Beiträge in der Rubrik ‘Lesenotizen’

Inszenierung als Beruf – „Guttenbergen“ und „Wulffen“ als neuer Politikstil?

17. Januar 2012, eva

In der Debatte um Fehlverhalten, Krisenmanagement und Wahrheitsbegriff unseres Bundespräsidenten erheben sich bekanntermaßen längst nicht alle Beiträge über das Niveau schaulustiger Empörung: Die Leistung von „Bild“ ist nicht die heroische Verteidigung der Pressefreiheit, sondern die Boulevardisierung auch gehobener deutscher Printmedien nach ihrem eigenen Vorbild. Nach den Gesetzen des Boulevardjournalismus, den in den letzten Wochen auch FAZ, SZ, etc. gefolgt sind, musste die investigative Erregung freilich sukzessive abflauen. Was am Ende trotz der oft oberflächlichen Medienempörung bleibt, ist nicht nur Wulff im Amt, sondern im besten Falle auch ein paar grundlegendere Überlegungen und Erkenntnisse zum Verhältnis von Person, Staatsamt und Medienöffentlichkeit, und zur Selbst- und Fremdinszenierung in der Politik. Ganz ähnlich verlief die Guttenberg-Skandaldramaturgie vor nicht einmal einem Jahr. (weiterlesen…)

Honneth-Lesekreis (6): Pro Familia – Die Bedeutung der Familie für Subjekt und Gesellschaft

9. Januar 2012, susanne

Teil C, III.1 (Das „Wir“ persönlicher Beziehungen: c) Familien (S. 277-317)

Eine Familie, so heißt es in dem Film “Der Eissturm” von Ang Lee, ist wie die eigene Anti-Materie: Sie sei das Nichts “aus dem du kommst und der Ort, an den du zurückkehrst, wenn du stirbst”. Auch wenn Honneth die Familie wohl weder als persönliche Anti-Materie noch als negative Zone (wie es im Film weiter heißt) bezeichnen würde – denn seine normativ-rekonstruktive Darstellung der Familie ist wesentlich optimistischer – so würde er sicherlich den zyklischen Charakter der Familie bestätigen. Denn auch nach Honneth ist die Familie unter anderem dadurch charakterisiert, dass sich ihre Mitglieder als eine zwischen Geburt und Tod verbundene Solidargemeinschaft verstehen (315). Eine der Leistungen von Familien ist es, dass sie “säkularen Trost” spenden, den “Kreislauf des Lebens” erfahrbar machen und von “Einsamkeit und Todesfurcht” entlasten (310). Freiheit, so lautet eine der zentralen Thesen, wird in der Familie dadurch verwirklicht, dass die heutige Familie a) frei ist von traditionellen Rollenverteilungen, und stattdessen die Person als Ganze in den Blick genommen wird (304) und b) frei ist von Altersgrenzen, insofern, als Kinder Eltern und Eltern Kinder sein können (307). (weiterlesen…)

Lesenotiz: Neues von alten Imperien

31. Oktober 2011, eva

Kolonialen Strukturen und ihren Verwerfungen nähert sich die Politische Theorie und Ideengeschichte seit rund einem Jahrzehnt nicht nur von den Postcolonial Studies aus, sondern auch von Seiten der Imperientheorie.  Die Fragestellungen jener, von Historikern wie Politikwissenschaftlern unternommenen, Versuche der Theoriebildung sind dabei grundlegend andere als die der postkolonialen Ansätze: Makrostrukturen und -dynamiken imperialer Ordnungen, Herrschaftslogiken , Formen der Machtdurchsetzung und Gründe für den rise, decline and fall großer Reiche stehen im Vordergrund, verallgemeinernd gesprochen, genuin politikwissenschaftliche und nicht so sehr soziologische oder kulturgeschichtliche Fragestellungen.  Für Politiktheoretiker, die sich für die Verknüpfung von Geschichtsanalyse und Theoriebildung im Hinblick auf Imperien interessieren, gibt es nun mit „Empires in World History“ aus der Feder zweier US-Historiker eine neue Einführung in die Materie, die versucht, den Nutzen und die Plausibilität des Imperienkonzepts direkt anhand des geschichtlichen Gegenstands zu demonstrieren, und dabei trotz ihres Einführungscharakters (keine Fußnoten!) durchaus theoretisch auf der Höhe der Zeit ist. (weiterlesen…)

