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	<title>theorieblog.de &#187; Reflexionen</title>
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	<description>Ein Forum für politische Theorie und Philosophie</description>
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		<title>Honneth-Lesekreis (10): Die Institution der demokratischen Öffentlichkeit</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Feb 2012 21:09:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>volker_h</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reflexionen]]></category>
		<category><![CDATA[Axel Honneth;Freiheit; Lesekreis; Demokratie]]></category>

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		<description><![CDATA[Teil C, Kapitel III.3 (Das „Wir“ der demokratischen Willensbildung: a. Demokratische Öffentlichkeit) (S. 470-567) Ohne die beiden anderen Sphären der sozialen Freiheit, persönliche Beziehungen und marktwirtschaftliches Handeln, abwerten zu wollen, nennt Honneth die politische Sphäre, verstanden als öffentliche Deliberation und Willensbildung, das „Herzstück“ (470) der sozialen Freiheit in Gesellschaften unseren Typs. Dabei soll die Zentralität [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Teil C, Kapitel III.3 (Das „Wir“ der demokratischen Willensbildung: a. Demokratische Öffentlichkeit) (S. 470-567)</em></p>
<p>Ohne die beiden anderen Sphären der sozialen Freiheit, persönliche Beziehungen und marktwirtschaftliches Handeln, abwerten zu wollen, nennt Honneth die politische Sphäre, verstanden als öffentliche Deliberation und Willensbildung, das „Herzstück“ (470) der sozialen Freiheit in Gesellschaften unseren Typs. Dabei soll die Zentralität dieser „dritten Sphäre“ (483) ausdrücklich nicht substanzhaft und „freistehend“ (472) wie bei Hegel und modernen Demokratietheoretikern verstanden werden. Honneth verspricht, die Frage nach dem „Verweisungszusammenhang“ (473) der unterschiedlichen Sphären sozialer Freiheit später zu klären. Ich selbst werde im Folgenden seine Kernaussagen zusammenfassen und am Schluss einige Kritikpunkte auflisten. <span id="more-5651"></span></p>
<p>Honneth resümiert zunächst die Entwicklung der bürgerlichen und plebejschen Öffentlichkeiten im 18. und 19. Jahrhundert als eine Fortschrittsbewegung von der Verankerung liberaler Freiheitsrechte zur Durchsetzung und allmählichen Ausdehnung von politischen Teilnahmerechten auf bisher ausgeschlossene Gruppen (Frauen, Besitzlose usw.). Während die liberalen Freiheitsrechte die Ausübung negativer und reflexiver Freiheit garantieren, bilden das Versammlungs- und Vereinsrecht die institutionelle Grundlage der sozialen Freiheit, weil diese Rechte zur „deliberativen Kommunikation“ (482) einladen und die geäußerten Gedanken und Handlungen von Einzelnen und Gruppen einem öffentlichen Rechtfertigungszwang aussetzen. Von bereits bekannten Darstellungen dieser Zusammenhänge (Habermas, Marshall u.a.) unterscheidet sich Honneths Rekonstruktion durch den Hinweis, dass der öffentliche Raum für den zwanglosen Austausch von Argumenten nicht selbst argumentativ hergestellt wurde, sondern durch „Barrikaden im Straßenkampf“ (486) und andere materielle Praktiken. Später werden die Partisanen und die Soldaten und Geheimdienste der Alliierten im Zweiten Weltkrieg als letzte Hüter jener befreienden Normen genannt, auf die sich die buchstäblich exilierte Theorie damals allein noch stützen konnte (520).</p>
<p>Im nächsten Schritt versucht Honneth, die Frage zu beantworten, wie sich die von ihm rekonstruierten Normen zur Wirklichkeit der europäischen Gesellschaftsgeschichte verhalten, in der sie nur sehr bruchstückhaft durchgesetzt werden konnten. Vor allem zeigt die Geschichte, dass der Antisemitismus und der Fremdenhass durch dieselben Institutionen der demokratischen Öffentlichkeit genährt und befördert worden sind, die doch eigentlich Instrumente der Kontrolle der politischen Macht durch Argumente sein sollten. Honneth spricht von einer „grundsätzlichen Ambivalenz der Institution der Öffentlichkeit“ (492). Der Grund für diese Ambivalenz ist selbst nicht ganz eindeutig. Honneth nennt zum einen den „nationalstaatlichen Rahmen“ (490) der Öffentlichkeit, zum anderen die „naturalistische Interpretation nationaler Zugehörigkeit“ (492). Sodann fragt er nach den Voraussetzungen für die Aufhebung jener Ambivalenz und findet Hinweise bei Durkheim und John Dewey. Auf die Frage nach der Quelle jener „solidarischen Empfindungen“ (495), die die Institution der Öffentlichkeit vor ihrer Verwandlung in eine Propagandamaschine der Fremdenfeindlichkeit bewahren können, antwortet Honneth mit dem Hinweis auf Durkheims Begriff der „staatsbürgerlichen Moral“, einem Vorläufer des „Verfassungspatriotismus“.</p>
<p>Der nächste Kronzeuge ist Dewey, der die Demokratie an die freie Zirkulation von Ideen und eine allseits zu erlernende „Kunst“ der offenen Kommunikation bindet. Dewey formuliert ein Ideal der demokratischen Öffentlichkeit und kritisiert die Ausbreitung einer Medienlandschaft, die nur noch Nervenkitzel erzeugt. Im Text funktioniert das von Dewey und anderen formulierte Ideal der Öffentlichkeit nicht anders als das von Honneth verworfene Konzept eines externen Maßstabs der Kritik. So vermisst Honneth mit Dewey z.B. ein „hohes Niveau“ der Berichterstattung in den Massenmedien und sieht darin eine „Abweichung vom Ideal“ (514, 508) einer wohlinformierten Bürgerschaft.</p>
<p>Honneth bezeichnet die NS-Herrschaft als eine bloße „Unterbrechung“ (517) der Fortschrittsgeschichte. Für die Zeit nach dieser Unterbrechung sieht Honneth vor allem (und viel zu optimistisch) einen enormen Zuwachs der Bedeutung der Menschenrechte in der internationalen Gesellschaft, den Bruch mit der „männlichen Definitionsmacht über das ‚Wir’ der demokratischen Öffentlichkeit“ (535), die Erschütterung der „nationalen Grundlage“ dieser Öffentlichkeit durch die Sichtbarwerdung und schrittweise Inklusion von Migranten (535-8) sowie die Selbstaufwertung von sexuellen Minderheiten.</p>
<p>Auf den Seiten 539-67 diskutiert Honneth zusammenfassend Bedingungen der sozialen Freiheit in der Sphäre der demokratischen Öffentlichkeit. Ich möchte drei Punkte hervorheben. Gegen deliberative Demokratietheorien und den Internet-Hype betont Honneth die Bedeutung der „leibgebundenen Versammlung von Gleichgesinnten“ (543) für das Gelingen von Verständigungsprozessen; das Theorem der „Zivilgesellschaft“ wird als ein artifizielles Medienprodukt kritisiert, das sowohl von Akteuren als auch Theoretikern der demokratischen Öffentlichkeit in einem Akt der Selbstverblendung für bare Münze genommen wurde (551-3); schließlich werden der „digital divide“ und die Aussicht auf eine Weltgesellschaft kritisiert, in der gut vernetzte kosmopolitische Eliten allenfalls noch Fürsprecher jener elektronisch und sozial abgehängten Massen sind, die selbst nicht mehr zu Wort kommen (563-5).</p>
<p>Vier Kritik- und Diskussionspunkte:</p>
<p>(1) Wo steht geschrieben, dass die Aufgabe der Massenmedien nur darin bestehen soll, zur „Lösung sozialer Probleme“ (542) beizutragen? Dies ist eine intellektualistische Verengung. Gegenthese: Die Massenmedien produzieren das moderne Äquivalent eines kollektiven Bewusstseins. Öffentliches wird für den privaten Gebrauch aufbereitet, Privates wird enthüllt und öffentlich gemacht. Dies geschieht in einer Weise, die es den Individuen erlaubt, sich zumindest gelegentlich mit der „Gesellschaft” eins zu fühlen. Auch die triviale, allseits verachtete Medienkultur ist wichtig, weil hier getestet und vorentschieden wird, was Bewunderung und Verachtung verdient, und welche bisher marginalisierten oder abweichenden Gruppen als inklusionswürdig zu betrachten sind.</p>
<p>(2) Woher kommen „solidarische Empfindungen“ (495)? Bei Honneth gibt es einen Zirkelschluss. Durkheims staatsbürgerliche Moral und Habermas’ Verfassungspatriotismus sollen die Entstehung solidarischer Empfindungen erklären, obwohl sie doch selbst ein Produkt solidarischer Empfindungen ist. Im Widerspruch zu sich selbst kritisiert auch Honneth an einer anderen Stelle die Idee des Verfassungspatriotismus wegen „ihrer emotionalen Blässe, ihrer Tendenz zum bloß moralisch Erstrebenswerten“ (546).</p>
<p>(3) Woher kommen Faschismus und Rassismus? Die Passagen zu Fremdenhass und Rassismus in der europäischen Geschichte lesen sich bei Honneth so, als seien diese Phänomene gleichsam aus dem Nichts über die Gesellschaften hereingebrochen. Aus Anlass der Dreyfus-Äffare im Frankreich des späten 19. Jahrhunderts heißt es, die politische Öffentlichkeit habe sich „plötzlich“ und „über Nacht“ von einem Medium der freien Kommunikation in ihr Gegenteil verkehrt (491-2).</p>
<p>(4) Hält Honneth sein Programm der normativen Rekonstruktion durch? Zu Habermas und Arendt heißt es: „&#8230; beide Autoren hatten in der jeweils von ihnen präferierten Sozialfigur des öffentlichen Lebens eine Gestalt der sozialen Freiheit verwirklicht gesehen, die von nun an, einmal zu Papier gebracht und publik gemacht, als Anspruch und kritischer Maßstab alle weiteren historischen Entwicklungen begleiten sollte“ (526). Der Satz klingt so, als hätten die beiden mehr getan als nur die Wirksamkeit bereits etablierter Normen und Ideale in der Praxis öffentlicher Akteure aufzuspüren. Vielmehr haben beide ihre eigenen, jeweils unterschiedlichen Präferenzen in ihrem Untersuchungsfeld bestätigt gefunden und „verwirklicht gesehen“. Erst durch den performativen Akt des Aufschreibens und Publizierens dieser Befunde wurde daraus ein „kritischer Maßstab“. Habermas wird auf der nächsten Seite sogar das Kompliment zuteil, das Ideal der freien öffentlichen Willensbildung „gewissermaßen rein und historisch noch unbefleckt“ (527) zur Welt gebracht zu haben. Heißt all das nicht letzten Endes: Nur solange wir kritisch in den Wald der Wirklichkeit hineinrufen, schallt es kritisch aus ihm heraus?</p>
<p><a href="http://www.theorieblog.de/index.php/lesekreis-axel-honneth-recht-der-freiheit/">Gesamtübersicht zum Lesekreis</a></p>
<p><a href="http://www.theorieblog.de/index.php/lesekreis-axel-honneth-recht-der-freiheit/"> </a></p>
<p><em>Volker Heins ist Wissenschaftler am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main und Faculty Fellow am Center for Cultural Sociology, Yale University. Zuletzt erschien: Beyond Friend and Foe. The Politics of Critical Theory, Leiden/Boston: Brill, 2011.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Honneth-Lesekreis (9): Freiheit nine to five?</title>
		<link>http://www.theorieblog.de/index.php/2012/01/honneth-lesekreis-9-freiheit-nine-to-five/</link>
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		<pubDate>Mon, 30 Jan 2012 09:29:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>lisa_h</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reflexionen]]></category>
		<category><![CDATA[Axel Honneth; Freiheit; Lesekreis; Arbeitsmarkt]]></category>

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		<description><![CDATA[Teil III.2: Das „Wir“ des marktwirtschaftlichen Handelns: c. Arbeitsmarkt (410-470) Die Bürger marktwirtschaftlicher Gesellschaften verbringen einen großen Teil ihrer wachen Lebenszeit nicht in der Familie oder beim Konsum, sondern in der Arbeit. Für viele Menschen stellt sie nicht nur einen Einkommenserwerb dar, sondern auch einen Ort des sozialen Austausches und vielleicht auch der Selbstverwirklichung. Honneths [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Teil III.2: Das „Wir“ des marktwirtschaftlichen Handelns: c. Arbeitsmarkt (410-470)</em></p>
