Seit John Rawls’ „Theorie der Gerechtigkeit“ sind die Debatten im Bereich der angloamerikanischen politischen Philosophie explodiert, zahlreiche neue Professuren wurden geschaffen, Forschungsprojekte ins Leben gerufen, Zeitschriften gegründet. Jürgen Habermas und die anderen Nachfolger der frühen Frankfurter Schule können zwar keine vergleichbare Forschungsindustrie vorweisen, der Einfluss auf die politische Theorie in Deutschland ist aber dennoch sichtbar. Spätestens der Austausch zwischen Rawls und Habermas im Journal of Philosophy von 1995 hat kontinentaleuropäisches und anglo-amerikanisches Denken über normative politische Theoriebildung zusammengebracht. Dabei stand eine zentrale Frage immer im Raum: Können wir den Status unserer normativen Theorie plausibel begründen? Oder lässt sich der verbindliche Charakter von politischer Theorie in der Moderne nicht mehr rechtfertigen? Mit Todd Hedricks Buch „Rawls and Habermas. Reason, Pluralism, and the Claims of Political Philosophy“ (Stanford University Press, 2010) ist nun erstmals eine Monografie zur Auseinandersetzung zwischen Rawls und Habermas erschienen. (weiterlesen…)
Beiträge in der Rubrik ‘Reflexionen’
Todd Hedrick zur Habermas-Rawls-Debatte und der Möglichkeit normativer politischer Theoriebildung
3. August 2010, moritzBericht vom Workshop „Ansätze und Methoden zur Erforschung politischer Ideen“ im Juli 2010 in Hamburg
29. Juli 2010, haraldOrganisiert von Andreas Busen (Uni Hamburg), Alexander Weiß (Uni Hamburg) und Stefan Skupien (FU Berlin) fand am 16. und 17. Juli am Institut für Politikwissenschaft der Universität Hamburg eine Zusammenkunft von etwa 50 Nachwuchswissenschaftlern statt. Der Workshop Ansätze und Methoden zur Erforschung politischer Ideen brachte, so das einhellige Urteil, durch vielfältigen Gedankenaustausch eine intensive Gegenwärtigkeit derjenigen Fragestellungen hervor, die jeden Forschenden im Bereich der Theorie und Ideengeschichte betreffen (hier eine erste gebloggte Reaktion auf die Tagung). (weiterlesen…)
„Contextual turn“ in der politischen Philosophie? Rückblick auf die IWM International Summer School „Religion in Public Life“
26. Juli 2010, ulrike„Religion in Public Life“ lautete das Thema der diesjährigen IWM International Summer School in Philosophy and Politics des Wiener Instituts für die Wissenschaften vom Menschen (IWM). Zwei Wochen lang, vom 4. bis 17. Juli, diskutierten 40 DoktorandInnen, Postdocs und ProfessorInnen aus aller Welt in Cortona (Italien) über die Zusammenhänge von Politik, Religion, Öffentlichkeit, Demokratie und Moderne. Für die vier thematisch spezialisierten Seminare lässt sich im Rückblick neben dem offiziellen Thema der Summer School eine weitere übergeordnete Fragestellung formulieren: Wieviel historische und soziologische Empirie verträgt die politische Philosophie? Besonders deutlich wurde das in dieser Frage zum Ausdruck kommende Spannungsverhältnis zwischen universellen Prinzipien einerseits und partikularen kulturellen, historischen und sozialen Kontexten andererseits in Debatten über die Kritik an der Vorstellung einer einheitlichen Moderne, das Verhältnis von Religion und Demokratie und die demokratische Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit pluralistischer Gesellschaften. (weiterlesen…)
„Veiled Threats?“ Martha Nussbaum über Burka-Verbote in Europa
15. Juli 2010, ulrikeVor wenigen Tagen konstatierte die türkische Soziologin Nilüfer Göle im Rahmen der IWM International Summer School in Philosophy and Politics des Wiener Instituts für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Cortona (Bericht folgt) eine semantische Verschiebung in europäischen Debatten über den Islam vom „Kopftuch“ hin zur „Verschleierung“. Im europäischen Identitätsdiskurs ist die Burka zum neuen Symbol für das „Andere“ avanciert. Nach Belgien (siehe: „Europas Furcht vor dem Fremden“ im theorieblog) hat nun auch Frankreichs Parlament für ein Verbot des Ganzkörperschleiers gestimmt und feiert dies als Triumph der Werte der Freiheit und Gleichheit. Aus Sicht der politischen Philosophie ist dieser Befund zweifelhaft – Martha Nussbaum hält die gängigen Argumente für ein Gesetz gegen die Verschleierung für „utterly unacceptable in a society committed to equal liberty“.
