Auslandserfahrung sammeln, die Stars der Zunft treffen, Sprachkenntnisse perfektionieren oder einfach mal ein halbes Jahr Ruhe zum schreiben (oder ausgehen) zu haben, all das sind sehr gute Gründe um sich während oder nach der Dissertation für ein oder zwei Semester ins Ausland zu verabschieden. Für Gastwissenschaftler ohne Professur gibt es an den allermeisten englischen und amerikanischen Unis den Status des Visiting Scholars oder Visiting Fellows, mit dem in der Regel keine Verpflichtungen, aber auch wenig Privilegien verbunden sind. Wer vor allem Leute kennenlernen und in Ruhe arbeiten möchte, dürfte damit sehr gut fahren. Aber wie kommt man an seine Wunsch-Uni, wann muss man sich kümmern und wer soll das ganze bezahlen? Es folgt ein Erfahrungsbericht, der helfen soll, die ersten Fragen zu beantworten. Da ich nur in einem Land (USA) und einer Uni (Columbia) war, sind meine Erfahrung wohl kaum repräsentativ. Allerdings hab ich den Eindruck, dass es an den meisten Unis in der englischsprachigen Welt ähnlich läuft. Ergänzungen gerne in den Kommentaren!
Wohin?
Bei der Wahl möglicher Gast-Unis gibt es ein paar Faktoren zu beachten. Der wichtigste Punkt ist natürlich, welche Professoren sind an welcher Uni. Da amerikanische Hochschullehrer in der Regel sehr zugänglich sind, besteht tatsächlich die Chance, sich mit den wichtigsten Referenzautoren seiner Diss oder Habil regelmäßig auszutauschen. Diese Möglichkeit sollte man sich nicht entgehen lassen, zumindest wenn einem der Ort einigermaßen erträglich scheint. Falls mehrere Unis in Frage kommen, ist es sinnvoll, neben geographischen Präferenzen auch ein bisschen das allgemeine Renommee der Hochschule im Auge zu behalten. Ein Beispiel: Glaubt man Brian Leiters Ranking, ist die University of Arizona für politische Philosophie etwas höher zu bewerten als Oxford oder Princeton. Ein Oxford oder Princeton im Lebenslauf ist allerdings deutlich eindrucksvoller als ein Arizona oder Rutgers (was bescheuert ist, aber solange Spiegel-Online jede zweite Woche eine Oxbridge/Ivy Fotostrecke macht, wird sich das auch nicht ändern). Letztlich sollten man sich aber von solchen Überlegungen nicht verrückt machen lassen, das Wichtigste ist, einen Ort zu finden, den man sowohl akademisch als auch lebensweltlich spannend findet.
Kontaktaufnahme
Der erste Schritt ist in der Regel den Professor oder die Professorin mit der man gerne arbeiten möchte, direkt per Email anzuschreiben (es gibt auch Unis, bei denen man sich an einer zentralen Stelle bewerben muss, aber das scheint mir eher die Ausnahme zu sein). In der Bewerbungsmail sollte man sich und sein aktuelles Forschungsprojekt kurz vorstellen, begründen warum man ausgerechnet von dieser Person eingeladen werden möchte (…as I know from your recent publications xxx and your presentation at xxx conference, these are questions you are intensely concerned with…) und klar stellen, was man genau möchte. Man sollte auf jeden Fall erwähnen, dass man keine finanzielle Unterstützung (fundings) erwartet und keine Studienleistungen (Credits) erbringen möchte, sondern lediglich Bibliotheken nutzen will und (für die USA) ein Visum beantragen muss. Der entsprechende Absatz in meinem Bewerbungsschreiben sah damals so aus:
“In order to conduct additional research for my PhD thesis, I am interested in applying to Columbia as a visiting scholar for the fall 2008 term. I do not require any credits or funding, but I will need library access and the possibility of applying for a visa. If I am correctly informed, the status of visiting scholar would fit these circumstances perfectly.”
Falls ihr Kontakt zu Wissenschaftlern habt, die der Prof kennt oder kennen könnte, würde ich diese auf jeden Fall in der Mail als Referenzen angeben. Im Anhang würde ich noch ein CV und ein Abstract des jeweiligen Forschungsvorhabens anhängen. Dann warten und hoffen: Ich hab damals vier Mails geschrieben, von zwei Professoren hab ich nie wieder etwas gehört, von den beiden anderen kam innerhalb einer knappen Woche eine Einladung bzw. die Zusage, dass sie sich beim Dekan um eine Einladung bemühen werden. Den restlichen Mailkontakt hatte ich dann mit der Univerwaltung, der sich nur noch um Formalia hinsichtlich der Beantragung des Visums und ums liebe Geld drehte…
Das liebe Geld
Die Gebühr an der Columbia University für Visiting Scholars war damals vergleichsweise günstig, in meinem Fall 250$. Allerdings hab ich von Freunden gehört, dass sie an anderen Unis (z.B. Oxford) beinahe das zehnfache gezahlt haben. Für das Geld bekommt man dann die Einladung mit der man das Visum beantragen kann, einen Campus-Ausweis, Zugang zu den Bibliotheken, eine Email-Adresse, usw. Man kann keine Scheine machen und hat auch keinen Anspruch, an Lehrveranstaltungen teilzunehmen. Allerdings war es in der Praxis vollkommen unproblematisch Seminare zu besuchen und an Kolloquien teilzunehmen. Problematischer als die Gebühr ist der erforderte Nachweis, über mindestens 2000$ Lebenshaltungsbudget pro Monat zu verfügen. Wer das nicht privat zahlen will oder kann, braucht einen Gehaltsnachweis des Arbeitgebers oder ein Stipendium in der entsprechenden Höhe. Wer kein Stipendium der Studienstiftung oder der politischen Stiftungen hat, dem bleiben vor allem die Jahres- und Kurzstipendien des DAAD . Die Bewerbungsformalien unterscheiden sich nach Länge des Stipendiums und Zielland, lassen sich aber über die Stipendiendatenbank des DAAD sehr einfach auffinden.
Zeitrahmen für die Bewerbung
Wer kein Stipendium beantragen muss, sollte mindestens ein halbes Jahr vor Reiseantritt den Kontakt mit der ausländischen Hochschule aufnehmen, wer ein Stipendium beantragen muss, braucht mehr Zeit. Die Semester in den USA gehen in der Regel von September bis Dezember und Januar bis Mai, wer also noch dieses Jahr weg will sollte sich bald bewerben!
So, das war ein erster Überblick, Ergänzungen, Korrekturen und Fragen gerne in den Kommentaren!

“Problematischer als die Gebühr ist der erforderte Nachweis, über mindestens 2000$ Lebenshaltungsbudget pro Monat zu verfügen. Wer das nicht privat zahlen will oder kann, braucht einen Gehaltsnachweis des Arbeitgebers oder ein Stipendium in der entsprechenden Höhe.”
… und wer kein Stipendium hat, weil (a) sein Dissertationsthema nicht dem Mainstream entspricht, oder weil er (b) aus einer “bildungsfernen” sozialen Schicht stammt, der hat einmal mehr gelitten.
Ansonsten besten Dank für die Hinweise!
Du hast natürlich Recht, die 2000$ sind ziemlich happig und stellen eine weitere Hürde für diejenigen dar, die ohne Stelle und Stipendium promovieren. Allerdings sind die oben verlinkten DAAD-Stipendien eine wirkliche gute Möglichkeit, so einen Aufenthalt trotzdem finanzieren zu können. Schau mal rein!