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	<title>theorieblog.de &#187; Tagungsberichte</title>
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	<description>Ein Forum für politische Theorie und Philosophie</description>
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		<title>Tagungsbericht „Das Politische Imaginäre“ in Frankfurt/Main</title>
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		<pubDate>Wed, 23 Nov 2011 13:00:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>jan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Tagungsberichte]]></category>
		<category><![CDATA[Frankfurt am Main]]></category>
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		<category><![CDATA[Politische Theorie]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Bedeutung imaginativer Prozesse für die Konstitution politischer Ordnungen stand im Mittelpunkt eines Workshops, der im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Freiheit und Gesetz“ an der Goethe-Universität Frankfurt/Main stattfand. Unterstützt wurde die Veranstaltung (21.-22- Oktober) von dem ansässigen Exzellenzcluster „Normative Orders“. Das Imaginäre, welches von den Teilnehmern vor allem als ästhetisch-schöpferisches Moment der Einbildungskraft zugeordnet wurde, entfaltet [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Bedeutung imaginativer Prozesse für die Konstitution politischer Ordnungen stand im Mittelpunkt eines Workshops, der im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Freiheit und Gesetz“ an der Goethe-Universität Frankfurt/Main stattfand. Unterstützt wurde die Veranstaltung (21.-22- Oktober) von dem ansässigen Exzellenzcluster „Normative Orders“. Das Imaginäre, welches von den Teilnehmern vor allem als ästhetisch-schöpferisches Moment der Einbildungskraft zugeordnet wurde, entfaltet dabei seine Wirkung jenseits der Dichotomie von Wirklichkeit und Vorstellung.<span id="more-5173"></span> Zu unscharf, um empirisch als bildhafte Repräsentation dauerhaft festgehalten zu werden und doch wirkmächtig in seinem Verhältnis zu den materiellen Reproduktionsverhältnissen einer Gesellschaft, verläuft das Imaginäre quer zu den Differenzen von Wahrheit und Fiktion. Folgt man Castoriadis, Lefort und Rancière, die mit ihren Überlegungen zu einer neuen theoretischen Ernsthaftigkeit des Imaginären in der politischen Philosophie beigetragen haben, so geht das imaginative Moment im Politischen nicht in der Sichtbarkeit von Repräsentationsverhältnissen auf, sondern schwankt zwischen Sichtbarkeit und Nicht-Sichtbarkeit und hat damit wesentlichen Anteil am Schwanken politischer Ordnungen. Politische Umbrüche sind daher nicht als Freimachen von Illusionen und Aufdecken der „wirklichen“ Verhältnisse zu verstehen, sondern sind selbst stets imaginär angeordnet. Da in demokratischen Verhältnissen die Besetzung und strukturelle Ordnung politischer Macht dauerhaft oder zumindest periodisch zur Disposition steht (Leforts „leerer Ort der Macht“), rückt hier die Bedeutung des Imaginären in eine prominente Position, insofern sich für die Erscheinungsweisen politischer Artikulation neue Beschreibungsformen eröffnen.</p>
<p>Ethel Matala de Mazza (Berlin) leitete in die Arbeiten des französischen Semiotikers Louis Marins über den Fabeldichter Jean de La Fontaine und die bildhaften Verkörperungsstrategien der Macht im politischen Repräsentationsverhältnis des Absolutismus ein. Sie machte dabei anhand der Fontaineschen Fabelkönige deutlich, dass Illusionierung und Desillusionierung von Allmacht unweigerlich zusammengehören. Das schöne Bild der Macht korrespondiert mit dem hässlichen Bild des königlichen Exempels, beschrieben als Coup oder Eklat. Dabei stehen sich nicht Fiktion und Wirklichkeit, göttliche Allmacht und sterblicher Körper gegenüber, sondern beide Bilder sind als Bilder imaginativ und real zugleich. Offen blieb bisweilen, wie diese nahezu „perfekte Logik“ des Absolutismus durchbrochen werden kann und welche Rolle das Imaginäre in der Neukonstituierung der Gesellschaft durch die Französische Revolution spielt.<br />
Hier setzte Oliver Marchart (Luzern) in seinem Vortrag über das „David´sche Moment“ der Revolution in Frankreich an. Der neoklassische Maler Jacques-Louis David kann als revolutionärer Repräsentant in doppelter Hinsicht verstanden werden: Als aktiver Revolutionär und „Parteikünstler“ sowie malender Kommentator der politischen Verhältnisse zwischen Terror und Neu-Konstitution. Die Enthauptung des Königs versinnbildlicht die unumkehrbare „Mutation“ der politischen Repräsentationsverhältnisse: Die Gesellschaft verbleibt kopflos, die Stelle der Macht bleibt latent leer und entzieht sich durch das demokratische Dispositiv einer permanenten Neubesetzung. Vereinheitlichende Momente sind nur noch imaginär, als „Repräsentation der Anwesenheit der Abwesenheit“ eines letzten Grundes des Sozialen möglich – und zwar, so Marcharts These, als ästhetisches Moment. </p>
<p>Eine materialistische Perspektive des Imaginären nahm Martin Saar (Frankfurt/Main) mit einem Beitrag über Politik und die Einbildungskraft bei Spinoza ein. Im Anschluss an Deleuze und Balke zeigte er Spinozas Vorreiterrolle für die Theorien des Unbestimmbaren des Sozialen auf. Trotz ihrer mechanistischen Prämissen lässt Spinozas Theorie der „epistemischen Psychodynamik“ Raum für Fehler, Ungenauigkeiten und Unschärfen. Dieses imaginäre Potential entfaltet sich dann in der Gesellschaft als Aufeinandertreffen von Körpern und verbindet sich mit der Möglichkeit reflexiver Mäßigung der eigenen Affektivität durch „epistemische Arbeit an sich selbst“. Es wurde anschaulich, wie Spinozas Erkenntnistheorie ins Praktisch-Politische gewendet werden kann, doch kam die Frage auf, ob dieser Übergang bei Übernahme der erkenntnistheoretischen Prämissen Spinozas schlüssig ist. </p>
<p>Weniger vermögenstheoretisch als „archäologisch“ trat Friedrich Balke (Weimar) dem Übergang von der Figur der fiktiven Person des Königs zur imaginären Gesellschaft entgegen. Die doppelte Figuration der königlichen Körpers bei Kantorowicz weicht der „Gesellschaft als imaginäre Institution“ bei Castoriadis. Im historischen Übergang von der fiktionalen Allmacht des Königs zur Fiktion der „unkonditionierten Dogmatik“ der Gesellschaft löst sich das Imaginäre aus seinen fundierungstheoretischen Fesseln und radikalisiert sich in einer Artistik von Symbolsprachen. Die fragile Dauerhaftigkeit instituierter Macht kann damit nicht mehr als staunend hingenommen werden.</p>
<p>Castoriadis stand auch im Zentrum des Beitrags von Gerhard Gamm (Darmstadt). Als neuzeitlicher Denker weiß Castoriadis um die Kontingenz theoretischer Erkenntnis und den Pragmatismus praktischer Erfahrung. Dennoch hält er an der Hoffnung auf eine revolutionäre Gesellschaft fest, allerdings ohne dabei den marxistischen Geschichtsdeterminismus aufzunehmen. Die „Autonomie Aller“, Bedingung und Ziel jeder revolutionären Praxis, bewahrt die Gesellschaft vor dem Zerfall in reine Kontingenz. Die Diskutanten waren sich weitestgehend einig, dass sich Castoriadis mit dem emphatischen Autonomie-Begriff eine begründungstheoretische Last aufhalst, unter der seine Konstruktion zusammenzubrechen droht. </p>
<p>Ähnlichen Begründungsschwierigkeiten sah sich auch Waltraud Meints-Stender (Hannover) in ihrem Vortrag über den Zusammenhang von politischer Freiheit und Einbildungskraft bei Hannah Arendt ausgesetzt. Schwierig ist hier weniger die transzendentale Begründung der Freiheit durch die Prinzipien der Natalität und Pluralität, sondern der Übergang vom präpolitischen Gründungsakt zur politischen Freiheit als Artikulation im öffentlichen Raum. Die Praxis der politischen Freiheit scheint von einer Ethik des Blickwechsels eingeschlossen, was jene zu voraussetzungsvoll erscheinen lässt, um die Exklusion derer, die vom Erscheinungsraum des Kommunikativen ausgeschlossen bleiben, zu vermeiden. </p>
<p>Einen Versuch, die Unangemessenheit bezüglich des Politischen bei Arendt zu überwinden, stellte Juliane Rebentischs (Offenbach) Vortrag über Erscheinungsweisen des Politischen dar. Der „Erscheinungsraum des Miteinander“ wird dabei einer möglichen Transformation geöffnet, in der Umverteilungen der Anerkennung politischer Subjekte nicht ausgeschlossen werden. Diese Volte gelang Rebentisch unter Heranziehung der Theorie des Politischen von Jacques Rancière. Dessen Trennung von „Polizei“ als Ordnungsregime des Sichtbaren und „Politik“ als Moment der Neustrukturierung der Sichtbarkeitsregime ermöglichen die Problematisierung des öffentlichen Raums und dessen Veränderbarkeit. </p>
<p>Isolde Charim (Wien) beschloss den Workshop mit ihren Überlegungen zum „demokratischen Glauben“ im Anschluss an Claude Lefort. Charim fragte, wie ein demokratisches Subjekt möglich ist, wenn es keine identitätsstiftende Mitte der Gesellschaft gibt, auf das sich das Subjekt beziehen kann. Ihre Antwort: Durch einen Glauben an etwas Imaginäres, an eine Bühne, auf der sich die gesellschaftlichen Konflikte darstellen, ohne auf Dauer gelöst zu werden. Dieser demokratische Glaube ist säkularer Glaube an eine Instanz, die so wenig göttlich wie allmächtig ist. Das hat zur Folge, dass das demokratische Subjekt ein Weniger an Identität aber ein Mehr an Möglichkeitssinn besitzt, eine Figuration, die an Rortys „liberale Ironikerin“ erinnert. </p>
<p><em>Jan Obracaj ist Doktorand am Konstanzer Exzellenzcluster “Kulturelle Grundlagen von Integration”. Er promoviert zum Verhältnis von Kontingenzbewusstsein und Demokratie.</em></p>
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		<title>Politik und Methode. Bericht vom Treffen der DVPW-Theoriesektion in Bremen &#8211; Teil 2</title>
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		<pubDate>Thu, 20 Oct 2011 07:00:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kathrin_m</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reflexionen]]></category>
		<category><![CDATA[Tagungsberichte]]></category>
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		<description><![CDATA[Nachdem am ersten Tag die Verbindung von politischer Theorie und empirischen Methoden diskutiert worden war, stand am zweiten Tag der Tagung die andere Komponente des von Dirk Jörke zu Beginn aufgezeigten Spannungsfeldes im Mittelpunkt, nämlich das Verhältnis von politischer Theorie und Moralphilosophie. Im Focus der vier durchaus kontroversen Panels standen dabei vornehmlich die Positionen von [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nachdem <a href="http://www.theorieblog.de/index.php/2011/10/politik-und-methode-bericht-vom-treffen-der-dvpw-theoriesektion-in-bremen-teil-1/" target="_blank">am ersten Tag</a> die Verbindung von politischer Theorie und empirischen Methoden diskutiert worden war, stand am zweiten Tag der Tagung die andere Komponente des von Dirk Jörke zu Beginn aufgezeigten Spannungsfeldes im Mittelpunkt, nämlich das Verhältnis von politischer Theorie und Moralphilosophie. Im Focus der vier durchaus kontroversen Panels standen dabei vornehmlich die Positionen von Raymond Geuss, John Rawls und Amartya Sen.<span id="more-4857"></span></p>
<p>Jörg Schaub (Frankfurt am Main) eröffnete das erste Panel des zweiten Tages mit seinem Vortrag „Politische Theorie als angewandte Moralphilosophie“. Sein überblicksartig angelegter Vortrag schlug eine verteidigende Interpretation des Geuss’schen Realismus als Spielart des holistischen Partikularismus vor. Diese Sichtweise öffne den Blick für vielversprechende Ansätze wie z.B. die Betonung konkreter Handlungen und ihres historischen Kontexts oder eine pluralistische Herangehensweise an das Phänomen Politik. Da eine strikte Sein/Sollen-Unterscheidung in der Praxis unmöglich sei, sei auch eine reine Normativität jenseits der realen Gegebenheiten nicht zu erreichen. Stattdessen bemühe sich Geuss um eine Sichtweise, in der die äußeren Bedingungen des Politischen der Normativität nicht entgegenstünden, sondern vielmehr eine seiner Konstitutionsbedingungen darstellten. Damit gelange er zu einer Ethik, die sich nicht gegen die Welt abschotte, sondern sie in ihrer Pluralität anerkenne.</p>
