Politische Mythen – der Fall des „zweiten Katyn“

In dieser Woche hat die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk in der Süddeutschen Zeitung (leider nicht online verfügbar) einen beunruhigend-dringlichen Artikel zum Umgang Polens mit dem „zweiten Katyn“, wie der Flugzeugabsturz von Smolensk bisweilen genannt wird, geschrieben. Sie beobachtet darin, wie innerhalb von nur einer Woche nach dem Unglück in Windeseile am polnischen Mythos des nationalen Leidens und Opferns weitergeschmiedet wurde: Die Katastrophe, durch die das Land wichtige Teile seiner Führungselite verloren hat, wurde in diesen historisch weit zurückreichenden Opfermythos inkorporiert und als dessen jüngste Episode umgedeutet. Wichtige Elemente dieser Großerzählung sind die Überzeugung von der religiösen und moralischen Sendung der polnischen Nation, aber auch der Glaube, dass Polen aufgrund dieser Mission in seiner Geschichte und in der Zukunft zu wiederkehrender Niederlage und Selbstaufopferung verurteilt sei. Hauptakteure der mythopoetischen Anstrengung sind, so Tokarczuk, die katholische Kirche sowie politische Parteien, die TV, Radio und Printmedien nutzen, um die Aktualität des Mythos zu suggerieren und so letztlich einen nationalistisch-konservativen Kurs zu halten. Dieser eigennützige Versuch, am Mythos weiterzuspinnen, sei verhängnisvoll für Polen, denn er produziere letztlich eine „Situation politischer Erstarrung“. Polen habe zwar in rein institutioneller Hinsicht zügig und entschlossen Maßnahmen der Krisenbewältigung ergriffen – nämlich die Ansetzung von Neuwahlen und die Neubesetzung essentieller Posten. Die Schriftstellerin diagnostiziert aber, dass unter dieser „dünnen Schicht“ moderner demokratischer Verfahren kollektivpsychologische Dynamiken lauern, die letztlich dem politischen Weg des Landes maßgeblich schaden und zudem im politischen Kampf, vor allem von rechts, instrumentalisiert werden.

Nimmt man diese Diagnose der anhaltenden Präsenz des Opfermythos in Polen als Ausgangspunkt, dann springen drei Beobachtungen ins Auge: Zum einen die erstaunliche Absorptionsfähigkeit eines geschichtlich verwurzelten nationalen Mythos, der der politischen Realität der Gegenwart widerspricht. Angesichts erfolgreicher EU-Mitgliedschaft, Überstehen der Wirtschaftskrise und guten bis sehr guten Beziehungen zu den großen Nachbarn Deutschland und Russland erscheint das Narrativ vom sich fortsetzenden Leiden Polens anachronistisch. Zweitens fällt die Rolle der Medien im Fortspinnen des Mythos auf; das polnische Fernsehen scheint in den Tagen nach der Katastrophe weniger an Informationsvermittlung als an Verklärung und Manipulation interessiert gewesen zu sein. Und schließlich wird evident, dass der polnische Opfermythos durch Medienmanipulation und Eingreifen der Kirche solche Übermacht gewinnt, dass alle nicht daran glaubenden, kritischen Bürger sich als aus der nationalen Gemeinschaft ausgeschlossen empfinden.

Diese Beobachtungen anhand der jüngsten Ereignisse in Polen werfen grundsätzliche Fragen in Bezug auf Nationalmythen und ähnliche, Kollektivzusammenhalt stiftende Narrative auf:

