstehen begriffenes Buch „Das Recht der Freiheit: Grundzüge einer demokratischen Sittlichkeit“ mit den TeilnehmerInnen zu diskutieren. Honneth ist vor allem für seine Anknüpfung an Elemente der Kritischen Theorie und seine Reaktualisierung des Hegelschen Begriffs der Anerkennung bekannt geworden. Wie bereits in seiner Publikation „Leiden an Unbestimmtheit“ (2001) ansatzweise entwickelt, hat sich der Fokus seines historischen Interesses inzwischen von den hegelschen Frühschriften, auf welche er sich in seinem „Kampf um Anerkennung“ (1992) stützte, zu Hegels späterer Schrift „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ verschoben. Mit seinem neuen Buch hat sich Honneth zum einen das Ziel gesetzt, die politische Philosophie des reifen Hegels vom Vorwurf des Konservatismus zu befreien und schlägt vor, die Rechtsphilosophie nicht als eine Apologie bestehender Institutionen zu lesen, sondern als Hegels Versuch, Institutionen, welche individuelle Freiheit verwirklichen, philosophisch zu rekonstruieren.

Zum anderen ist es das an dieses Unterfangen anschließende Anliegen Honneths, eine Gerechtigkeitstheorie sowohl als normative Rekonstruktion als auch zugleich als empirisch gesättigte Gesellschaftsanalyse durchzuführen. Honneth weicht damit vom kontraktualistischen Theorie-Mainstream ab, welcher zuerst Prinzipien der Gerechtigkeit konzipiert und daraufhin versucht, diese auf die soziale Welt anzuwenden. Honneth will in seiner Gerechtigkeitstheorie nicht von abstrakten Prinzipien der Gerechtigkeit, sondern von einer Analyse der sozialen Welt ausgehen. Gestützt auf soziologische Forschungen ist es sein Ziel aufzuzeigen, dass die zentralen normativen Reproduktions- und Integrationsmechanismen moderner Gesellschaften die Funktion haben, drei Formen der individuellen Freiheit zu verwirklichen, nämlich negative Freiheit, d.h. rechtliche Freiheit, reflexive Freiheit, d.h. moralische Freiheit, und soziale Freiheit, d.h. jene Form von Freiheit welche nur gemeinsam mit Anderen verwirklicht werden kann. Damit dienen die zentralen gesellschaftlichen Mechanismen in der Moderne der Verwirklichung individueller Freiheit, von der Honneth annimmt, der „ultimate value“ moderner Gesellschaften zu sein. Eine rekonstruktive Theorie der Gerechtigkeit, wie sie Honneth anstrebt, erhält ihr normatives Potential durch das Abgleichen des Anspruchs, Freiheit zu verwirklichen, mit dem Grade der de facto verwirklichten Freiheit. Institutionen, die Freiheit nicht in der ihnen angemessenen Weise verwirklichen, können so immanent, auf Basis ihres eigenen Anspruchs kritisiert werden.

Besonders hitzig wurde in den letzten beiden Sitzungen des Meisterkurses über die Sphären der sozialen Freiheit debattiert. Diese sieht Honneth, in leichter Variation Hegels und seiner eigenen bisherigen Auffassung, erstens in den privaten Beziehungen (Freundschaft, Liebe, Familie), zweitens im Markt und drittens in der demokratischen Öffentlichkeit. Anstoß unter den TeilnehmerInnen erregte vor allem Honneths These, auch den Markt als eine Verwirklichung von Freiheit zu bezeichnen und nicht als eine Pathologie oder Fehlentwicklung, d.h. als eine Kolonialisierung der Privatheit und der demokratischen Öffentlichkeit durch die Kräfte der neoliberalen Ära des Kapitalismus. Honneth wendete dagegen ein, dass man, wenn man etwa Denkern wie Habermas folge und den Markt als eine normenfreie Zone konzipiere, die Beschreibungshoheit über den Markt den Neoliberalen überließe. Demgegenüber will Honneth eine Neubeschreibung des Marktes vornehmen und aufzeigen, dass der Markt um seiner Stabilität willen kooperativer Normen bedarf und er daher im Rahmen einer rekonstruktiven Theorie der Gerechtigkeit kritisierbar ist.

Die nachmittäglichen, an die Arbeitssitzungen mit Honneth anschließenden Projektpräsentationen der Teilnehmer stammten aus unterschiedlichen Disziplinen wie der Philosophie, der Politikwissenschaft, der Soziologie, der Pädagogik, der Ökonomie oder der Theologie. Viele der vorgestellten Arbeiten behandelten, eine Nähe zu Honneths Arbeiten suchend, den Begriff der Anerkennung oder Fragestellungen und Probleme des kapitalistischen Warenaustausches bzw. des Marktes.

Insgesamt gabe es viel Lob für das Format und die Gestaltung des Meisterkurses, vor allem für Breite und Tiefe der Diskussionen und die Möglichkeit, sich intensiv auszutauschen. Es wurde jedoch auch bemängelt, dass einige der Projektpräsentationen nur sehr wenige Zuhörer hatten, wofür das System der Parallelsessions verantwortlich gemacht wurde. Andererseits wurde die dadurch ermöglichte Präsentation so vieler unterschiedlicher Arbeiten wiederum begrüßt. Als Hauptmanko der Veranstaltung muss wohl bezeichnet werden, dass Axel Honneth es auf Bitten seines Verlages unterließ, im Vorfeld des Meisterkurses Materialien wie etwa Auszüge aus seinem Manuskript an die Teilnehmer zu versenden. Dies führte dazu, dass die Teilnehmer keine Möglichkeit hatten, sich auf den Kurs vorzubereiten und zwang Honneth dazu, etwa die Hälfte jeder Arbeitssitzung durch das Vorlesen seines Manuskripts zu bestreiten. Im Anschluss wurde oftmals sehr kleinteilig über das soeben Vorgelesene diskutiert. Da es auch keine Abschlussdiskussion im eigentlichen Sinne gab, bestand an keiner Stelle die Möglichkeit, Honneths Projekt einer Fortführung kritischer Theorie aus etwas größerem Abstand unter die Lupe zu nehmen und dessen Grundsätze zu kritisieren. Es wäre sicherlich wünschenswert gewesen, wenn Honneth wie auch die Veranstalter des Meisterkurses mehr Gewicht auf die Diskussion genereller und substanzieller Kritik der Grundlagen des Honnethschen Ansatzes gelegt hätten.

Martin Sticker promoviert in St Andrews (Schottland) zu Kant und Fragen der Methodologie der praktischen Philosophie.


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