<p>Auch Jürgen Sirschs (Mainz) Vortrag „Politische Philosophie und politische Realität: Was ist die ideale Rolle idealer Theorie bei der Bewertung politischer Phänomene?“ setzte sich mit den Überlegungen Geuss‘ auseinander: Hier standen John Rawls‘ Vorstellung von idealer Theorie und die von Geuss und Amartya Sen daran geäußerte Kritik ihrer politischen Irrelevanz im Mittelpunkt. Sirsch hielt diesem Vorwurf entgegen, es sei durchaus möglich, die bestehenden Machtverhältnisse in die Theoriekonstruktion einzubeziehen. Auch sei mit Hilfe idealer Theorie durchaus eine vernünftige Abwägung zwischen realen Alternativen vorzunehmen. Gerade wenn es um längerfristige Orientierung gehe, sei eine unvollständige theoretische Analyse immer noch ihrer Alternative vorzuziehen, nämlich einer ad hoc-Bewertung der politisch geboten erscheinenden Handlungsoptionen, die nur in äußerst kurzfristigen Perspektiven denke. Abschließend plädierte Sirsch dafür, die normative Theorie mit Ergebnissen empirischer Forschung zu verbinden, um so auch praktische Empfehlungen formulieren zu können.<br />
Auch auf dem zweiten Panel war Geuss‘ Konzeption Fokus der Diskussion.</p>
<p>Der Vortrag „Angewandte Politische Ethik als Wirklichkeitswissenschaft“ von Hans-Peter Burth (Freiburg) stellte zu Beginn des dritten Panels überblicksartig Geuss‘ Positionen vor und unterzog sie einer kritischen Bewertung. Positiv wurden dabei Realitätsbezug, Handlungsorientierung und ideologiekritische Funktion herausgestellt, als problematisch erschienen das Fehlen einer normativen Dimension, die enge Gebundenheit an den spezifischen Kontext sowie der unpräzise Ideologiebegriff. Abschließend formulierte Burth einige Vorschläge, die in Umgehung dieser Schwierigkeiten Geuss‘ realistische Konzeption ergänzen sollten: eine wissenschaftstheoretische Fundierung der politischen Ethik, eine Verknüpfung des Normativen und des Empirischen sowie eine Neubestimmung des Ideologiebegriffs. Schließlich betonte er die Bedeutung einer pluralistischen normativen Basis für die politische Ethik, damit sie sich in kritischer Distanz zu ihrem jeweiligen soziopolitischen Kontext bewegen könne.</p>
<p>Andreas Busens (Hamburg) Vortrag „Konservativ oder transformativ? Zum utopischen Gehalt einer realistischen politischen Theorie“ ging von der zentralen These aus, dass sich ideale und realistische Theorie keinesfalls zwangsläufig zur Gänze ausschließen müssten. So bemühe sich Rawls um eine realistische politische Utopie, die die gegenwärtigen Möglichkeiten politischen Handelns überschreite, zugleich aber prinzipiell auch auf die Versöhnung mit der Wirklichkeit hinarbeite. Sein Rekurs auf Fakten über die Gesellschaft laufe auch, entgegen Geuss‘ Befürchtungen, nicht auf eine unkritische Anerkennung des status quo hinaus. Abschließend versuchte Busen eine Annäherung der vermeintlichen Antipoden Geuss und Rawls, die darauf abzielte, das Spannungsverhältnis von Realismus und Utopie produktiv werden zu lassen: Realistisch utopische politische Theorie müsse einerseits über einen klar definierten Gegenstandsbereich verfügen, andererseits aber offen für Veränderungen sein. Sie solle sich, auch wenn sie auf anthropologische und soziale Annahmen zurückgreife, nicht auf deren historische Kontingenz beschränken lassen. Zudem müsse sie sich auch immer der Möglichkeit nichtintendierter Nebenfolgen bzw. der Instrumentalisierung des utopischen Gehalts bewusst sein und diesen ggf. entgegenwirken. Diese Herausforderungen seien, so Busen, als möglicher Ausgangspunkt für eine kritische Reflexion der gesamten Disziplin zu betrachten.</p>
<p>Nach der Mittagspause bestritt Oliver Hidalgo (Regensburg) das dritte Panel. Sein Vortrag „Derrida, Kant oder die Politische Theorie und Ideengeschichte auf der Suche nach den normativen Quellen ihrer Identität“ widmete sich als erster an diesem Tag weniger der Realismus-Debatte. Stattdessen versuchte er sich anhand der Protagonisten Kant und Derrida an einer Annäherung von konstruktivistischen und dekonstruktivistischen Ansätzen. So müsse die Dekonstruktion nicht zwangsläufig normative Ambitionen unterlaufen. Vielmehr sollten durch sie Instrumentalisierungen von Begriffen und Konzepten aufgezeigt werden. Die daraus entstehende terminologische Offenheit ermögliche dann auch die Anknüpfung an zunächst völlig andersartig erscheinende Ansätze. Kant und Derrida können somit Hidalgo zufolge zugleich als divergierende als auch als komplementäre Quellen der politischen Theorie gelesen werden. Obwohl sich ihre Ausführungen in vielerlei Hinsicht unterscheiden, teilen sie doch das Anliegen, das beherrschende Konzept des Recht des Stärkeren zu relativieren und eine normativ geprägte Alternative anzubieten.</p>
<p>Das abschließende Panel wurde von Felix Heidenreich (Stuttgart) mit dem Vortrag „Politische Klugheit als Gegenstand der Politischen Theorie – Plädoyer wider die abstrakte Opposition von ‚Realismus‘ und Normativität“ eröffnet. Auch er beschäftigte sich mit den Gedanken von John Rawls und Amartya Sen und der Sein/Sollen-Unterscheidung. Anhand verschiedener Beispiele zeigte er auf, dass die phronesis auf der Suche nach dem second-best ein besserer Wegweiser sei als die ideale Theorie. Zudem sei diese über die Urteilskraft auch mit dem ästhetischen Urteil verwandt, so dass ästhetische Stellungnahmen zwar kontingent, aber nicht beliebig seien.</p>
<p>Auf Heidenreich folgte Miriam Ronzoni (Frankfurt). Sie beschäftigte sich unter dem Titel „Taking Moral Intuitions Seriously, but not Dogmatically: A Constructivist Approach“ mit dem Status moralischer Intuitionen für Theoriebildung und moralische Argumentation. Ihre These lautete: Unter bestimmten Voraussetzungen kann die Philosophie einen berechtigten Anspruch darauf erheben, sagen zu können, was wir tun sollen: Ihre Vorschläge müssten intersubjektiv zu rechtfertigen sein und auf ein Reflexionsgleichgewicht zurückgreifen, so dass Intuitionen zwar eine nicht zu unterschätzende, aber zugleich auch eine kontrollierte Rolle bei der Entscheidungsfindung spielten. Weder Utilitarismus noch Konstruktivismus, d.h. weder völlige Zurückweisung noch unbefragte Akzeptanz von Intuitionen dürften als uneingeschränkter Maßstab fungieren. Ratio und Intuition müssten somit in einem holistischen Ansatz zusammengeführt werden; es dürfe keinesfalls um das Aufstellen überzeitlicher moralischer Prinzipien gehen. Vielmehr plädierte Ronzoni für den bescheideneren, aber zugleich realistischeren Auftrag, eine theoretisch fundierte Denkweise über das praktische Handeln in der Welt zu entwickeln.</p>
<p>Am Abend vor dem dritten Konferenztag (über den im Rahmen des Theorieblogs diesmal nicht berichtet werden kann) fand die obligatorische Mitgliederversammlung der Theoriesektion statt, bei der die Vorstandswahl im Vordergrund stand. Nach dem Ausscheiden von <a href="http://www.politik.uni-kiel.de/index.php?ac=stein" target="_blank">Tine Stein </a>(Kiel) und dem bisherigen Sprecher, <a href="http://www.uni-erfurt.de/politische-theorie/" target="_blank">André Brodocz</a> (Erfurt), besteht der neue Vorstand aktuell aus <a href="http://www.politikwissenschaft.tu-darmstadt.de/index.php?id=pw_niesen" target="_blank">Peter Niesen</a> (Darmstadt), <a href="http://www.gesellschaftswissenschaften.uni-frankfurt.de/index.pl/clandwehr" target="_blank">Claudia Landwehr </a>(Mainz), <a href="http://www.phil.uni-greifswald.de/sozial/ipk/mitarbeitende/lehrstuhl-fuer-politische-theorie-und-ideengeschichte/pd-dr-dirk-joerke.html" target="_blank">Dirk Jörke</a> (Greifswald), <a href="http://www.bgss.hu-berlin.de/lehrbereiche/theorie-der-politik/mitarbeiter-innen/hausteiner" target="_blank">Eva Marlene Hausteiner</a> (Berlin, und Theoriebloggerin) und dem neuen Sprecher<a href="http://www.philso.uni-augsburg.de/lehrstuehle/politik/politik2/mitarbeiter/Prof__Dr__Marcus_Llanque__Lehrstuhlinhaber/" target="_blank"> Marcus Llanque</a> (Augsburg). Gesprochen wurde auch über die nächste Sektionstagung die Ende Juni nächsten Jahres stattfindet, dem 300. Geburtstag Rousseaus gewidmet ist und für die aktuell <a href="http://www.theorieblog.de/index.php/2011/10/cfp-jahrestagung-der-theoriesektion-zu-rousseau/" target="_blank">Beiträge gesucht</a> werden.</p>
<p><em>Kathrin Morgenstern ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Politische Philosophie und Ideengeschichte an der Universität Regensburg. Sie promoviert über das Verhältnis von politischer Theorie und Praxis bei Hannah Arendt und Simone de Beauvoir.</em></p>
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		<title>Politik und Methode. Bericht vom Treffen der DVPW-Theoriesektion in Bremen &#8211; Teil 1</title>
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		<pubDate>Wed, 19 Oct 2011 13:12:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>nabila</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reflexionen]]></category>
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		<description><![CDATA[Gegenstand und Methoden politischer Theorie sind innerhalb der Disziplin keineswegs unkontrovers, sondern unterliegen einer ständigen Diskussion. Vor allem die Frage, ob es Sinn mache, in der politischen Theorie überhaupt von „Methoden“ zu sprechen, wird immer wieder thematisiert. Eine solche Diskussion fand vom 28. bis zum 30. September auf der Herbsttagung 2011 der DVPW-Sektion Politische Theorie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gegenstand und Methoden politischer Theorie sind innerhalb der Disziplin keineswegs unkontrovers, sondern unterliegen einer ständigen Diskussion. Vor allem die Frage, ob es Sinn mache, in der politischen Theorie überhaupt von „Methoden“ zu sprechen, wird immer wieder thematisiert. Eine solche Diskussion fand vom 28. bis zum 30. September auf der Herbsttagung 2011 der DVPW-Sektion Politische Theorie und Ideengeschichte in Bremen statt (<a href="https://www.dvpw.de/gliederung/sektionen/politische-theorien-und-ideengeschichte/aktuelles-aus-der-sektion.html" target="_blank">Link zum Programm</a>). Während am ersten Tag das Verhältnis von politischer Theorie zu empirischen Methoden diskutiert wurde, standen am zweiten Tag und dritten Tag das Verhältnis von politischer Theorie zur Moralphilosophie und zu Bereichstheorien im Mittelpunkt der Debatte. Im folgenden Bericht wird der erste Tag bestehend aus zwei Panels und einer Podiumsdiskussion skizziert, der zweite Teil des Berichts folgt morgen.<span id="more-4852"></span></p>
<p>In einer kurzen Einleitung und Eröffnung der Tagung skizzierte Dirk Jörke den Problemhorizont des ersten Themenbereiches „Politische Theorie und empirische Methoden“: Sozialwissenschaftliche Theoriebildung befinde sich im Spannungsfeld zwischen empirischer Forschung auf der einen Seite und normativer politischer Theorie auf der anderen Seite. Eine auf Empirie bezogene politische Theorie werfe allerdings die Frage nach geeigneten Methoden und Methodentransfers auf: Gibt es kennzeichnende Methoden der politischen Theorie, die für andere Teilbereiche fruchtbar sein können? Und umgekehrt: Könnte und sollte die politische Theorie sich aus den Erkenntnissen empirischer Sozialwissenschaften, wie der Kognitionsforschung oder der Entwicklungspsychologie, nähren, um ihre Annahmen zu menschlichem Sozialverhalten im politischen Kontext zu unterstützen oder zu verwerfen?</p>
<p>Das erste Panel wurde von Wolfgang Leidhold (Universität zu Köln) eröffnet, der für die Entwicklung einer sozialwissenschaftlichen Methode plädierte, die aus einer Selbstreflexion der theoretischen Vernunft heraus resultiere. Anhand einer begriffshistorischen Rekonstruktion des Theoriebegriffs, in der er die altgriechischen Ursprünge und Bedeutungskontexte offen legte, kam Leidhold zum Schluss, dass der Theoriebegriff ein Erfahrungsbegriff sei, der in einem intensiven Betrachten (griech. theorein) und nicht in einem bloßen, positivistischen Sammeln von wertfreien Tatsachen bestehe. Damit stellte Leidhold eine enge Verbindung zwischen dem Erfahrungs- und dem Vernunftbegriff her, die in ihren Implikationen leider nicht näher ausgeführt wurde. Eine genauere Begriffsklärung von Vernunft blieb aus: Vernunft bestehe darin, einen „Riecher für etwas zu haben“. Die Rolle der Urteilskraft wurde dabei ausgeklammert. Obwohl Leidhold zum Abschluss des Vortrags einen pluralistischen Vernunft- und Erfahrungsbegriff stark machte, wurde nicht ganz deutlich, worin dieser gründet, da er &#8211; außer dem theoretischen Vernunftbegriff &#8211; keinen anderen benannte. Im Plenum wurde insbesondere die Frage nach dem spezifisch politiktheoretischen Gehalt dieses Ansatzes und nach dem unterliegenden Politikbegriff diskutiert.</p>