<p>Die Bürger marktwirtschaftlicher Gesellschaften verbringen einen großen Teil ihrer wachen Lebenszeit nicht in der Familie oder beim Konsum, sondern in der Arbeit. Für viele Menschen stellt sie nicht nur einen Einkommenserwerb dar, sondern auch einen Ort des sozialen Austausches und vielleicht auch der Selbstverwirklichung. Honneths Frage danach, ob und wie im Arbeitsmarkt ein „Wir“ der sozialen Freiheit möglich ist, besitzt daher große Plausibilität.<span id="more-5593"></span><br />
Ausgehend von dem Hegelschen Ansatz, dass der moderne Bürger in seinem Berufsstand seine „Ehre“ habe, folgt Honneth den Entwicklungen des Arbeitsmarktes vom frühen 19. Jahrhundert bis heute. Sein Ziel ist, die “moralische Tiefengrammatik” (421) der Kämpfe um Anerkennung im Arbeitsmarkt nachzuzeichnen. Der „pure Überlebensdruck“ (415) habe in der frühkapitalistischen Phase zu einer weitgehenden Akzeptanz der ausbeuterischen Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt geführt. Erst mit der Entstehung der Gewerkschaften sei wirklich Bewegung in die Fronten gekommen. Allerdings, so Honneth, habe die „verrechtliche Form der im Entstehen begriffenen Sozialpolitik“ (426) dem entgegengestanden, weil dadurch das Individuum “administrativ aus den mittlerweile entstandenen Gemeinschaften” herausgelöst werde (427).<br />
Diese Bewertung erstaunt – in der Regel werden die Schutzmaßnahmen, die im ausgehenden 19. Jahrhundert entstanden, als Fortschritt gewertet. Doch wird gerade daran klar, dass Honneth, wie er auch immer wieder betont, den Arbeitsmarkt unter einer ganz spezifischen Perspektive sieht: der Frage nach sozialer Freiheit. Dies wird auch darin sichtbar, wie er die bewegte Geschichte der Gewerkschaftsbewegung bis ins 20. Jahrhundert hinein nachzeichnet. Das geht so weit, dass er den Gewerkschaften vorwirft, ein „normative[s] Selbstverständnis“ als Akteure, die auf eine „soziale Umgestaltung der Marktwirtschaft im ganzen“ hinwirken würden, nicht erreicht zu habe; sie seien im wesentlichen Interessensorganisationen geblieben (433)<br />
Die positivste Phase in der Geschichte einer Versittlichung des Arbeitsmarkts sieht Honneth in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg, in denen eine „Grundstimmung des sozialen Egalitarismus“ geherrscht habe (445). Danach sei Bewegung allerdings ins Stocken geraten, und Honneths Schilderung der jüngeren Vergangenheit ist pessimistisch. Der Arbeitsmarkt habe sich, nicht zuletzt durch die Bildungsreformen der 1970er, segmentiert, und insbesondere die „periphere“ Lohnarbeiterschicht an dessen unterem Rand sei sozial abgehängt worden (451). Seit den 1990ern habe die immer stärkere Orientierung am Shareholder Value und die verstärkte internationale Konkurrenz zu einer Erosion des normativen Status der Lohnabhängigkeit geführt &#8211; ein „reale[r] Verlust der bislang erkämpften Errungenschaften“ (456). Heute sieht Honneth eine Arbeitnehmerschaft, die von ständiger Unsicherheit bedroht ist (457). Anstatt sich gemeinschaftlich zu organisieren, verfielen die meisten in Fatalismus, es gebe „kaum mehr kollektive Abwehrreaktionen“ (459) und eine „beklemmende Sprachlosigkeit“ (462). Auch hierbei liegt Honneths Schwerpunkt nicht so sehr auf den materiellen und rechtlichen Verschlechterungen, sondern vor allem darauf, dass die „Chancen, sich als ein Gleicher unter Gleichen in den Kooperationszusammenhang des kapitalistischen Marktes einbezogen zu wissen“ sich kaum verbessert hätten (458). Als Ausblick bleibt nur die Hoffnung auf eine „nachholende Internationalisierung von Gegenbewegungen, die eine „schrittweise Vergesellschaftung des Arbeitsmarktes“ ermöglichen würden (469f.).</p>
<p>Aus den vielen Diskussionsfäden, die sich hier anknüpfen ließen, kann ich hier nur einige wenige herausgreifen – ich nehme insbesondere Punkte auf, die in den vergangenen Wochen schon andiskutiert wurden.</p>
<p>(1) Das Verhältnis negativer/rechtlicher und sozialer Freiheit im Markt. Honneth steht rechtlichen Maßnahmen, insofern sie „vereinzelnd“ wirken, skeptisch gegenüber. Aber sind es nicht oftmals gerade die rechtlichen Absicherungen, die es den Individuen erlauben, sich auf Augenhöhe zu begegnen und gerade deshalb möglicherweise so etwas wie soziale Freiheit zu erfahren. Oder stehen die soziale Freiheit (der einen?) und die rechtliche Freiheit (der anderen?) hier in einem grundsätzlichen Widerspruch? Oder möglicherweise sogar die sozialen Freiheiten verschiedener Akteure, so dass wiederum eine rechtliche Regulierung nötig ist? Vielleicht wird soziale Freiheit im Markt am ehesten unter Kollegen in stabilen, langfristigen, fairen Beschäftigungsverhältnissen erlebt (vgl. Hegels Korporationen) – diese müssten dann aber auch entsprechend rechtlich abgesichert sein.<br />
(2) Effizienz und soziale Freiheit. Wäre ein Markt, der so funktioniert, wie Honneth das als normativ wünschenswert beschreibt, noch so effizient wie ein freierer? Falls nein, wäre die Frage, wer die Bürde der verminderten Effizienz zu tragen hätte. Eine Verschiebung hin von materieller Effizienz zu mehr sozialer Freiheit mag wünschenswert sein – aber wenn dies z.B. auf dem Rücken der material am schlechtesten gestellten Gruppe passieren würde, könnten evtl. Gerechtigkeitsgründe dagegen sprechen. Auch hier müsste explizit gemacht werden, wo es potentielle Konflikte gibt.<br />
(3) Verhältnis Arbeitsmarkt – Familie. Honneth greift das hier nicht noch einmal auf, würde aber möglicherweise mit seiner Kritik an der Unplanbarkeit des Arbeitsmarktes an das anschließen, was er im Kapitel zu Familie an sozialpolitischen Veränderungen gefordert hat. Aber gerade in Bezug auf flexible Arbeitszeiten und überhaupt die Erwerbsbeteiligung von Frauen hat sich einiges getan in den letzten Jahrzehnten – auch wenn natürlich noch viel mehr passieren muss. Eine traurige Ironie dabei ist allerdings, dass gerade mit der normativen Aufwertung von Erwerbsarbeit die Gefahr einhergeht, nicht-marktliche Formen von Arbeit (egal, von wem sie erbracht wird) implizit abzuwerten. Ich denke nicht, dass man das Honneth unterstellen sollte – jedenfalls schade, dass zum Verhältnis von Familie und Arbeitsmarkt kaum etwas ausgeführt ist.<br />
(4) Zur Theoriebildung – das halte ich für die schwierigste Frage zu dem ganzen Abschnitt über den Markt. Amir hat schon angesprochen, dass es problematisch sein könnte, dass Arbeits- und Konsumsphäre getrennt voneinander betrachtet werden. Hier möchte ich noch einen Schritt weiterfragen. Honneths Betrachtungsweise ist im Wesentlichen eine soziologische. Eine systemische (ökonomische?!) würde ganz andere Dinge in den Vordergrund stellen – z.B. den Wettbewerb als einen Mechanismus, der Macht unterminieren kann, über das Preissystem Informationen verteilt, und positive Effekte nicht als Ergebnis von gemeinschaftlichem Handeln, sondern als nichtintendierte Folgen vernünftigen Eigeninteresses hervorbringt. Natürlich hat die mangelnde Regulierung dieses Systems in den letzten Jahren zu zahlreichen Problemen geführt. Trotzdem scheint mir, dass eine systemische Betrachtung des Marktes mitsamt all seinen indirekten und teilweise kontraintuitiven Effekten nicht vollkommen fehlen darf, gerade auch, wenn es um soziale Freiheit geht – möglicherweise sind es gerade systemische Prozesse, die diese ermöglichen oder zerstören. Nur: wie können einen systemische und eine soziologische Betrachtung von wirtschaftlichen Prozessen verbunden werden? Dass beides zusammenkommen müsste, um das, was derzeit in der globalen Wirtschaft passiert, zu erfassen, scheint mir unvermeidbar – aber wie kann das theoretisch geleistet werden?</p>
<p>Trotz mancher Kritik im Detail sei noch einmal betont, dass Honneth sehr hochanzurechnen ist, derartige Fragen überhaupt philosophisch zu erörtern, und damit gegen die gefühlte Deutungshoheit der Ökonomen anzuschreiben. Egal, wie man seine Vorschläge konkret bewertet – die Relevanz der sich ergebenden Fragen dürfte kaum zu leugnen sein.</p>
<p><a href="http://www.theorieblog.de/index.php/lesekreis-axel-honneth-recht-der-freiheit/">Gesamtübersicht zum Lesekreis</a></p>
<p><em><a href="http://www.unisg.ch/Schools/Humanities%20and%20Social%20Sciences/Ueber%20SHSS%20Fachbereiche%20Personen/Philosophie/Mitarbeitende.aspx?person=66630abf-cb09-41cc-a33b-d7feb1a76c8c&amp;name=Lisa_Herzog">Lisa Herzog</a> ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich der Philosophie der Universität St. Gallen. Im September 2011 hat sie ihre Promotion mit dem Titel „Inventing the Markt – Smith, Hegel and Political Theory“ an der Universität Oxford abgeschlossen.</em></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Honneth in der Sternstunde Philosophie</title>
		<link>http://www.theorieblog.de/index.php/2012/01/honneth-in-der-sternstunde-philosophie/</link>
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		<pubDate>Thu, 26 Jan 2012 09:54:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>susanne</dc:creator>
				<category><![CDATA[Nachrichten]]></category>
		<category><![CDATA[Reflexionen]]></category>
		<category><![CDATA[Axel Honneth; Lesekreis; Freiheit; Philosophie]]></category>

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		<description><![CDATA[Axel Honneth, dessen Buch in unserem Blog derzeit rege besprochen wird, war nun auch zu Gast in der Sternstunde Philosophie des Schweizer Fernsehens. Die Schweizer Philosophin und Journalistin Barbara Bleisch hat mit dem Frankfurter Sozialphilosophen unter anderem über die Occupy Bewegung, die Kritische Theorie, das Selbstverständnis von PhilosophInnen, über den Einfluss von Rockmusik auf Honneths [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Axel Honneth, dessen Buch in unserem Blog derzeit rege <a href="http://www.theorieblog.de/index.php/lesekreis-axel-honneth-recht-der-freiheit/">besprochen</a> wird, war nun auch zu Gast in der <a href="http://www.sendungen.sf.tv/sternstunden/Sendungen/Sternstunden">Sternstunde</a> Philosophie des Schweizer Fernsehens. Die Schweizer Philosophin und Journalistin Barbara Bleisch hat mit dem Frankfurter Sozialphilosophen unter anderem über die Occupy Bewegung, die Kritische Theorie, das Selbstverständnis von PhilosophInnen, über den Einfluss von Rockmusik auf Honneths politisches Denken sowie natürlich über den Kampf um Anerkennung (und dessen Potenzial für die heutige Gesellschaft) gesprochen. Das knapp einstündige Fernsehinterview ist <a href="http://www.videoportal.sf.tv/video?id=6f890969-57a7-4a7a-b2dc-6397b55b1387">hier</a> zu sehen.</p>
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		<title>Honneth-Lesekreis (8): Divide et impera – Wie der manipulierende Unternehmer den vereinzelten Konsumenten abserviert</title>
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		<pubDate>Mon, 23 Jan 2012 17:53:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>amir_m</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reflexionen]]></category>
		<category><![CDATA[Axel Honneth; Freiheit; Lesekreis; Markt]]></category>