Auf der Suche nach einer realistischen Theorie des Unrealistischen. Bericht von der Tagung ‘Internationale Politische Theorie’, Teil 3
25. Juni 2010, jakob luise maike und saraDritter Tag
Revision der IB-Theorie
Im leider spärlich besuchten Panel Revision der IB-Theorie wurden einige interessante Vorschläge formuliert, wie IB-Theorie konzeptualisiert und erweitert werden kann. Der Frage, was eigentlich eine Theorie sei, ging Felix Berenskötter nach. Über die Unterscheidung zwischen deep und shallow theories gelangte er zu der Konklusion, dass die IPT gemäß einer deep theory nach der ihr zugrundeliegenden Konzeption des Selbst fragen sollte. Im Gegensatz zu diesen deep theories stünden in der IB-Theorie oft shallow theories, die ihre impliziten und oft widersprüchlichen Grundannahmen nicht ausformulierten und somit an theoretischer Reflexion mangeln würden. (weiterlesen…)
Auf der Suche nach einer realistischen Theorie des Unrealistischen. Bericht von der Tagung ‘Internationale Politische Theorie’, Teil 2
24. Juni 2010, andreas jakob luise maike und saraZweiter Tag
Gesellschaftstheorie der Internationalen Beziehungen
Das erste Panel am Freitagmorgen war der Gesellschaftstheorie der Internationalen Beziehungen gewidmet, genauer: der Frage nach den gesellschaftlichen Voraussetzungen globaler Vergemeinschaftung. Tobias ten Brink und Michael Zürn versuchten eine gesellschaftstheoretische Antwort, während Antje Wiener und Philip Liste sich der Frage in concreto, anhand eines empirischen Beispiels, näherten. (weiterlesen…)
Auf der Suche nach einer realistischen Theorie des Unrealistischen. Bericht von der Tagung ‘Internationale Politische Theorie’, Teil 1
23. Juni 2010, maikeErster Tag
Geplagt von drückender Hitze in nicht immer klimatisierten Räumen, doch immer wieder aufgepäppelt von hervorragend gesundem Catering (Bananen und Äpfel statt Kekse zum Kaffee) und gut unterhalten von abwechslungsreichen Rahmenveranstaltungen (u.a. Barbecue auf der Dachterrasse, WM-Leinwand), durften die Teilnehmer der Tagung Internationale Politische Theorie (10.-12.6.2010) im Casino-Bau des IG-Farben-Komplexes auf dem Campus Westend der Frankfurter Goethe-Universität einem sehr dichten, erkenntnisreichen und spannenden Programm beiwohnen. (weiterlesen…)
Liberté, Egalité, Fraternité. Charles Taylor über Laizismus und Anerkennung in liberalen Demokratien
14. Juni 2010, janina und wulf“Der Name des Philosophen Charles Taylor ist eigentlich ein Garant für Aufmerksamkeit und volle Hörsäle….” Janina und Wulf mit einem Bericht über Charles Taylor’s Vortrag in der Vortragsreihe „Und jetzt – Richtungen der Zukunft“, die von der Humboldt-Universität zu Berlin und der Siemens Stiftung veranstaltet wird.
Spivak am OSI: Auch die Kämpfe internationalisieren
14. Juni 2010, maikeDie taz berichtet über ein Gespräch zwischen Gayatri Chakravorty Spivak und Studierenden des Berliner Otto-Suhr-Instituts für Politikwissenschaft, die in diesen Tagen eine Protestwoche („Vakanzen tanzen“) aus Anlass der dramatischen Situation in der Lehre durchführen: (weiterlesen…)
Konferenz: Ästhetische Erfahrungen in Udine
9. Juni 2010, susanneWie erfahren wir eigentlich Kunst? Und was hat das mit dem Schönen und dem Guten zu tun? Ästhetische Erfahrung, die Rezeption von Kunst, der Begriff des Schönen und der Zusammenhang von Ästhetik und Moral waren zentrale Themen der diesjährigen Konferenz der Europäischen Gesellschaft für Ästhetik (kurz ESA) Ende Mai in Italien. Dass diese in so einem pittoresken italienischen Städtchen wie Udine in Friaul stattfand, war dabei fast selbst wie eine These zu lesen: Angesichts der fabelhaften venezianischen Renaissance-Bauten allüberall konnte man sich einer Idee des Schönen, die wir vielleicht in ganz besonderer Weise ästhetisch erfahren, beinahe nicht verwehren. Empfinden wir dabei ein Lustgefühl? Können wir dieses nur so oder auch bei nicht-schönen, nichts mit Schönheit gemein habenden Objekten empfinden? Oder ist das dann etwas anderes? Dies waren zum Beispiel Fragen von Gary Kemp (Glasgow) und von Thierry de Duve (Lille III), wobei sich letzterer dahingehend die Kritik der Urteilskraft von Kant vornahm. (weiterlesen…)