<p>Alexander Weiß (Universität Hamburg) machte in seinem Beitrag den Vorschlag, „Monitoring“, neben der Ideengeschichte und der politischen Theorie, als drittes Aufgabenfeld politischer Theorie zu begreifen. Als Monitoring wurde die Erfassung, Sichtung und Aufbereitung fachfremder Theorien verstanden. So sei beispielsweise die Kritische Theorie ein Beispiel für ein gelungenes Monitoring, da sie u. a. aus Erkenntnissen aus den Bereichen der Soziologie, der Psychologie, der Ökonomie und der Philosophie gründe. Welche theoretischen Implikationen bringt das Monitoring nun mit sich? Zunächst betonte Weiß, dass kein Primat einer Disziplin gegenüber einer Anderen vorherrschen dürfte. Er diagnostizierte das Verhältnis der politischen Theorie zu den anderen Teilbereichen der Politikwissenschaft als „gestört“: Nicht nur Vertreter politischer Theorie, sondern jeglicher Teilbereiche beklagen, dass ihre Forschung kaum in den anderen politikwissenschaftlichen Bereichen rezipiert werde. Um diesem Mangel entgegenzusteuern und Monitoring als Methode produktiv zu machen, werde eine kritische Methodendebatte benötigt, die bis dato fehle. Diese fehlende Methodendebatte äußere sich beispielsweise darin, dass ungeklärt sei, ob es spezifische Gegenstände oder gar Disziplinen gebe, die sich besser als andere für Monitoring eignen und wie sich das feststellen ließe. In kritischer Abgrenzung zur interdisziplinären Forschung akzentuierte Weiß, dass durch Monitoring fachfremde Theorien nicht einfach „umgepflanzt“ werden, sondern dynamisch weitergedacht werden. Offen blieb, wie sich Monitoring betreiben lässt, d. h. welche Kompetenzen notwendig sind, um sich fachfremde Theorien effektiv aneignen zu können, wie sich Monitoring institutionalisieren lasse und wie sich fremde Forschungsansätze sinnvoll an die eigene Theorie oder Disziplin adaptieren lassen.</p>
<p>Während das erste Panel eher eine allgemeine Reflexion über das Verhältnis von politischer Theorie und empirischen Methoden darstellte, war das zweite Panel von spezifischeren Ansatzpunkten zu diesem Verhältnis gekennzeichnet. So dachte Tanja Pritzlaff (Universität Bremen) über das Anregungspotential von Kognitionswissenschaften und Behavorial Economics für die politische Theorie nach. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen sind Michael Tomasellos Experimente an Kindern und Schimpansen, die grundlagentheoretische Aussagen zum Entstehen von Sozialität und Kooperativität für die evolutionäre Anthropologie geben sollen. Seine These, dass Menschen von Natur aus altruistisch seien, prüfte er anhand empirischer Experimente zu impliziter Normativität in Spielen. Ferner prägt Tomasello das sprachwissenschaftliche Theorem des Sprachursprungs durch triadische Zeigegesten und der gemeinsamen Bezugnahme durch Sprache, die von normativen Erwartungen der Teilnehmenden am Interaktionsprozess geprägt ist. Pritzlaffs Ansatz liegt nun darin, den Begriff der politischen Praktik – inspiriert von Tomasello – als Motivation zur gemeinsamen Bezugnahme zu begreifen. Dabei strebt sie, über den Begriff der politischen Praktik, eine Mikrofundierung der Theorie politischer Interaktion an. Pritzlaff stützte sich auf Tomasellos These, dass die Fähigkeit zur gemeinsamen Bezugnahme durch Praktiken erst durch das gemeinsame „Durchspielen“ von Praktiken Sinn mache. Sie sprach sich letztlich axiomatisch für eine komplementäre Verbindung von Robert Brandoms „game of giving and asking for reasons“ und Tomasellos prozedurales Verständnis vom „Durchspielen“ aus. Kritisch wurde angemerkt, dass Pritzlaff eine zu sehr konsensorientierte Perspektive auf politische Praktiken habe, da sie diese lediglich auf Kooperativität sowie Altruismus politischer Subjekte zurückführe, dabei jedoch die Möglichkeit von konfliktuellem Handeln außen vor lasse. Zudem sei nicht deutlich, was eine Praxis sei und was das spezifisch Politische an politischen Praktiken sei. Außerdem bestehe die Gefahr, dass derartige Experimente soziale Phänomene naturalisieren anstatt sie zu kontextualisieren.</p>
<p>In der den ersten Tag abschließenden Podiumsdiskussion zwischen Hubertus Buchstein (Universität Greifswald), Joachim Behnke (Zeppelin Universität Friedrichshafen) und Bernd Ladwig (FU Berlin) unter der Moderation von Frank Nullmeier (Universität Bremen) wurde die Frage nach einer Methode der politischen Theorie gestellt. Die Frage danach, was ein gutes normatives Argument sei, löste eine kontroverse Diskussion aus: Während Behnke betonte, dass sich die Richtigkeit von Argumenten zunächst formal anhand logischer Prüfkriterien nachvollziehen lassen müsse, proklamierte Ladwig, dass sich dies lediglich substantiell entscheiden ließe. Eine Methodenlehre, so Ladwig, könne nicht unabhängig von substantieller Diskussion betrieben werden, zumal Begriffe wie Freiheit, Gerechtigkeit etc. interpretativ und holistisch seien. Behnke hielt dagegen, dass die substantielle Diskussion von empirischen Einflüssen abhänge.</p>
<p>Der erste, diskussionsreiche Tag wurde mit dem Ergebnis beschlossen, dass Politikwissenschaft eine Art Hybrid sei und dementsprechend eine allgemeine systematische Methodik politischer Theorie keinen Sinn mache.</p>
<p><em>Nabila Abbas ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt „Komponenten und Bedingungen politischer Urteilskraft“ an der RWTH Aachen und promoviert über Politikbegriffe im frankophonen Raum.</em></p>
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		<title>Völkerrecht im Kontext. Ein Rückblick auf die Konferenz &#8220;Lauterpacht and Beyond&#8221; &#8220;</title>
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		<pubDate>Mon, 26 Sep 2011 07:00:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>karin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Dass bei der Entstehung des modernen Völkerrechts zahlreiche deutsch-jüdische Autoren federführend wirkten, untersuchte eine Konferenz mit dem Titel &#8220;Lauterpacht and Beyond &#8211; Jewish-German Authorship and the History of International Law&#8220;, die am 12. September an der Berliner Humboldt-Universität stattfand und einen historischen Blick auf völkerrechtliche Diskussionen vom Ende des 19. bis in die Mitte des [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Dass bei der Entstehung des modernen Völkerrechts zahlreiche deutsch-jüdische Autoren federführend wirkten, untersuchte eine Konferenz mit dem Titel &#8220;<a href="http://www.theorieblog.de/wp-content/uploads/2011/09/RK-Plakat-HLBeyond1.pdf">Lauterpacht and Beyond &#8211; Jewish-German Authorship and the History of International Law</a>&#8220;, die am 12. September an der Berliner Humboldt-Universität stattfand und einen historischen Blick auf völkerrechtliche Diskussionen vom Ende des 19. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts warf. Ungewöhnlich ist diese Perspektive, herrscht doch an juristischen Fakultäten oft eine unzureichende historische Kontextualisierung juristischer Traditionen vor. Dem setzte die Konferenz, organisiert von der Rechtswissenschaftlerin Reut Y. Paz (Berlin), eine detailgenaue Analyse einzelner Akteure, ihrer Rechtstheorien und Biografien entgegen.<span id="more-4418"></span></p>
<p>Viele deutschsprachige Völkerrechtler teilten eine spezifisch jüdische Erfahrung, vor deren Hintergrund sie sich von nationalen Ansätzen entfernten und internationale Fragestellungen entwickelten. Diese Hypothese wurde an einzelnen Protagonisten des Völkerrechts untersucht: Etwa an den „Philosophen“ Hans Kelsen, Georg Jellinek, Lassa Oppenheim und Erich Kaufmann, welche die Debatten zwischen den 1870er und 1930er Jahren bestimmten; oder an den „Praktikern“ Isaak Breuer, Fritz Bauer, Marie Munk und Eric Stein, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg pragmatischen Fragestellungen zuwandten. Gleichsam als Klammer stand abschließend das Werk von Hersch Zvi Lauterpacht im Mittelpunkt, der in beiden Perioden wirkte.</p>
<p>Prominentester „Philosoph“, der die rechtstheoretische Diskussion der ersten Hälfte des  20. Jahrhunderts von Wien aus bestimmte, ist Hans Kelsen (1881-1973). Vor allem zwei Aspekte hob Jochen von Bernstorff (Tübingen) an dessen Theorie hervor: Seine Verteidigung eines autonomen und reinen Rechts und seine intensive Auseinandersetzung mit dem Völkerrecht. Mit seiner reinen Rechtslehre reagierte Kelsen auf traditionelle Rechtstheoretiker, die politischen Ideologien folgten oder versuchten, rechtliche Normen als naturgegebene Essenzen zu beschreiben &#8211; beide Ansätze hielt Kelsen für tendenziös. Gegen den Reduktionismus setzte er eine komplexe Rechtslehre, die das staatliche Rechtssystem basierend auf wertneutralen und objektiven Normen beschrieb. Dieses staatliche Rechtssystem sah er außerdem als partielles System internationaler Normen und wertete so das Völkerrecht auf. Weniger seine jüdische Herkunft als die Erfahrung in der multiethnischen Habsburgermonarchie nannte von Bernstorff, um Kelsens Theorien zu verorten: Kelsen schrieb seine Rechtslehre in einem Vielvölkerreich, in dem es kein gemeinsames kulturelles Band gab und stattdessen „neutrale“ und „objektive“ Normen eine Grundlage des Rechts schaffen sollten.</p>
<p>Als „Pionier der transnationalen Rechtsentwicklung“ (siehe <a href="http://www.faz.net/artikel/C30703/europa-liess-ihn-nicht-los-30478761.html">Kemmerer 2011</a>) beschrieb Alexandra Kemmerer (Berlin) den „Praktiker“ Eric Stein (1913-2011), ein Völkerrechtsspezialist mit einem Schwerpunkt auf europäischen Rechtsfragen. Aus einer jüdischen Familie im böhmischen Holice stammend, studierte Stein Rechtswissenschaft an der Prager Karls-Universität. Nach der deutschen Besatzung in die Vereinigten Staaten emigriert, schloss er Studien in amerikanischem Recht an der University of Michigan Law School an. Anschließend arbeitete er für das U.S. State Department, vorwiegend in der UN-Abteilung und als Berater für europäische Politik. Ab 1956 lehrte er als Professor für Völkerrecht an der Universität in Michigan. Auch für Eric Stein nannte Kemmerer weniger seine jüdische Erfahrung als die verlängerte habsburgische Realität &#8211; als Mitglied der tschechischen Minderheit umgeben von der deutschen Mehrheit &#8211; als prägend für sein Wirken.</p>
<p>Gleichsam als Scharnier zwischen den „Philosophen“ und den „Praktikern“ fungierte das Werk des aus Galizien stammenden Rechtswissenschaftlers Hersch Zvi Lauterpacht (1897-1960), diskutiert von Martti Koskenniemi (Helsinki). Mit seiner Dissertation an der Universität Wien zu Mandaten im Völkerrecht nahm Lauterpacht zunächst an der Wiener Diskussion der Zwischenkriegszeit teil. 1923 emigrierte er nach Großbritannien und trieb seine akademische Karriere an der London School of Economics and Political Science voran. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wandte er sich verstärkt praktischen Fragen des Völkerrechts zu, etwa als Mitglied der British War Crime Executive in Nürnberg. Später wirkte er an einem Konzept der Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel mit, und 1954 wurde er zum Richter des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag gewählt. Seine jüdische Herkunft verteidigte er offen als zionistischer Aktivist in L‘viv / Lemberg, und auch in Wien wirkte er leitend in jüdischen Studentenvereinigungen. Seine zionistischen Ansichten wichen später liberalen und kosmopolitischen Ideen.</p>
