theorieblog.de | Wikileaks und die Frage, ob man überhaupt etwas zu Afghanistan sagen sollte

30. Juli 2010, Voelsen

Im Anschluss an den Bericht von der Methodendiskussion unter den Ideengeschichtlern würde ich gerne eine weitere quasi-methodische Frage aufwerfen. Im Rahmen meiner Dissertation beschäftige ich mich mit der Legitimität internationaler Übergangsverwaltungen im Kontext von Nachkriegsgesellschaften. Sehr häufig werde ich daher auch auf Afghanistan angesprochen. Und in der Tat, obwohl die Konstellation dort nicht meiner Definition von Übergangsverwaltungen entspricht, stellen sich doch sehr ähnliche Fragen. So bin ich versucht, auch zu Afghanistan eine wohlbegründete Meinung zu äußern. Immer wieder überkommt mich dabei aber Zweifel, zuletzt durch die Veröffentlichung US-amerikanischer Militärdokumente via Wikileaks. Sollte man als politischer Theoretiker überhaupt etwas zu einem so zeitnahen Geschehen sagen, wenn doch die eigene Informationsgrundlage so ungewiss ist?

Damit meine ich nicht tiefergehende epistemologische Ungewissheit, sondern schlicht Mangel an Zugang zu relevanten Informationen. Dieses Problem stellt sich für politische Theorie in gewisser Weise wohl immer, sobald sie sich konkreten politischen Situationen zuwendet. Und doch gibt es offenkundig unterschiedliche Grade an Ungewissheit. Was mich dabei im konkreten Fall Afghanistans besonders erschreckt ist die Möglichkeit, dass mir ganze Dimensionen des Geschehens vor Ort vorenthalten werden. Ich neige nicht zu Verschwörungstheorien, aber es scheint ja mittlerweile doch unumstritten, dass es in Afghanistan geheime Kommandoaktionen mit dem Ziel der Tötung vermeintlicher Terroristen gibt. Was mich, schlimm genug, nicht sehr überrascht, aber doch die Frage aufwirft, ob diese nicht publik gemachten Aktionen die Lage vor Ort nicht viel mehr prägen, als die vielen öffentlich gelobten Entwicklungshilfemaßnahmen.

Eine naheliegende Reaktion auf dieses hier nur angerissene Problem wäre, einfach nichts mehr zu Afghanistan zu sagen. Das scheint mir sehr verlockend, vermeidet man so doch mögliche gravierende Fehleinschätzungen. Allerdings würde dies auch bedeuten, dass die politische Theorie schnell an ihre Grenzen stößt. Gerade in einem Fall, wo Politik – und letztlich wir als demokratische Wählerinnen und Wähler überhaupt – weitreichende Entscheidungen treffen müssen, fände ich ein solches Ergebnis aber höchst unbefriedigend. Sollte politische Theorie nicht auch unter schwierigen Informationsbedingungen Orientierung bieten können? Will man diese Frage positiv beantworten, sehe ich im Moment drei mögliche Strategien, die aber letztlich alle drei unbefriedigend bleiben:

1. Die Ungewissheit als Argument für verstärkte Vorsicht nutzen. Wenn ich keine gesicherten Informationen über die möglicherweise gravierenden Folgen einer Handlung habe, sollte ich von dieser absehen. Folgt man diesem konsequentialistischen Gedankengang, landet man letztlich bei der Position der Linkspartei, wonach Deutschland sich eher heute als morgen aus Afghanistan zurückziehen solle. Auch wenn die Linkspartei so nicht argumentierte, wäre das eine in sich schlüssige Haltung. Und doch scheint sie mir nur eine scheinbare Lösung zu sein. Das Problem der empirischen Ungewissheit stellt sich schließlich auch in diesem Fall, gerade wenn man in einer konsequentialistischen Logik bleiben möchte: Woher kann ich denn wissen, dass sich die Situation in Afghanistan durch einen Abzug der internationalen Truppen verbessert?

2. Reduktion der Ungewissheit durch Beschränkung der Fragestellung. Wenn ich schon nichts allgemein zu Afghanistan sagen kann, dann doch vielleicht zu einem überschaubaren Teilaspekt, etwa der Frage des Bildungszugangs für Frauen. Oder der Verantwortung internationaler Organisationen für ihre lokalen Mitarbeiter. Im besten Fall ist es hier möglich, zu diesem Teilaspekt hinreichend viele Informationen zu sammeln, um dann auf empirisch gesicherter Grundlage normative Überlegungen anzustellen. Und doch bleibt der Zweifel, ob man bei einem solchen Vorgehen nicht letztlich den Kontext zu sehr ausblendet. Was, wenn es viele Überlegungen im Anschluss an kleinere Fragestellungen gibt, die für ein längeres internationales Engagement sprechen, dabei aber die negativen Seiten dieses Engagements mangels verlässlicher Informationen gar nicht systematisch in die Überlegungen miteinbezogen werden können?

3. Reduktion der Ungewissheit durch stärkere Abstraktion. Die vielleicht klassische Reaktion politischer Theorie, aber letztlich wohl auch empirisch-analytischer Sozialwissenschaft im Allgemeinen, besteht darin, sich abstrakteren Fragestellungen zuzuwenden. Der offensichtliche Vorteil dabei ist, dass man nicht zu sehr von tagesaktuellen Entwicklungen abhängig ist. In gewisser Weise lässt sich die gesamte Just War-Debatte in diesem Sinne verstehen. Hinsichtlich einer Arbeitsteilung mag dies plausibel sein und entspricht möglicherweise einer idealisierten Vorstellung der Politikwissenschaft als Gesamtdisziplin. Und doch fürchte ich, dass auch hier dem Problem eher ausgewichen wird. Denn auch wenn politische Theorie sich eher allgemeiner-abstrakteren Fragen widmet, sollte sie doch anschlussfähig sein an konkretes politisches Geschehen. Vielleicht muss nicht immer der politische Theoretiker selbst diese Anwendung übernehmen, aber sie muss zumindest systematisch in der Theorie angelegt sein. Wahrscheinlich lande ich hier schließlich bei der Diskussion um ideale und nicht-ideale Theorie und der Frage, ob ideale Theorie überhaupt praktisch folgenreich sein muss. Glaubt man David Estlund, so muss sie dies nicht, wodurch sich das Problem insgesamt erledigt. Will man aber daran festhalten, dass normative politische Theorie Orientierung in unserer heutigen Welt bieten soll, müsste sie dies auch in einem so konkreten Fall wie dem Afghanistans tun können – und dann aber wiederum auch mit dem Problem der Ungewissheit umgehen können. Auf die Abstraktion müsste dann eine irgendwie systematische Konkretion unter schwierigen Informationsbedingungen folgen.

Die drei angedeuteten Strategien versuchen Wege aufzuzeigen, wie politische Theorie mit dem Problem empirischer Ungewissheit umgehen kann. Letztlich überzeugen kann mich bislang keine dieser Strategien — eine eigene Alternative steht auch noch aus. Umso mehr würde ich mich über Kommentare und Leseempfehlungen freuen!


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