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		<description><![CDATA[Teil C, III.2, Das „Wir“ des marktwirtschaftlichen Handelns: b) Konsumsphäre (S. 360-410) Dass der kapitalistische Markt nicht mehr als „unabhängig von normativen Erwartungen und moralischen Rücksichtnahmen“ (320) betrachtet werden darf, sondern das adäquate Verständnis desselben ihn in seiner „sittlichen Einbettung“ (321) zu sehen hat, darauf hat Honneth in seiner Vorklärung bereits hinzuweisen gesucht. Aufgabe der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Teil C, III.2, Das „Wir“ des marktwirtschaftlichen Handelns: b) Konsumsphäre (S. 360-410)</em></p>
<p>Dass der kapitalistische Markt nicht mehr als „unabhängig von normativen Erwartungen und moralischen Rücksichtnahmen“ (320) betrachtet werden darf, sondern das adäquate Verständnis desselben ihn in seiner „sittlichen Einbettung“ (321) zu sehen hat, darauf hat Honneth in seiner Vorklärung bereits hinzuweisen gesucht. Aufgabe der anschließenden beiden Unterkapitel des Abschnitts zum marktwirtschaftlichen Handeln ist es nun, diesen mit Moral und Sitte gefüllten Marktbegriff in seiner geschichtlichen Entwicklung zu verfolgen. Vor diesem Hintergrund widmet sich Honneth zunächst der „Konsumsphäre“ (360-410).<span id="more-5574"></span></p>
<p>Zuerst betrachtet Honneth die wandlungsreiche Zeit rund um Hegels Schaffensperiode. Damals habe Hegel nicht nur erkannt, dass das Verhältnis von Konsumenten und Produzenten als reziprokes Anerkennungsverhältnis zu betrachten ist (vgl. 363), sondern bereits gesehen, dass dieses normative Verhältnis auch in die Brüche gehen kann. Angetrieben werde diese Gefahr von zwei Tendenzen, die Hegel bereits andeute: Auf der einen Seite nutzen Unternehmen die Fortschritte der allgemeinen Produktionstechnik zunehmend auch zur professionalisierten Manipulation der Konsumentenbedürfnisse; und auf der Seite der Verbraucher entwickelt sich eine Art von Konsum, die nicht wesentlich an der Qualität des konsumierten Gebrauchsgegenstands orientiert ist, sondern an der „distinktionsschaffenden“ Wirkung der Ware. Der mächtige Verwirklichungsprozess dieser beiden Tendenzen hat, so Honneth, nicht lange auf sich warten lassen und den gesamten Gütermarkt erheblich verändert (vgl. 364). Dabei habe der praktische Versuch, die Sphäre der Konsumtion als „Institution sozialer Freiheit“ (377) zu etablieren, es auch jenseits von Manipulation und Luxus von Anfang an nicht leicht gehabt; Honneth erwähnt in diesem Zusammenhang etwa die Massenarmut des Proletariats und die Problematik des »Konsums« von sexuellen Diensten (366-369).</p>
<p>Gegen diese Hindernisse der sozialen Freiheit formieren sich allerdings schon im 19. Jahrhundert soziale Bewegungen, die Honneth in „vier Klassen von normativen Weichenstellungen“ (384) zusammenfasst: Erstens entzündet sich bereits über die Frage, welche Güter überhaupt als Waren auftreten dürfen, ein normativer Diskurs. Zweitens zeigen die Hungerstreiks jener Zeit, dass Produktion und Preisgestaltung gerade bei elementaren Gütern nicht ausschließlich an der profitorientierten Marktlogik ausgerichtet sein sollen. Mit einer solchen Forderung werde der „normative Anspruch“ zum Ausdruck gebracht, dass die Marktwirtschaft „der Befriedigung elementarer Interessen der Konsumenten zu genügen hat.“ (383) Drittens nimmt bereits in jener Zeit die kritische Haltung zum „luxurierend(en) oder privatistisch(en)“ Konsum Gestalt an. Und viertens werde an der zügigen Ausbreitung der Konsumgenossenschaften deutlich, dass – neben der zuerst genannten Frage nach den möglichen Gegenständen des Marktes – auch die Art und Weise des Erwerbs und Konsums gestaltungsoffen ist.</p>
<p>Verzweifelt verfolgt nun Honneth das Schicksal dieser vier normativen Weichenstellungen zunächst etwas genauer für die kurze Zeit vor den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts und anschließend in der Periode der Nachkriegszeit, die sich durch Ideologieverdrossenheit im Konsum auszeichnet. Gäbe es die 68er nicht, dies wäre das Resultat der Suche nach marktvermittelten Gestalten sozialer Freiheit: „(D)er Punkt des Eingeständnisses eines endgültigen Scheiterns“ (390).</p>
<p>Die Studentenbewegung bringt noch einmal Bewegung in das „strukturelle Ungleichgewicht“ (389) zwischen den manipulierenden Unternehmen und den vereinzelten, kommunikationslosen Verbrauchern. Sie unterwirft den ausufernden Konsumismus einem „öffentlichen Rechtfertigungsdruck“, sie bewirkt die Kritik an den moralischen und ökonomischen Kosten der „industriellen Anstachelung des Privatkonsums“ (393) und kann wohl insgesamt als Wiederaufnahme jener vier normativen Weichenstellungen betrachtet werden. Den vorherigen Versuchen sei diese Phase aber insofern überlegen, als es ihr besser gelingt, ihrer Kritik auch einen „institutionellen Niederschlag in politischen Bewegungen und rechtlichen Aktivitäten“ (394) zu verleihen.</p>
<p>Auf dieser Grundlage sei das, was wir heute „Moralisierung“ des Konsumverhaltens nennen, erst etabliert geworden (vgl. 397). Freilich weist Honneth darauf hin, dass dieser „ethisierende“ Konsum nur in einem Bruchteil unserer Gesellschaften zu finden ist. Neben dieser kleinen, „akademisch gebildeten“ Gruppe (ebd.) stehen auf der einen Seite die Sozialhilfeempfänger, für die es keine materielle Grundlage zur moralischen Deliberation gibt, und auf der anderen Seite die wohlhabenden Schichten, die ihren <em>Porsche Cayenne</em> durch die 30er Zonen der Großstädte steuern (vgl. 397-402). Bedauerlicherweise gäbe es gegenwärtig auch keine diskursiven Mechanismen, die zwischen diesen verschiedenen Konsumgruppen vermitteln würde. Dies sei insbesondere vor dem Hintergrund misslich, dass ihre Interessen aufgrund der fehlenden Vermittlung „sich gegenseitig im Weg stehen, ja, wechselseitig sogar behindern“ (402). Wenn sich aber drei streiten, freut sich der Vierte: Die auf dem Konsumgütermarkt tätigen Unternehmen riechen diese „Segmentierung der Verbraucherinteressen“ natürlich und servieren den unverbundenen Konsumenten jeweils das extra Zugeschnittene. Darum gilt letzten Endes: „Ein Baustein demokratischer Sittlichkeit ist […] die marktvermittelte Sphäre des Konsums in den letzten Jahrzehnten nicht geworden.“ (405)</p>
<p>An diesem material- und thesenreichen Abschnitt zur „Konsumsphäre“ ließe sich vieles diskutieren. Ich stelle einfach vier Aspekte zur Diskussion, die mir selbst unklar geblieben sind:</p>
<p>1. Welchen analytischen Vorteil liefert die methodische Abstraktion von der Komplexität des Marktgeschehens zur Einfachheit des Dualismus von „Unternehmen“ und „Konsumenten“, die im Zuge der normativen Rekonstruktion dann als reale Gruppen in einem Interessenkonflikt stehen sollen? Droht diese Abstraktion nicht die Tatsache zu vernachlässigen, dass der von Honneth kritisierte SUV-Konsument (401) wenige Minuten bevor er in sein Vehikel steigt noch selbst als Unternehmer die Produktion eben solcher Güter angewiesen hat? Honneth macht auf diese Verknüpfung von Zirkulation und Produktion am Schluss des Abschnitts selbst aufmerksam, um die Auseinandersetzung mit dem Arbeitsmarkt zu motivieren. Die Frage ist, ob eine engere Zusammenschau von Arbeit und Konsum nicht dabei geholfen hätte, jenes &#8220;strukturelle Ungleichgewicht&#8221; des Marktes, das &#8220;schon immer bestanden hatte&#8221; (389), auch systematisch zu erklären, statt es bloß historisch-punktuell zu beleuchten.</p>
<p>2. Wer von Manipulation spricht, der setzt ein Verständnis davon voraus, wie die „ursprüngliche“ (381, 404) Behandlung der Bedürfnisse auszusehen hat. Darüber würde ich gerne mehr hören.</p>
<p>3. Es ist davon auszugehen, dass die Antwort auf die zweite Frage irgendwie auf „soziale Freiheit“ hinauslaufen soll. An welchen Stellen aber – und das ist ja in den bisherigen Kommentaren schon angesprochen worden – die in diesem Abschnitt verfolgte Entwicklung der Konsumsphäre wirklich die Anforderungen dessen erfüllt, was nicht bloß normativ oder moralisierend, sondern als Verwirklichung von „sozialer Freiheit“ bezeichnet werden kann, ist mir noch nicht klar geworden.</p>
<p>4. Mit diesem dritten Punkt hängt wiederum die Frage zusammen, ob die von Honneth referierten sozialen Bewegungen explizit nach der Normativität sozialer Freiheit rufen müssen, oder ob es nicht ausreicht, dass sie <em>praktisch</em> nach „sozialer Freiheit“ streben. Honneth greift auf diesen Unterschied mehrfach zurück (vgl. z.B. 386, 392 und 402), widmet ihm aber keine klärende Auseinandersetzung.</p>
<p><a title="Lesekreis zu Axel Honneths “Das Recht der Freiheit”" href="http://www.theorieblog.de/index.php/lesekreis-axel-honneth-recht-der-freiheit/">[Gesamtübersicht zum Lesekreis]</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://www.uni-muenster.de/Religion-und-Politik/personen/projekt/mohseni.html"><em>Amir Mohseni</em></a><em> ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Exzellenzcluster der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und promoviert über den Eigentumsbegriff bei Hegel. </em></p>
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		</item>
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		<title>Inszenierung als Beruf – „Guttenbergen“ und „Wulffen“ als neuer Politikstil?</title>
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		<pubDate>Tue, 17 Jan 2012 10:30:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>eva</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lesenotizen]]></category>
		<category><![CDATA[Reflexionen]]></category>
		<category><![CDATA[Boulevard]]></category>
		<category><![CDATA[Guttenberg]]></category>
		<category><![CDATA[Inszenierung]]></category>
		<category><![CDATA[Massenmedien]]></category>
		<category><![CDATA[Wulff]]></category>

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		<description><![CDATA[In der Debatte um Fehlverhalten, Krisenmanagement und Wahrheitsbegriff unseres Bundespräsidenten erheben sich bekanntermaßen längst nicht alle Beiträge über das Niveau schaulustiger Empörung: Die Leistung von „Bild“ ist nicht die heroische Verteidigung der Pressefreiheit, sondern die Boulevardisierung auch gehobener deutscher Printmedien nach ihrem eigenen Vorbild. Nach den Gesetzen des Boulevardjournalismus, den in den letzten Wochen auch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In der Debatte um Fehlverhalten, Krisenmanagement und Wahrheitsbegriff unseres Bundespräsidenten erheben sich bekanntermaßen längst nicht alle Beiträge über das Niveau schaulustiger Empörung: Die Leistung von „Bild“ ist nicht die heroische Verteidigung der Pressefreiheit, sondern die Boulevardisierung auch gehobener deutscher Printmedien nach ihrem eigenen Vorbild. Nach den Gesetzen des Boulevardjournalismus, den in den letzten Wochen auch FAZ, SZ, etc. gefolgt sind, musste die investigative Erregung freilich sukzessive abflauen. Was am Ende trotz der oft oberflächlichen Medienempörung bleibt, ist nicht nur Wulff im Amt, sondern im besten Falle auch ein paar grundlegendere Überlegungen und Erkenntnisse zum Verhältnis von Person, Staatsamt und Medienöffentlichkeit, und zur Selbst- und Fremdinszenierung in der Politik. Ganz ähnlich verlief die Guttenberg-Skandaldramaturgie vor nicht einmal einem Jahr. <span id="more-5502"></span><br />
