Konferenz: Ästhetische Erfahrungen in Udine

Wie erfahren wir eigentlich Kunst? Und was hat das mit dem Schönen und dem Guten zu tun? Ästhetische Erfahrung, die Rezeption von Kunst, der Begriff des Schönen und der Zusammenhang von Ästhetik und Moral waren zentrale Themen der diesjährigen Konferenz der Europäischen Gesellschaft für Ästhetik (kurz ESA) Ende Mai in Italien. Dass diese in so einem pittoresken italienischen Städtchen wie Udine in Friaul stattfand, war dabei fast selbst wie eine These zu lesen: Angesichts der fabelhaften venezianischen Renaissance-Bauten allüberall konnte man sich einer Idee des Schönen, die wir vielleicht in ganz besonderer Weise ästhetisch erfahren, beinahe nicht verwehren. Empfinden wir dabei ein Lustgefühl? Können wir dieses nur so oder auch bei nicht-schönen, nichts mit Schönheit gemein habenden Objekten empfinden? Oder ist das dann etwas anderes? Dies waren zum Beispiel Fragen von Gary Kemp (Glasgow) und von Thierry de Duve (Lille III), wobei sich letzterer dahingehend die Kritik der Urteilskraft von Kant vornahm.

Der hochanerkannte belgische Kunsttheoretiker De Duve stellt in seinen Schriften unter anderem die Frage, wie das ästhetische Urteils nach der Erfahrung der Konzeptkunst (Kant nach Duchamp) zu verstehen ist und überprüft dies in Auseinandersetzung mit Kant. In Udine vertrat er unter dem Titel „On negativity in Kant’s Third Critique“ die These, dass sich im Rahmen der Kantischen Ästhetik nicht nur positive, mit Wohlgefallen verbundene, sondern auch negative, mit Unbehagen verknüpfte Geschmacksurteile erläutern lassen.

Wie unterdessen überhaupt ästhetische Erfahrung zu verstehen sei, das wurde direkt oder indirekt in den meisten der insgesamt rund 60 Vorträge thematisiert und ist generell eine wichtige Frage in der Ästhetik: Die Wahrnehmung und Betrachtung von Kunst (und Natur), so lautet die Überlegung dahinter, ist mit einer bestimmten, nämlich ästhetischen Form der Erfahrung verbunden, die für das Verstehen und Bewerten von Kunst von Bedeutung ist. (Unter den Allgemeinbegriff der Kunst sind dabei alle Formen der Bildenden Kunst, der Musik, der Literatur, des Theaters, des Tanzes, des Films und der Fotografie zu fassen).
Aber was ist denn ästhetische Erfahrung? Mal abgesehen von der grundsätzlichen Problematik, dass sich Diskutanten bei so einer Frage erst einmal darüber verständigen müssen, was sie jeweils mit „ästhetisch“, „Erfahrung“ und „Verstehen“ meinen (wie oft redet man aneinander vorbei, wenn die Begriffe verschieden verstanden werden, ohne es erst zu merken), lassen sich generell grob zwei Positionen ausmachen: Die einen, die in das Konzept der ästhetischen Erfahrung das Konzept eines interesselosen Wohlgefallens, wie Kant es formuliert hat, einbinden und keine weitere Erkenntnis oder bestimmten Zweck damit verbinden – zumindest nicht eine genau zweckorientierte Erkenntnis, die dies oder das erfahren, das heißt verstehen und lernen will. Oder aber die ästhetische Erfahrung ist mit einem bestimmten Erkenntniswert verbunden, wobei hier wiederum die entscheidende Frage lautet, ob diese propositionaler oder non-propositionaler Art ist: ob man sie also auf eine wahrheitsfähige Aussage reduzieren oder, im Gegenteil, in gewisser Weise nicht übersetzen, paraphrasieren kann, ohne dass die ästhetische Erfahrung selbst dabei verloren geht oder zumindest unterminiert wird. Eine dritte Möglichkeit bestünde nun darin, die beiden Lager zu verbinden und ästhetische Erfahrung zum einen mit einer, aber eben nicht paraphrasierbaren Form von Erkenntnis zu verknüpfen – so dass diese Erkenntnis konstitutiver Bestandteil der ästhetischen Erfahrung ist, ohne dass man sie aber auf eine bestimmte Aussage oder einen klar benennbaren Zweck reduzieren kann, sondern sie grundsätzlich als in besonderer Weise als „bedeutungsvoll“ und sinnstiftend für das Leben erfährt. Und so, dass die Erfahrung nicht ganz in dieser Erkenntnis aufgeht, sondern sozusagen noch ein Überschuss bleibt. Dabei wäre auch mit zu bedenken, dass man die ästhetische Erfahrung angesichts der Vielfalt von Kunst und Kunsterfahrungen – von abstrakter über gegenständliche bis zu narrativer Kunst – ebenso vielfältig differenzieren muss: so dass mit den unterschiedlichen Erfahrungen auch die Erkenntnis in unterschiedlichen Weisen ausfallen kann, von einer vagen Form bis dahin, dass man etwas Bestimmtes lernt durch die Erfahrung und Rezeption von Kunst.

