Tagungsbericht: Neues aus Biopolis! Biomedizin zwischen Deutungskampf und Differenz

Mit Hilfe der jüngeren biomedizinischen Forschung und ihrer Anwendungen ist es heute möglich, Erbgut mit der ‚Genschere‘ zurechtzuschneiden oder Haut- zu Eizellen und schlagenden Herzen in der Petrischale heranzuzüchten. Angesichts dieser ‚revolutionären‘ Entwicklung offenbart sich, dass die Regulierungsmühen einer policy-orientierten Politikwissenschaft mitunter zu kurz greifen. Denn die Biomedizin wirft Reflexionsfragen auf, die nur noch konstruktivistisch beantwortet werden können: Wie wird die Biomedizin gesellschaftlich konstruiert? Und wie konstruiert Biomedizin die Gesellschaft? Die Verschiebung von ontologischen Was- zu epistemologischen Wie-Fragen weitet Politik auf ein gesamtgesellschaftliches Format aus, sodass Biomedizin nicht als bloßes regulatorisches Objekt, sondern selbst genuin politisch erscheint, insofern sie Entscheidungen über (künftiges) kollektives Zusammenleben vorwegnimmt und entsprechend umkämpft ist. Unter der Fragestellung Neues aus Biopolis? konfrontierte die Tagung der DVPW-Themengruppe Konstruktivistische Theorien der Politik, welche Helene Gerhards und Kathrin Braun am 2. und 3. November 2017 an der Universität Duisburg-Essen veranstalteten, diese Politik der Biomedizin mit theoretischen Reflexionen und empirischen Annäherungen. Dabei erwiesen sich zwei Theorieperspektiven als besonders fruchtbar, führten aber zu gegensätzlichen Schlüssen darüber, inwiefern sozialwissenschaftliche Betrachtung sich selbst in der biomedizinischen Gemengelage positionieren soll und kann – was schließlich zum zentralen Streitpunkt der Tagung avancierte.

Der überwiegende Teil der Beiträge befragte Biomedizin kritisch auf ihren Machtcharakter hin und versuchte ihre Entwicklungen mit normativem Anspruch zu gestalten. Dies zeichnete Stefan Vennmann im Panel theoretisch-empirischer Zugänge von Seiten der Kritischen Theorie vor. Seine These lautete, dass Biomedizin ein Musterbeispiel für den Herrschaftscharakter von Aufklärungsprozessen bilde. In ihren Anwendungen manifestiere sich die Dialektik zwischen medizinischem Fortschritt und der Herrschaft über Menschen: Jede Technologie befördere als ‚Entzauberung der Welt‘ menschliche Emanzipation von Naturzwängen, forciere allerdings gleichzeitig auch Herrschaftsausweitung. Aufgrund dieser Diagnosestellung gelte es, die gesellschaftliche Einbettung biomedizinischer Herrschaft freizulegen, zu kritisieren und politisch herauszufordern.

Hier knüpften Seckin Söylemez und Dana Ionescu im Panel theoretisch-empirischer Konkretisierungen an, indem sie aus diskurstheoretischer Perspektive rekonstruierten, wie biomedizinische Forschung und ihre Anwendungen in gesellschaftliche Teildiskurse eingebettet sind. Biomedizin konstituiere sich demnach auf der Grundlage je spezifischer Regeln und Deutungsrahmen in teildiskursiven Formationsprozessen. So stellte Söylemez für sein Beispiel der humanen embryonalen Stammzelle heraus, dass diese im medizinischen Diskurs unter Forschungsaspekten wie Erkenntnisinteresse, Forschungsfreiheit, Heilungsaussichten oder internationaler Konkurrenz auftrete, wohingegen in der Ethik Bedenken, Verantwortung und der Schutz des Lebens den Rahmen setzen. Dominante Deutungsmuster seien schließlich in der Lage, diese Differenzen und Widersprüche konkurrierender teildiskursiver Konstruktionen einzuebnen. Im Unterschied zu dieser verständigungsorientierten Lesart legte Ionescu ihr Hauptaugenmerk auf die diskursiven Kämpfe, aus welchen die dominanten Deutungen erst hervorgehen: Anhand der Kontroverse zwischen Medizin, Religion und Rechtsprechung um kulturell-religiöse Vorhautbeschneidungen lasse sich beobachten, wie teildiskursive Deutungen auf der übergeordneten Ebene des gesamtgesellschaftlichen Diskurses um ebenjene Deutungshoheit ringen.