Glücklicherweise setzte im Jahr 2011 schon zeitig, während der Entfaltung des Skandals und dann der Verschiffung des Freiherrn nach Amerika, die wissenschaftliche Aufarbeitung ein, so etwa durch einen <a href="http://www.tagesspiegel.de/politik/wissenschaftskolleg-berlin-verwegene-melange/4075398.html">Workshop am Wissenschaftskolleg Berlin,</a> der bereits im Spätsommer in einen kleinen <a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/inszenierung_als_beruf-_6208.html">Suhrkamp-Sammelband</a> mündete. Auf dem Cover ist das berühmte Bild des Verteidigungsministers mit Hubschrauber zu sehen; der Buchtitel „Inszenierung als Beruf“  deutet bereits die Antwort auf jene Frage an, die im Laufe der öffentlichen Debatte gelegentlich gestellt wurde: Was ist eigentlich Guttenbergs Profession, und was seine Funktion in der deutschen Politik und Öffentlichkeit?<br />
„Inszenierung als Beruf“ versteht sich aus einem einfachen Grund nicht als dritte systemspezifische Berufsanalyse neben Max Webers Klassikern über Politik und Wissenschaft: Guttenberg ist beziehungsweise war ja Politiker, übte nie einen anderen Beruf als den des Politikers aus; und (Selbst-)Inszenierung ist nun einmal, abseits von Film und Theater, kein klassisches Berufsfeld. Der von Oliver Lepsius herausgegebene Band fragt also eigentlich nach der Verdrängung von Max Webers klassisch formulierten Anforderungen an den Politiker – Leidenschaft, Verantwortungsgefühl, Augenmaß – durch die  Schlüsselkompetenz der medialen Selbstdarstellung. Dass Guttenberg sich auch noch temporär als Wissenschaftler versuchte, aber eben nur dem Anschein nach, macht die Formel von der „Inszenierung als Beruf“ vollends zur Dekadenzthese, die eine Korrosion ehemaliger Wertegerüste diagnostiziert: Wo aus Webers Sicht Politik und Wissenschaft noch nach eigenen Logiken funktionieren und vom Einsteiger gewisse Anpassungsleistungen verlangen, sei die universelle, systemübergreifende Anforderung an Karrieristen jedes Berufsfeldes nun das Blendertum.</p>
<p>Durch drei Themenbereiche verfolgen die vierzehn Beiträge das Phänomen Guttenberg: Überlegungen zu Öffentlichkeit, Wissenschaft und Stilistik sollen Einsicht in das Geschehene bieten, und in der Tat sind viele der Texte konzise und detailgenaue Durchdringungen der rhetorischen und ikonographischen Strategien, des Spiels mit den Medien, und des defizitären Politik- und Moralbegriffs von KTG – wobei noch mehr Einordnung und Vergleich mit anderen Fällen sicher interessant gewesen wäre. Bemerkenswert und genau auf die (im Titel am deutlichsten formulierten) Leitthese des Bandes abzielend ist die Skizze des Frankfurter Soziologen Tilmann Allert. Der „kairos“, den Guttenberg in seinem berühmt gewordenen Vorwort anruft, sei tatsächlich dessen Leitmotiv: Wohlinszenierte „situative Präsenz“ anstatt kontinuierlicher, auch politikinhaltlicher Beständigkeit habe Guttenberg immer verkörpert. Die Inhaltsleere des politischen Handelns zugunsten symbolischer Evokation von Wert- und Worthülsen bestürzt auch andere Autoren des Bandes; besonders gelassen ist dagegen der Archäologe Luca Giuliani, der nüchtern nachweist, dass schon römische Feldherrn aus adligen Senatorenfamilien problemlos mit der bloßen Anrufung republikanischer Sitten durchkamen, ohne irgendwelche weiteren Leistungen zu vollbringen (und das Imperium Romanum daran ja dennoch nicht augenblicklich gescheitert sei).<br />
Diese Pointe weist indes auf die generellere Frage hin, ob es sich bei der Präsenz von Blendern und, neutraler ausgedrückt, vor allem rhetorisch und selbstdarstellerisch Begabten in der Politik tatsächlich um ein Novum handle. Skandale und ihre mediale Darstellung leben stets von der Behauptung, einen neuen Höhepunkt (oder Tiefpunkt) der Korruption, Unredlichkeit etc. zu erweisen; zudem ist es verführerisch, dergleichen schnell auf neue massenmediale Veränderungen oder etwa eine zunehmende Personalisierung („Amerikanisierung“) der Politik zurückzuführen. Doch die Nachfrage nach gut inszenierten politischen Gestalten ist – obgleich in massenmedial geprägten Demokratien sicherlich besonders ausgeprägt – kein sensationell neues Motiv der politischen Arena; verwunderlich wäre es eher, gäbe es plötzlich keine PolitikerInnen mehr, die nicht versuchten, ihr politisches Kapital durch PR-Tricks und Täuschung zu steigern. Nicht umsonst verorten Bildwissenschaftler Guttenbergs Bildsprache (Kampfanzug, Times Square etc.) in der Tradition der großen, also auch unter vormodernen Bedingungen erfolgreichen Herrscherportraits.<br />
Sind die medialen Enthüller, die Wahrheits- und Authentizitätsforderer, die Verfechter eines inhaltlich nicht völlig vakanten Politikstils also Spielverderber? Ist das Profil des Politikers, realistisch gesprochen, weniger das „langsame Bohren von harten Brettern“ (Weber) als gelungene Repräsentation im doppelten Wortsinne? Sollte der Band im Titel besser ein affirmatives Ausrufezeichen tragen – im Sinne: ja, Inszenierung ist ein essentieller Bestandteil der Politik? Diese These vertrat die Professorin für Neuere Geschichte <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/geisteswissenschaften/widerspruechliche-erwartungen-das-amt-die-wuerde-und-der-boulevard-11600403.html">Barbara Stollberg-Rilinger jüngst in der FAZ</a> und postulierte, das transhistorische Bedürfnis nach Inszenierung (nach „Außeralltäglichkeit und Autorität“) würde durch das eher neue, nicht immer einlösbare Verlangen nach permanenter Transparenz gestört; der Karlsruher Philosoph <a href="http://www.hfg-karlsruhe.de/lehrende/professoren/prof-dr-byung-chul-han.html">Byung-Chul Han</a> kanzelte unlängst – darin ebenfalls sicher zu weit gehend &#8211; <a href="http://www.zeit.de/2012/03/Transparenzgesellschaft">Transparenz </a>als überbewertete Mode ab.<br />
Stollberg-Rilinger und Han schreiben freilich nicht über den Neubrüsseler Guttenberg, sondern über Christian Wulff und die Amtsautorität des Präsidenten; und sicherlich sind die Hochglanzporträts des ehemaligen Verteidigungsministers als politische Inszenierung von ganz anderer Art als das Dekor und Dekorum des Insassen von Schloss Bellevue: Die individuelle PR-Strategie als Wähler- und Parteigenossenverführung ist etwas anderes als die verfassungsmäßige Rolle des Integrators und Rückgrats der Bundesrepublik. Doch trotz dieses Unterschieds und trotz der sehr unterschiedlichen Selbstinszenierungen beider Politiker lassen sich zwei verschiedene Konstellationen des Scheiterns politischer Inszenierung, ihres peinlichen Wegbröckelns in Echtzeit beobachten. Die neue Tendenz in der Politik ist vielleicht nicht die Allgegenwart der Inszenierung, sondern deren immer häufigere Dekonstruktion in der Öffentlichkeit – also nicht die Tatsache des  Politikerskandals, sondern dessen Häufigkeit und Absehbarkeit, denn wenige Inszenierungen bleiben unangetastet. Die paradoxe Entwicklung unter den Bedingungen massenmedialer Steuerung bei gleichzeitiger Internetschwarmintelligenz ist die Forderung nach perfekter Inszenierung – nach stets moralischen Präsidenten und angeblichen Lichtgestalten mit blonden, als solche dargestellten „trophy wives“ – , trotz  ihrer immer deutlicher werdenden Unmöglichkeit. Ein Verlust ist die Entlarvung der extremsten Blender sicher nicht, ganz im Gegenteil!, doch die aus den Skandalen und Enthüllungen erwachsenden Reibungsverluste sind beträchtlich: Nicht nur Ämter werden beschädigt und Vertrauensstrukturen zerstört, sondern die Medien lenken, im Sinne der eingangs genannten Boulevardsierung, die öffentliche Aufmerksamkeit von anderen, auch nicht eben unwichtigen Themen ab.</p>
<p><em>Der erwähnte Sammelband ist: Oliver Lepsius &amp; Reinhart Meyer-Kalkus: Inszenierung als Beruf. Der Fall Guttenberg, Suhrkamp 2011.</em></p>
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		<title>Honneth-Lesekreis (7): Markt und Kooperation</title>
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		<pubDate>Mon, 16 Jan 2012 17:16:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>simon_d</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reflexionen]]></category>
		<category><![CDATA[Axel Honneth; Freiheit; Lesekreis; Markt]]></category>

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		<description><![CDATA[Teil C, III.1 (Das „Wir“ des marktwirtschaftlichen Handelns: a) Markt und Moral. Eine notwendige Vorklärung) (S. 317-360) Wie zuvor gesehen, begreift Honneth wirkliche Freiheit als soziale Freiheit. Die Gliederung von Teil C, der nicht mit I, sondern mit III beginnt, legt nahe, dass diese Form der Freiheit die Defizite sowohl des allein rechtlichen als auch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Teil C, III.1 (Das „Wir“ des marktwirtschaftlichen Handelns: a) Markt und Moral. Eine notwendige Vorklärung) (S. 317-360)</em></p>
<p>Wie zuvor gesehen, begreift Honneth wirkliche Freiheit als soziale Freiheit. Die Gliederung von Teil C, der nicht mit I, sondern mit III beginnt, legt nahe, dass diese Form der Freiheit die Defizite sowohl des allein rechtlichen als auch des allein moralischen Freiheitsverständnisses hinter sich lässt. Die Wirklichkeit der Freiheit setzt nach Honneth voraus, dass sich Subjekte „in wechselseitiger Anerkennung derart begegnen, dass sie Ihre Handlungsvollzüge jeweils als Erfüllungsbedingung der Handlungsziele des Gegenübers begreifen können“ (222). Im vorangehenden Abschnitt hatte Honneth die Angemessenheit eines solchen Freiheitsbegriffs für persönliche Beziehungen aufgezeigt. Marktbeziehungen stellen nun das zweite „relationale Handlungssystem“ dar, in dem Honneth ein „Wir“ ausmacht, in dem sich Formen sozialer Freiheit zeigen.<span id="more-5493"></span></p>
<p>Der Untersuchung von Marktbeziehungen als Sphären sozialer Freiheit geht eine Vorbemerkung zum Verhältnis von Markt und Moral voraus, die notwendig ist, um Marktbeziehungen überhaupt als Sphären sozialer Freiheit begreifen zu können. Diese Vorbemerkung in Abschnitt a) ist der Auseinandersetzung mit der in ökonomischen und philosophischen Theorien formulierten Überzeugung geschuldet, dass das Verhalten auf Märkten nichts mit dem für soziale Freiheit wesentlichen normgeleiteten und kooperativen Verhalten zu tun hat – vielleicht sogar nichts damit zu tun haben kann oder sollte (318). Honneth legt dar, unter welchen Bedingungen Märkte entgegen dieser Überzeugung als relationale Institutionen und als Sphären sozialer Freiheit verstanden werden können (320). Diese Überlegungen liefern Kriterien dafür, im Weiteren das Handeln auf Gütermärkten und auf Arbeitsmärkten als Ausdruck sozialer Freiheit zu begreifen und gegebenenfalls Defizite realer wirtschaftlicher Verhältnisse identifizieren zu können.</p>
<p>Honneth zeichnet zwei Debatten um zentrale Probleme der Ökonomie nach. Anhand der Diskussion dieser Probleme erhellt er, inwieweit die von ihm formulierte Bedingung sozialer Freiheit in einem plausiblen Verständnis von Marktbeziehungen angelegt und von realen Marktbeziehungen einlösbar ist. Das erste Problem kennzeichnet er als das Marx-Problem. Dieses Problem marktwirtschaftlicher Verhältnisse besteht darin, dass diejenigen Personen, für die es lebensnotwendig ist, einer Lohnarbeit nachzugehen, sich gegenüber Unternehmern in einer ungleichen Verhandlungsposition befinden. Die Verträge, mit denen sie ihre Arbeitskraft scheinbar frei veräußern, münden faktisch in erzwungene Ausbeutungsverhältnisse. Das zweite Problem, auf das Honneth verweist, ist das Smith-Problem. Dieses Problem zeigt sich in der vermeintlichen Unvereinbarkeit einer natürlichen Sympathie, die Menschen füreinander empfinden, mit dem uneingeschränkten Eigeninteresse, das ihr Handeln auf Märkten anleitet.</p>