Was daraus und aus anderen Ansätzen folgt ist jedenfalls, dass es die eine ästhetische Erfahrung dabei nicht zu geben scheint. Dies war in Udine auch die These von Stefan Deines (Frankfurt), der sich daher für einen pluralistischen Ansatz aussprach: Demnach gibt es einen allen ästhetischen Erfahrungen gemeinsames minimales Level der ästhetischen Perzeption und dann darauf aufbauende unterschiedliche Formen spezifischer ästhetischer Erfahrung, welche zum Beispiel auch mehr oder weniger mit Emotionen verbunden ist und mehr oder weniger mit einem bestimmten Erkenntniszweck.

Ob und wie dabei Imagination im Spiel ist, war eine weitere oft vertretene Frage, darunter etwa im Vortrag von James Hamilton (Kansas), welcher die These vortrug, dass alles Verstehen von Narrativen per se, d.h. nicht nur von Fiktionen, eine, wenn auch minimale, Form der Imagination voraussetzt. Wie dann in Anbetracht moralisch problematischer Inhalte und Formen von Kunst deren (ästhetischer) Wert zu bestimmen sei, ja wie Ästhetik und Moral überhaupt zusammenhängen, das diskutierten unter anderem Sara Protasi (Yale) und Shen-Yi Liao (Michigan) am Beispiel von Pornografie sowie auf metaethischer Ebene Alessandro Giovanelli (Lafayette) und Elvio Baccarini (Rijeka).

Perzeption und Rezeption nun darüber hinaus konzeptionell und phänomenal adäquat zu beschreiben, das waren Themen von Lambert Wiesing (Jena), der in der Kunstwahrnehmung eine Art „Pause der Partizipation“ vom realen Leben sah, und Georg Bertram (Berlin), der in Auseinandersetzung mit Danto und Hegel die selbstreferentielle Konstitution von moderner und zeitgenössischer Kunst diskutierte. Das Verhältnis von Ästhetik und Politik, wie man es zum Beispiel in der französischen Theorie bei Jacques Rancière behandelt findet, war indes kaum Thema, hier hätte man sich noch etwas mehr, vor allem als kontroversen Gegenpol zu den angloamerikanischen analytischen Theorien gewünscht.

Erfrischend und interdisziplinär erfolgreich aber war dafür, dass auch Künstler unter den Teilnehmern waren: So sprach die Video- und Fotokünstlerin (und Philosophin) Anke Haarmann über das in der Bildenden Kunst und der Medienkunst gerade hoch aktuelle Thema der „artistic research“ und präsentierte dazu zeitgenössische Konzept-Kunst von Cindy Sherman als eine Form dieser künstlerischen Forschung, einer legitimen wissenschaftlichen und kritischen Forschung parallel zur Philosophie.

Die Europäische Gesellschaft für Ästhetik wurde übrigens im November 2008 an der Universität Fribourg in der Schweiz gegründet und hat sich seitdem schon ziemlich etabliert. Selbst ernanntes Ziel ist es, die philosophische und andere akademische Forschung und Lehre im Bereich der Ästhetik und Kunsttheorie zu fördern und den Austausch in Europa zu verstärken. Zum Komitee der ESA gehören neun Mitglieder, der derzeitige Präsident ist Robert Hopkins (Sheffield). Die Internetseite informiert aktuell über Termine in der Ästhetik auf internationalem Boden.

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