<p>Ob und inwiefern das moderne Völkerrecht maßgeblich von deutschsprachigen Juden geprägt wurde, führte zu einem lebhaften Schlagabtausch nach den eher nüchtern vorgetragenen Präsentationen entlang einzelner Biografien. Reut Y. Paz (Berlin) betonte, man dürfe bei der Beschreibung der Entstehung des Völkerrechts nicht vor religiösen Bildern zurückschrecken, seien diese jüdischen, protestantischen oder islamischen Ursprungs: Eine spezifische „jüdisch-deutsche Identität“ bestimmte die Entstehung des Völkerrechts entscheidend. Michael Stolleis (Frankfurt am Main) plädierte hingegen dafür, weniger eine „jüdische Identität“ zu betonen &#8211; sonst laufe man Gefahr, die nationalsozialistische Terminologie zu wiederholen.</p>
<p>Während die These eines jüdischen Einschreibens in das moderne Völkerrecht lediglich bei Hersch Zvi Lauterpacht Konturen erhielt, fiel hingegen auf, dass viele der besprochenen Protagonisten eine „habsburgische Erfahrung“ teilten. Kemmerer sprach von einer „kolonialen Erfahrung“ der Tschechen unter den Deutschen und Cindy Daase (Leipzig) allgemein von einem „Dasein als Minderheit“ im Vielvölkerreich. Ein solcher Einfluss der habsburgischen Realität auf die Entstehung des Völkerrechts erscheint mir, und auch weiteren <a href="http://verfassungsblog.de/vlkerrecht-und-judentum/">Rezensenten</a>, äußerst spannend: Offenbar inspirierte die Vielschichtigkeit der multiethnischen Monarchie dazu, in komplexen Rechtsordnungen zu denken und internationale Fragestellungen zu entwickeln.</p>
<p>Die Konferenz war ein Workshop des Berliner <wbr>Postdoktorandenprogramms &#8220;<a href="http://www.forum-transregionale-studien.de/forum/projekte-am-forum/rechtskulturen.html?L=3D1" target="_blank">Rechtskulturen</a>&#8220;. &#8220;Rechtskulturen&#8221; ist ein Projekt am &#8220;<a href="http://www.forum-transregionale-studien.de/index.php" target="_blank">Forum Transregionale Studien</a>&#8221; und eine Intiative des Berliner Forschungsverbundes &#8220;<a href="http://www.wiko-berlin.de/index.php?id=425" target="_blank">Recht im Kontext</a> &#8221;, der im Oktober 2009 seine Tätigkeit aufgenommen hat und am Wissenschaftskolleg zu Berlin angesiedelt ist. Ziel des Netzwerks ist es, das Recht im Kontext seiner Nachbardisziplinen zu verorten und mit Geistes- und Sozialwissenschaften in ein Gespräch zu bringen.</wbr></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Karin Rolle studierte Kulturwissenschaften an der Universität Leipzig, der University of California Davis (USA) und der Univerzita Karlova Prag sowie International Relations an der London School of Economics and Political Science. Als Stipendiatin der Robert Bosch Stiftung realisierte sie Kultur- und Bildungsprojekte für NGOs in Mittel- und</em> Südosteuropa.</p>
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		<title>Die DVPW-Themengruppe &#8220;Transkulturell vergleichende Politische Theorie&#8221; hat ihre Arbeit aufgenommen</title>
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		<pubDate>Tue, 20 Sep 2011 09:15:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>ulrike</dc:creator>
				<category><![CDATA[Nachrichten]]></category>
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		<description><![CDATA[Am 16./17. September hat sich die DVPW-Themengruppe „Transkulturell vergleichende Politische Theorie“ im Zuge einer Gründungstagung in Göttingen offiziell konstituiert. Die Themengruppe möchte zukünftig denjenigen WissenschaftlerInnen, in deren Arbeit der transkulturelle Theorievergleich im Mittelpunkt steht, eine Plattform innerhalb der deutschen Politikwissenschaft bieten. Inhaltlich bildete die Beschäftigung mit „westlichen Konzepten im nicht-westlichen Diskurs“ den Auftakt für die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am 16./17. September hat sich die DVPW-Themengruppe „Transkulturell vergleichende Politische Theorie“ im Zuge einer Gründungstagung in Göttingen offiziell konstituiert. Die Themengruppe möchte zukünftig denjenigen WissenschaftlerInnen, in deren Arbeit der transkulturelle Theorievergleich im Mittelpunkt steht, eine Plattform innerhalb der deutschen Politikwissenschaft bieten. Inhaltlich bildete die Beschäftigung mit „westlichen Konzepten im nicht-westlichen Diskurs“ den Auftakt für die Arbeit in der Themengruppe.<span id="more-4385"></span></p>
<p>Mit der Gründung der neuen DVPW-Themengruppe wurde ein wichtiger, bisher innerhalb der institutionalisierten deutschen Politikwissenschaft fehlender Arbeitskontext für die Auseinandersetzung mit politischem Denken, das die Grenzen des westlichen ‚Kanons’ überschreitet oder sich jenseits davon bewegt, geschaffen. Im Rahmen dieses neuen Kontexts soll, im Geiste der <em>Comparative Political Theory</em> (siehe <a href="http://www.palgrave.com/products/title.aspx?pid=366690">Dallmayr 2010</a>), die vergleichende Analyse politischer Ideen in unterschiedlichen Kulturkreisen im Mittelpunkt stehen, wobei das Augenmerk besonders auf transkulturellen Wechselwirkungen und Verflechtungsprozessen liegt. Im Vergleich zu der dominanten liberalen Politischen Theorie Kantischer Prägung einerseits und den starken Gegenstrebungen im Bereich der postkolonialen Theorien andererseits, stellt die neue Themengruppe zur transkulturell vergleichenden Politischen Theorie ein Forum dar, das für verschiedene Ansätze und Methoden offen ist. Die Themengruppe will über die Grenzen bestimmter „Schulen“ hinweg Diskussion und Austausch über politische Ideen, die in unterschiedlichen Kulturkreisen beheimatet sind, sowie deren Rezeption und kreative Aneignung in anderen kulturellen Kontexten ermöglichen. Als SprecherInnen der Gruppe wurden Holger Zapf (Göttingen), Alexander Weiß (Hamburg), Sybille De La Rosa (Kassel) und Sophia Schubert (Stuttgart) gewählt.</p>
<p>Holger Zapf, der Organisator der Tagung, unterschied in seiner Einführung zwischen einer „dialogischen“ und einer „analytischen“ Form von transkulturell vergleichender Politischer Theorie. Das dialogische Vorgehen könne nach Gadamers Idee einer Horizontverschmelzung vorgestellt werden, d.h. die Revidierung der eigenen Position im Zuge des Verstehensprozesses wird hier zentraler Teil des Forschungsprogramms, dessen Ziel in einer gegenseitigen Annäherung besteht. Demgegenüber gehe es bei dem analytischen Ansatz zunächst darum, „das Fremde aus sich heraus zu verstehen“. Der Wandel eigener Annahmen und Ideen tritt hier – wenn überhaupt – nur als ein Nebeneffekt des Verstehens auf. Die Idee des ‚Dialogs‘ wurde im Zuge der Tagung immer wieder aufgegriffen: Im Rahmen einer Politischen Theorie, die einerseits der Vorstellung universalistischer (Vernunft-)Wahrheiten angesichts der unhintergehbaren Vielfalt von Vorstellungen über den Menschen und seine Stellung in und Beziehung zu der natürlichen und der sozialen Welt skeptisch gegenüber steht,  andererseits aber in Anbetracht vielfältiger transkultureller Verflechtungen auch nicht von einer radikalen Heterogenität und Inkommensurabilität von Kulturen ausgeht, ist der &#8216;Dialog&#8217; als eine Schlüsselidee zu betrachten.</p>
<p>Für das aus den Postcolonial Studies (siehe <a href="http://studium.campus.de/geschichte/20-jahrhundert/Jenseits+des+Eurozentrismus.84184.html">Conrad/Randeria 2002</a>) und aus der <em>Histoire Croisée</em> (siehe <a href="http://www.v-r.de/de/Geschichte1und1Gesellschaft12002/t/115687/">Werner/Zimmermann 2002</a>) bekannte Konzept der Verflechtung, das in mehreren Vorträgen eine Rolle spielte, machte sich besonders Alexander Weiß (Hamburg) stark. Dieser plädierte im Hinblick auf die Entstehung von Ideen, wie den Menschenrechten oder Säkularismus, für die Wiederaufnahme globalgeschichtlicher Betrachtungen, wie sie vor der Engführung von Geschichte auf Nationalgeschichte im 19. Jahrhundert üblich waren. Eine konsequente Auffassung von Verflechtung vertrat auch Taylan Yildiz (Würzburg), der argumentierte, in Prozessen der Rezeption, Imitation, Aneignung und Adaption von Ideen, Techniken und Praxisformen würden deren Ursprünge „transzendiert“, so dass schließlich nicht mehr z.B. von einem „ursprünglich westlichen Konzept“ gesprochen werden könne.</p>
<p>Weitere Grundsatzfragen, die im Rahmen der Tagung erörtert wurden, waren das Verhältnis von Universalismus und Partikularismus bzw. Kulturrelativismus sowie die Frage nach den Möglichkeiten von Übersetzung und Repräsentation. Im Hinblick auf Universalismus und Kulturrelativismus wandte Janne Mende (Gießen) sich gegen deren Darstellung als zwei gegensätzliche Pole und argumentierte, beide Positionen enthielten bereits ihren Gegenpart: Der Anspruch des Universalismus, Differenzen nicht zu negieren und zu ignorieren, sei dessen kulturrelativistisches Gesicht, während die für den Kulturrelativismus charakteristische Forderung nach Respekt für die differenten Traditionen unterschiedlicher Kulturen dessen universalistischen Impetus offenbare. Jeanette Ehrmann (Frankfurt/M.) referierte über die Haitianische Revolution „als Ereignis und Kritik der europäischen Aufklärung“ und beschrieb Übersetzung in diesem Zusammenhang als ein „Werkzeug des Kolonialismus“, also als eine Technik zur Etablierung kolonialer Herrschaft, die allerdings auch subversiv zu einer Widerstandsstrategie gewendet werden könne. Sybille De La Rosa (Kassel) thematisierte in ihrem Vortrag die Probleme, die im Zusammenhang mit der Repräsentation und Behandlung von lokalen AkteurInnen durch Menschenrechtsorganisationen auftreten. Sie unterschied dabei zwischen einer „instrumentell-verdinglichenden“ und einer „freiwillig-dialogischen“ Aneignung von Menschenrechten. Während den lokalen AkteurInnen im ersten Fall eine Veränderung ihres Selbstverständnisses entlang liberaler Vorstellungen von individuellen RechtsträgerInnen aufgedrängt wird, wird im zweiten Fall im Dialog mit den Betroffenen für ein gegebenes Problem (z.B. Misshandlung) eine mit den lokalen Verhältnissen kompatible (z.B. die Angewiesenheit der AkteurInnen auf ihre familiäre Einbindung berücksichtigende) Lösung ausgearbeitet (z.B. lokale Schlichtungsinstanzen, wie die Frauengerichte in Indien).</p>
<p>Weitere Vorträge thematisierten zentrale politiktheoretische Konzepte in transkultureller Perspektive: Ulrike Spohn (Münster) – <em>full disclosure:</em> die Verfasserin dieses Berichts – gab einen Einblick in die aktuelle Debatte über Säkularismus in der Politischen Theorie. Sie stellte den dominanten liberalen Theorien des säkularen Staates alternative Interpretationen von Säkularismus gegenüber und erläuterte deren Verankerung in einer transkulturellen Perspektive. Der Vortrag von Lino Klevesath (Göttingen) behandelte die Diskussion des Konzepts der Religionsfreiheit in den Schriften von Denkern, die innerhalb des (weiten) Spektrums des Politischen Islams zu verorten sind, und Sophia Schubert (Stuttgart) stellte die Ergebnisse einer quantitativen Studie zum Bedeutungsgehalt des Begriffs ‚Demokratie‘ in verschiedensten Ländern rund um den Globus vor. Stefan Saracino (München) behandelte in seinem Vortrag die Politische Ethik im altrömischen und altchinesischen Denken und Ulf Kemper (Duisburg-Essen) thematisierte den Zusammenhang von Eurozentrismus und Anthropozentrismus. Jörn Knobloch (Potsdam) und Stefan Skupien (Berlin) referierten über die Rezeption des Liberalismus in Russland (Knobloch) respektive der Konsensdemokratie Arendt Lijpharts in Ghana (Skupien). Boris Niclas-Tölle (Bremen) gab einen Einblick in indische Sozialismen zwischen 1947 bis 1962, Tobias Berger (Berlin) präsentierte Überlegungen zur Erforschung des Rechtsstaatsprinzips in Bangladesh und Sênami Parfait Bokohonsi (Frankfurt/M.) beschrieb Vodún als Praxis zwischen Religion und Politik in Afrika.</p>
<p>Die nächste Tagung der Themengruppe (in Kooperation mit dem AK „Politik und Religion“ und der Hanns-Seidel-Stiftung) findet vom 19.-21. April 2012 in Wildbad Kreuth zum Thema „Demokratie und Islam“ statt. Für den DVPW-Kongress 2012 in Tübingen plant die Gruppe ein Panel unter der Überschrift „Zwischen Emanzipationshoffnung und erwarteter Enttäuschung. Demokratie in nicht-westlichen politischen Diskursen“. Im ersten Fall läuft der Call for Papers bis zum 31. Dezember 2011 und im zweiten Fall bis zum 1. März 2012. Infos zu den Tagungen und Ansprechpartnern finden sich im aktuellen <a href="https://www.dvpw.de/fileadmin/docs/Rundbriefe/Rundbrief145.pdf">DVPW-Rundbrief</a>.</p>