<p>In Fußnote 154 (326) deutet Honneth an, dass diese beiden Probleme auf unterschiedlichen Ebenen liegen. Während das Marx-Problem ein „Strukturdefizit des Kapitalismus“, also der realen Wirtschaftsordnung benennt, ist das Smith-Problem eines der richtigen <em>Beschreibung</em> der Marktwirtschaft. Die erste Debatte verweist auf ein Problem der Ökonomie im Sinne wirtschaftlicher <em>Verhältnisse</em>; die zweite Debatte verweist auf ein Problem der Ökonomie im Sinne der Sozial<em>theorie</em>.  Meine Kritik an Honneths Vorklärung richtet sich darauf, dass er nicht explizit genug benennt, auf welcher Ebene er jeweils selbst argumentiert, wenn er aus seiner Behandlung der genannten Probleme Schlussfolgerungen für die Wirklichkeit sozialer Freiheit zieht.</p>
<p>Zunächst wendet sich Honneth dem „logisch vorgeordnet[en]“ (331) Smith-Problem zu, um dann aus dessen Lösung Schlussfolgerungen für die Behandlung des Marx-Problems zu gewinnen. Nur wenn Akteure an Märkten als normativ eingebettet verstanden werden können, und nur wenn Märkte faktisch nicht ihre eigenen normativen Ansprüche untergraben, ist es nach Honneth möglich, marktwirtschaftliches Handeln als potentielle Sphäre sozialer Freiheit zu begreifen. Honneth zieht Autoren wie Durkheim, Hegel, Polanyi und Parsons heran, die in unterschiedlichen Weisen aufzeigen, dass Marktbeziehungen notwendig normative Bedingungen aufweisen, die das Handlungsverständnis von Marktteilnehmern prägen.</p>
<p>Die zentrale Einsicht dieser Debatten, „die gegen die von der herrschenden Wirtschaftstheorie fabrizierte Vorstellung des Marktes Einspruch erheben“ (343), ist, dass Märkte nicht wie in der Lehrbuchökonomie als <em>virtuelle Orte</em> beschrieben werden können, auf denen Angebot und Nachfrage aufeinander treffen. Märkte sind vielmehr regulierte soziale Institutionen, die normativ strukturiert sind. Das Verhalten individueller Akteure auf Märkten ist nicht allein von eigeninteressierten Nutzenkalkülen abhängig, sondern ist beeinflusst von formellen und informellen Normen, ihrer sozialen Prägung und persönlichen Wertvorstellungen. Für Honneth ist allerdings ein besonderes Verständnis der Normativität von Märkten entscheidend. Denn zur Erfüllung der Bedingung sozialer Freiheit genügt es nicht, dass marktwirtschaftliches Handeln als normativ eingebettet verstanden werden kann. Honneth formuliert vielmehr eine normative These über den generellen Zweck von Märkten, die als Institutionen der für alle Teilnehmer vorteilhaften Kooperation verstanden werden sollten.</p>
<p>Insgesamt ist es nicht einfach, Honneths Vorklärung einzuordnen, denn er vertritt Thesen zur gegenwärtigen Entwicklung wirtschaftlicher Verhältnisse, zur Wirtschaftstheorie und zu den normativen Anforderungen, die an Marktteilnehmer und an die Marktinstitutionen zu richten sind. Zunächst scheint er gegen eine Position innerhalb der neoklassischen Wirtschaftstheorie zu argumentieren, in der das Verhalten von Individuen auf Märkten fehlerhaft modelliert wird. Diesen Fehler in der Beschreibung von Marktteilnehmern als allein eigeninteressiert kann Honneth leicht aufzeigen. Mit den Autoren, die Honneth anführt, kann er überzeugend darlegen, dass moderne ökonomische Modelle zum Teil einen Rückschritt hinter klassische gesellschaftstheoretische Einsichten darstellen, weil eine adäquate Beschreibung von Märkten nicht die normative Einbettung von Marktteilnehmern ignorieren darf. Honneth vertritt allerdings eine stärkere These. Es geht ihm nicht allein um die Notwendigkeit des Rekurses auf soziale Beziehungen, um Märkte verstehen zu können, sondern vielmehr um <em>eine besondere</em> normative Überzeugung, die im Selbstverständnis von Marktteilnehmern laut Honneth vorausgesetzt ist und für die Legitimität von Märkten notwendig ist: „das Versprechen durch Tauschprozesse zu einer komplementären Ergänzung individueller Handlungsabsichten beizutragen.“ (348) Diese These scheint jedoch weder eine These der Ökonomie noch der Wirtschaftssoziologie zu sein. Sie formuliert vielmehr eine normative Erwartung an die institutionellen Rahmenbedingungen marktwirtschaftlichen Handelns und an die Einstellungen der Akteure innerhalb marktwirtschaftlicher Beziehungen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em><a href="http://www.uni-muenster.de/PhilSem/mitglieder/derpmann/derpmann.html">Simon Derpmann</a> ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am philosophischen Seminar der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und assoziiert an die Kollegforschergruppe &#8220;Normbegründung in Medizinethik und Biopolitik&#8221;. Er hat Ende 2011 sein Promotionsverfahren mit einer Arbeit zum Thema &#8220;Gründe der Solidarität&#8221; abgeschlossen.</em></p>
<p><a title="Lesekreis zu Axel Honneths “Das Recht der Freiheit”" href="http://www.theorieblog.de/index.php/lesekreis-axel-honneth-recht-der-freiheit/">[Gesamtübersicht zum Lesekreis]</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Honneth-Lesekreis (6): Pro Familia &#8211; Die Bedeutung der Familie für Subjekt und Gesellschaft</title>
		<link>http://www.theorieblog.de/index.php/2012/01/honneth-lesekreis-6-pro-familia-die-bedeutung-der-familie-fuer-subjekt-und-gesellschaft/</link>
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		<pubDate>Mon, 09 Jan 2012 14:06:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>susanne</dc:creator>
				<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Lesenotizen]]></category>
		<category><![CDATA[Reflexionen]]></category>
		<category><![CDATA[Axel Honneth; Freiheit; Recht; Lesekreis; Familie;]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.theorieblog.de/?p=5455</guid>
		<description><![CDATA[Teil C, III.1 (Das „Wir“ persönlicher Beziehungen: c) Familien (S. 277-317) Eine Familie, so heißt es in dem Film &#8220;Der Eissturm&#8221; von Ang Lee, ist wie die eigene Anti-Materie: Sie sei das Nichts &#8220;aus dem du kommst und der Ort, an den du zurückkehrst, wenn du stirbst&#8221;. Auch wenn Honneth die Familie wohl weder als [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Teil C, III.1 (Das „Wir“ persönlicher Beziehungen: c) Familien (S. 277-317)</p>
<p>Eine Familie, so heißt es in dem Film <a href="http://www.imdb.com/title/tt0119349/">&#8220;Der Eissturm&#8221; von Ang Lee</a>, ist wie die eigene Anti-Materie: Sie sei das Nichts &#8220;aus dem du kommst und der Ort, an den du zurückkehrst, wenn du stirbst&#8221;. Auch wenn Honneth die Familie wohl weder als persönliche Anti-Materie noch als negative Zone (wie es im Film weiter heißt) bezeichnen würde &#8211; denn seine normativ-rekonstruktive Darstellung der Familie ist wesentlich optimistischer &#8211; so würde er sicherlich den zyklischen Charakter der Familie bestätigen. Denn auch nach Honneth ist die Familie unter anderem dadurch charakterisiert, dass sich ihre Mitglieder als eine zwischen Geburt und Tod verbundene Solidargemeinschaft verstehen (315). Eine der Leistungen von Familien ist es, dass sie &#8220;säkularen Trost&#8221; spenden, den &#8220;Kreislauf des Lebens&#8221; erfahrbar machen und von &#8220;Einsamkeit und Todesfurcht&#8221; entlasten (310). Freiheit, so lautet eine der zentralen Thesen, wird in der Familie dadurch verwirklicht, dass die heutige Familie a) frei ist von traditionellen Rollenverteilungen, und stattdessen die <em>Person als Ganze</em> in den Blick genommen wird (304) und b) frei ist von Altersgrenzen, insofern, als Kinder Eltern und Eltern Kinder sein können (307).<span id="more-5455"></span></p>
<p>Die Familie ist die dritte Sphäre persönlicher Beziehungen. Im Unterschied zur Freundschaft und zur Liebe ist die Familie durch eine Triangularität gekennzeichnet, grob gesagt: Vater, Mutter, Kind (278). Diese formale Struktur galt früher wie heute; davon abgesehen aber hat sich in den vergangenen 250 Jahren viel verändert. Das Kapitel lässt sich in fünf grobe Abschnitte gliedern: 1) Geschichte und Wandel der Familie vom 18. Jahrhundert bis heute (277-288), 2) Konsequenzen für die heutige Familie (288-294), 3) Normative Implikationen der Familie (294-302), soziale Freiheit durch Familie (302-310), Politik und Familie.</p>
<p>Zu 1) Geschichte und 2) Folgen: Entscheidend für die Definition der Familie ist das Kind. Ihm gelten in der historischen Familie die Fürsorge durch die Mutter und die finanzielle Absicherung durch den Vater. Die historische Familie ist denn auch noch durch strikte Rollenverteilungen gekennzeichnet. Bei Hegel und Schleiermacher gelten diese Rollen als Verwirklichungsbedingungen der sozialen Freiheit, indem man sich über die Rollen wechselseitig ergänzte und die je spezifische Bestimmung garantierte (280). Diese konservativen Rollenverteilungen haben sich über Kämpfe um Anerkennung der Frauen verschoben, vor allem seit etwa den 1960er Jahren (vgl. die Serie <a href="http://www.amctv.com/shows/mad-men">Mad Men</a>). Kindererziehung wird delegiert, Frauen gehen zunehmend arbeiten, Väter sehen sich nicht nur als Ernährer, sondern auch als fürsorgende Bezugsperson (vgl. jüngst die <a href="http://www.emma.de/hefte/ausgaben-2009/emma-das-heft-2009-1/neue-vaeter-2009-1/">&#8220;neuen Väter&#8221;</a>), &#8220;Gehorsam&#8221; und Autorität sind abgeschafft. Das Kind wird in seiner Persönlichkeitsstruktur und seinem freien Willen anerkannt (284-285). Die Triangularität wird hier zu einer echten Einheit, zu einem &#8220;für sich&#8221;(285).<br />
Konsequenz dieser Entwicklungen sind zum einen die wechselsetige Anerkennung als ganzheitliche Personen sowie die geteilte Verantwortung der Eltern für das Kindeswohl (290-291). Zum anderen gehören dazu aber auch Konflikte und Scheidungen sowie die Zunahme von Patchworkfamilien und geteiltem Sorgerecht (ebd.). Ferner gebe es eine Tendenz von der sesshaften Kleinfamilie hin zu einer mobilen und über Distanz bestehenden Großfamilie, deren Mitglieder emotional miteinander verbunden blieben. Der moralische Kern der Beziehungen &#8211; unabhängig davon, ob die Eltern zusammenleben oder neue Bindungen eingehen &#8211; sei die verantwortungsbewusste Elternschaft.</p>
<p>Kritik: Hier ist die idealtypische und scherenschnittartige Darstellung und die mangelnde Berücksichtigung gegeläufiger Tendenzen zu kritisieren; so werden Werte wie Disziplin und Gehorsam in der Öffentlichkeit wieder zunehmend diskutiert, man denke an Bücher wie &#8220;Lob der Disziplin&#8221; von Bernhard Bueb (2006) oder jüngst <a href="http://www.zeit.de/2011/05/China-Erziehung">&#8220;Die Mutter des Erfolgs&#8221; von Amy Chua</a>. Auch die Rollenverschiebung ist in Frage zu stellen: Welche Familien hat Honneth hier im Blick, welche gesellschaftlichen Schichten? Doch vor allem die westliche Mittelstandsfamilie, die sich zeitlich und finanziell neue Väter leisten kann (oder sind diese nur ein <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,792900,00.html">Mythos</a>?). Hier wie an vielen anderen Stellen zwingt sich die Frage auf, ob Honneth <em>be</em>schreibt, wie es ist, oder schon normativ <em>vor</em>schreibt, wie es idealiter aussehen sollte (vgl. 230); es besteht der Verdacht, dass der gesellschaftliche beziehungsweise familiale Ist-Zustand idealisiert und verklärt wird.<br />
