Soziologen und Krisen – Einige Eindrücke vom Soziologenkongress 2014

Das Thema „Krisen“ erlebt derzeit ein großes Revival. Keine Panelüberschrift ohne die „Zeiten der Krise“, keine Zeitdiagnose, die nicht mit der vertrackten Häufung von Krisen begänne. Wie seit den 70er Jahren nicht mehr wird Krise zum Leit- und Reflexionsbegriff einer Dekade erhoben. Der diesjährige Soziologiekongress in Trier stand demnach ganz passend unter der Überschrift „Krise der Routinen – Routinen der Krise“. Da es hierbei nicht zuletzt auch um begriffliche Debatten und theoretische Klärungen geht, die auch für Politikwissenschaft und Politische Theorie von großer Relevanz sind, habe ich den disziplinären Sprung gewagt und mich für vier Tage auf dem Kongress umgesehen. Hier einige Eindrücke und Diskussionen.

Mein persönlicher Auftakt war die Sektion der Arbeits- und Industriesoziologie. Wolfgang Streeck und Klaus Dörre waren dort aufgefordert, ihre Krisendiagnostiken miteinander ins Gespräch zu bringen. Streeck aktualisierte in seinem Vortrag die Befunde aus Gekaufte Zeit (unsere Rezension). Der Fokus lag dabei auf dem Bestreben, die aktuelle Transformationsphase besser nachzuvollziehen: Was sind die Konsequenzen aus der neusten Zeit-Borge-Strategie, der Inflationierung der Zentralbankbudgets? Streecks Hypothese fiel noch düsterer aus als in Gekaufte Zeit. Er verzichtete darauf, die dort avisierte Widerstandsoption auszumalen oder auch nur die nationalstaatliche Rückbesinnung weiter zu plausibilisieren, die er in der Auseinandersetzung mit Habermas verfochten hatte (Zeitschriftenschau zur Debatte). Stattdessen zeigte er, inwiefern die ineinander verzahnten Dynamiken von abnehmendem Wachstum, zunehmender Verschuldung und wachsender Ungleichheit nicht zu durchbrechen seien. Selbst kurzfristige Linderung sei nicht zu erwarten, da selbst große Blasen – wie jene vor der Finanzkrise – maximal schwache Wachstumsraten ergäben.  Es herrsche säkulare Stagnation, die Krise habe gesiegt, eine Umkehr sei für die nächste Dekade undenkbar geworden.

Klaus Dörres Vortrag ergänzte die Streeckschen Ansichten. Dörre argumentierte über das Theorem der Landnahme und suchte durch dieses verständlich zu machen, wie der Kapitalismus immer neuer Übergriffe bedürfe, um sich zu stabilisieren – nicht nur in ökonomischer, sondern auch in ökologischer Hinsicht. Die dieser Argumentation scheinbar entgegenstehende Stabilität des deutschen Modells in der aktuellen Krise erklärte Dörre nicht mit einer alternativen sozialkapitalistischen Möglichkeit. Vielmehr betonte er, dass auch Deutschland zu einem wettbewerbskapitalistischen Staat geworden sei, in dem nur paradoxerweise einige Residuen des alten Modells Manövriermasse für ein relativ gutes Überstehen in dieser Krise geboten hätten. Übersehen werden dürfe nicht, dass Verlierer externalisiert würden – in der eigenen Unterschicht wie auch im europäischen Süden. Anders als Streeck betonte Dörre aber, dass auch die Gegenkräfte erkennbar würden. Gerade in der Peripherie manifestiere sich ein Wille, das System zu verändern. Über die Erfolgsaussichten dieser Alternativen ist damit aber natürlich noch nichts gesagt – Streecks Skepsis bezog sich schließlich nicht auf das Wollen, sondern auf das Können eines Umsteuerns.

