Auf der Suche nach einer realistischen Theorie des Unrealistischen. Bericht von der Tagung ‚Internationale Politische Theorie‘, Teil 1

Erster Tag
Geplagt von drückender Hitze in nicht immer klimatisierten Räumen, doch immer wieder aufgepäppelt von hervorragend gesundem Catering (Bananen und Äpfel statt Kekse zum Kaffee) und gut unterhalten von abwechslungsreichen Rahmenveranstaltungen (u.a. Barbecue auf der Dachterrasse, WM-Leinwand), durften die Teilnehmer der Tagung Internationale Politische Theorie (10.-12.6.2010) im Casino-Bau des IG-Farben-Komplexes auf dem Campus Westend der Frankfurter Goethe-Universität einem sehr dichten, erkenntnisreichen und spannenden Programm beiwohnen. Obwohl das Forschungsfeld Internationale Politische Theorie (IPT) in Deutschland – und vor allem auch international – kein ganz neues ist, war die gemeinsame Tagung der DVPW-Sektionen Politische Theorie und Ideengeschichte und Internationale Politik die erste ihrer Art. In seinem Eingangsstatement machte Peter Niesen, gemeinsam mit Nicole Deitelhoff Organisator der Tagung, darauf aufmerksam, dass es sich bei der Namensgebung um eine Rückübersetzung aus dem Englischen handele – und zwar der im englischsprachigen Raum längst etablierten International Political Theory. Antje Wiener setzte sich darum auf der die Tagung eröffnenden Podiumsdiskussion der ZIB dafür ein, nicht davon auszugehen, dass die IPT erst erfunden werden müsse, d.h. nicht zu fragen, was IPT sein soll, sondern vielmehr was sie schon ist, und sich darüber zu verständigen, was IPT als bereits bestehendes Forschungsfeld ausmache. Allerdings sei das Ziel der Tagung auch, so Nicole Deitelhoff, die Integration der ganz unterschiedlichen Frageperspektiven, eben eine „Horizontverschmelzung“ der eher normativ orientierten Politischen Theorie und der eher empirischen Perspektive der Internationalen Beziehungen. Rainer Forst betonte im Rahmen der Auftaktdiskussion, es um die richtige Verbindung von (normativer) Theorie und Empirie. Er entwickelte die Perspektive einer realistischen Theorie, die davon ausgehe, was der Fall ist, ohne jedoch die normative Perspektive politischer Theorie aufzugeben. Eine solche Theorie bliebe der klassischen Aufgabe politischer Theorie verpflichtet: gerechte und gerechtfertigte politische Verhältnisse zu schaffen. Ein normativer Realismus könne und solle darum von den realen gesellschaftlichen Kämpfen ausgehen, von der realen Beschaffenheit der Welt, d.h. von gewordenen, asymmetrischen Herrschaftsverhältnissen, nicht von idealen Modellen oder Gedankenexperimenten. Schließlich seien „die Straßen im Monopoly schon verteilt“. Normative Begründungen, formulierte Hauke Brunkhorst im Anschluss daran, seien eben Teil der sozialen und politischen Realität, und die Aufgabe einer kritischen IPT darum, den Wandel der normativen und empirischen Welt als wechselseitig verschränkten wahrzunehmen und zu beschreiben.

Für die Diskussion am Abend des ersten Konferenztages lässt sich festhalten: Weitgehend einig war man sich darüber, dass das wechselseitige Interesse der Teildisziplinen aneinander einem gemeinsamen Erkenntnisinteresse entspringt, das seinen Ursprung in einer doppelten, nämlich sowohl empirischen als auch normativen Verunsicherung hat. In dem Maße, in dem sich die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse nicht mehr sinnvoll als auf den Nationalstaat begrenzt verstehen lassen und immer mehr Entscheidungen auf die globale Ebene verschoben werden, stellen sich sowohl für die Politische Theorie als auch für die Internationalen Beziehungen neue Herausforderungen.

Lest hier den zweiten Teil unseres Berichts.

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