Auch die Konsequenzen sind schablonenhaft und überoptimistisch gezeichnet. Die Zunahme von Scheidungen und Patchworkfamilien könnte man im Gegenteil auch als Fehlentwicklungen familialer Beziehungen analysieren, mitverschuldet über gesellschaftliche Strukturen, die den Anforderungen heutiger Familien (Stichwort: Flexibilität, Mobilität) (noch) nicht gerecht werden. Honneth deutet dies später an, man vermisst es aber bereits hier. Ferner erstaunt die Diagnose der &#8220;multilokalen Mehrgenerationenfamilie&#8221; (292), Tendenzen wie familienindependente Mehrgenerationen<em>häuser</em> sprechen dagegen.</p>
<p>3) Normen: Normativ ist die Familie eine Solidargemeinschaft und geprägt durch das implizite Versprechen, dass jedes Mitglied in der Besonderheit seiner Subjektivität gleichberechtigt mit einbezogen wird, eine seinen spezifischen Bedürfnissen entsprechende Fürsorge erhält (295 f.) und als ganze Person geliebt und anerkannt wird (301) (s.o.). Die besondere Moralität der Familie (vgl. <a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/von_person_zu_person-_29356.html">Honneth/Rössler</a>, 2008, 9 ff. u. 279 ff.) besteht in nichtvertraglichen Pflichten, die sich situationspezifisch und flexibel an der jeweiligen Lage und dem Alter der Mitglieder verschieben.</p>
<p>Kritik: Leider fehlt auch hier &#8211; wie <a href="http://www.theorieblog.de/index.php/2011/12/honneth-lesekreis-4-axel-honneth-kommunitarist/">Andreas bereits</a> bemängelt hat &#8211; eine Querverbindung zur rechtlichen und moralischen Freiheit. In der Familie (ebenso wie Freundschaft und Liebe) gelten nicht nur besondere Verpflichtungen, sondern diese Sphären unterliegen m.E. auch universellen Normen wie dem der moralischen Achtung der Selbstzweckhaftigkeit (195), Autonomie, Handlungsfreiheit und Würde der Person. Eine Verschränkung der drei Sphären &#8211; Liebe, Achtung, Wertschätzung &#8211; wie sie in <a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/kampf_um_anerkennung_28729.html">Kampf um Anerkennung</a> dargestellt werden, kommt hier ebenso zu kurz wie die konstitutive Bedeutung der (Nicht-)Anerkennung für Selbstvertrauen, Selbstachtung und Selbstwertschätzung.</p>
<p>4) Freiheit: Die soziale Freiheit geht in der heutigen Familie in der Zurückspiegelung existenzieller Lebensvollzüge auf (s.o. Einleitung). Dabei spielt die Gegenwärtigkeit der Leiblichkeit eine entscheidende Rolle (306). &#8220;Kinder und Eltern sind sich wechselseitig ein Spiegel der Lebensphasen, die entweder noch vor ihnen oder bereits hinter ihnen liegen; insofern können sie hier am jeweils anderen ein Verständnis nicht nur für die Periodizität des menschlichen Lebens insgesamt gewinnen, sondern auch für die unverfügbare Seite an ihrem je eigenen, biologisch bestimmten Leben&#8221;.</p>
<p>Kritik: Auch hier verschwimmt wieder Deskriptives und Normatives. Zudem ist die &#8220;organische Rhythmizität&#8221; (306), der &#8220;säkulare Trost&#8221; etc., die Honneth für die Familie reserviert, auch in generationenübergreifenden Freundschaften und Lieben zu finden (z.B. <a href="http://www.imdb.com/title/tt0067185/">Harold and Maude</a>). Was Honneth mit Verweis auf Autoren wie Franzen oder Roth optimistisch stimmt, kann man auch anders lesen: Die Optionenvielfalt, Beschleunigungs- und Fleixbilitätstendenzen werden den Familien dort (<a href="http://www.rowohlt.de/buch/2759292">Franzen</a>) fast zum Verhängnis, Roths Protagonisten sind im Alter einsam (z.B. <a href="http://www.rowohlt.de/buch/Philip_Roth_Jedermann.2062397.html">Jedermann</a>). Überhaupt geht in der überaus positiven Perspektive der Blick für die Konflikthaftigkeit und die konstitutive Kraft des <em>Kampfes</em> verloren, wie man ihn in negativistischen Anerkennungstheorien (z.B. Sartre) findet. Die heutige Familie wird bei Honneth idealistisch verklärt (310).</p>
<p>5) Was die Politik betrifft, so sieht Honneth diese den Entwicklungen der Familie hinterherhinkend: Sie erkenne nicht die für die Demokratie notwendige reproduktive und politisch-moralische Kraft der Familie, die Zeit bräuchte für die Interaktion mit den Kindern (311/313). Dies wäre nur durch eine &#8220;Reform der Sicherungssysteme aufzuheben, deren Ziel eine gesellschaftliche Unterstützung derjenigen wäre, die einen Teil der Erwerbsarbeit der Erziehung und Betreuung ihrer Kinder oder Enkel geopfert haben&#8221; (311).</p>
<p>Kritik: Hier kann ich seiner Diagnose und Forderungen zustimmen.</p>
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		<title>Tagungsbericht: Raum und Zeit. Denkformen des Politischen bei Hannah Arendt</title>
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		<pubDate>Wed, 28 Dec 2011 10:31:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>kathrin und mareike</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reflexionen]]></category>
		<category><![CDATA[Arendt]]></category>
		<category><![CDATA[Raum]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit]]></category>

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		<description><![CDATA[Als Denkerin des öffentlichen Raumes ist Hannah Arendt in der Politischen Theorie omnipräsent. Dass sich in ihrem Werk auch eine dazu komplementäre zeitliche Dimension entdecken ließe, wird dagegen meistens übersehen. Auf dieses Forschungsdesiderat wies der Gastgeber Karlfriedrich Herb (Universität Regensburg) bereits in den einleitenden Bemerkungen zur internationalen Konferenz Raum und Zeit. Denkformen des Politischen bei [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als Denkerin des öffentlichen Raumes ist Hannah Arendt in der Politischen Theorie omnipräsent. Dass sich in ihrem Werk auch eine dazu komplementäre zeitliche Dimension entdecken ließe, wird dagegen meistens übersehen. Auf dieses Forschungsdesiderat wies der Gastgeber Karlfriedrich Herb (Universität Regensburg) bereits in den einleitenden Bemerkungen zur internationalen Konferenz <em>Raum und Zeit</em>. <em>Denkformen</em> <em>des Politischen bei</em> <em>Hannah Arendt</em> hin, die am 10. und 11. November 2011 in Regensburg stattfand. Genau dieser Lücke wollte sich die Tagung widmen; dabei sollten besonders die vielfältigen Verknüpfungen von Raum und Zeit in den Blickpunkt gerückt werden Als internationale Gäste konnten Garrath Williams (Lancaster University) und Gerson Brea (Universidade de Brasília) begrüßt werden.<span id="more-5409"></span></p>
<p>Daran anknüpfend setzten Mareike Gebhardt und Kathrin Morgenstern (beide Universität Regensburg) – <em>full disclosure</em>: die Autorinnen dieses Tagungsberichts – die thematische Einführung fort. Unter dem Titel <em>Being present</em>. <em>On the Political Dimension</em> <em>of Time and Space in Hannah Arendt’s Thought</em> stellten sie Denkanstöße zum Tagungsthema vor. Dabei ging es unter anderem um das Politische als Erscheinungsraum, die Verbindung von Welt und Raum, um die Verknüpfung der menschlichen Tätigkeitsformen Arbeiten, Herstellen und Handeln mit je unterschiedlichen Zeitverständnissen sowie um den Zusammenhang von Denken und Handeln.</p>
<p>Magdalena Scherl (Universität Regensburg) setzte in ihrem Vortrag R<em>eshaping Spaces </em>den Schwerpunkt auf einer Neulektüre des Konzepts der Räumlichkeit aus feministischer Perspektive.  Dabei legte sie den Fokus nicht auf die harsche Kritik der späten 1970er und 1980er Jahre, sondern auf die kritisch-affirmativen Lesarten von Denkerinnen wie Hanna Pitkin, Bonnie Honig und Linda Zerilli, die die Performativität von Geschlechtsidentität betonen und dafür trotz grundlegender Kritik im Hinblick auf die strikte Trennung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit positive Anknüpfungspunkte bei Arendt finden. Scherl ging sogar noch einen Schritt weiter und zeigte auf, dass durch diesen positiven Bezug die kritisierten Teile von Arendts Argumentation völlig unterminiert werden.</p>
<p>Der Zeitbegriff wurde im Folgenden von Placidus Bernhard Heider (Universität Regensburg) stark gemacht. Er beschäftigte sich mit der <em>Suche nach der unendlichen Zeit </em>in Anlehnung an Augustinus, einen wichtigen Denker in Arendts politisch-philosophischer Sozialisation. In der Diskussion tauchte folglich auch die Frage nach einer religiösen Fundierung von Arendts Natalitätskonzept und nach seiner Verortung als existenzphilosophisches oder politiktheoretisches Moment auf.</p>
<p>Als krönender Abschluss des ersten Tages beschäftigte sich Garrath Williams (Lancaster University) mit <em>Disclosure and Responsibility in The Human Condition</em>. Er vertrat dabei den Standpunkt, eine Verweigerung zu „erscheinen“ käme einer Verweigerung, Verantwortung zu übernehmen gleich. Das Politische sei darauf angewiesen, dass die Akteure nicht nur Schauspieler seien, die eine Rolle verkörperten, sondern dass sie wirklich Position bezögen. Nur so seien Taten zurechenbar. „Erscheinung“ könne ausschließlich in Verbindung mit anderen stattfinden und sei gleichbedeutend mit einem Akt, in dem der Einzelne für seine Mitmenschen und seine Mitwelt Verantwortung übernehme.</p>
<p>Der zweite Tag begann mit dem Vortrag <em>Beyond Oikos and Polis</em> von Tobias Maier (Universität Regensburg), der sich um eine Einordnung des Denkens in Arendts Konzeption von Räumlichkeit bemühte. Hier wurde auch die Kategorie des Urteilens eingeführt, die als Repräsentation von Abwesendem bedeutsam wird. Maier argumentierte, im Denken könne sich eine Basis des Politischen finden, die über Oikos und Polis hinaus tragfähig sein könnte.</p>
<p>Hans-Jörg Sigwart (Universität Erlangen-Nürnberg) betonte in seinem Beitrag <em>Limits of Politics</em>, das Politische sei bei Arendt zunächst unbegrenzt; da es nichts Natürliches sei, verfüge es auch nicht über natürliche Grenzen. Dennoch sei politisches Handeln nur in begrenzten Räumen möglich, wie sie sich auch bei Arendt fänden, z.B. durch die Selbstlokalisierung des Individuums im Netz des Handelns, aber auch durch Gesetze und Institutionen.</p>
<p>Abschließend erhielten die Teilnehmer noch Einblick in ganz andere <em>Denkformen des Politischen</em>, als sie bisher zur Diskussion gestanden hatten. Gerson Brea (Universidade de Brasília) fragte nach <em>Lieben oder Verzeihen?</em> und ihrer jeweiligen Konnotation für das Politische. Dabei stand vor allem Arendts Konzept der <em>Amor mundi</em> im Mittelpunkt, der Liebe zur Welt, die die Teilnahme am politischen Handeln überhaupt erst motivieren solle.</p>
<p>Insgesamt fiel auf, dass viele der Vorträge in ihren Fragestellungen noch stark auf die Kategorie des Raumes fokussiert waren, sich aber dennoch einige erste Berührungspunkte zwischen Zeit und Raum ausmachen ließen. Veranstalter und Teilnehmer waren sich einig, dass die beiden Tage zunächst nur in Schlaglichtern eine neue Perspektive auf das Werk Hannah Arendts ermöglicht hätten. Daher stünde man nun am Anfang und keinesfalls am Ende einer Diskussion. Die <em>Denkformen des Politischen </em>laden zweifellos zum Weiterdenken ein. Dies soll zunächst in Form eines Tagungsbandes verfolgt werden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Kathrin Morgenstern ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Politische Philosophie und Ideengeschichte an der Universität Regensburg. Sie promoviert über das Verhältnis von politischer Theorie und Praxis bei Hannah Arendt und Simone de Beauvoir. </em><em>Mareike Gebhardt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Politische Philosophie und Ideengeschichte an der Universität Regensburg. In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich mit dem Öffentlichkeitsbegriff bei Hannah Arendt und Jürgen Habermas.</em></p>