Marx gehört in Trier natürlich dazuIndirekt transzendiert wurden die Zeitdiagnosen Streecks und Dörres durch zwei Plenen, die am Mittwoch- und Donnerstagmorgen im Konferenzprogramm standen. Hier wurde über die Art und Weise nachgedacht de, wie die Soziologie Krisen thematisiert. Im ersten ging es um disruptiven sozialen Wandel, also das plötzliche, überraschende, tiefgreifende Auftreten von Wandlungsimpulsen. Während Uwe Krähnkes Lob der Moderne als an krisenhaften Wandel gewöhnte, gar positiv auf diesen ausgerichtete Struktur zwar in ihrer Zusammenschau von Erklärungsmustern für Wandel interessant war, blieb sie in ihrem normativen Punkt doch unterbelichtet, mit Blick auf die Interdependenz von Krisen, die Dialektik der Aufklärung und die Möglichkeit von Zusammenbruch womöglich gar naiv. Wir mögen gelassener auf Krisen reagieren und einige erlebt haben, das sagt aber noch nichts über unsere Fähigkeit aus, dauerhaft mit konkreten Krisen umzugehen. Tanja Bogusz/Martin Reinhart und Thomas Kron nahmen sich dem disruptiven Wandel anhand von Fällen an: einmal ökologische Krisen, einmal Terrorismus.  Sie zeigten, wie im gesellschaftstheoretisch distanzierten Blick solche Phänomene eingeordnet werden können und sollten: Bei den ökologischen Krisen wurde eine pragmatisch, interdisziplinäre Forschungsstrategie herausgearbeitet, beim Blick auf Terrorismus die Notwendigkeit betont, das Phänomen weltgesellschaftlich zu durchdenken und nicht auf der Akteursebene zu verharren. Der gewinnbringendste Beitrag des Panels kam jedoch von Oliver Dimbath, der sich dem Krisenbegriff als narrativer Strategie zuwandte. Sehr sauber arbeitete Dimbath heraus, wie Zeitdiagnosen über den Krisenbegriff Dramatisierungen vornehmen und eine goldene Vergangenheit aufscheinen lassen. Krisendiagnosen seien nur begrenzt wissenschaftlich, scheinobjektiv und letztlich notwendig unterkomplex – ein Vorwurf, von dem man gerne wüsste, wie Streeck/Dörre darauf reagiert hätten.

Das Panel am Donnerstagmorgen mit dem Titel „Soziologie der Krise“ schloss relativ direkt an die Frage an, wie Soziologie mit Krise umgehen kann und wie gesellschaftstheoretischer Gehalt und empirische Erfassung zusammengehen können. Frank Welz nahm eine Unterscheidung verschiedener soziologischer Krisendiagnosen (Marx, Husserl, Luhmann) vor, um sich dann einer konstruktivistischen Sicht auf Krisen zu verschreiben. Krisen seien nichts Objektives, sondern Folge von Kritik. Zeiten der Krise seien Zeiten der Kritik. Die Krise untersuche man daher, indem man die Kritikbewegungen besser verstehen lerne. Die beiden anderen Vorträge des Panels (Jenny Preunkert zur Perzeption von Finanz- und Eurokrise und Kerstin Dressel/Patricia Pfeil zu Risikokulturen in Europa) gerieten aus theoretischer Sicht harmlos. Es wurde jeweils versucht empirische Differenzierungen vorzunehmen und zu zeigen, wie abhängig vom Framing und kulturellen Erfahrungen die Reaktion auf Krisen ausfalle. Eine Logik, die auch auf einem Panel der Sektion Europasoziologie stark war, welches ich am Nachmittag noch besuchte.

Dass ein solches Ausweichen auf konstruktivistische Diagnosen im Trend liegt, war eine der Thesen, die am Mittwochabend bereits Lutz Raphael erarbeitet hatte. Der in Trier lehrende Historiker und Leibniz-Preisträger hatte Reinhart Kosellecks bahnbrechende Semantik des Krisenbegriffs in äußerst aufschlussreicher Weise bis in die jüngste Geschichte fortgeschrieben. Ausgehend von den Krisenbegriffen des 19. Jahrhunderts (neben Marx auch Jacob Burkardt) zeigte Raphael, wie insbesondere die Geschichtswissenschaft den Begriff immer weitergeschleppt und mit stets neuen Bedeutungen aufgeladen habe. Die Dramatisierung der Gegenwartserfahrung und die Krise als iteratives Moment in einer Großdeutung der Moderne hätten sich durchgesetzt, würden aber seit den siebziger Jahren auch noch um psychotherapeutische Bedeutungsgehalte ergänzt. Man müsse wieder stärker zu präzisen Bedeutungen kommen, was durch das Ausweichen auf die Beobachterebene (konstruktivistische Analyse von Krisendiskursen), die stärkere Analyse von Strukturen oder das Ausweichen auf begrifflich präzisere Alternativen (z.B. Risiko) möglich sei.