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		<title>Theorie und Methode – Ein Rückblick auf das Berliner Methodentreffen</title>
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		<pubDate>Thu, 18 Aug 2011 10:03:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>vincent</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Bereits zum siebenten Mal trafen sich im Juli ca. 450 SozialwissenschaftlerInnen zum jährlich an der Freien Universität stattfindenden Berliner Methodentreffen. Die politische Theorie und Ideengeschichte aber stehen in einem schwierigen Verhältnis zur sozialwissenschaftlichen Methodenlehre. Selbst wenn man Statistik nicht als „die mathematische Manipulation der Wirklichkeit“ (Hannah Arendt), sondern als berechtigten Teil sozialwissenschaftlichen Nachdenkens versteht, so [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bereits zum siebenten Mal trafen sich im Juli ca. 450 SozialwissenschaftlerInnen zum jährlich an der Freien Universität stattfindenden <em><a href="http://www.qualitative-forschung.de/methodentreffen/">Berliner Methodentreffen</a></em>. Die politische Theorie und Ideengeschichte aber stehen in einem schwierigen Verhältnis zur sozialwissenschaftlichen Methodenlehre. Selbst wenn man Statistik nicht als „die mathematische Manipulation der Wirklichkeit“ (Hannah Arendt), sondern als berechtigten Teil sozialwissenschaftlichen Nachdenkens versteht, so sind statistische Sozialwissenschaft und politische Theorie und Ideengeschichte sich eher fremd. Dies mag seine Wurzeln in der eher zahlenaffinen naturwissenschaftlichen Orientierung des einen und der mehr wortaffinen geisteswissenschaftlichen Orientierung des anderen haben. Aber auch jenseits dieses schwierigen Verhältnisses gibt es international zwar Ansätze wie die Cambridge School um Skinner und Pocock oder die interpretativ-hermeneutischen Verfahren Strauss‘, Voegelins oder Arendts, die hinterfragen, wie Ideengeschichte und Theorie zu betreiben seien – wie Herfried Münkler und Grit Straßenberger aber konstatieren, fehlt <a href="http://www.theorieblog.de/index.php/2011/08/index.php/2011/08/also-sprach-konfuzius-ein-ruckblick-auf-den-workshop-methodische-und-konzeptionelle-fragen-der-vergleichenden-politischen-theorie-und-inter-und-transkulturellen-ideengeschichte-in/">trotz verstärkter Bemühungen</a> in Deutschland eine kontinuierliche Methodendiskussion und –tradition. <span id="more-4244"></span>Gleiches gilt für eine Diskussion der Frage, wie die Disziplin soziale und politische Strukturen, Prozesse und Handlungen – mithin ‚Wirklichkeit‘ – angemessen erfassen kann, um sie in theoretischer und ideengeschichtlicher Weise analytisch durchdringen zu können. Gerade unter der Annahme der Konstruiertheit der sozialen Welt wird diese Frage virulent, weil der wissenschaftliche Zugang zur ‚Wirklichkeit‘ nicht mehr unmittelbar erfolgen kann, sondern ihr Status als Wirklichkeit prekär geworden ist. Ein Besuch und ein Rückblick auf das <a href="http://www.qualitative-forschung.de/methodentreffen/"><em>Berliner Methodentreffen</em></a> für qualitative Sozialforschung lohnen sich daher auch, um einen Blick auf das Verhältnis von Theorie und qualitativen Methoden zu werfen.</p>
<p>Das Herzstück der Veranstaltung, die in diesem Jahr am 15. und 16. Juli stattfand, sind die Forschungs­werkstätten und Workshops, in denen einerseits grundlegende Züge qualitativer Methoden erarbeitet und diskutiert werden, andererseits aber auch die Möglichkeit besteht, das eigene Forschungsprojekt mit anderen methodenspezifisch zu diskutieren. Am ersten Tag bot die Veranstaltung <a href="http://www.qualitative-forschung.de/methodentreffen/ablauf/index.html">15 parallele Arbeitsgruppen</a> zu einzelnen Methoden wie der Grounded Theory, der hermeneutischen Wissenssoziologie, Inhaltsanalyse oder der Diskursanalyse, wohingegen die <a href="http://www.qualitative-forschung.de/methodentreffen/ablauf/index.html">19 parallelen Workshops</a> des zweiten Tages darüber hinaus auch Einführungen in qualitative Analyseinstrumente wie MAXQDA oder Fragen des Samplings bot. Das überaus vielfältige Angebot für die Teilnehmenden wurde dabei aber zum Teil um den Preis schwankender Qualität erkauft: In Einzelfällen kam es vor, dass es den ReferentInnen nicht gelang, Sinn und Mehrwert der Methode gegenüber anderen Methoden zu vermitteln und kritische Fragen produktiv zu wenden. Grundsätzlich aber versammeln sich hier als ReferentInnen auch die SpezialistInnen der qualitativen Methodenforschung wie Uwe Flick, Jo Reichertz, Reiner Keller oder Rainer Diaz-Bone, dessen diesjähriger Workshop zur Foucault‘schen Diskursanalyse eine hervorragende Verbindung von theoretischer Einführung, beispielbezogener Erläuterung und Anwendungsfragen der TeilnehmerInnen bot.</p>
<p>Dabei können gerade an der Diskursanalyse auch zwei komplementäre Verbindungslinien von Theorie und Methode sichtbar gemacht werden, da diese ursprünglich von Foucault als Diskurstheorie entworfen wurde, um dann erst in verschiedenen Ansätze als Analysemethodik fruchtbar gemacht zu werden. Die diskursanalytische Methode kann so zum einen dazu dienen, eine diskurstheoretisch basierte politische oder soziologische Theorie mit empirischem Material zu unterfüttern: Entweder um damit durch die Illustration einen höheren Grad an Plausibilität für eine deduktiv gewonnene Theorie zu erreichen oder um eine allgemeinere Theorie höheren Abstraktionsgrades an einem spezifischen Gegenstand zu demonstrieren, zu irritieren oder zu spezifizieren. Die andere Verbindungslinie ist insofern komplementär dazu, als dass sie die Richtung von Theorie und Empirie umkehrt, und sich so Theorie und qualitative Methode gewissermaßen gegen die quantitative Sozialwissenschaft verbrüdern: Infolge von Karl Poppers Wissenschaftstheorie taucht Theorie dort nämlich stets als <em>deus ex machina</em> auf; sie wird nicht aufgebaut, sondern eher vom Wissenschaftler oder der Wissenschaftlerin aus dem Hut gezaubert. Dagegen ermöglichen es qualitative Methoden, induktiv Theorien zu entwickeln und damit den Prozess der Theoriegenese offenzulegen. Nicht zuletzt ist dies ein grundlegendes Anliegen der qualitativen Methoden, das dem diagnostischen Interesse der politischen Theorie und Ideengeschichte entgegenkommt.</p>
<p>In den Pausen während und zwischen den Workshops des Methodentreffens stand hingegen ein eher forscherpraktisches Moment im Zentrum: Eine kleine Messe von Fachzeitschriften (z.B. <a href="http://www.sozialer-sinn.de/"><em>sozialer<strong>sinn</strong></em></a><strong> </strong>oder<strong> </strong><a href="http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs">FQS</a>), Fachverlagen (u.a. dem <a href="http://www.vs-verlag.de/">VS Verlag</a>) und qualitativen Softwareprogrammen ermöglichte es, den Kontakt zu den Herausgebern zu knüpfen, Fragen zu stellen und Rabatte beim Erwerb von Zeitschriften oder Software zu erlangen. Daneben bot sich – insbesondere in einer Poster-Session am Sonntagvormittag, in der einige TeilnehmerInnen ihre Forschungsvorhaben präsentierten, – Gelegenheit zum Austausch mit den Teilnehmenden und ReferentInnen des Methodentreffens. Gerahmt wurde das Programm des diesjährigen Methodentreffens wie üblich von einer Schlussvorlesung, gehalten von Adele Clark zum Thema „Qualitative Research and Postmodernism“, und einer Einführungsvorlesung, die in diesem Jahr <a href="http://www.rainer-diaz-bone.de/index2.html">Rainer Diaz-Bone</a> zur „Performativität der qualitativen Sozialforschung“ hielt. Dabei hob dieser darauf ab, dass die Theorien und Erkenntnisse der Sozialforschung in mehrdimensionaler Weise performativ wirken, indem beispielsweise Theorien die Konstruktion von Auswertungsinstrumenten wie z.B. Software beeinflussen, Schreibstile Wissenschaftskollektive konstituieren und die Wissenschaft ihren Gegenstandsbereich maßgeblich formt. Er schlug daher vor, eine Soziologie der Sozialforschung in Angriff zu nehmen, die Methodenkulturen auf ihre Kohärenz hin betrachtet und der Frage nachgeht, wie aus dem „Wie“ wissenschaftlicher Praxis deren Ergebnisse entstehen.</p>
<p>Nicht zuletzt ist das eine Perspektive, der sich auch die politische Theorie und Ideengeschichte annehmen kann: Eine Theorie der Politikwissenschaft und ihrer Methoden, die einerseits eine theoretisierende Selbstreflexion des Faches, andererseits eine Theoretisierung seiner performativen Dimensionen sein könnte, ist ein Desiderat. Hierfür ließe sich an den Vortrag Diaz-Bones anschließen, der im Übrigen wie die Abschlussvorlesung und Teile der Workshops in absehbarer Zeit auf den <a href="http://www.qualitative-forschung.de/methodentreffen/archiv/index.html">Seiten des Methodentreffens</a> dokumentiert wird.</p>
<p><em><a href="http://www.bgss.hu-berlin.de/lehrbereiche/theorie-der-politik/mitarbeiter-innen/vincent-rzepka">Vincent Rzepka</a> ist Masterstudent der Sozialwissenschaften an der HU Berlin und studentische Hilfskraft am Sonderforschungsbereich 644 &#8220;Transformationen der Antike&#8221; im Teilprojekt &#8220;Imperiale Deutungsmuster&#8221;. </em></p>
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		<title>Also sprach Konfuzius- Ein Rückblick auf den Workshop „Methodische und konzeptionelle Fragen der vergleichenden politischen Theorie und inter- und transkulturellen Ideengeschichte“ in Hamburg</title>
		<link>http://www.theorieblog.de/index.php/2011/08/also-sprach-konfuzius-ein-ruckblick-auf-den-workshop-methodische-und-konzeptionelle-fragen-der-vergleichenden-politischen-theorie-und-inter-und-transkulturellen-ideengeschichte-in/</link>
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		<pubDate>Wed, 17 Aug 2011 10:00:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>stefan und jens</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Tagungsbericht]]></category>

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		<description><![CDATA[Vom 15. bis 16. Juli fand sich am Institut für Politikwissenschaft der Universität Hamburg zum zweiten Mal eine Gruppe von NachwuchswissenschaftlerInnen zusammen, um über Methoden der Politischen Theorie zu diskutieren. Anders als im vorigen Jahr (wir berichteten) lag der Fokus diesmal auf den Schwierigkeiten, die aus der Anwendung einschlägiger Ansätze und Konzepte auf nicht-westliche Ideenbestände [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vom 15. bis 16. Juli fand sich am <a href="http://www.wiso.uni-hamburg.de/institute/ipw">Institut für Politikwissenschaft</a> der Universität Hamburg zum zweiten Mal eine Gruppe von NachwuchswissenschaftlerInnen zusammen, um über Methoden der Politischen Theorie zu diskutieren. Anders als im vorigen Jahr (<a href="http://www.theorieblog.de/index.php/2010/06/workshop-ansatze-und-methoden-zur-erforschung-politischer-ideen/">wir berichteten</a>) lag der Fokus diesmal auf den Schwierigkeiten, die aus der Anwendung einschlägiger Ansätze und Konzepte auf nicht-westliche Ideenbestände resultieren. Die Organisatoren, <a href="http://www.wiso.uni-hamburg.de/institute/ipw/individualseiten/weiss-alexander/">Alexander Weiß</a> (Hamburg) und <a href="http://www.wiso.uni-hamburg.de/institute/ipw/individualseiten/busen-andreas/">Andreas Busen</a> (Hamburg), konnten neben <a href="http://www.uni-goettingen.de/de/39431.html">Walter Reese-Schäfer</a> (Göttingen), <a href="http://www.uni-goettingen.de/de/54094.html">Holger Zapf</a> (Göttingen) und <a href="http://www.lai.fu-berlin.de/homepages/boatca/index.html">Manuela Boatcǎ</a> (Berlin) mit <a href="http://freddallmayr.com/">Fred Dallmayr</a> (Notre Dame) zudem einen der Pioniere der <em>Comparative Political Theory</em> gewinnen, der in zwei Vorträgen über den Stand der Forschung, vor allem mit Blick auf die USA, berichtete.<span id="more-4215"></span></p>