Kein Anspruch auf Nächstenliebe? Eine offene E-Mail an Daniel Bahr

8. Juli 2011, cord

Den folgenden Text habe ich heute als E-Mail an den Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr geschickt. Anlass war dieses Interview mit Bahr in der Süddeutschen Zeitung. Es geht um die von den Landesgesundheitsministern geplante Neuregelung der Organspende (Details im verlinkten Interview), eine der sinnvollsten politischen Initiativen seit gefühlten Jahrzehnten. Überraschenderweise ist die FDP dagegen…

“Sehr geehrter Herr Minister Bahr,

mit großem Interesse habe ich heute ihr Interview mit der Süddeutschen Zeitung zu der Debatte über die Neuregelung der Organspende gelesen. Darin erklären Sie, dass es nach ihrem Werteverständnis “keinen Anspruch auf einen Akt der Nächstenliebe geben” kann. Das scheint mir auch aus philosophischer Perspektive eine vollkommen plausible Position zu sein. Allerdings hat sie mit der Debatte um die Neuregelung der Organspende wenig zu tun. (weiterlesen…)

Bin Ladens Tötung gerechtfertigt?

3. Mai 2011, susanne

Avishai Margalit schreibt in seiner “Politik der Würde”, dass selbst der schlimmste Verbrecher noch moralische Rechte und das Recht auf Achtung seiner Würde besitzt. Begründen tut er dies u.a. mit der These der “radikalen Freiheit”, sein Leben doch noch zum Guten zu wenden. Osama Bin Laden hat diese Möglichkeit nun nicht mehr, es ist allerdings auch fraglich, ob er diese “Freiheit” genutzt hätte… aber das ist hier nicht die Frage, sondern: Ist die Tötung Bin Ladens eigentlich ethisch gerechtfertigt oder hätte man ihn vor ein Strafgericht stellen müssen, um – nach Margalit – anständig oder gerecht zu sein? Unsere Philosophie-Kollegin Anna Goppel vom Ethikzentrum Zürich, die sich mit Terrorismus befasst, wurde zur ethischen Rechtfertigbarkeit der Tötung auf NZZ Online befragt.

Presseschau 1/2011

18. April 2011, chris

Ein Blick in die nationalen und internationalen Fachzeitschriften verrät – es hat sich einiges getan seit unserer letzten Presseschau. (weiterlesen…)

Andrew Arato als Gastblogger beim Verfassungsblog

17. April 2011, cord

Andrew Arato, Professor für Politische Theorie an der New School for Social Research, hat einen Gastbeitrag auf dem Verfassungsblog von Max Steinbeis veröffentlicht. Es geht um die neue ungarische Verfassung, einem Thema mit dem sich Steinbeis schon seit längerem kritisch befasst und ihm bereits absurde Plagiatsvorwürfe von ungarischen Nationalisten eingebracht hat. Sehr lesenswert!

Und er twittert doch: Die Habermas-Merkel Klickstrecke in der SZ

8. April 2011, cord

Unter dem Titel “Merkels von Demoskopie geleiteter Opportunismus” rechnet Jürgen Habermas in der SZ mit der schwarz-gelben Koalition ab. Sehr lesenswert. Weniger erfreulich ist allerdings, dass Süddeutsche.de den Gastbeitrag von Habermas quasi als Klickstrecke gestaltet hat. Auf acht (!) Seiten wird ein Text von ca. 2800 Wörtern gestreckt, d.h. ganze 350 Wörter werden dem Leser im Schnitt pro Seite gegönnt. Ein Abschnitt ist gar nur 180 Wörter lang. Das ist noch nicht ganz Twitter-Format, aber es nähert sich bedenklich an. Der Rest der Seite wird von Anzeigen und – richtig – Klickstrecken gefüllt: Die schönsten Schnappschüsse vom schwarz-gelben Niedergang. Liebe SZ, ich hoffe die Werbemillionen fließen reichlich!
P.S.: Zum Vergleich: Dieser Beitrag besteht aus 123 Wörtern.

Ethik-Podcast an der Uni-Zürich

14. März 2011, daniel

Susanne hatte ja vor längerem schon mal etwas über Philosophie in Radio und TV geschrieben. Vom Ethik-Zentrum der Uni-Zürich gibt es nun ein weiteres, sehr vielversprechendes Format mit dem Titel “Hinterfragt – Der Ethik-Podcast”. In der ersten Folge geht es um zivilen Ungehorsam; mehr dazu gibt es hier.

Neues Format auf dem Theorieblog

14. März 2011, chris

In Zusammenarbeit mit der Zeitschrift für Politische Theorie (ZPTH) und dem Verlag Barbara Budrich starten wir ab nächster Woche mit einem neuen Format auf unserem Blog: der Besprechung, Diskussion und Kommentierung eines Artikels aus der ZPTH. (weiterlesen…)