Einen zweiten interdisziplinären Vortrag hielt die amtierende Verfassungsrichterin Susanne Baer. In ihrem Vortrag stand das Recht als Krisenbeendigungskraft im Blickpunkt. Baer arbeitete heraus, wie Recht durch Entscheidung und Routinisierung Krisen das Krisenhafte nehme. Doch sodann zeigte sie, dass diese Fähigkeit des Rechts selbst in die Krise geraten sei. Steuerungskrisen (durch Nicht-Implementation und Überregulierung) und Entgrenzungskrisen (transnational und durch soziale Pluralisierung) hätten das Gesetzesrecht an die Grenzen seiner Problemlösungsfähigkeit gebracht. Verfassungsrecht und Gerichte könnten zwar manchmal rechtsinterne Abhilfe bieten, drohten damit aber in dieselbe Lage zu geraten. Mehr noch: Recht mag manches Mal gesellschaftliche Krisen befördern oder gar beginnen. In einem interessanten Twist betonte Baer dabei auch die emanzipativen Kräfte von Krisen und zeigte dies gerade mit der scheinbar gering legitimierten Rechtsfortschreibung durch Gerichte und Europarecht im Blick auf Gleichstellung. Ein Vortrag, der mit viel Verve Brücken zwischen Sozial- und Rechtswissenschaften sowie eine differenzierte Behandlung des Gegenstands Recht einforderte.

Gegenüber den Highlights Lutz Raphael und Susanne Baer etwas abfallend war der Abendvortrag von Randall Collins. Collins war mit dem Ziel angetreten, zu zeigen, dass tipping point revolutions nicht die politischen Veränderungen brächten, die man von eigentlichen Revolutionen erwartet. Der Hype sei ungerechtfertigt, wie Collins historisch informiert zu begründen versuchte: 1848 in Frankreich und 1989 China waren die zentralen Illustrationen. Nicht das anekdotische, sondern die stark tautologisch anmutende Schlussfolgerung, dass strukturelle Veränderung nur dann erfolgreich durchzusetzen sei, wenn sich zuvor ein struktureller Zusammenbruch ereignet habe, war aber der Schwachpunkt des Vortrags. Echte Revolutionen wie 1789 und 1989 bedürften des vorgängigen systemischen Kollaps, Massenbewegungen seien nur Oberflächenphänomene und hätten für sich genommen nicht die Kraft, Veränderung in dauerhaft stabile Alternativen zu übersetzen. Garniert mit Social-Media-Bashing und der banalen Feststellung, dass autoritäre Regime sich an Strategien der Revolutionäre anpassen könnten, kam dies doch eher platt daher (zumal kein einziges Wort über soziale Bewegungen in liberalen Demokratien fiel). Viel Applaus gab es trotzdem, zumal der Vortrag mit der Prognose des Ablebens der kapitalistischen Ordnung in den nächsten fünfzig Jahren schloss.

Preisübergabe für den Lebenswerk-Preis an Zygmunt BaumanNatürlich war nicht alles Krise auf diesem Soziologentag. Abseits des Rahmenthemas gab es weitere theoretisch interessante Diskurse wie beispielsweise das Panel zu „Systemtheorie als Gesellschaftskritik“, in dem vier sehr gute Einzelvorträge das Potential systemtheoretischer Ansätze zu normativen Aussagen oder als Vehikel von Kritik herausarbeiteten. Ganz gegen Luhmanns eigene Sicht auf Systemtheorie wurde das Bild der abstinenten (und daher als konservativ gescholtenen) Theorie konterkartiert. Es sei nicht zwingend, dass Systemtheorie sich enthalte, und es lohnten sich beispielsweise Parallellektüren von Luhmann und Foucault (so Sven Opitz). Spannend auch ein Vortrag von Bettina Heintz zu Bewerten und Vermessen als Mechanismen des Vergleichs, in dem die These gewagt wurde, dass der Vergleich als gesellschaftliche Praxis noch viel zu wenig erforscht sei, und natürlich der Abschlussvortrag von Zygmunt Bauman, der für sein Lebenswerk geehrt und (von Ulrich Beck laudatiert) auf das Lernen aus Krisen und Katastrophen und den langen Schatten von Konzepten wie Souveränität einging.

Bleibt unter dem Strich ein sehr anregender und kluger Kongress (der der DGS eigene Sozblog hat eine noch ausführlichere Zusammenfassung). Vier gewinnbringende Tage in Trier, die – eingedenk des Ortes, des Themas und der Disziplin – erstaunlich wenig Marx enthielten, aber trotzdem eine sehr breite und oft tiefsinnige Auseinandersetzung mit dem Krisenbegriff erbrachten sowie gute Möglichkeiten der Erforschung und Theoretisierung moderner Gesellschaften aufzeigten. Trier wird sich wie alle Beteiligten von diesem Kongress noch einige Tage erholen müssen (überregionale Tageszeitungen waren restlos ausverkauft, Kneipen baten darum, vor solchen Kongressen künftig informiert zu werden), doch die aufgespannten Dialogfäden werden weiterreichen und der Krisenbegriff – 1.550 mal im Abstract-Band der Konferenz erwähnt – wird uns Modernen ohnehin auch noch das nächste Jahrhundert beschäftigen.

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