<p>Während Dallmayr in seinem Vortrag am Nachmittag die unter Politischen TheoretikerInnen unlängst gestiegene Bereitschaft, sich auf nicht-westliche Ideen einzulassen, auf geopolitische (Verlust der europäischen Vormachtstellung) wie fachimmanente Veränderungen (postmoderne Hinwendung zu Alterität und Differenz) zurückführte, fragte er in seinem Abendvortrag nach den Formen des gegenwärtigen Kosmopolitismus. Dabei grenzte er sein Verständnis des Weltbürgertums von der empirischen Ebene des markt-politischen Neoliberalismus ebenso ab wie von normativen Visionen zur Entwicklung einer globalen Ethik in der Folge von Kant. Die Praxis des Kosmopolitismus verfolge – nicht unumstritten &#8211;  vielmehr eine pädagogisch-politische Agenda, die unter dem Slogan „think globally, act locally“ ihre Hoffnungen auf lokale Initiativen setze, da auf dieser Ebene interkulturelle Verständigung tatsächlich erreicht und gelebt werden könne, die sich dann global ausweiten würde. </p>
<p><strong>Probleme der vergleichenden Politischen Theorie- theoretisch betrachtet</strong></p>
<p>Zuvor stand der Nachmittag neben Dallmayrs erstem Vortrag ganz im Zeichen von Referaten, die sich den Problemen einer interkulturellen Ideengeschichte theoretisch annäherten. Ganz im Luhmann&#8217;schen Sinne fragte Holger Zapf  nach der Art und Weise, in der neue Ideen rezipiert werden und verwies darauf, dass auch für nicht-westliche Kontexte die Kriterien der Varianz und Selektion gelten würden. Neue Ideen würden daher vor allem dann in den eigenen Kontext eingebettet, wenn sie lokalen Plausibilitäts- und Evidenzerwartungen entsprächen. Das gelte insbesondere für die gesamtgesellschaftliche Ideenevolution, aber auch für die von Teilsystemen wie der Politischen Theorie.<br />
<a href="http://www.kfibs.org/index.php?id=340">David Egner</a> (La Paz) rückte bei seiner Diskussion des Ideologieproblems ein Paradox ins Zentrum seiner Überlegungen, das entstehe, wenn man vor dem Hintergrund eines nördlich geprägten Erfahrungshorizonts den ideologischen Standpunkt (i.S. Mannheims) von Intellektuellen im globalen Süden zu beleuchten versuche, was zu verzerrten politischen Einschätzungen führen könne. </p>
<p>Interkulturelle Missverständnisse standen jedoch nicht nur in Bezug auf politische Standortbestimmungen zur Diskussion, sondern wurden auch auf das Scheitern von Dialogen jenseits kultureller Grenzen zurückgeführt. So konzentrierte sich <a href="http://oxford.academia.edu/JensOlesen">Jens Olesen (Oxford)</a> in seinem Vortrag auf Ambivalenzen in Gadamers Verstehenslehre und attestierte dieser, für eine interkulturelle Ideengeschichte ungeeignet zu sein, da sie den Anderen zum Zweck des eigenen Erkenntnisgewinns instrumentalisiere, anstatt ihn, wie von der Theorie selbst gefordert, um seiner Selbst Willen wahrzunehmen und anzuerkennen. </p>
<p><strong>Rezeptionsgeschichtliche Fälle und Fallen</strong></p>
<p>Von einem unterschlagenen interkulturellen Dialog sprach am zweiten Tag des Workshops Walter Reese-Schäfer in seiner Analyse Platons. Dieser habe  seine vorderasiatischen und ägyptischen Quellen stets offengelegt und damit einer ausschließenden Vereinnahmung durch Europa entgegen gewirkt , wie frühe RezensentInnen zutreffend bemerkt hätten. Jedoch greife in der Rezeptions-<br />
geschichte später eine europäische Vereinnahmungstendenz um sich, in deren Folge nicht-westliche Quellen ignoriert würden. Daraus folgerte Reese-Schäfer, man müsse bei einer interkulturellen Ideengeschichte auch kritisch auf die eigene Überlieferungsgeschichte blicken und deren Konsequenzen für die Auslegung beachten. Damit war der rezeptionsgeschichtliche Rahmen bereits umrissen, der den zweiten Tag weitgehend prägen sollte. </p>
<p>Drei Fallstudien skizzierten die Dilemmata der jeweiligen Rezeptionspraxis: Felix Kramer (Salzburg) veranschaulichte anhand der Verwendung bestimmter Porträts von Túpac Amaru II., dem peruanischen Anführer eines indigenen Aufstandes gegen die Spanier im 18. Jahrhundert, Umwertungen, die von den Antikolonialismuskämpfen des 18. Jh. bis zu den Rebellenbewegungen der Gegenwart reichen. Andreas Busen ging nicht nur der Frage nach, wie die Rezeption Ibn Khalduns, der einst dem mittelalterlichen Kanon zugerechnet wurde, abebben und im deutschsprachigen Raum fast gänzlich verstummen konnte.  Er spürte auch die unterschiedlichen Phasen der Beschäftigung westlicher Gelehrter mit Khaldun auf, die von einer naiven Assimilation an europäische Ideen (Khaldun als zweiter Montesquieu) bis hin zu einer differenzierteren Auseinandersetzung mit seinem Denken reichte. Alexander Weiß thematisierte die ambivalente Konfuziusrezeption in der europäischen Aufklärung und arbeitete heraus, was diese über das Bild Chinas in Europa zeige. So sei Konfuzius zwar von Leibniz und Wolff gewürdigt, mit der Herausbildung eines neuen europäischen Selbstbildes jedoch zusehends in den Hintergrund gedrängt worden, und das obwohl dessen Ideen in Grundgedanken der Aufklärung eingeflossen seien. </p>
<p>Dass vereinheitlichend von einem Europa und einer Moderne zu reden selbst bereits problematisch sei, mahnte Manuela Boatcǎ an. Sie schlug vor, von multiplen Europas bzw. Modernen zu sprechen, um auf verschiedene Ansprüche (etwa Ost- und Südeuropas) zu verweisen, die sich mit klassischen Kategorien nicht hinreichend erklären ließen. </p>
<p><strong>(Un-)Übersetzbare Ideen?</strong></p>
<p>Neben etablierten Erklärungsmustern können auch Übersetzungen an interkulturellen Barrieren scheitern, wie die weiteren Vorträge nachwiesen. Dass Begriffe keineswegs problemlos aus einem Erfahrungsraum in einen anderen übertragen werden können, zeigte <a href="http://www.ruhr-uni-bochum.de/oeg/zaganczyk.html">Agnieszka Zaganczyk-Neufeld</a> (Bochum) anhand des aus dem Polnischen ins Deutsche übersetzten Begriffs „Positivismus“, der im Polnischen u.a. für eine Bewegung steht, die sich gegen die Aufteilung Polens zur Wehr setzte. <a href="http://www.transnationalstudies.eu/content.php?nav_id=1596">Tobias Berger</a> (Berlin) regte mit Verweis auf Bangladesh ein interdisziplinäres Vorgehen an:  bei der Übersetzung nicht-westlicher Rechtsverständnisse sollten ForscherInnen sich auch der social anthropology  bedienen, um sich mit deren Werkzeugen der dichten Beschreibung eine Offenheit gegenüber dem verkörperterten Wissen zu sichern. </p>
<p><strong>Didaktik und interkulturelle Praxis</strong></p>
<p>Schließlich stellte <a href="http://www.epb.uni-hamburg.de/node/3040">Jan Breitenstein</a> (Hamburg) erste Ergebnisse seiner Studie zum postkolonialen Geschichtsdenken von Lehramtstudierenden vor. Anhand des Fallbeispiels eines Probanden zeigte Breitenstein, wie Bewertungsmuster auf transkulturelle Phänomene angewandt und durch interkulturelle Lernprozesse modifiziert werden könnten. Zum Abschluss formulierte <a href="http://www.sfb-governance.de/teilprojekte/projekte_phase_1/projektbereich_a/a2/teama2/skupien.html">Stefan Skupien</a> (Berlin) Thesen zur Forschungspraxis in Ländern mit (noch) erschwertem Quellenzugang und ressourcenbedingt lückenhafter Materiallage. Er plädierte zudem dafür, in Zukunft auch scheinbar abseitiges Material wie HipHop-Texte oder Sprichwörter als Quellen politischen Denkens in jungen Gesellschaften heranzuziehen.</p>
<p>Der Workshop hat durch seinen interkulturellen Fokus und seine Themenvielfalt  an jenen Punkten angesetzt, die letztes Jahr die Diskussion dominierten. Damit lieferte er wichtige Impulse, um die Beschäftigung mit nicht-westlichem Denken auch im deutschsprachigen Raum in die „Mitte des Faches“ zu rücken. </p>
<p><em>Stefan Skupien promoviert im Rahmen des Graduiertenkollegs „Verfassungen jenseits des Staates“. In seiner Dissertation widmet er sich aus ideengeschichtlicher Perspektive westafrikanischen Demokratiekonzepten zwischen indigenen und westlichen Paradigmen.</p>
<p>Jens ist Redaktionsmitglied im Theorieblog.</em></p>
<p>Full disclosure: Die Autoren dieses Berichts haben selbst Vorträge auf der Tagung gehalten.</p>
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		<title>Rückblick: Die EIUC-Sommerakademie „Human Rights and the Cosmopolitan Idea(l)“ in Venedig</title>
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		<pubDate>Mon, 25 Jul 2011 08:05:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>ulrike</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reflexionen]]></category>
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		<category><![CDATA[Kosmopolitismus]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
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		<description><![CDATA[Vom 11. bis 16. Juli veranstaltete das European Inter-University Centre for Human Rights and Democratisation (EIUC) in Venedig zum zweiten Mal die Venice Academy of Human Rights. Rund 40 TeilnehmerInnen aus der ganzen Welt diskutierten hier unter der Überschrift „Human Rights and the Cosmopolitan Idea(l)“ mit Abdullahi Ahmed An-Na’im, David Held, Onuma Yasuaki und Boavaentura [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vom 11. bis 16. Juli veranstaltete das <a href="http://www.eiuc.org/">European Inter-University Centre for Human Rights and Democratisation (EIUC)</a> in Venedig zum zweiten Mal die <em>Venice Academy of Human Rights</em>. Rund 40 TeilnehmerInnen aus der ganzen Welt diskutierten hier unter der Überschrift „Human Rights and the Cosmopolitan Idea(l)“ mit <a href="http://www.law.emory.edu/faculty/faculty-profiles/abdullahi-ahmed-an-naim.html">Abdullahi Ahmed An-Na’im</a>, <a href="http://www2.lse.ac.uk/researchAndExpertise/Experts/d.held@lse.ac.uk">David Held</a>, <a href="http://www.law.georgetown.edu/faculty/facinfo/tab_faculty.cfm?Status=Visiting&amp;ID=2893">Onuma Yasuaki </a> und <a href="http://www.boaventuradesousasantos.pt/pages/en/homepage.php">Boavaentura de Sousa Santos</a> sowie mit <a href="http://www.ohchr.org/EN/ABOUTUS/Pages/Robinson.aspx">Mary Robinson</a>, ehemals Staatspräsidentin Irlands und UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, die Problematik der Universalität der Menschenrechte. Ein Thema, das die Vorträge und Diskussionen über die ganze Woche hinweg prägte, war die Doppelmoral westlicher Länder im Hinblick auf die Skandalisierung von Menschenrechtsverletzungen, und eine der wichtigsten Botschaften in dieser Woche war: „The understanding of the world by far exceeds the Western understanding of the world“ (B. de Sousa Santos).<span id="more-4075"></span></p>
<p>David Held (LSE, UK) eröffnete die Sommerakademie mit einem Vortrag zu der Frage „What is Cosmopolitanism?“ Er zeichnete die Entwicklung des kosmopolitischen Gedankens von seinen Anfängen im antiken Stoizismus über Kant bis hin zu zeitgenössischen Theorien nach und nannte als Kernideen Individualismus, Egalitarismus und Universalismus, also die Verpflichtung auf die Idee, jedem Individuum in der Welt unabhängig von seinen sonstigen Bindungen die gleiche moralische Sorge zukommen zu lassen. Er wandte sich gegen den Utopismus-Vorwurf gegenüber dem Kosmopolitismus und argumentierte, es handele sich bei diesem vielmehr um „den neuen Realismus“ – die Menschheit sei in vielerlei Hinsicht als eine „community of fate“ zu verstehen, die kollektive Lösungen für gemeinsame Probleme (z.B. Klimawandel) finden müsse. Des Weiteren seien kosmopolitische Prinzipien nicht einfach abstrakte Philosophie, sondern hätten die Ausbildung und Reform von Institutionen in der Nachkriegsära entscheidend geprägt.</p>
<p>Die Professoren Onuma, de Sousa Santos und An-Na’im, die neben ihrer akademischen Laufbahn alle auch seit 40 Jahren als Menschenrechtsaktivisten politisch tätig sind, legten demgegenüber eine wesentlich skeptischere Haltung gegenüber dem Kosmopolitismus an den Tag. Alle drei mahnten Bescheidenheit sowie Selbstreflektion und Selbstrelativierung westlicher Philosophien an. De Sousa Santos (University of Coimbra, Portugal) sensibilisierte für ein Bewusstsein für die Unvollständigkeit jedes Wissens und forderte die Zurkenntnisnahme der Existenz von differenten Konzeptionen von Leben, Natur, Zeit, Wohlergehen, Glück und menschlicher Würde, die sich außerhalb des in westlichen Kategorien Fassbaren bewegen. De Sousa Santos argumentierte, dass das schwerwiegendste Problem ein epistemologisches sei: die Marginalisierung und Dequalifizierung nicht-westlicher Formen des Wissens – und das heißt auch: der Menschen, die dieses Wissen pflegen – bis hin zu ihrer Auslöschung („epistemicide“). Er appellierte, die unerschöpfliche Vielfalt der Erfahrungsmöglichkeiten der Welt anzuerkennen und einzusehen: „There is no global justice without global epistemic justice“. Er kritisierte, dass der dominante Menschenrechtsdiskurs die Universalität der Menschenrechte sehr unkritisch auf der Basis einer westlichen Vorstellung von der menschlichen Natur affirmiere. Die mangelnde Reflektion auf die eigenen epistemischen Prämissen bewirke, dass westliche Philosophien und Praktiken häufig Inklusion intendierten aber faktisch exkludierten, weil sie Inklusion nur auf der Grundlage ihrer eigenen Bedingungen und Vorstellungen gestalteten.</p>