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		<title>Honneth-Lesekreis (5): Auftakt der normativen Rekonstruktion – Liebe und Freundschaft als tragende Säulen verwirklichter Freiheit</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Dec 2011 10:38:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>maike</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reflexionen]]></category>
		<category><![CDATA[Axel Honneth]]></category>
		<category><![CDATA[Freiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Freundschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Lesekreis]]></category>
		<category><![CDATA[Liebe]]></category>
		<category><![CDATA[Recht]]></category>

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		<description><![CDATA[Teil C, III.1 (Das „Wir“ persönlicher Beziehungen: a. Freundschaft + b. Intimbeziehungen) (S. 221-276) In Teil C kommen wir zum zentralen Teil des Buches; hier führt Axel Honneth die normative Rekonstruktion der freiheitskonstituierenden Sphären am Material durch. An diesem Teil wird sich, wie Honneth bereits in der Einleitung betont hat, die Überzeugungskraft seines gesellschaftstheoretischen Ansatzes [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Teil C, III.1 (Das „Wir“ persönlicher Beziehungen: a. Freundschaft + b. Intimbeziehungen) (S. 221-276)</em></p>
<p>In Teil C kommen wir zum zentralen Teil des Buches; hier führt Axel Honneth die normative Rekonstruktion der freiheitskonstituierenden Sphären am Material durch. An diesem Teil wird sich, wie Honneth bereits in der Einleitung betont hat, die Überzeugungskraft seines gesellschaftstheoretischen Ansatzes zeigen. Bevor ich zur Darstellung der Freundschaft und der Intimbeziehungen komme, mit der Honneth die inhaltliche und materiale Rekonstruktion der Sphären sozialer Freiheit beginnt, möchte ich noch einmal kurz die Architektur des Werks in Erinnerung rufen, um im Anschluss daran den Stellenwert dieses zentralen Kapitels zu erörtern.<span id="more-5388"></span></p>
<p>Während der erste Teil (A) der ideengeschichtliche Rekonstruktion der drei in der Moderne nebeneinander existierenden Freiheitsvorstellungen &#8211; der negativen, der reflexiven und der sozialen Freiheitsidee &#8211; diente, kritisiert Honneth im zweiten Teil (B) die institutionalisierten Formen der negativen Freiheitsidee, dem Recht, und der reflexiven Freiheitsidee, der Moral. Im dritten Teil (C ) geht er nun dazu über, die Institutionen der sozialen Freiheit, die in der Sphäre persönlicher Beziehungen, des marktwirtschaftlichen Handelns und der demokratischen Willensbildung bereits gesellschaftliche Realität besitzen, zu rekonstruieren.</p>
<p>Honneth nennt zu Beginn des Abschnitts zwei Argumente für den Vorrang der sozialen Freiheit vor den anderen beiden: Die institutionalisierten Handlungsmuster der sozialen Freiheit gingen denen der negativen und reflexiven Freiheit erstens lebensweltlich voraus. Recht und Moral verhielten sich “parasitär” (221) zu den sozialen Institutionen der Freiheit, sie blieben damit sekundäre, bloß “regulierende” Einspruchsinstanzen, während die Handlungssysteme der sozialen Freiheit konstituierenden Charakter haben (224). Das zweite Argument Honneths ist ein theoriegeleitetes: Die drei Handlungssphären der sozialen Freiheit ließen sich, wenn überhaupt, nur äußerst unzureichend mit den Begriffen der negativen und reflexiven Freiheit beschreiben (222f.).</p>
<p>Ein zweiter bedeutender Unterschied, der viel über Honneths Bewertung der unterschiedlichen Institutionen der Freiheit verrät, besteht darin, dass die rechtliche und moralische Freiheit die Gefahr der Fehlinterpretation durch die Akteure in sich selbst tragen (Pathologien), während die Gefährdungen der Institutionen sozialer Freiheit einzig als von außen kommend vorgestellt werden (Fehlentwicklungen). Die Sphären der sozialen Freiheit sind somit nicht nur freiheitskonstituierend, sie sind auch freiheitsverbürgend.</p>
<p>Honneths normative Rekonstruktion hat nun zur Aufgabe, die Freiheit konstituierenden Handlungssysteme in ihrer historischen Genese zu beschreiben. Seine Methode hängt dabei eng mit dem Charakter der zu rekonstruierenden Gestalten der Freiheit zusammen. Es handelt sich hier um institutionalisierte Rollenerwartungen und -verpflichtungen, um unterschiedlich fest institutionalisierte, teils mehr, teils weniger verrechtlichte Handlungsmuster (dies wird bei den von mir heute vorgestellten Formen der persönlichen Beziehungen besonders deutlich; inwiefern diese Annahme auch für die anderen Gestalten der sozialen Freiheit gilt, können wir im Auge behalten). Die normative Rekonstruktion steht – neben dem Anspruch, die Freiheit als den im jeweiligen Handlungsmuster Gestalt annehmenden Wert nachzuweisen – vor allem vor der Aufgabe, eine Interpretation dieser Handlungsmuster zu leisten. Honneth selbst geht auf die damit verbundene Problematik des Materials, an dem die Interpretation sich orientiert, ein: “valide Untersuchungen zu diesem Thema gibt es nur wenige, im allgemeinen ist man auf klug verallgemeinerte Alltagsbeobachtungen oder auf zeitdiagnostisch sensible Kunstwerke angewiesen” (251). Ich vermute, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Anspruch der normativen Rekonstruktion, Freiheitspotentiale der sozialen Praxis freizulegen und der Inanspruchnahme ästhetischer Bearbeitungen von Wirklichkeit. Leider belässt es Honneth, wie in den Lesekreisdiskussionen bereits kritisch angemerkt worden ist, bei diesen wenigen methodischen Bemerkungen zur Verwendung von Literatur und Kunst. Dabei könnte er auf eine ganze Reihe von Theorien zurückgreifen, um sein Vorgehen besser zu begründen: etwa Arbeiten der älteren Kritischen Theorie &#8211; oder von Nussbaum, Walzer oder Arendt, die den Zusammenhang von Narration und Freiheit beleuchten.</p>
<p>Doch zur Sache selbst. Freundschaft, Liebe und Familie bilden die “erste Sphäre sozialer Freiheit”. Was heißt „erste“? Ihr Vorrang wird von Honneth zunächst sozialisationstheoretisch begründet: In der Sphäre persönlicher Beziehungen erfahren die Subjekte zum ersten Mal Freiheit und erleben, was es bedeutet, anerkannt zu sein. Honneth beginnt den Abschnitt mit der Freundschaft als am wenigsten standardisierten und verrechtlichten, aber dennoch auf Dauer gestellten Verhaltensmuster wechselseitiger Anerkennung, auf das Individuen zurückgreifen, um ihre individuelle Freiheit zu erfahren. Honneth bezieht sich hier explizit auf das ursprünglich romantische Verständnis von Freundschaft, das jedoch erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für breite Bevölkerungsschichten zugänglich werde. Im Kern ist Freundschaft demnach eine Anerkennungsbeziehung, deren Besonderheit darin besteht, “daß sie einer Person das eigene Wollen als etwas erfahrbar machen, dessen Artikulation vom konkreten Gegenüber seinerseits erstrebt wird und das damit jede Verschließung nach innen verliert.” (248) Kurz: Freunde sind frei, weil sie sich über Pläne, Gefühle und Erlebnisse ohne Vorbehalt austauschen und beraten können. Freundschaft ist für Honneth “das elementarste Ferment aller demokratischer Sittlichkeit” (252), da sie heute, in ihrer fortschrittlichsten Ausprägung, über alle sozialen, ethnischen und geographischen Grenzen hinweg praktiziert wird.</p>
<p>Auch Honneths Rekonstruktion der Liebesbeziehung nimmt ihren Ausgangspunkt in der romantischen Prägung der sozialen Form. Die Partner werden einander zur “Quelle körperlicher Selbsterfahrung […], in der die eigene Naturhaftigkeit ihre gesellschaftlich auferlegten Fesseln verliert und im Gegenüber ein Stück ihrer ursprünglichen Ungezwungenheit wiedererlangen kann.” (270) Während Freundschaft das „Bei-sich-selbst-Sein im Anderen” in Bezug auf den Lebensentwurf realisiere, ist es das natürliche So-Sein, das in der Liebesbeziehung Anerkennung durch die Partner erfahre. In diesem Abschnitt bezieht sich Honneth erneut stark auf die Literatur als zeitdiagnostisches Instrument, um die Gefährdungen und neue Freiheitspotentiale, denen die Liebesbeziehungen in heutigen Gesellschaften ausgesetzt sind, anschaulich zu machen. Die größte gegenwärtige Gefährdung der Institution Liebe drohe ihr von außen: Durch die massiv gestiegenen Anforderungen und Zumutungen, die die Arbeitswelt in Form von Beschleunigung, Flexibilisierung und Unsicherheit für die Einzelnen bereithalte.</p>
<p>Am Ende dieses Abschnittes findet sich damit auch der erste systematische Ansatzpunkt für Kritik innerhalb der normativen Rekonstruktion: die Kolonisierung anderer Sphären durch die Sphäre der Ökonomie.</p>
<p>Von den vielen möglichen Fragen, die sich aus der Lektüre dieses Abschnitts ergeben, möchte ich vier herausgreifen und zur Diskussion stellen:</p>
<p>1. Die Frage der Methode: Mir ist die methodische Verknüpfung von normativer Rekonstruktion und dem Arbeiten mit Beispielen aus Literatur und Kunst noch nicht ganz klar geworden. Wie sehr stützt sich in diesem Zusammenhang die Theorie auf die Überzeugungs- und Urteilskraft des Autors, auf die Auswahl seiner Beispiele und ihre Interpretation (wie bereits andiskutiert)?<br />
2. Die Frage des Konflikts: Es scheint mir, dass im „Recht der Freiheit“ das konfliktuale Potential intersubjektiver Praxis aus dem Blick gerät. Während in „Kampf um Anerkennung“ etwa die Liebe sehr viel konfliktträchtiger dargestellt wird, dominiert hier das einvernehmliche Anerkannt-Sein. Was bedeutet dieser shift für Honneths Begriff von Praxis (und Politik)?<br />
3. Die Frage nach dem anthropologischen Fundament der Theorie: Wenn Liebe und Freundschaft so etwas wie eine menschliche „Urerfahrung“ und das Grundmodell der Freiheit darstellen, besteht dann nicht – bei aller historischen Situierung – die Gefahr, dass sich ein anthropologisches Fundament in die Theorie einschleicht? Und widerspricht dies nicht dem Anspruch, die Gesellschaft integrierenden Normen und Werte historisch und für einen eingeschränkten Geltungsbereich zu rekonstruieren (wie Honneth es ja auch hier für Freundschaft und Liebe versucht)?<br />
4. Daraus ergibt sich direkt die schon an einigen Stellen aufgekommene Frage nach der Reichweite von Honneths Gesellschaftstheorie (Wer ist „wir“?). Sicherlich wird es zur Beantwortung der Frage vor allem auf die Rekonstruktion der anderen beiden Sphären ankommen, denn für den Bereich der Freundschaft und der Liebe scheint es mir – auch mit einem Blick auf (Welt-)Literatur und Kunst – recht eindeutig so zu sein, dass sie in den hier beschriebenen Formen nicht auf westliche Gesellschaften liberalen Typs zu beschränken sind.</p>
<p><a title="Lesekreis zu Axel Honneths “Das Recht der Freiheit”" href="http://www.theorieblog.de/index.php/lesekreis-axel-honneth-recht-der-freiheit/">[Gesamtübersicht zum Lesekreis]</a></p>
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		<title>Herausforderungen der Finanzkrise für die politische Theorie</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Dec 2011 11:30:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>daniel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Reflexionen]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratietheorie]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzkrise]]></category>