Sabine Könninger und Ingrid Metzler führten diese Betrachtung diskursiver Konfliktlinien fort, verzichteten aber darauf, gesellschaftliche Teilbereiche oder -diskurse zu differenzieren, um ihre Dynamik in den Blick zu bekommen. Beide stellten fest, dass im Diskurs um biomedizinische Anwendungen ein biomedizinischer Liberalismus etatistischen und medizinischen Deutungsmustern den Hegemonialstatus abgerungen habe. Die Bruchlinie verlaufe entlang der verschiedenen Begründungsmodi des gesellschaftlichen Umgangs mit biomedizinischen Technologien: Im Falle der ‚Genschere‘ CRISPR/Cas, die es erlaubt, DNA mit Hilfe von Bakterien präzise, kostengünstig und effizient zu manipulieren, zwischen der Forderung nach einer globalen politischen Debatte und internationaler Regulierung (top-down) und jener, stattdessen den Patienten eine Stimme zu geben (bottom-up). Indes fördere das Beispiel auch das konstitutive Wechselspiel diskursiver und nicht-diskursiver Elemente zutage, worin sowohl diskursive Machtverhältnisse sich auf bestehende Technologien stützen, als auch neue Technologien neue Kumulationspunkte in das biomedizinische Diskursfeld setzen. Das könne wiederum Dynamiken anstoßen, welche hegemoniale Deutungsordnungen einreißen und neue Formationen zur Folge haben. So habe einerseits zwar biomedizinischer Liberalismus die Technologie hervorgebracht, doch CRISPR/Cas diesem erst zur Hegemonie verholfen. Andererseits schreibe es nun die Hegemonie fort- bzw. gar „in die Genome ein“.

Angesichts der entpolitisierenden und de-ethisierenden Wirkung jener vorherrschenden liberalen Hegemonie forderte Könninger die Politikwissenschaft dazu auf, die ethische Dimension biomedizinischer Entwicklungen kritisch zu verfolgen und normativ Stellung zu beziehen. Metzler reflektierte dies weiterführend als Performativität biomedizinischer Verheißungen und Diagnosen, da diese just im Vollzug ihrer Beschreibung ihren eigenen Gegenstand veränderten. So bleibe der selbstreflexiven sozialwissenschaftlichen Betrachtung ohnehin nur noch die Wahl, die „biomedizinische Maschine“ entweder zu befeuern, oder „Sand ins Getriebe zu werfen“ – jedoch ohne sicher zu wissen, zu welchen Konsequenzen das jeweils führt. Konstruktivistischen Theorien der Politik erwachse somit die Aufgabe, wissenschaftlich fundiertes Wissen normativ in das diskursive Konfliktfeld biomedizinischer Deutungs- und Machtkämpfe einzubringen.

Diesen kritisch-normativen Perspektiven auf Biomedizin setzte Phillip Roth den Zugang von Seiten der Systemtheorie Niklas Luhmanns entgegen. Da in ihrem Anwendungsbezug Forschung und Anwendung – Wissenschaft und Technik – zur ‚technoscience‘ konvergieren, fokussiere die Biomedizin allein Anwendungsmöglichkeiten und sei blind für Grundlagenforschung, Zukunftsungewissheiten, Translationsprobleme und die Kopplung von Technologie und Forschungsprozess. Jedoch verlaufe schlussendlich jeder Versuch, dieser Kehrseite der Biomedizin mit politischer Regulierung beizukommen, im Oszillieren zwischen Forschung und Anwendung, Innovation und Risiko, Wissenschaft und Technik. Dementsprechend erübrige es sich auch, normativ in biomedizinische Entwicklungen einzugreifen. Stattdessen könnte konstruktivistische Gesellschaftskritik Biomedizin, wie auch die Versuche, sie zu regulieren, noch beschreiben, Steuerbarkeitsgrenzen aufzeigen, Erwartungen mäßigen, sie reflektiert begleiten und sich somit im Zirkel sozialwissenschaftlicher Begleitforschung selbst der Beobachtung aussetzen.

Zusammenfassend mutet das Thema Biomedizin geradezu paradox an: Sie ist Emanzipations- wie Herrschaftsmittel zugleich. Ihr Liberalismus ist Ursache und Folge der CRISPR/Cas-Technologie. Regulierungsversuchen dünkt sie daher sowohl riskant als auch innovativ. Als Gegenstand diskursiver Deutungskämpfe und Machtstrategien ist sie Politikum, gleichwohl entzieht sie sich dem politischen Zugriff. An alldem stört man sich in der Biomedizin wohl wenig, aber der Tagung wurde dies zum Schlüsselmoment: Als sichtbares Zeichen der Unsichtbarkeit zeigte jede Paradoxie die theoriespezifischen blinden Flecken auf. Die Analyse aus praxisorientiert-konstruktivistischer, kritisch-normativer Perspektive sowie unter Zuhilfenahme diskurs- und hegemonietheoretischer Ansätze konnte einige Deutungs- und Machtkämpfe herausarbeiten, die der Biomedizin zugrunde liegen, aber nicht sogleich ihre Autonomie berücksichtigen. Demgegenüber war es mit der differenzorientierten Spielart des operativen Konstruktivismus Niklas Luhmanns zwar möglich, die sozialstrukturellen Differenzen gesellschaftlicher Teilsysteme in Rechnung zu stellen. Doch im Gegenzug musste die Politik der Biomedizin im ‚Zwischen‘ der Systemgrenzen verschwinden. Ebenjene Kontrastierung theorieperspektivischer Belichtungsmöglichkeiten und -grenzen im biomedizinischen Problemfeld wurde abschließend mehrfach als wesentlicher Erfolg der Tagung resümiert, sodass Perspektivenvielfalt das Gelingen einer Ausleuchtung blinder Flecken und somit einer angemessenen kritischen Beschreibung von Biomedizinpolitik erhoffen lässt.

Florian Hoffmann ist Studierender des M.A. „Theorie und Vergleich politischer Systeme im Wandel“ und Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politische Theorie am Institut für Politikwissenschaft der Universität Duisburg-Essen.

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