<p>Onuma (Meiji University of Tokyo, Japan) betonte ebenfalls die Wichtigkeit der Ausbildung eines Bewusstseins für die Begrenztheit westlicher Wissensformen und einer gesteigerten Aufmerksamkeit für das Wissen und Denken in anderen Teilen der Welt: „In order to talk about universality you have to be familiar not only with Rawls and Dworkin but also with important writings from all parts of the world.“ Der Westzentrismus des Menschenrechtsdiskurses zeige sich z.B. in der exzessiven Betonung von bürgerlichen und politischen Rechten bei gleichzeitiger Vernachlässigung sozioökonomischer und sozialer Rechte. Onuma wies darauf hin, dass die Menschenrechte von vielen Menschen als ein fremdes Konzept wahrgenommen würden und kritisierte die Selbstgerechtigkeit vieler MenschenrechtsaktivistInnen. Der Diskurs über „asiatische Werte“ gegenüber „westlichen Menschenrechten“ sei aus akademischer Sicht zwar in mehreren Hinsichten fehlerhaft, aber historisch gesehen sehr wichtig gewesen, um eine „transzivilisatorische“ Konzeption der Menschenrechte zu befördern.</p>
<p>An-Na’im (Emory University, USA) stellte sich im Hinblick auf die Durchsetzung von Menschenrechten entschieden gegen jede Form von Paternalismus: „The very attempt to protect a human right of people who do not consent to that right is a negation of their humanity.“ Er plädierte für ein stärker kontextualisiertes Verständnis von Menschenrechten und für eine Pluralität der Begründungsmöglichkeiten. An-Na’im argumentierte, dass das Menschenrechtsprojekt von Menschen nur dann akzeptiert werden könne, wenn sie es als relevant für ihr eigenes Leben und nicht als Angriff auf ihre Kultur und ihre Religion empfänden. Es gehe darum, Menschen in der Entwicklung ihrer eigenen Vision von Menschenrechten zu unterstützen und nicht draum, ihnen ihre Rechte zu erklären. Er trat wie Onuma außerdem für eine sehr bescheidene und realistische Selbsteinschätzung von MenschenrechtsaktivistInnen ein. Diese sollten stets die faktischen Lebensbedingungen von Menschen im Blick behalten, sich fragen, welche  nachhaltigen Effekte sie durch ihre Intervention tatsächlich erzielen können und keine falschen Erwartungen wecken oder Versprechungen machen, die sie nicht einlösen können.</p>
<p>Ein wichtiges Thema in den Vorlesungen, Seminaren, Workshops und Diskussionsrunden in dieser Woche in Venedig war immer wieder die Doppelmoral westlicher Staaten im Hinblick auf die Skandalisierung von Menschenrechtsverletzungen. Schon während des Kalten Krieges, so de Sousa Santos, passierten Menschenrechtsverletzungen scheinbar nur auf der kommunistischen Seite. Und heute, so wurde verschiedentlich argumentiert, stünden auschließlich nicht-westliche Staaten, insbesondere afrikanische, im Fokus des Internationalen Strafgerichtshofes (ICC), während die israelische Invasion im Gazastreifen 2008 und der amerikanische Einmarsch im Irak 2003 inklusive der Vorgänge in Abu-Ghuraib und Guantanamo unter der Bush-Administration ohne Konsequenzen blieben. Solange es nicht vorstellbar sei, dass einem amerikanischen Präsidenten vor dem ICC der Prozess gemacht werde, so An-Na-im, gebe es keine Aussicht, dass das Gericht weltweit als glaubwürdig und legitim anerkannt werden könne.</p>
<p>Den Abschluss der intellektuell ebenso wie sozial inspirierenden und bereichernden Woche in Venedig bildete die Verleihung der EIUC Medal of Honour 2011 an Mary Robinson im Palazzo Ducale am Markusplatz. Robinsons Rede zu diesem Anlass und ihr Abschlussvortrag am letzten Tag der Akademie waren aus akademischer Sicht vielleicht nicht gerade bahnbrechend, doch beeindruckte sie durch ihre bodenständige Persönlichkeit und ihre biographischen Erfahrungen als Strafrechtsprofessorin am Trinity College, Staatspräsidentin Irlands, UN-Hochkommissarin für Menschenrechte und (Groß-)Mutter von drei Kindern und vier Enkelkindern.</p>
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		<title>Tagungsrückblick: &#8220;Colonial Legacies, Postcolonial Contestations&#8221;</title>
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		<pubDate>Wed, 06 Jul 2011 07:08:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>karin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Tagungsberichte]]></category>
		<category><![CDATA[Chakrabarty]]></category>
		<category><![CDATA[Frankfurt]]></category>
		<category><![CDATA[Graduiertenkonferenz]]></category>
		<category><![CDATA[Postkolonialismus]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Sozial- und Humanwissenschaften zu dekolonisieren, so lautete das Motto der Graduiertenkonferenz Colonial Legacies, Postcolonial Contestations, die zwischen dem 16. und 18. Juni 2011 unter der Leitung von Prof. Dr. Nikita  Dhawan und angesiedelt am Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies und dem Exzellenzcluster Normative Orders stattfand. In 24 Panels arbeiteten sich über 100 Vortragende [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Sozial- und Humanwissenschaften zu dekolonisieren, so lautete das Motto der Graduiertenkonferenz <em>Colonial Legacies, Postcolonial Contestations, </em>die zwischen dem 16. und 18. Juni 2011 unter der Leitung von Prof. Dr. Nikita  Dhawan und angesiedelt am <em>Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies</em> und dem Exzellenzcluster <em>Normative Orders</em> stattfand. In 24 Panels arbeiteten sich über 100 Vortragende durch einen Parcours von Disziplinen, Theorietraditionen und geographischen Räumen. Meine Wanderung als interessierte Beobachterin führte mich von Korruptionsfällen in Indien, über Fraueneinsatztruppen der USA in Afghanistan, über E-Health Programme in Afrika hin zur Abschluss-Keynote des Historikers Dipesh Chakrabarty (Chicago, USA), der eine Zusammenschau der disparaten Theorien, Räume und Zeiten präsentierte.<span id="more-3955"></span></p>
<p><strong>Widerstreitende Theorien am Beispiel von Korruption und Staatlichkeit</strong></p>
<p>Das Changieren zwischen postkolonialen Theorieansätzen und solchen, die dezidiert normativen Grundannahmen verpflichtet sind, zeigte das Panel <em>Postcolonial Perspectives on Corruption and Statehood</em> auf. So ging es den Vortragenden Swetha Rao Dhananka (Lausanne, Schweiz) und Ivana Greti-Iulia (Cluj-Napoca, Rumänien) in ihren empirischen Studien um eine Rekonstruktion von Machtverhältnissen bei Korruptionsfällen in Indien und Rumänien und beide legten ihren Überlegungen eine normative Vorstellung „richtig funktionierender Strukturen und Institutionen“ zugrunde, denen gegenüber sie korruptes Handeln als abweichendes Verhalten skizzierten.</p>
<p>Der Beitrag von Peter Finkenbusch und Markus-Michael Müller (Berlin/Leipzig) testete hingegen eine Neubetrachtung des Begriffs „Korruption“. In ihrem Paper entfalteten sie Überlegungen zu informellem Handeln in postkolonialen Staaten. Dort haben, so die Referenten, abweichende und informelle Praktiken oftmals funktionierende staatliche Strukturen hervorgebracht, so dass „Korruption“ hier positiv wirke. Sie folgerten daher <em>Corruption is Good </em>! (so der Titel des Papers) und argumentierten, Korruption als abweichende Praxis zu beschreiben, erweise sich als moralisierende Projektion aus einer eurozentrischen Perspektive. Beispiele folgten leider wenige, und in der anschließenden Diskussion räumten die Vortragenden ein, dass auch sie korruptes Vorgehen, etwa bei der Verteilung von Grundgütern, entschieden ablehnen. Das Panel erwies sich als produktives Testfeld von Theorien, wobei sich der Dialog zwischen der Moderne verpflichteten und poststrukturalistischen Ansätzen als erhellend zeigte.</p>
<p><strong>Vom Aufbrechen räumlicher Kategorien jenseits von Zentrum und Peripherie</strong></p>
<p>Dem Austesten von theoretischen Ansätzen stand ein Durchmessen geographischer Breiten zur Seite. Einer postkolonialen Perspektive geht es primär darum, Einflussnahmen und Interdependenzen zwischen Zentren und Peripherien zu beschreiben. Die Einflussnahme der USA in Afghanistan war das Thema von Keally McBride und Annick T.R. Wibben (San Francisco, USA), die die Rolle von weiblichen Einsatztruppen in der Sicherheits- und Entwicklungspolitik der USA in Afghanistan beschrieben. Dort werden „Female Engagement Teams“ eingesetzt, um den Kontakt zu afghanischen Frauen zu stärken. Die Referentin schlussfolgerte, dies sei eine Verlängerung bekannter Kolonialisierungsstrategien, ergänzt um ein Fortschreiben stereotyper Geschlechterrollen, da behauptet wird, dass Frauen qua ihrer sozialen Kompetenz besser zur lokalen Bevölkerung vordringen. Die hier aufgezeigte Perspektive des intervenierenden Westens wird zunehmend um weitere räumliche Bezüge erweitert. Denn denkt man Einflussnahme nicht nur in einer einseitigen Machtbeziehung zwischen „Unterdrückenden“ und „Unterdrückten“, sondern konsequent als allgegenwärtiges produktives Kräfteverhältnis, so wird das räumliche Paradigma von Zentrum und Peripherie aufgeweicht und es treten neue Orte in den Blick.</p>
<p>Aufschlussreich erwies sich in diesem Zusammenhang der Vortrag von Vincent Duclos (Montréal, Canada), der die Süd-Süd-Beziehungen zwischen Indien und Afrika im Gesundheitssektor in den Blick nahm. Das indische E-Health Programm, entwickelt durch Formen des Public Private Partnerships, stellt medizinische Expertise in ländlichen Gebieten Afrikas zur Verfügung. Diese Beziehung könne nicht allein in Kategorien der friedlichen Intervention (Entwicklungshilfe) des „gebenden Zentrums“ in der „empfangenden Peripherie“ gedacht werden. Das Programm sei vielmehr auch unternehmerisch angelegt und folge wirtschaftlichen Interessen, also Beziehungsstrukturen, die nicht auf eine bestimmte Richtung begrenzt bleiben. Bei der Betrachtung von wirtschaftlichen Partnerschaften und Handelsbeziehungen gelinge es so, tradierte räumliche Bezüge neu zu fassen.</p>
<p><strong>Ein universalhistorischer Parcours &#8211; Dipesh Chakrabartys Abschluss-Keynote</strong></p>
<p>Analog zur Neubetrachtung des Raumes schlug der Historiker und Südasienexperte Dipesh Chakrabarty in seiner Abschluss-Keynote ein neues Vokabular für zeitliche Periodisierungen vor. Er erzählte die Geschichte von der Moderne bis in die Gegenwart, für die er eine Dreigliederung in <em>world-thinking</em>, <em>global-thinking</em> und <em>planetary-thinking</em> vornahm. Unterscheidendes Merkmal ist dabei eine jeweils veränderte Rolle des politischen Subjekts.</p>
<p>Das <em>world-thinking</em> prägte das fortschrittsgläubige, lange 19. Jahrhundert, in dem das dominante Europa in kolonialen Unternehmungen seine Ideen gewaltvoll in die Welt trug. In Bezug auf Indien beschrieb Chakrabarty, dass trotz kolonialer Ausbeutung einzelne Akteure das europäische System adaptierten und danach strebten, „european-like“ zu werden. Die europäischen Akteure produzierten so zugleich ein nichteuropäisches Subjekt („the subaltern subject“). Ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts &#8211; dem<em> </em>Beginn des<em> global-thinking</em> &#8211; sprach Chakrabarty von einer Krise des politischen Subjekts, sowohl des europäischen als auch des nichteuropäischen. In dieser Zeit werde der Begriff des Politischen ins Unendliche ausgedehnt und „everything becomes political“. Akteure konstituierten sich in dieser Sicht nun bereits durch ihre schiere Existenz als politische Subjekte und nicht erst aufgrund ihres liberal-bürgerlichen Handelns, was letztendlich zu ihrem „Verschwinden“ führte, argumentierte Chakrabarty. In diesem Zusammenhang brachte er ein Beispiel von aufständischen „peasants“, die in der Vorstellung des <em>global thinking</em> allein durch ihre Rebellion zu politischen Subjekten werden, ohne dass sie als liberal-bürgerliche Subjekte agieren.</p>