		<category><![CDATA[Gerechtigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Globale Gerechtigkeit]]></category>

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		<description><![CDATA[Seit Jahren nun schon prägt die Finanzkrise unsere öffentliche Diskussion. Was 2007 mit der Immobilienkrise in den USA begann, hat sich zu einer Krise der Staatsfinanzen entwickelt, die nicht zuletzt in Folge immer schärferer Sparmaßnahmen auch die Realwirtschaft vieler europäischer Länder bedroht. Nicht nur in Griechenland, sondern zunehmend auch in vielen anderen Teilen Europas steigt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Seit Jahren nun schon prägt die Finanzkrise unsere öffentliche Diskussion. Was 2007 mit der Immobilienkrise in den USA begann, hat sich zu einer Krise der Staatsfinanzen entwickelt, die nicht zuletzt in Folge immer schärferer Sparmaßnahmen auch die Realwirtschaft vieler europäischer Länder bedroht. Nicht nur in Griechenland, sondern zunehmend auch in vielen anderen Teilen Europas steigt die Arbeitslosigkeit und schwindet zugleich die Aussicht darauf, die Staatsverschuldung in den Griff zu bekommen. Zugleich entwickelt sich die Wirtschaftskrise zunehmend auch zu einer politischen Krise, ohnmächtig erscheinen die nationalen Regierungen angesichts der Macht der Märkte und auch die Zukunft der europäischen Union ist ungewiss. In diesem Beitrag möchte ich nun versuchen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit einige jener Herausforderungen zu benennen, die sich aus diesen Entwicklungen für die politische Theorie ergeben. Dabei geht es mir insbesondere um die Herausforderungen, die sich aus den gegenwärtigen politische Problemen für unser Verständnis von Demokratie und sozialer Gerechtigkeit ergeben. Hierzu im Folgenden sieben Thesen:<span id="more-5367"></span></p>
<p>1. Als unzweifelhaft transnationales Problem wirft die gegenwärtige Finanzkrise die Frage auf, ob nationalstaatlich organisierte Demokratien in der Lage sind, sich auf transnationale Lösungen zu einigen (ausführlich dazu u.a. <a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/die_postnationale_konstellation-juergen_habermas_12095.html" target="_blank">Habermas</a>). Das Problem ist schon länger bekannt, etwa aus dem Bereich der Umweltpolitik, bekommt in der gegenwärtigen Krise aber noch mal eine besondere Dringlichkeit. Denn auch wenn die Notwendigkeit transnationaler Lösungen kaum bezweifelt wird, scheint die Bereitschaft zu solchen Lösungen unter den derzeitigen, wirtschaftlich schwierigen Bedingungen sogar noch weiter abzunehmen. Verständlicherweise schürt die Finanzkrise Ängste und leider scheint es für die meisten demokratisch gewählten Politiker zweckdienlich, diese Ängste noch weiter zu schüren und sich selbst zum Opfer fremder Mächte zu stilisieren. Unsere Wirtschaft ist doch eigentlich intakt, heißt es unisono aus Griechenland, Italien, Spanien, Frankreich, Deutschland und den USA, schuld an der Misere sind jeweils die anderen oder notfalls „die Märkte“. Diese Zurückweisung eigener Verantwortung ist in gewisser Weise in den demokratischen Spielregeln angelegt, bietet sie Politikern doch wenigstens kurzfristig eine Möglichkeit, sich selbst als unbescholtene Retter der Nation zu präsentieren. Dabei verstärkt ein solches Handeln langfristig jedoch bestehende Ängste, verfestigt nationale Ressentiments und verbaut so systematisch den Weg zu transnationalen Lösungen. Demokratietheoretisch stellt sich hier die Frage, wie demokratische Verfahren sich aus dem Griff einer solchen Logik zunehmender Renationalisierung der Politik entziehen kann.</p>
<p>2. Ein weiteres Problem ergibt sich aus den unterschiedlichen Zeithorizonten ökonomischer und politischer bzw. demokratischer Entscheidungen, auf die u.a. Hartmut Rosa mit seinen Überlegungen zu <a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/beschleunigung-hartmut_rosa_29360.html" target="_blank">Beschleunigungsprozessen</a> schon seit längerem hinweist. “Die Märkte”, also die eigentlich quantitativ überschaubare Anzahl von Investoren an den Finanzmärkten, operieren mit dem Ziel einer oft extrem kurzfristigen Gewinnmaximierung. Der Zeithorizont dieser Investoren ist bisweilen sogar noch kürzer als der mancher Wirtschaftsakteure, auf jeden Fall aber kürzer als jener deliberativ-demokratischer Verfahren. Eine zunehmend häufig zu beobachtende Reaktion ist der Versuch der Abkürzung demokratischer Verfahren. Man denke nur an den Zwischenstop der Kanzlerin im Bundestag während der Verhandlungen um den europäischen Rettungsfonds <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4ischer_Stabilit%C3%A4tsmechanismus" target="_blank">ESM</a>, der kaum noch geeignet war, die Fassade einer einigermaßen eigenständigen parlamentarischen Entscheidungsfindung aufrecht zu erhalten. Doch auch diese Maßnahmen reichen nicht aus, nach wie vor bleibt das Bild einer Politik, die von den Finanzmärkten getrieben wird, statt diese entsprechend demokratisch gefällter Entscheidungen zu regulieren.</p>
<p>3. Eng verbunden hiermit ist das Problem der enormen Komplexität des Finanzmarktes, die sich in aller Gänze überhaupt nur noch wenigen Experten erschließt. Vielen verantwortlichen Politikern, den meisten Journalisten und nicht zuletzt dem Großteil der Bevölkerung fällt es schwer, der rasanten Abfolge von immer neuen Rettungsvorschlägen zu folgen, geschweige denn die tieferliegenden Ursachen der gegenwärtigen Krise zu erfassen. Eine sinnvolle öffentliche Diskussion ist so kaum möglich, die Folge ist eine eindeutige Verschiebung der Machtverhältnisse zugunsten der Exekutive. Will man diese Machtverschiebung nicht einfach akzeptieren, stellt sich demokratietheoretisch so die Frage, wie unter hohem Zeitdruck derart komplexe Entscheidungen in demokratisch legitimer Weise gefällt werden können.</p>
<p>4. Eine vielversprechende Lösung der in den letzten beiden Punkten aufgeworfenen Probleme bestünde darin, durch eine Reduzierung der Staatsschulden die Abhängigkeit der Politik von den Finanzmärkten zu mindern. Wären Staaten nicht länger in dem Maße wie bisher von externen Kreditgebern abhängig, so die Hoffnung, könnte man jenseits einiger grundlegender Regulierungen die Finanzmärkte sich selbst überlassen. Aus gutem Grund zeitaufwendige demokratische Verfahren könnten sich dann auf eben diese grundlegenden Regulierungen beschränken. Jenseits aller möglichen Probleme im Detail ist jedoch unklar, ob eine solche Lösung überhaupt demokratisch umsetzbar ist. Was hierfür notwendig wäre, wären massive Veränderungen des Steuerrechts und zumindest kurzfristig wohl auch eine gewisse Senkung des allgemeinen Lebensstandards. Und wiederum scheint es in den Spielregeln der Demokratie angelegt, dass es für demokratische Politiker zweckdienlich ist, solche tiefgreifenden Reformen so lange wie möglich, und wenigstens bis zur nächsten Wahl, zu vermeiden. Man denke nur an das geradezu groteske “Steuergeschenk” der schwarz-gelben Bundesregierung, das diese erst kürzlich ohne jeden Sinn für Ironie verabschiedet hat, während sie zugleich andere europäischen Staaten gar nicht genug über die Notwendigkeit des Sparens belehren kann. Oder noch absurder die Entwicklung des amerikanischen politischen Diskurses, in dem sich mittlerweile niemand mehr traut, über Steuererhöhungen überhaupt nur nachzudenken.</p>
<p>5. Jenseits der durch die Finanzkrise aufgeworfenen Probleme demokratischen Regierens stellt sich zudem die Frage, was die Krise mit Blick auf Fragen sozialer Gerechtigkeit  bedeutet. In aller Deutlichkeit zeigen sich im Moment die Interdependenzen des globalen Wirtschaftssystems, und wird damit auch die Notwendigkeit eines Systems globaler Verteilungsgerechtigkeit deutlich. Jenseits der Idee einer <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Finanztransaktionssteuer" target="_blank">Finanztransaktionssteuer</a> stellt sich dabei aber sehr grundsätzlich die Frage, was angemessene Kriterien für Verteilungsgerechtigkeit mit Blick auf das Finanzsystem sein könnten und ob es überhaupt möglich ist, das Finanzsystem, wie wir es heute kennen, entsprechend solcher Kriterien sozial gerecht umzugestalten. Ein Hindernis ist hier die bereits angesprochene Komplexität des Finanzsystems, darüber hinaus stellt sich aber auch die Frage, ob das Finanzsystem nicht bereits historisch auf einer so ungerechten Ressourcenverteilung aufbaut, dass eine solche Reform gar nicht möglich ist.</p>
<p>6. Wendet man dieses Problem zudem auf den nationalen Kontext und insbesondere auf das Problem der Staatsverschuldung an, so zeigt sich hier eine Verbindung zwischen den demokratie- und den gerechtigkeitstheoretischen Problemen. Wenigstens formal ist die Verschuldung der europäischen Staaten durch demokratische Verfahren gedeckt, insofern erscheint es gerechtfertigt, die möglicherweise daraus entstehenden Kosten auf alle Staatsbürger zu verteilen. In dem Maße, in dem wie beschrieben die demokratische Beteiligung an immer neuen Rettungspaketen zur Makulatur wird, wird das Bild jedoch undeutlicher. Nimmt man dann noch hinzu, dass viele Bürger sich ja zugleich auch selbst am Finanzmarkt betätigen, wird nahezu vollends unklar, was eigentlich aus Perspektive sozialer Gerechtigkeit unter diesen Umständen geboten ist. Ist es gerecht, wenn jene US-Amerikaner und Griechen nun Einschnitte erleben, die zuvor ihren Konsum über waghalsige Kredite finanziert haben? Oder müssen hingegen die Banken zur Rechenschaft gezogen werden, die solche Kredite zuallererst vergeben haben? Ist es gerecht, wenn die deutschen Rentner weniger Rente erhalten, nachdem sie der heutigen Generation einen Haufen unbezahlbarer Schulden hinterlassen haben? Oder sollten auch sie an den Bemühungen um die Reduzierung der Staatsschulden beteiligt werden? Weniger kompliziert ist es wahrscheinlich, ein sozialstaatliches Minimum zu benennen, das allen Bürgerinnen und Bürgern in Griechenland, den USA und Deutschland einen akzeptablen Lebensstandard ermöglicht. Doch wie sähe jenseits dieses Minimums eine gerechte Verteilung all jener Kosten aus, die durch Finanzkrise bereits jetzt entstanden sind, und was könnten hierfür ausschlaggebende Kriterien sein?</p>
<p>7. Unsicher bin ich mir schließlich, inwiefern die gegenwärtige Krise sich in ihren Herausforderungen für die Politik und die politische Theorie von anderen Krisen unterscheidet. Meine Vermutung ist, dass das globale Finanzsystem in seiner heute bestehenden Form eine tatsächlich neue Herausforderung darstellt, die sich nicht vollständig mit den Problemen und Herausforderungen einer globalisierten Wirtschaft deckt. Was vielmehr neu hinzukommt, sind die Eigenheiten globaler Finanztransaktionen, die sich noch stärker als reales Wirtschaftshandeln dn bisherigen demokratischen Verfahren und Institutionen sozialer Gerechtigkeit entziehen. Wie gesagt, an diesem Punkt bin ich mir aber selbst noch unsicher, vielleicht ist der Unterschied zu anderen Krisen des kapitalistischen Systems auch eher graduell.</p>
<p>– Wie eingangs bereits geschrieben, sind die hier angestellten Erwägungen vor allem der Versuch einer Systematisierung meiner eigenen Überlegungen in Form von Fragen, die ich selbst noch nicht beantworten kann. Umso mehr freue ich mich um Anregungen und Kritik über die Kommentarfunktion!</p>
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