1)      Erstens wird deutlich, dass  Nationalmythen in der Tat nicht nur als ein Produkt der blühenden Nationalismen im 19. Jahrhundert zu begreifen sind. In den letzten Jahren haben sich gerade Politikwissenschaftler und Vertreter der Gedächtnisforschung intensiv bemüht, ähnliche Phänomene auch nach 1945 nachzuweisen. Dennoch scheint die Auffassung verbreitet, mit der abnehmenden Bedeutung des Nationalstaates und der medialen Pluralisierung hätten auch kollektive Narrative an politischer Bindekraft verloren. Den Fall der Verarbeitung von Smolensk könnte man also in die Reihe der Gegenbeispiele einfügen, die die anhaltende Attraktivität (sowohl bei Mythenbildnern als auch bei der angesprochenen Bevölkerung) von komplexitätsreduzierenden Metaerzählungen anschaulich machen. Ebenfalls dazu zählen ließe sich die anhaltend populäre Auffassung von Russland als mit der Außenwelt essentiell inkompatiblen Einzelgängerin (traditionell als  „Russische Idee“ bezeichnet) oder auch die weiterhin prägende Stellung von NS-Schuld und Wirtschaftswunder-Erfolg als Gründungserzählungen der BRD. Handelt es sich bei diesen Fällen um Relikte aus der Ära nationalen Zusammenhalts, die mit der Ausdifferenzierung und transnationalen Entgrenzung von Gesellschaften verschwinden werden? Oder könnten gerade diese Tendenzen ein verstärktes Auftreten von Versuchen (durch interessierte Akteure, wie eben bestimmte Parteien) zur nationalen Identitätsstiftung hervorrufen? Man denke z.B. an die von Wirtschafts- und Medienunternehmen finanzierte Kampagne „Du bist Deutschland“ vor einigen Jahren, die mit ausgeklügelten Werbemaßnahmen versuchte, das Gefühl nationalen Zusammenhaltes angesichts gegenwärtiger politischer und wirtschaftlicher Probleme zu stärken – und zwar unter Verweis auf den bundesdeutschen Wirtschaftswunder-Mythos.

2)      Zweitens ist die Rolle der Massenmedien in diesem Zusammenhang interessant: Dienen flächendeckender TV- und Internetkonsum und Web-2.0 der Pluralisierung und damit der Entkräftung monolithischer Nationalmythen? Oder sind diese Medien eher unkritische Verstärker, die – eben wie in dem von Olga Tokarczuk erzählten Fall – nur dazu dienen, ein und denselben Masterplot lauffeuerartig schnell weiterzureichen? Für beide Tendenzen gibt es Hinweise. Die erwähnte „Du bist Deutschland“-Kampagne dient hier wieder als gutes Beispiel: Einerseits verstand es der zweiminütige TV-Spot mit seiner sentimental-sozialmarktwirtschaftlichen Propaganda, in kurzer Zeit enorme Aufmerksamkeit zu erlangen und weite Teile der Bevölkerung zu erreichen. Auf der anderen Seite stand das kritische Echo auf diesen privatwirtschaftlichen Manipulationsversuch den positiven Reaktionen in wenig nach. Da die Initiatoren der Kampagne allerdings vorwiegend Medienunternehmen, allen voran Bertelsmann, sind, mag als Hauptdevise für diese Aktion auch einfach bad news is good news gegolten haben. Der deutsche Nationalmythos von selbstgeschaffenem materiellen Wohlstand und Solidarität in mageren Zeiten blieb jedenfalls im Gespräch.

3)      Drittens – und dieser Punkt blieb mir selbst nach der Lektüre von Tokarczuks Artikel sehr präsent – führt der geschilderte Fall die Risiken und Nebenwirkungen verbindlicher politischer Mythen vor Augen, nämlich anachronistisches Verhaftetsein in der eigenen Vergangenheit sowie die Exklusion Andersdenkender aus der gefühlten nationalen Gemeinschaft. Der politische Kurs eines Landes bleibt nicht unberührt vom kollektiven Selbstverständnis seiner Bevölkerung, und wenn dieses den politischen Realitäten und Erfordernissen zuwiderläuft, kann dies durchaus schädliche Folgen haben. Aus derartigen Effekten der Wirklichkeitsverzerrung und kollektiven Fehlleitung resultiert ja auch die weit verbreitete negative Konnotation des Begriffs Mythos. Politische Theoretiker haben seit vielen Jahren aber auch auf durchaus nützliche Effekte von Nationalmythen auf ein Gemeinwesen hingewiesen: Man denke an Hannah Arendts republikanisches Lob der Gründungserzählung als konstitutiv für jede politische Gemeinschaft oder an Herfried Münklers Feststellung, dass politische Mythen trotz ihrer verzerrenden Tendenzen ein Gemeinwesen erst in die Lage versetzen, politische Herausforderungen zu bestehen, indem sie Komplexität reduzieren und Eindeutigkeit schaffen. Nationale Identitätsstiftung ist aber eben nicht nur integrierend und damit produktiv, sondern auch exklusiv und damit exkludierend. Dass kollektiv verbindliche Mythen nicht nur vereinen, sondern auch spalten, konkurrierende Deutungen wegerzählen und also andersdenkende Bürger ausschließen können, scheint mir eine wichtige Beobachtung zu sein.

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