<p>Im <em>planetary-thinking</em> der Gegenwart verschiebe sich der Fokus nun weg von der An- oder Abwesenheit des politischen Subjekts und hin zu dessen Bedingungen („human condition“) in einer sich radikal verändernden Umwelt, so Chakrabarty. Umweltentwicklungen wie die Klimaerwärmung und die damit einhergehende Frage nach der Reglementierung und Verteilung natürlicher Ressourcen sind Themen, die Historiker (einer postkolonialen Tradition) in Zukunft beschäftigen werden. Chakrabartys universalhistorischer Gang durch Theorien, Räume und Zeiten schien den Parcours der gesamten Konferenz zu wiederholen und bot eine ordnende Zusammenschau, die er &#8211; trotz teils schematisch bleibender Ausführungen &#8211; in einem eloquenten, nuancierten und erhellenden Vokabular vortrug.</p>
<p><em>Karin Rolle studierte Kulturwissenschaften an der Universität Leipzig, der University of California Davis (USA) und der Univerzita Karlova Prag. Zur Zeit ist sie Stipendiatin der Robert Bosch Stiftung und realisiert in diesem Zusammenhang Kultur- und Bildungsprojekte in Mittel- und Südosteuropa.</em></p>
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		<title>(Post-)säkulares, (post-)koloniales Frankfurt: Ein Tagungsrückblick</title>
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		<pubDate>Wed, 22 Jun 2011 08:06:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>ulrike</dc:creator>
				<category><![CDATA[Nachrichten]]></category>
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		<category><![CDATA[Charles Taylor]]></category>
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		<category><![CDATA[Postkolonialismus]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Pfingstwoche an der Uni Frankfurt stand im Zeichen des (Post-)Säkularismus und des (Post-)Kolonialismus. Zeitgleich zu der groß aufgezogenen internationalen Graduiertenkonferenz des Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies auf dem Campus Westend (&#8220;Colonial Legacies, Postcolonial Contestations. Decolonizing the Social Sciences and the Humanities&#8221;) fand im Gästehaus der Universität im kleinen Kreis eine Arbeitstagung des Exzellenzclusters [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Pfingstwoche an der Uni Frankfurt stand im Zeichen des (Post-)Säkularismus und des (Post-)Kolonialismus. Zeitgleich zu der groß aufgezogenen internationalen Graduiertenkonferenz des <em><a href="http://www.frcps.uni-frankfurt.de/">Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies</a> </em>auf dem Campus Westend (<a href="../index.php/2011/05/ein-wochenende-im-juni-postkoloniale-herausforderungen-und-umstrittene-wahrheiten/">&#8220;Colonial Legacies, Postcolonial Contestations. Decolonizing the Social Sciences and the Humanities&#8221;</a>) fand im Gästehaus der Universität im kleinen Kreis eine Arbeitstagung des <a href="http://www.normativeorders.net/">Exzellenzclusters <em>Normative Orders</em></a><em> </em>zum Thema <a href="../index.php/2011/05/big-name-konferenz-a-secular-age-or-a-postsecular-constellation/">&#8220;A Secular Age or a Postsecular Constellation?&#8221;</a> statt. Beide Events sorgten mit Charles Taylor, José Casanova und Dipesh Chakrabarty für internationale Prominenz auf dem Campus. Der folgende Rückblick befasst sich in erster Linie mit der letztgenannten Konferenz, welche die aktuellen Diskussionen über die Säkularisierungsthese, die Rolle von Religion in der Moderne und das Verhältnis von Politik und Religion in pluralistischen Gesellschaften aus soziologischen, politiktheoretischen, philosophischen und theologischen Blickwinkeln sowie unter besonderer Berücksichtigung des Werks Charles Taylors bearbeitete.<span id="more-3862"></span></p>
<p>Ein Vortrag Charles Taylors unter der Überschrift &#8220;The Meaning of the Post-Secular&#8221; im Rahmen der <a href="http://www.muk.uni-frankfurt.de/pm/pm2011/0411/083/index.html">Ringvorlesung</a> des Exzellenzclusters zum Thema &#8220;Postsäkularismus&#8221; bildete den Auftakt zur Tagung „A Secular Age or a Postsecular Constellation?“. Taylor interpretierte den von Habermas ins Spiel gebrachten Begriff des &#8220;Postsäkularismus&#8221; nicht als eine Rückkehr von Religion im Sinne eines Wiedererstarkens religiöser Überzeugungen und Praktiken, sondern im Sinne einer Veränderung des dominanten Denk- und Interpretationsrahmens insbesondere im akademischen Kontext der Sozialwissenschaften. Bildete das modernisierungstheoretische Narrativ des Niedergangs der Religion seit den 50er/60er Jahren des 20. Jahrhunderts weitgehend unhinterfragt die Prämisse sozialwissenschaftlicher Forschung und politischer Theorien, hat die neuere massive theoretische und empirische Kritik an der Säkularisierungsthese eine Rückkehr des Themas Religion auf die wissenschaftliche Agenda bewirkt. Der Ausdruck &#8220;postsäkular&#8221; muss sich nach Taylor auf ein Nachdenken über Religion und Moderne beziehen, das sich nicht länger innerhalb der Architektonik des klassischen Säkularisierungstheorems bewegt.</p>
<div id="attachment_3864" class="wp-caption alignnone" style="width: 189px"><a href="http://www.theorieblog.de/wp-content/uploads/2011/06/IMAG0162.jpg"><img class="size-medium wp-image-3864" title="IMAG0162" src="http://www.theorieblog.de/wp-content/uploads/2011/06/IMAG0162-179x300.jpg" alt="" width="179" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Taylor und Habermas sortieren ihre Differenzen</p></div>
<p>Mit der Säkularisierungsthese befassten sich im Rahmen der Tagung insbesondere die Religionssoziologen Detlef Pollack (Münster) und José Casanova (Washington). Pollack, dessen Vorträge häufig reich an Zahlenmaterial sind, wählte dieses Mal einen historischen Zugang. Er rekonstruierte detailreich die Geschichte westeuropäischer Gesellschaften als eine Geschichte der funktionalen Ausdifferenzierung. Casanova, der für seine historisch vergleichende Religionssoziologie bekannt ist und klassisch modernisierungstheoretischen Ansätzen, die verallgemeinerbare Aussagen über das Verhältnis von Religion und Moderne anstreben, höchst skeptisch gegenüber steht, sah sich durch Pollacks Hinwendung zu historischen Details in seinem eigenen Ansatz bestätigt (&#8220;Finally you are bringing history into your approach!&#8221;), die er in einem Abendvortrag noch einmal stark machte.</p>
<p>Aus der Perspektive der Politischen Philosophie plädierte James Bohman (St. Louis) in seinem Vortrag &#8220;Secularization and the Common Good&#8221; im Anschluss an Rawls für ein aggregationistisches gegenüber einem holistischen Verständnis von Gemeinwohl. Andreas Niederberger (Frankfurt) argumentierte für globale Gerechtigkeit nach dem Prinzip der Freiheit von Dominanz und mittels säkularer administrativer Strukturen und institutioneller Kontrolle. Casanova, Taylor und Hartmut Rosa (Jena) wandten gegen Niederbergers Perspektive ein, dass hier die Frage nach der Motivation gesellschaftlicher Akteure mit Blick auf die Schaffung und Erhaltung der Freiheit ermöglichenden Strukturen ausgeblendet werde. Rosa bestritt die Selbstgenügsamkeit abstrakter Gesetzlichkeit und unterstrich die Rolle herausragender Individuen als &#8220;paradigm examples&#8221;, die &#8220;eine Vision haben&#8221; und in der Lage sind, &#8220;die Menschen zu inspirieren&#8221;. Rosa selbst, der sich in seiner Dissertation <a href="http://www.campus.de/wissenschaft/philosophie/Politische+Philosophie/+Sozialphilosophie.40444.html/Identit%C3%A4t+und+kulturelle+Praxis.83254.html">&#8220;Identität und kulturelle Praxis. Politische Philosophie nach Charles Taylor&#8221;</a> (1998) intensiv mit Taylors Werk auseinandergesetzt hat, referierte zu der Unterscheidung von &#8220;zwei Paradigmen neuzeitlicher Welterfahrung&#8221; oder &#8220;zwei Weisen der Weltbeziehung&#8221; in Taylors Schriften: einer &#8220;rationalistisch-naturalistischen&#8221; Weltbeziehung, in der das Selbst als von der Welt abgetrennt gedacht wird, sodass die Welt &#8211; von Dingen und anderen Menschen bis hin zum eigenen Körper und sogar den eigenen Gefühlen &#8211; als verdinglicht und manipulierbar erscheint, und einer &#8220;romantisch-expressivistischen&#8221; Weltbeziehung, die eine lebendige und wechselseitig konstitutive Beziehung zwischen Selbst und Welt annimmt und die Rosa im weiteren Verlauf seines Vortrags unter dem Begriff der &#8220;Resonanzbeziehung&#8221; näher thematisierte.</p>
<p>Eine sehr lebendige Diskussion provozierte Volker Gerhardt (Berlin) mit seinem Vortrag über &#8220;Säkularisierung als historische Chance für den Glauben&#8221;, in dem er für eine   Konzeption des glaubenden Subjekts als vernünftiges, souveränes Individuum plädierte. Gerhardt versuchte, diese Konzeption in kritischer Abgrenzung zu Taylor zu verteidigen, dem er einen &#8220;antiindividualistischen Affekt&#8221; und eine Vorliebe für eine &#8220;voremanzipative Verfassung des Menschen&#8221;, in der der &#8220;Verfügung über ihn durch eine Gemeinschaft als Gewinn begriffen&#8221; werde, attestierte. Diese Darstellung Taylors veranlasste den Taylor-Kenner Hartmut Rosa, der für seine Theoretisierung der Moderne unter dem Begriff der <a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/beschleunigung-hartmut_rosa_29360.html">&#8220;Beschleunigung&#8221;</a> bekannt ist, in der Diskussion zu der Vorbemerkung, dass sich während des Vortrags sein &#8220;Puls extrem beschleunigt&#8221; habe. Er stellte klar, dass Gemeinschaften bei Taylor die Ausbildung und Entfaltung von individueller Identität nicht behindern, sondern gerade ermöglichen sollen.</p>
<p>Bassam Tibi (Göttingen) und Susanne Schröter (Frankfurt) thematisierten in ihren Vorträgen den Islam, William A. Barbieri (Washington) widmete sich sechs möglichen Deutungen des Begriffs der Post-Säkulariät, Michael Kühnlein stellte die Frage nach &#8220;Religion als Suspension der Moral?&#8221;, Micha Brumlik (Frankfurt) referierte zu Agambens Auseinandersetzung mit Paulus&#8217; Römerbrief und Thomas M. Schmidt (Frankfurt) argumentierte mit Bezug auf die Debatte über Religion und Moderne mit Luhmann für eine Konzeptualisierung von Religion als &#8220;Differenzbewusstsein&#8221;. Anthony Carroll (London) beschloss die Konferenz am Samstagmittag mit einem Vortrag zu &#8220;Normative Implications of Interreligious Dialogue&#8221;. Die Vorträge von Hauke Brunkhorst (Flensburg) und Karl Kardinal Lehmann (Mainz) fielen krankheitsbedingt aus. Für die <em>Frankfurter Rundschau</em> <a href="http://www.fr-online.de/kultur/scheitern-als-chance--religion-als-versuchung/-/1472786/8577734/-/">berichtete</a> Christian Schlüter über die Konferenz, und auch <a href="http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/themen/155022/index.html">3sat</a> war vor Ort.</p>
<p>Auf dem Campus Westend bot sich am Nachmittag dann noch die Möglichkeit, die Keynote eines weiteren internationalen Schwergewichts, des Historikers und Theoretikers Dipesh Chakrabarty (Chicago), zu hören. Dessen Buch <a href="http://press.princeton.edu/titles/8507.html">&#8220;Provincializing Europe&#8221;</a>, auf das sich Casanova während der (Post)Säkularismus-Konferenz mehrfach bezog, stellt einen einflussreichen Beitrag in der sozialtheoretischen Debatte über die Moderne dar. Bei den KonferenzteilnehmerInnen der Postcolonial-Tagung war trotz 24 absolvierter Panels und des &#8220;Frankfurt&#8217;s Colonial Hangover&#8221; am vorangegangenen Abend &#8211; einer City Tour auf den Spuren von kolonialer Geschichte und Kolonialromantik in Frankfurt &#8211; von Erschöpfung nichts zu spüren: der Vortragssaal im Casino war rappelvoll und die Diskussion zu Chakrabartys Vortrag mit dem Titel &#8220;History and the Time of the Present&#8221; lebhaft. Mit dieser großen internationalen Konferenz ist es Nikita Dhawan und ihrem Team vom <em>Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies</em> sicherlich gelungen, die Etablierung der Postcolonial Studies in der deutschsprachigen akademischen Landschaft voranzubringen.</p>
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